schreckenberglebt: Jammernde Männer – Teil 1

Okay, gut, es reicht. Seit Monaten, eigentlich seit Beginn der MeToo-Debatte trage ich mich mit der Absicht, mal was zum Thema „Gejammer verunsicherter Männlein“ zu schreiben, und immer wieder schiebe ich es vor mir her, vornehmlich weil meine Geschlechtsgenossen mich so nerven, mit ihrem Geheule und Gezeter von „was darf man noch“ und „wo kann man noch Mann sein“ und all dem Mist. Gerade diese Typen, die ihr ganzes Selbstbewußtsein und/oder den Großteil ihrer Identität daraus ziehen, MANN zu sein (vielleicht auch DEUTSCHER MANN, aber die finden sich nicht in meinem sozialen Nahbereich) sind so schrecklich verunsichert. Plötzlich wollen Frauen mit Respekt behandelt werden? Sie wollen nicht angegrabscht, belästigt und mit herabsetzenden Kommentaren auf ihre Sexualität reduziert werden? Wollen, wie es eine Bekannte neulich bei Facebook schrieb (und dafür gleich wieder viel Gejammer und Whataboutism erntete), als Mensch behandelt werden und nicht als Frau? Uääääh, was darf man denn noch? Darf ich kein Mann mehr sein? Boys will be Boys?

Gott wie mir dieses Gejammer auf den Geist geht. Hört auf zu heulen, verdammt.

Und dann kommt so ein Artikel in der Zeit:

(Edit: Ich sehe gerade, der Artikel ist von 2016. 😀 Ändert aber nichts an meiner Argumentation, und er ist zeitlos doof. Genau dem selben Gerede kann man heute, fast drei Jahre später, immer noch begegnen.)

O Mann!

Der Artikel ist so unglaublich dumm und falsch, in so vielen Punkten, so schlecht recherchiert, oberflächlich und uninformiert, dass es fast schon wieder lustig ist. Er entspricht etwa dem Niveau eines Artikels über ein Afrikanisches Land, in dem gehäuft die Worte „Neger“, „unverdorben“, und „rassig“ vorkommen. Ich greife mir aus Zeit-, Platz- und Lesbarkeitsgründen nur zwei Punkte raus. Den ersten, weil er widerlich homophob ist, den zweiten, weil er zu meinem Thema passt.

1.) „Die jungen Männer waren sehr süß und sehr schlank, und man konnte das politisch ganz, ganz unkorrekte Ratespiel vollführen, sich zu fragen, wer von ihnen schwul war oder nur so tat.“

Ja, hahaha, da ist es, das blöde und primitive Vorurteil vom weichlichen, androgynen, lächerlichen Schwulen. Es entspringt vor allem dem Wunsch, denke ich, „die“ erkennen zu können und klar zu machen, dass man sich als „echter“ (also heterosexueller) Mann schon rein phänotypisch von „denen“ abgrenzt. Ach Herzchen… Nein, weder dein Bart noch Dein Bauch, noch Deine Kleidung noch Deine Muskeln noch Dein Aggressionspotential und Deine Gefährlichkeit (echt oder eingebildet) schützen Dich davor, mit „denen“ verwechselt zu werden. Wenn Du den Mut hast, geh einfach mal an einen Ort, wo Homosexuelle klar als solche erkennbar auftreten (zum Beispiel bei einer Pride-Parade oder in einer Schwulenbar). Keine Angst, es ist nicht ansteckend, und wenn Dir einer auf die Schulter klopft oder Dir ein Bier ausgibt, dann fällt Dir auch nicht der Penis ab. Es könnte nur sein, dass Du eine aufs Maul bekommst, wenn Du Deine Thesen gegenüber den falschen Typen äußerst. Aber da ich Deinem Artikel entnehme, dass körperliche Gewalt für Dich durchaus positiv ist (eine Meinung, die wir unter gewissen Umständen teilen) gehe ich mal davon aus, dass auch das für Dich okay ist. Zumindest als Lernerfahrung.

