schreckenberglebt: Jammernde Männer – Teil 1

Okay, gut, es reicht. Seit Monaten, eigentlich seit Beginn der MeToo-Debatte trage ich mich mit der Absicht, mal was zum Thema „Gejammer verunsicherter Männlein“ zu schreiben, und immer wieder schiebe ich es vor mir her, vornehmlich weil meine Geschlechtsgenossen mich so nerven, mit ihrem Geheule und Gezeter von „was darf man noch“ und „wo kann man noch Mann sein“ und all dem Mist. Gerade diese Typen, die ihr ganzes Selbstbewußtsein und/oder den Großteil ihrer Identität daraus ziehen, MANN zu sein (vielleicht auch DEUTSCHER MANN, aber die finden sich nicht in meinem sozialen Nahbereich) sind so schrecklich verunsichert. Plötzlich wollen Frauen mit Respekt behandelt werden? Sie wollen nicht angegrabscht, belästigt und mit herabsetzenden Kommentaren auf ihre Sexualität reduziert werden? Wollen, wie es eine Bekannte neulich bei Facebook schrieb (und dafür gleich wieder viel Gejammer und Whataboutism erntete), als Mensch behandelt werden und nicht als Frau? Uääääh, was darf man denn noch? Darf ich kein Mann mehr sein? Boys will be Boys?

Gott wie mir dieses Gejammer auf den Geist geht. Hört auf zu heulen, verdammt.

Und dann kommt so ein Artikel in der Zeit:

(Edit: Ich sehe gerade, der Artikel ist von 2016. 😀 Ändert aber nichts an meiner Argumentation, und er ist zeitlos doof. Genau dem selben Gerede kann man heute, fast drei Jahre später, immer noch begegnen.)

O Mann!

Der Artikel ist so unglaublich dumm und falsch, in so vielen Punkten, so schlecht recherchiert, oberflächlich und uninformiert, dass es fast schon wieder lustig ist. Er entspricht etwa dem Niveau eines Artikels über ein Afrikanisches Land, in dem gehäuft die Worte „Neger“, „unverdorben“, und „rassig“ vorkommen. Ich greife mir aus Zeit-, Platz- und Lesbarkeitsgründen nur zwei Punkte raus. Den ersten, weil er widerlich homophob ist, den zweiten, weil er zu meinem Thema passt.

1.) „Die jungen Männer waren sehr süß und sehr schlank, und man konnte das politisch ganz, ganz unkorrekte Ratespiel vollführen, sich zu fragen, wer von ihnen schwul war oder nur so tat.“

Ja, hahaha, da ist es, das blöde und primitive Vorurteil vom weichlichen, androgynen, lächerlichen Schwulen. Es entspringt vor allem dem Wunsch, denke ich, „die“ erkennen zu können und klar zu machen, dass man sich als „echter“ (also heterosexueller) Mann schon rein phänotypisch von „denen“ abgrenzt. Ach Herzchen… Nein, weder dein Bart noch Dein Bauch, noch Deine Kleidung noch Deine Muskeln noch Dein Aggressionspotential und Deine Gefährlichkeit (echt oder eingebildet) schützen Dich davor, mit „denen“ verwechselt zu werden. Wenn Du den Mut hast, geh einfach mal an einen Ort, wo Homosexuelle klar als solche erkennbar auftreten (zum Beispiel bei einer Pride-Parade oder in einer Schwulenbar). Keine Angst, es ist nicht ansteckend, und wenn Dir einer auf die Schulter klopft oder Dir ein Bier ausgibt, dann fällt Dir auch nicht der Penis ab. Es könnte nur sein, dass Du eine aufs Maul bekommst, wenn Du Deine Thesen gegenüber den falschen Typen äußerst. Aber da ich Deinem Artikel entnehme, dass körperliche Gewalt für Dich durchaus positiv ist (eine Meinung, die wir unter gewissen Umständen teilen) gehe ich mal davon aus, dass auch das für Dich okay ist. Zumindest als Lernerfahrung.

