schreckenberglebt: Stauffenberg und Fridays for Future

Vor 75 Jahren ereignete sich das Attentat auf Hitler mit dem nachfolgenden Versuch eines Staatsstreiches – der einzige ernstzunehmende Versuch, das Nazi-Regime zu stürzen, den es auf dem deutschen Volk heraus je gegeben hat. Das ist nicht nur ein guter Grund, meinen Blog wiederzubeleben – der 20. Juli sollte, meiner Meinung nach, auch ein deutschlandweiter Gedenk- und Feiertag sein.

In meiner Jugend (endlich, mit 48, kann ich diesen Satz mal schreiben) galten die Verschwörer des 20. Juli gemeinhein als Menschen, auf die man als Deutsche(r) stolz sein, und die man sich als Vorbild nehmen konnte. Das war nicht immer so – kurz nach dem Krieg waren es noch „Vaterlandsverräter“. Das ist nicht mehr so, jedenfalls nicht uneingeschränkt. Irgendwann ist dem einen und der anderen aufgefallen, dass ein mit einem Tyrannenmord eingeleiteter Militärputsch selten eine demokratische Veranstaltung ist. Und siehe da: Es stimmte. Die wenigsten der Verschwörer waren Demokraten im heutigen Sinne – oder überhaupt Demokraten. Die wichtigsten Akteure waren – aus heutiger Sicht – stramm rechte Militärs, einige, wie Stauffenberg selbst, einst glühende Hitleristen. Ihr Plan für die Zeit nach dem Staatsstreich war durchdacht und detailliert und sah in etwa so aus:

a) Errichtung einer effektiven Militärdiktatur.

b) Schneller Sieg im zu erwartenden Bürgerkrieg gegen die Nationalsozialisten und Errichtung einer funktionsfähigen Verwaltung (vor allem hier war die Einbindung bügerlicher und sozialdemokratischer Verbündeter geplant).

c) Soviel Frieden wie irgend möglich, zur Not auch Seperatfrieden mit jeder gegnerischen Kriegspartei, die dazu bereit ist.

d) Mal sehen. Für die Nachkriegszeit gab es unterschiedliche Pläne, sicherlich dachten die meisten der Verschwörer an irgendeine Form von Demokratie, vermutlich aber nicht so, wie wir sie heute in Deutschland haben. Und sie waren realtistisch genug zu wissen, dass die Nachkriegsordnung in Deutschland sowieso nicht ohne die – zu diesem Zeitpunkt schon klar siegreichen – Kriegsgegner zu planen war.

So, also. Die Verschwörer des 20. Juli waren keine Demokraten, sondern, (in ihrer Mehrheit) sehr standesbewußte Angehörige des Militäradels. Sebastian Haffner hat einmal geschrieben: „Von ihnen aus stand Hitler links.“ Ich glaube, diese Einordnung ist problematisch, aber vor allem darum, weil Rassistisch-Faschistoide Populisten sich im politischen Rechts-Links-Schema sehr viel schwerer verorten lassen, als standesbewußte Militärangehörige des frühen 20. Jahrhunderts. Man kann, denke ich, mit Fug und Recht sagen, der Putschversuch des 20. Juli 1944 war eine eher rechte Veranstaltung.

Außerdem war er, wie oben gesagt, der einzige Versuch, das Naziregime zu beseitigen, der aus dem Deutschen Volk heraus kam und für das Regime wirklich gefährlich war. Der ganze Widerstand von Links und aus dem Bürgertum heraus, ob kirchlich oder kommunistisch, ob Weiße Rose oder die (viel zu oft vergessenen) Edelweißpiraten war in seiner verzweifelten Aufrichtigkeit und Todesverachtung grenzenlos bewunderns- und verehrenswert – gefährlich war er für die Nazis nie. Das war ein reines Polizeiproblem, mehr – aus Sicht des Regimes – nicht. Gefährlich waren die Verschwörer des 20. Juli. Hätte Oberst Brandt die Aktentasche mit der Bombe nicht verschoben, wäre Stauffenberg nicht für den Putsch auch in Berlin benötigt worden und hätte ein Selbstmordattentat verüben können – der Staatsstreich hätte sehr gute Chancen gehabt.

Ihn zu wagen erforderte großen Mut, Opferbereitschaft und die moralische Haltung, das Richtige zu tun, auch wenn es tödlich gefährlich ist. Und egal, wie rechts oder nicht rechts, die Verschwörer waren: Sie waren, jeder für sich, zu der Einsicht gekommen (früher oder später), dass Hitler ein Verbrecher, das Naziregime monströs und der Krieg sinnlos ist. Egal von welchem moralischen Ausgangspunkt man zu dieser Einsicht kommt: Sie ist richtig! Und jedes Handeln, das daraus folgt ist somit auch richtig und moralisch. Also ja: Die Verschwörer des 20. Juli eignen sich als Vorbilder! Nicht für jeden Lebensbereich, sicher – aber was Mut und Moral im Angesicht eines verbrecherischen Regimes (oder auch nur einer Ungerechtigkeit) angeht auf jeden Fall!

Ist es eine deutsche Sache, an dieser Stelle kleinlich zu werden? Zu sagen: Also, wenn die Männer und Frauen (ja, auch die gab es) des 20. Juli keine untadeligen Demokraten waren, dann sind sie auch keine Vorbilder? Ich glaube eher, es ist ein Reflex der aus einem Minderwertigkeitskomplex, vielleicht verbunden mit schlechtem Gewissen kommt: Okay, wir Demokraten und wir Linke haben keinen effektiven Widerstand leisten können, aber schau, die Rechten, die es konnten, die waren auch nicht perfekt! Eine sehr kleinliche und kindische Haltung.

Und – und damit komme ich zu Fridays for Future – sie hat gerade im Moment wieder Hochkonjunktur. Sie begegnet mir täglich in Gerede der Marke: „Jaaaaa, die Jugendlichen machen sich vielleicht gegen die anhaltenden Versäumnisse der älteren Generationen angesichts der kommenden Klimakatastrophe stark. Aber manche von denen werden von ihren Eltern manchmal mit dem Auto gefahren. Andere essen Fleisch. Und Greta Thunberg hat sogar mal eine Scheibe Toast gegessen die IN PLASTIK VERPACKT WAR!“ Oder anders: „Die Jugendlichen sind nicht perfekt! Also kann ich weiter die Notwendigkeit einer vernünftigen Klimapolitik und die Versäumnisse der vorhergehenden Generationen, und vor allem meine persönliche Verantwortung dafür, leugnen. Ich kann mit Fug und Recht die, die etwas dagegen tun wollen (bzw. – von denen, die die Macht haben, verlangen, dass sie etwas tun) schmähen und Greta Thunberg in einem Anfall von grenzdebilem Praepubertistenhumor Greta Thunfisch nennen.“ Sehr erwachsen und vernünftig.

Ich bin in einen größeren Unfall verwickelt. Ein Unfallbeteiligter ist schwer verletzt. Ein anderer leistet erste Hilfe. Ich stehe rum. Der Ersthelfer schaut mich an und schreit: „Rufen sie einen Krankenwagen!“ Ich schaue auf sein Auto, antworte „Sie haben mir gar nichts zu sagen! Ihre Reifen haben zu wenig Profil!“ und glotze tatenlos weiter. Widerlich, oder?

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
Dieser Beitrag wurde unter schreckenberglebt abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s