2.) „Es gibt den Beschützer in Deutschland nicht mehr. Natürlich nicht. Der Beschützer ist aus weiblicher Sicht doch eine lächerliche Figur.“

Aaaalso, reden wir mal über mich. 😀 Ich bin ein 120 (+/-) Kilo schwerer Mann (viel Fett, viele Muskeln) mit 27 Jahren Kampfsporterfahrung. Ich war lange Selbstverteidigungsausbilder. Ich kann aggressiv auftreten. Ich sehe aber so aus, dass ich das meist gar nichts muss, weil potentielle Unruhestifter lieber bei anderen Leuten Unruhe stiften als bei mir (siehe Abb.1). Und ich habe einen sehr, sehr ausgeprägten Beschützerinstinkt, teils durch Veranlagung, teils durch Erfahrung und Prägung.

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(Abb.1 – Bild von mir, das allen biometrischen Kriterien entspricht und dazu führen soll, dass Menschen, die meinen Ausweis kontrollieren, mir vertrauen.)

Oder anders – ich bin der typische Beschützer. Und ja, ich verstehe mich auch als Beschützer. Nicht nur, als der Beschützer der vier wichtigsten Frauen in meinem Leben (meine Frau, meine beiden Töchter, meine beste Freundin) sondern auch als Beschützer meines Sohnes. Als Beschützer eigentlich jedes Menschen, der in meiner Gegenwart Hilfe braucht. Nicht weil ich ein Mann bin, sondern weil ich ein Mensch bin, der zufällig das (sichtbare) Potential hat.

Und was meine Liebsten betrifft: Wir reden hier von vier Frauen, die ALLE Kampfsportlerinnen UND Feministinnen sind, und von einem jungen Mann, der sehr durchsetzungskräftig ist und lange einen sehr harten Sport betrieben hat. Es ist also nicht so, dass die ohne mich nicht zurecht kämen. Aber – und hier muss ich leider aus Erfahrung sprechen – es ist einfacher, wenn ich dabei bin. Weil ich größer bin, schwerer, lauter, weil ich einfach nach mehr Ärger aussehe. Sichtbares Potential eben.

Ich habe nie den Eindruck gehabt, dass mich irgendwer deshalb lächerlich findet. Lächerlich ist das:

„Man denkt sich das heute ja so: Patriarch gleich Frauenunterdrücker. Der Patriarch aber war, zumindest als Ideal, kein Tyrann, sondern der Beschützer seiner Frau und seiner Kinder. Er zog mit größter Selbstverständlichkeit in den Krieg, schlug dem geilen Nachbarn eine aufs Maul, wenn er sich an der Gattin vergriff (in besseren Kreisen wurde sich gut angezogen duelliert), und es war immer klar, dass er bei diesen Tätigkeiten sein Leben aufs Spiel setzte. Auch der Mann im Patriarchat hatte es nicht leicht! Die Todesbereitschaft war der Preis für seine privilegierte Stellung.“

Niedlich, oder? Anders gesagt – aus der Tatsache, dass ich MEINE (!) Frau(en) vor den Übergriffen des Nachbarn beschütze leite ich das Recht ab, selbst übergriffig (patriarchalisch) zu sein. Das ist die Logik, mit der Leute auf Schützenfesten Kellnerinnen an den Hintern packen und danach gegen „Vergewaltigende Ausländer“ demonstrieren. Frauen sind demnach Freiwild – aber bitte nur für den (selbstverständlich wohlmeinenden) Besitzer des Waldes. Dass Frauen dieses Männer- und Beschützerbild lächerlich finden ist nur logisch und vernünftig. Ich finde es lächerlich und darüber hinaus noch beschämend.

Aus der bloßen Tatsache, dass man ein gewisses Gewaltpotential hat und sich damit zum / zur Beschützer(in) eignet, lässt sich kein Recht ableiten, den Beschützen gegenüber gewalttätig zu sein. Denn das ist Patriarchat: Unterdrückung einer bestimmten Menschengruppe (Frauen) durch Gewalt. Patriarchat ist unlogisch, dumm und lächerlich. Ganz besonders lächerlich, wenn es von greinenden Männlein vertreten wird, die sich dadurch vor selbstbewussten Frauen schützen wollen.