2.) „Es gibt den Beschützer in Deutschland nicht mehr. Natürlich nicht. Der Beschützer ist aus weiblicher Sicht doch eine lächerliche Figur.“

Aaaalso, reden wir mal über mich. 😀 Ich bin ein 120 (+/-) Kilo schwerer Mann (viel Fett, viele Muskeln) mit 27 Jahren Kampfsporterfahrung. Ich war lange Selbstverteidigungsausbilder. Ich kann aggressiv auftreten. Ich sehe aber so aus, dass ich das meist gar nichts muss, weil potentielle Unruhestifter lieber bei anderen Leuten Unruhe stiften als bei mir (siehe Abb.1). Und ich habe einen sehr, sehr ausgeprägten Beschützerinstinkt, teils durch Veranlagung, teils durch Erfahrung und Prägung.

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(Abb.1 – Bild von mir, das allen biometrischen Kriterien entspricht und dazu führen soll, dass Menschen, die meinen Ausweis kontrollieren, mir vertrauen.)

Oder anders – ich bin der typische Beschützer. Und ja, ich verstehe mich auch als Beschützer. Nicht nur, als der Beschützer der vier wichtigsten Frauen in meinem Leben (meine Frau, meine beiden Töchter, meine beste Freundin) sondern auch als Beschützer meines Sohnes. Als Beschützer eigentlich jedes Menschen, der in meiner Gegenwart Hilfe braucht. Nicht weil ich ein Mann bin, sondern weil ich ein Mensch bin, der zufällig das (sichtbare) Potential hat.

Und was meine Liebsten betrifft: Wir reden hier von vier Frauen, die ALLE Kampfsportlerinnen UND Feministinnen sind, und von einem jungen Mann, der sehr durchsetzungskräftig ist und lange einen sehr harten Sport betrieben hat. Es ist also nicht so, dass die ohne mich nicht zurecht kämen. Aber – und hier muss ich leider aus Erfahrung sprechen – es ist einfacher, wenn ich dabei bin. Weil ich größer bin, schwerer, lauter, weil ich einfach nach mehr Ärger aussehe. Sichtbares Potential eben.

Ich habe nie den Eindruck gehabt, dass mich irgendwer deshalb lächerlich findet. Lächerlich ist das:

„Man denkt sich das heute ja so: Patriarch gleich Frauenunterdrücker. Der Patriarch aber war, zumindest als Ideal, kein Tyrann, sondern der Beschützer seiner Frau und seiner Kinder. Er zog mit größter Selbstverständlichkeit in den Krieg, schlug dem geilen Nachbarn eine aufs Maul, wenn er sich an der Gattin vergriff (in besseren Kreisen wurde sich gut angezogen duelliert), und es war immer klar, dass er bei diesen Tätigkeiten sein Leben aufs Spiel setzte. Auch der Mann im Patriarchat hatte es nicht leicht! Die Todesbereitschaft war der Preis für seine privilegierte Stellung.“

Niedlich, oder? Anders gesagt – aus der Tatsache, dass ich MEINE (!) Frau(en) vor den Übergriffen des Nachbarn beschütze leite ich das Recht ab, selbst übergriffig (patriarchalisch) zu sein. Das ist die Logik, mit der Leute auf Schützenfesten Kellnerinnen an den Hintern packen und danach gegen „Vergewaltigende Ausländer“ demonstrieren. Frauen sind demnach Freiwild – aber bitte nur für den (selbstverständlich wohlmeinenden) Besitzer des Waldes. Dass Frauen dieses Männer- und Beschützerbild lächerlich finden ist nur logisch und vernünftig. Ich finde es lächerlich und darüber hinaus noch beschämend.

Aus der bloßen Tatsache, dass man ein gewisses Gewaltpotential hat und sich damit zum / zur Beschützer(in) eignet, lässt sich kein Recht ableiten, den Beschützen gegenüber gewalttätig zu sein. Denn das ist Patriarchat: Unterdrückung einer bestimmten Menschengruppe (Frauen) durch Gewalt. Patriarchat ist unlogisch, dumm und lächerlich. Ganz besonders lächerlich, wenn es von greinenden Männlein vertreten wird, die sich dadurch vor selbstbewussten Frauen schützen wollen.

Wer am schnellsten Laufen kann, der ist Bot*in der Gruppe. Wer rechnen und planen kann Organisator*in. Wer kämpfen und verunsichern kann Beschützer*in. Wessen innnere Welten nach außen drängen Geschichtenerzähler*in. Wer heilen kann Heiler*in. Wer essen zubereiten kann Köch*in. Ich kann endlos so weiter machen. Zwei dieser Aufgaben fallen durch die Zufälle des Lebens mir zu. Andere haben andere Berufungen, die weder wertvoller noch wertloser sind. Das ist alles.

 

 

 

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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