schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 66 – Der Ruf, Teil 41

Heute erzähle ich Euch eine kleine Lagerfeuerszene, in der unsere Held*innen ein letztes Mal ihre Informationen zusammentragen und analysieren. Damit beginnt das letzte große Kapitel des Romans. Und Bastian darf einen ikonischen Horrorsatz sagen. 😉

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34 Der Ruf – Teil 35

Der Ruf – Teil 36 Der Ruf – Teil 37 Der Ruf – Teil 38 Der Ruf – Teil 39

Der Ruf – Teil 40



Der Ruf – Teil 41



TAG 3

Today it’s gonna be

such a good day

to say „goodbye“.

(Kunek, „Good Day“)

1

DAS ENDE

Im Wohnzimmer, gegen 8.00 Uhr

Maike erwachte aus unruhigen Träumen, und ihr erster Gedanke galt Christoph. Philip hatte gesagt, er würde kommen, vermutlich vom Wald her. Sie sah sich hastig um. Ihr Blick fand zunächst nur Bastian, der neben ihr auf dem Boden lag. Sein Atem ging leise und keuchend, Schweiß glänzte auf seiner Stirn, sein dünner Haarkranz war feucht an die Kopfhaut geklatscht. Unwillkürlich fuhr Maike sich durch ihr eigenes Haar. Fettig und feucht, sie hätte einiges darum gegeben, einfach nur duschen zu können. Einige Minuten betrachtete sie ihren schlafenden Mann, gedankenverloren und traurig. Alles war zerschlagen, und geblieben war nur die Hoffnung, die Philip aus diesem Buch gezogen hatte. Ein verrückter Glaube, ja, aber war das nicht gleichgültig?

Sie seufzte und betrachtete Bastian. Es hatte kurz vor Chris erster Party angefangen mit ihnen, damals. Zufälle. Sie waren sich zufällig auf der Straße begegnet. Maike hatte zufällig gerade ein Taschengeld mit Bonus bekommen. Bastian war ihr in der Stadt über den Weg gelaufen, sie waren damals in der selben Klasse, kannten sich sonst aber kaum. Dennoch – die Sonne schien, sie hatte die Tasche voller Geld, den ganzen Tag war ihr nur Gutes widerfahren, Maike war high gewesen, einfach, weil alles so schön war, und sie hatte Bastian spontan zu einer Cola eingeladen. Dann war alles sehr schnell gegangen, sie hatten die Straße kaum betreten, in Geplauder vertieft, als ein Wagen heran rauschte, Bastian anfuhr und ihn für einen Monat ins Krankenhaus brachte. Maike hatte jeden Nachmittag dieses Monats an seinem Bett verbracht und der Rest war Geschichte. Es war schön gewesen, es hatte lange gehalten. Und es wäre für noch länger gewesen, vielleicht für immer, wenn sie nicht in diese Hölle geraten wären. Sie wusste, dass sie ungerecht war, aber sein sich treiben und ziehen lassen entnervte sie. Selbst jetzt hoffte er noch, dass irgend jemand die Entscheidungen für ihn traf. Sie bemerkte ihre Borniertheit, aber es half nichts. Jetzt mussten sie nur noch überleben, damit sie es ihm sagen konnte.

Maike sah sich nach Britt und Philip um, fand sie nicht sofort und fürchtete für einen Moment, sie seien nicht mehr da. Verschwunden, irgendwie, tot wie all die anderen oder geflohen auf einem Weg, den nur sie kannten. Dann hörte sie Atem hinter dem Sofa und sah erleichtert dahinter. Sie schliefen beide, Philip ausgestreckt, mit dem Kopf in Britts Schoß, sie an die Rückseite des Sofas gelehnt, den Kopf auf die Brust gesunken.

Christoph fiel ihr wieder ein. Sie hatten vergessen, eine Wache zu stellen, nachdem Philip seine Geschichte erzählt hatte, ein dummer Fehler. Sie ging zur Terrassentür und sah hinaus, aber da hatte sich nichts verändert. Maike sah auf Justus’ Leiche. Es tat weh, aber es war ein dumpfer Schmerz, tief in ihr. Durch das dunkle Visier des Helmes konnte sie sein Gesicht kaum erkennen, er war einfach ein toter Körper in einer Motorradkluft, die hier und da mit Tüchern umwickelt war. Wenn sie an ihn dachte, wie er sie aus dem Bad geholt hatte, wie sie hier im Wohnzimmer gesessen und wie sie gegen die Viecher gekämpft hatte, dann schmerzte es viel schärfer, kälter. Sie bemerkte Bewegung und drehte sich um. Die anderen erwachten. Bastian starrte sie aus trüben Augen an, offensichtlich erst halb wach, Philip stand gerade auf und flüsterte Britt etwas ins Ohr. Sie rieb sich Nacken und Schultern, halblaut vor sich hin fluchend. Philip stakste zu Maike ans Fenster.

„Morgen“, sagte er.

„Morgen.“

Philip ließ den Blick über die Terrasse schweifen.

„Hast Du was gesehen?“

Maike wusste, was er meinte. Sie schüttelte den Kopf.