Wer am schnellsten Laufen kann, der ist Bot*in der Gruppe. Wer rechnen und planen kann Organisator*in. Wer kämpfen und verunsichern kann Beschützer*in. Wessen innnere Welten nach außen drängen Geschichtenerzähler*in. Wer heilen kann Heiler*in. Wer essen zubereiten kann Köch*in. Ich kann endlos so weiter machen. Zwei dieser Aufgaben fallen durch die Zufälle des Lebens mir zu. Andere haben andere Berufungen, die weder wertvoller noch wertloser sind. Das ist alles.

 

 

 

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schreckenberglebt: Zwangsarbeit? Im Ernst?

Leute, egal wie ihr zu Dienspflicht, Wehrpflicht, verpflichtendem Sozialen Jahr etc. steht – können wir uns bitte, bitte, darauf einigen, das nicht als ZWANGSARBEIT zu bezeichnen? Begriffe haben eine Geschichte, daher ist es sehr problematisch, gerade im Deutschen, etwas als Zwangsarbeit zu bezeichnen, nur weil es eine Arbeit ist, zu der man gezwungen wird. Im Moment benutzen gerade Menschen die sich politisch eher nicht rechts oder konservativ einordnen diesen durch die Nazizeit eindeutig geprägten Begriff als Kampfbegriff, um in einer politischen Diskussion innerhalb eines demokratischen Systems Punkte zu machen. Wenn ihr den Weg gehen wollt, dann beschwert Euch bitte auch nicht mehr, wenn AfD und Konsorten mal wieder Begriffsverdrehung betreiben.

Ich war 1990/91 bei der Bundeswehr, ich war tauglich, konnte mir daher nicht aussuchen, OB ich etwas mache, weil Wehr- oder Zivildienst verpflichtend war. Ich wurde also dazu gezwungen. Damals lebten noch sehr viele Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Nazizeit. Und vorletzte Woche habe ich im Rahmen einer Recherche mit der Tochter eines tschechischen Zwangsarbeiters gesprochen. Ich wäre mir vor 27 Jahren ebenso wie vor 14 Tagen verdammt schäbbig vorgekommen, wenn ich mich wegen des einen Jahres Bundi als ehemaligen Zwangsarbeiter bezeichnet hätte.

 

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schreckenbergschreibt: Ein Besuch im Österreichischen Staatsarchiv – Literatur als Zeitzeugnis

Ich bin wieder einmal in Wien (und Aschach), Recherche und Plotten mit Sarah. Heute führte uns unsere Recherche ins Österreichische Staatsarchiv. Dabei ging es uns nicht um irgendwelche Akten, die wir zu lesen hätten, sondern um Sinn, Aufgabe und Funktionsweise des Archives an sich. Um uns all dies näher zu bringen, erhielten wir (gemeinsam mit einem von Sarahs Brüdern) eine zweistündige Führung von einem sehr freundlichen und kundigen Archivar. Ich würde ja jetzt sagen, dass ich diese Führung jedem nur dringend empfehlen kann, aber mir ist bewusst, dass nicht alle Menschen die selbe Vorliebe für Historie und deren Systematisierung haben wie ich, also sage ich mal vorsichtiger: Allen, die sich gerne mit Geschichte und den Umgang mit historischen Quellen befassen, kann ich eine solche Führung wirklich ans Herz legen. Das waren zwei hochspannende Stunden. Ich jedenfalls habe beschlossen, dass ich jetzt ein neues Hobby habe: Auf Basis meiner bisherigen Ahnengforschung werde ich im Laufe der Zeit versuchen, ein Familienarchiv aufzubauen. Nein, das ist kein Witz.

Aber es ist auch nicht der Grund, warum ich über den Besuch im Staatsarchiv blogge. Der Grund dafür ist eine kleine Anekdote, die uns der Archivar erzählte: An seinem ersten Tag im Archiv beauftragte ihn sein Vorgesetzter, Material zum Thema „Kino“ aus den 1920er und 30er Jahren zusammen zu tragen. Der junge Archivar in spe machte sich also eifrig auf die Suche und fand… Nichts. Als er seinen Vorgesetzten mit diesem Ergebnis konfrontierte und sagte, unter „K“ wie „Kino“ sei nichts zu finden, lächelte dieser – und zeigte ihm die Kartei zu „L“ wie „Lichtspielhäuser“. Und siehe, da fand sich vieles. Moral von der Geschicht: Sprache und ihr Gebrauch verändern sich, und wer historisch forscht muss auch diese Veränderung miterforschen, sonst kommt er nicht weit.

