schreckenberglebt: Ignoranz auf der Mitte der Brücke

Im Moment veröffentliche ich hier ja vor allem Geschichten, und zur Coronakriese habe ich mich noch gar nicht geäußert, einfach, weil ich mich nicht kompetent fühle. Aber nach dem heutigen Gang zum Einkauf muss ich mal einen Aufruf an einen Teil der älteren Generation, oder anders: der Risikogruppe der Über-65-Jährigen loswerden.

SAGT MAL, GEHT’S NOCH?!

In Leverkusen, wo ich wohne, sind die Ausgangsbeschränkungen jetzt eine Woche alt (wir haben etwas früher angefangen, als der Rest der Republik). Ich habe mich darauf eingestellt, dass dieser harte Zustand eine Weile dauert, mehrere Wochen auf jeden Fall. Und ich bin in einer sehr privilegierten Situation: Wir haben, auch als fünfköpfige Familie, genug Platz im Haus. Wir haben einen Garten. Wir können Geschäfte ebenso problemlos erreichen wie den Wald, wo man gut und mit genug Sicherheitsabstand Sonne und frische Luft tanken kann. Claudia und ich können beide vom Homeoffice arbeiten. Mich erreichen die Ausläufer der Krise langsam (Produktionsfirmen können nicht mehr ins Risiko gehen) aber im Vergleich mit anderen freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern geht es noch. Claudias Business is ‚a‘ boomin‘. Uns geht es also vergleichsweise gut. Aber wir haben auch:

Arbeit (Recherchen zum Beispiel), die ich nicht erledigen kann. Liebe Menschen, die wir nicht mehr persönlich treffen können. Freunde und Freundinnen, die bereits jetzt in existenzieller Not sind, oder die ihre Reserven schmelzen sehen. Menschen, die uns teuer sind und die zu Risikogruppen gehören, weil sie entweder schwer oder chronisch krank sind, oder weil sie eben weit über 65 Jahre alt sind.

Ich weiß also, dass die derzeitigen Zwangsmaßnahmen notwendig sind, ich weiß aber auch, dass sie ein Opfer bedeuten. Für uns (noch) nicht so, für andere aber bereits jetzt schon sehr.

Und was sehe ich, bei meinem Weg zum Einkauf, den ich alleine mit dem großen Kind mache, inklusive ausgiebige Hygienemaßnahmen vorher und nachher?

Neben sehr vielen vernünftigen Menschen aller Generationen, die einkaufen, Sport treiben, spazieren gehen und dabei sowohl auf Vereinzelung als auch auf Mindestabstand achten, sehe ich:

Alte Damen, die auf Bänken in der MITTE einer Fußgängerbrücke sitzen, so dass es völlig unmöglich ist, die Brücke mit dem nötigen Mindestabstand zu benutzen. Wenn man also nicht durch die Wupper schwimmen oder einen Kilometer Umweg gehen will, muss man sich wohl oder übel an ihnen vorbei quetschen.

Menschen die eindeutig über 65 sind und auf Bänken sitzend die Sonne genießen. Ja, ich weiß, der gewohnte Spaziergang ist irgendwann ohne Rast zwischendurch nicht möglich. Aber anstelle eines langen lassen sich auch drei kurze Spaziergänge machen. Wisst Ihr, wer vor Euch auf der Bank gesessen hat?

Menschen, denen die Sache mit dem Mindestabstand SCHEISSEGAL ist, sowohl draußen, als auch, besonders pikant, in geschlossenen Räumen, etwa Supermärkten.

Und ALLE – ausnahmslos ALLE dieser Menschen sind Seniorinnen und Senioren.

Ich weiß, das ist nur ein Ausschnitt. Viele vernünftige Menschen, die sich verhalten wie ich weiter oben geschrieben habe, sind auch ältere Menschen. Und die, die sich selbst in Quarantäne nehmen, nur auf ihren Balkon gehen, so sie einen haben, und die Nachbarn oder andere hilfsbereite Menschen Besorgungen erledigen lassen, die sehe ich natürlich nicht. Weil sie eben verantwortungsbewusst handeln und zu Hause bleiben. Und ich vermute: Auch in dieser Generation sind die Vernünftigen in der Mehrheit.

Aber es ist schon auffällig, dass gerade die Generation, die jungen Menschen oft Kurzsichtigkeit und Verantwortungslosigkeit vorwirft, sich gerade massenhaft unvernünftig verhält. Und dadurch meinen Kindern, deren Abitur verschoben ist, meinen Freundinnen und Freunden, denen das Einkommen wegbricht, mir selbst, der ich in eine ungewisse zweite Jahreshälfte schaue und allen anderen, die gerade FÜR SIE eine Menge Gefahren, Unsicherheiten und Unbequemlichkeiten auf sich nehmen, kollektiv den Finger zeigt.

Was wollt Ihr, mit Eurer Ignoranz? Dass die Stimmung kippt? Dass mehr und mehr Menschen sich fragen, warum sie sich einschränken, während die, für die sie sich einschränken, offenbar so weiter leben wollen wie bisher? Wollt Ihr wirklich, dass sich eine Mehrheit bildet, die fordert, dass wir EUCH in strenge Quarantäne nehmen und für alle anderen die Maßnahmen lockern? Damit trefft Ihr übrigens nicht nur Euch, sondern auch die (angenommene) Mehrheit Eurer Generation, die sich vernünftig verhält. Und falls Euch das nicht reicht – wenn Ihr Euch durch Euer verantwortungsloses Verhalten infizieren solltet (was ich wirklich niemandem wünsche): Wollt Ihr auf die Intensivstation? Wollte Ihr beatmet werden? Und wollt Ihr wirklich in dem Intensivbett liegen, dass dann eine Krebspatientin oder ein Unfallopfer nicht bekommt, weil Ihr unbedingt in der verdammten Mitte der fucking Brücke sitzen musstet?

Seht ein, dass Ihr alt seid. Ich werde bald 50, ich weiß, alt werden ist nicht schön und jeder wäre lieber jung. Aber Ihr seid alt. Ihr gehört zur Risikogruppe. Zeigt, verdammt nochmal, ein wenig Altersweisheit und reißt Euch zusammen.

Die heutige Quarantänegeschichte folgt dann geich.

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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2 Antworten zu schreckenberglebt: Ignoranz auf der Mitte der Brücke

  1. Pingback: schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 14 – Eukalyptusbonbon | schreckenbergschreibt

  2. Xeniana schreibt:

    Diese Ignoranz einiger älterer Menschen finde ich schon auch beeindruckend.

    Gefällt 1 Person

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