„Wir hätten darauf achten sollen“, meinte sie. „Wir hätten den Garten beobachten sollen.“

Philip spähte weiter angestrengt hinaus.

„Ja, hätten wir.“ Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Na ja, offenbar haben wir nichts versäumt.“

„Er könnte sich verstecken. Oder durch die Garage nach vorne gegangen sein.“

Philip zuckte mit den Schultern. „Und wenn schon. Im ersten Fall sehen wir ihn, wenn er aus seinem Versteck kommt, im zweiten hören wir ihn, wenn er vorne durch die Tür kommt. Er kann uns jedenfalls nicht überraschen.“

Maike nickte. „Komm, setzten wir uns. Lasst uns frühstücken.“

„Gute Idee“, stimmte Bastian vom Tisch aus zu. Er war inzwischen aufgewacht und hatte die übrigen Lebensmittel auf dem Tisch ausgebreitet. Es sah nicht gerade üppig aus, aber sie würden auch nicht darben. Britt saß wieder auf dem Sofa und untersuchte ihr Knie. Philip ging zu ihr.

„Wie sieht es aus?“

„Genauso beschissen wie gestern. Weit komme ich damit nicht mehr.“

Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

„Notfalls trage ich Dich.“

Britt sah ihn ein wenig gequält an, konnte aber lächeln.

„Ich nehme Dich bei Gelegenheit beim Wort.“

Sie setzten sich an den Esstisch. Philip bemerkte mit einiger Sorge, dass Britt inzwischen wirklich stark humpelte. Bastian sah zu Maike, die immer noch am Fenster stand und hinaus sah.

„Willst Du nichts essen, Schatz?“

„Doch.“ Sie wandte sich um. „Doch schon, aber ich denke, wir sollten den Garten wirklich im Auge behalten. Wenn er kommt…“

„Wir sehen ihn von hier aus auch“, sagte Bastian. „Egal von wo er kommt, wir sehen ihn lange, bevor er an der Tür ist.“

Maike setzte sich zu ihnen, warf aber immer wieder misstrauische Blicke in den Garten. Die Tatsache, dass sie ihn dort nicht sahen, beruhigte sie überhaupt nicht. Sie hatte das ungute Gefühl, dass er schon näher war, als ihnen lieb sein konnte.

Sie hatten etwas trockenes Brot, zwei Bifis, sechs schrumpelige Äpfel, diverse Schokoriegel, ein paar Flaschen Wasser, drei Dosen Cola und eine Flasche Bier. Als sie fertig waren, sah Maike sah wieder in den Garten hinüber. Immer noch nichts. Britt hatte ihren Blick bemerkt.

„Was machen wir, wenn er kommt?“

Alle drei sahen Philip an. Der zuckte mit den Schultern.

„Haben wir doch schon besprochen. Wir überwältigen ihn, und…“

„Ja“, unterbrach ihn Maike, „schon klar. Aber wie genau stellst Du Dir das mit dem Überwältigen vor?“

„Ich weiß nicht.“ Er sah etwas ratlos in die Runde. „Wir sind vier und er nur einer. Wir werden schon mit ihm fertig werden, oder?“

„Aber wie?“, fragte Britt. „Maike hat schon recht – wie überwältigen?“

„Wir könnten ihm einen von den Schürhaken überziehen“, schlug Maike vor. Britt schüttelte den Kopf.

„Auf keinen Fall. Vergesst nicht, dass es immer noch Christoph ist, besessen oder nicht. Wir könnten ihn umbringen, wenn wir sowas machen. Wir müssen etwas anderes finden.“

„Wir gehen einfach alle sofort auf ihn los“, sagte Philip. „Gleichzeitig, damit er uns nicht einzeln angreifen kann. Und dann schlagen wir ihn k.o. und fesseln ihn.“

Maike sah wieder zum Garten hinüber. „Wenn er überhaupt kommt.“

„Wenn nicht“, erwiderte Philip, „haben wir immer noch genug Zeit uns etwas Neues zu überlegen. Im Moment haben wir ein Patt mit den Viechern.“

Bastian stand auf und Ging in Richtung Schlafzimmertür. Maike sah ihm hinterher. „Wo gehst Du hin?“

„Ins Schlafzimmer.“

Maike runzelte die Stirn. „Was willst Du denn da?“

Bastian sah verlegen aus. „Ich… ich muss… Und ich habe keine Lust, es hier… ich meine… das mit dem Kamin funktioniert doch auch nicht richtig. Dauert nur ‘ne Minute.“

„Er hat Recht“, sagte Britt, „es kann nicht gut sein, wenn wir hier drinnen…“

ER IST NAH! ER IST WACH! ER IST NAH!“

„Was?“ Die Stimme war so dröhnend und plötzlich durch Philip gedonnert, dass er unwillkürlich laut geantwortet hatte. Die anderen sahen ihn erstaunt an.

„Wie?“, fragte Britt.

„Nichts.“ Philip hatte sich mühsam gefangen. „Ich dachte, ich hätte was gehört. War nichts.“

Bastian öffnete die Schlafzimmertür. „Ich bin gleich zurück.“

FORTSETZUNG FOLGT

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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