Mir fiel sofort „Im Westen nichts Neues“ ein, worin Remarque das, was wir heute als „Panzer“ bezeichnen, durchgehend bei dem englischen Begriff „Tank“ nannte. Ich vermute also, wenn man in entsprechend alten Archiven über die Panzerwaffe forscht, wird man wenig unter „Panzer“ und viel unter „Tank“ finden. Das gab mir zu denken. Denn neben allem anderen ist Literatur immer auch ein Sprachzeugnis der Zeit, zu der sie entstanden ist.

Nun gibt es aber immer wieder den Versuch, alte Geschichten zu modernisieren, aus den unterschiedlichsten Gründen. Mal, weil man modernen Lesern nicht mehr zutraut, die alte „umständliche“ Sprache zu verstehen, mal, weil sich darin Begriffe finden, die heute bestenfalls missverständlich (When I was your age, Dick actually was a name.), schlimmstenfalls beleidigend, verletzend, diskriminierend oder rassistisch (der Negerkönig von XYZ) sind. Ich halte das, je mehr ich darüber nachdenke, in jedem Fall für problematisch, vorsichtig gesagt. Diese Editionen nehmen Leserinnen und Lesern, auch und gerade Kindern, das Gefühl dafür, dass Sprache sich verändert. Dass nicht immer alles so war, wie es heute ist, dass Dinge früher anders hießen, dass derselbe Begriff unterschiedliche Dinge bezeichnen kann, dass unser „Heute“, mit allem was wir damit verbinden, eben nicht die Norm ist, sondern nur ein vergänglicher Punkt in einem sich immer wieder verändernden Strom der Geschichte – weiß Gott nicht nur sprachlich. Wer sich darauf nicht einlassen will, weil es ihm zu umständlich und zu schwierig ist, der nimmt sich eine sehr interessante und wichtige Erfahrung. Natürlich soll man auch den Leuten Bücher anbieten, die auf diese Erfahrung verzichten möchten, aber man könnte sie als Übersetzungen bezeichnen. „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, in einfache, moderne Sprache übersetzt von Kuno Künstler. Oder so ähnlich.

Was aber ist mit den diskriminierenden, verletztenden Begriffen? Ich glaube, hier liegt die Lösung nicht in einer Bereinigung des Textes – damit leugnet man, dass es diese Begriffe gab, dass man sie einmal anders (selbstverständlicher, gedankenloser, wie auch immer) benutzte und dass sich seither etwas verändert hat. Sarah hatte den Vorschlag, hier könnte man mit Vorworten arbeiten, ich würde ergänzen: Und mit Fußnoten*. Das ist, denke ich, ein ehrlicherer Mittelweg zwischen Leugnen der Entwicklung, indem man alles so läßt wie es war und Leugnen der Entwicklung, indem man kommentarlos ändert.

 

 

 

*“Aber soll ich meinem Kind jetzt Vorworte und Fußnoten vorlesen, oder was?“ Nein, sollst Du nicht. Du sollst sie selber lesen, und mit Deinem Kind über die Probleme reden. Erziehung ist ein Recht Deines Kindes, und Deine Pflicht. 😉

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schreckenberglebt: Was ist links?

Ein Autorenkollege, der sich oft öffentlich kluge und politisch unbequeme Gedanken macht schrieb gestern (ich paraphrasiere):

Heute hat die Linke fast all ihre Ziele erreicht, von Abtreibung bis zur gleichgeschlechtlichen Ehe.

Dieser Satz ist Teil einer sehr langen Argumentation in der er sich unter anderem damit auseinandersetzt wer und was heute das Establishment ist, aber mich hat dieser Satz besonders betroffen, denn ich glaube, er illustriert ein großes, wenn nicht DAS Hauptproblem der Linken: Die Themen, die sie für sich beansprucht oder die ihr zugesprochen werden sind nicht links!

Nehmen wir die beiden Beispiele oben:

Was ist an einer Abtreibung links? Die Tatsache, dass eine bestimmte Sorte kirchlich gebundener Konservativer sie ablehnt? Wer für das Recht einer Frau ist, selbst darüber zu entscheiden was mit ihrem Körper passiert, der ist nicht zwangsläufig links. Ein liberaler Bürgerrechtler MUSS diese Position einnehmen. Ein sekular eingestellter Konservativer KANN sie einnehmen. Natürlich KANN man diese Position auch als Linker einnehmen. Ebenso aber ist eine linke Position denkbar die sagt, dass die Gesellschaft das Recht auf Abreibung einschränken kann, wenn sie eine höhere Geburtenrate braucht. Die Frage des Rechts auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper ist eine Frage der individuellen Selbstbestimmung, und daher ein klassisch liberales Thema.

Was an gleichgeschlechtlicher Ehe links sein soll ist mir ebenfalls unklar. Wenn zwei Menschen sich lieben und dies auch vor Staat und Gesellschaft bezeugen und damit verbundene Rechte und Pflichten wahrnehmen wollen sollte es völlig egal sein, wie diese Menschen untenrum gebaut sind. Wieder: Auch hier können nur Menschen dagegen sein, die einer erzkonservativen Religion angehören. Wenn man dem aktuellen Papst zuhört ist ja nicht einmal mehr die katholische Kirche völlig dagegen. Und in der Realität sehen wir ja auch: Homo- oder Bi- oder Pansexuelle Menschen die heiraten gibt es quer durch alle politischen Lager, weißgott nicht nur auf der Linken.

Klimapolitik, Feminusmus, Veganismus, Pazifismus… NICHTS davon ist genuin links, nichts davon ist etwas, dem Konservative und Liberale per se nicht zustimmen können. Das Problem ist nur, dass diese Themen irgendwann in der Vergangenheit zu linken Themen erklärt wurden und die Linke sich hat verführen lassen, sie ihrerseits zu linken Themen zu erklären. Das Ergebnis ist, dass ein Konservativer sich nicht problemlos zu einer vernünftigen Umweltpolitik bekennen oder vegan leben kann, ohne dass zumindest Zweifel an seiner konservativen Gesinnung laut werden. Und dass eine Partei wie die Grünen, die eigentlich schon lange eine Volkspartei im alten Sinne ist, die also ein sehr breites politisches Spektrum abdeckt, immer noch mit der Selbsttäuschung lebt, sie sei links (und das auch dauernd erzählt und daher zum Beispiel nicht die gemäßigt konservativen Wählerinnen und Wähler erreicht, die sie erreichen könnte.)

Zur Erinnerung:

RECHTS ist eine politische Einstellung, die den Staat und die Staatsraison (und damit das Wohl aller) über die Rechte des Individuums stellt. Wenn die Staatsraison humantistisch und menschenfreundlich ist kann daraus eine sehr wohltuende und segensreiche Politik erwachsen. Das Problem ist, dass wir „Rechts“ heute, nach dem 20. Jahrhundert, vor allem in Verbindung mit Nationalismus und/oder einer Ständegesellschaft und/oder Kapitalismus und/oder Klerikalismus denken. Diese Verbindungen haben zu den verschiedenen Formen des Faschismus geführt hat, die wir im letzten Jahrhundert kennengelernt haben. Aber das sind natürlich nur mögliche Formen einer Rechtsregierung.

LIBERAL ist eine politische Einstellung, die die Rechte des Individuums höher einschätzt als die Interessen der Gemeinschaft. Die also – in ihrer besten Form – die Bügerrechte verteidigt und jeden nach dem Prinzip „was du nicht willst das man dir tu…“ leben lässt. Der Staat, als Nachtwächterstaat, hat seine Bürger nur zu schützen, ihnen Ressourcen zur Verfügung zu stellen und dafür zu sorgen, dass jeder sich an die goldene Regel hält. Eigentlich sind ALLE Parteien unseres heutigen politischen Systems, von der extremen Rechten und Linken abgesehen, liberale Parteien verschiedener Ausrichtung, wobei AfD und Die Linke Flügel haben, die aus dem liberalen Konsens herausfallen. Aber wenn man einen politisch informierten Menschen von, sagen wir, 1925 die Parteiprogramme von CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen lesen lassen würde, er würde sie alle als liberale Parteien klassifizieren, mehr oder weniger nach links oder rechts geneigt. So wie der Faschismus die Perversion der Rechten ist, ist das, was wir heute „Marktliberal“ nennen die Perversion der liberalen Idee. Die Vorstellung, dass man einfach den Markt gewähren lassen soll, zum Wohle aller, hat sich, global gesehen, als fürchterlich falsch und unmenschlich erwiesen, ihre Folgen sind tendenziell faschistisch, da sie eine neue Art von Ständegesellschaft begründen.

LINKS ist und bleibt die Idee der klassenlosen Gesellschaft. Die Idee, dass es keine Herren und keine Knechte geben soll, kein (übermäßig) reich und kein (menschenunwürdig) arm. Dass es Güter gibt – Wasser, Land, Grundnahrungsmittel, staatliche Waffen, Öffentlicher Personentransport etc,. etc., je nach linker Schule ist die Liste kürzer oder länger – die nicht Privateigentum sein können und dürfen. Dass bezahlbarer Wohnraum und Bildung ebenso Menschenrechte sind wie körperliche Unversehrtheit. DAS ist Links! Und so sieht interessanterweise auch fast jede Utopie aus, die Autorinnen und Autoren sich ausgedacht haben. Scheint also etwas dran zu sein. Leider gibt es heute keine einzige wirklich linke politische Strömung, die das verfechten würde, jedenfalls nicht hierzulande. Aus drei Gründen, denke ich:

1.) Historisch gelten die Linken Utopien – Anarchismus, Sozialismus, Kommunismus – als diskreditiert. In Wirklichkeit sind sie nie wirklich getestet worden. Die Anarchisten in Spanien und die Sozialisten in Deutschland sind aparterweise von ihren Kommunistischen bzw. Sozialdemokratischen Brüdern zusammengeschossen worden, Leninismus, Stalinismus und Maoismus waren von Beginn an nicht auf eine klassenlose Gesellschaft, sondern wiederum auf eine Form von Ständestaat (mit der Partei als erstem Stand) ausgerichtet und damit auch – siehe oben – sehr eng mit dem Faschismus verwandt. Alle anderen Ideen einer linken Gesellschaft haben sie ziemlich gewaltsam und ziemlich erfolgreich ausgerottet.

2.) Viel zu viele Linke verwechseln immer noch die Idee einer klassenlosen Gesellschaft mit einer egalitären Gesellschaft. Aber Menschen sind unterschiedlich und werden es immer sein. Eine politische Idee, die dem nicht Rechnung trägt kann nie erfolgreich sein.

3.) Die meisten Linken in Europa und Amerika denken nicht global. Aber wer für Gerechtigkeit und Gleichheit im Sinne von Klassenlosigkeit ist kann sinnvoll nur noch global denken (und lokal agieren). Aber im globalen Maßstab müsste die westliche Linke vor allem zuhören. Und das fällt gerade denen, die sich für links halten, so schwer*.

Wir brauchen eine echte Linke mehr denn je, glaube ich. Und wir haben keine.

 

 

 

*Ja, ja, deshalb reden sie so viel und schreiben ellenlange Blogbeiträge, ich weiß. 😀

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schreckenbergschreibt: Es ist ganz einfach.

Aus gegebenem Anlass:

SCHREIBEN IST ARBEIT!

RECHERCHE IST ARBEIT!

LESEN IST ARBEIT!

Wer mich allen Ernstes fragt, ob ich für lau lese, signalisiert damit, dass er meine Arbeit für wertlos hält. Und warum in aller Welt sollte ich für jemanden lesen, der mich derart verachtet?

Über Art und Umfang der Bezahlung kann man immer reden. Ich bin da durchaus bereit, mich den finanziellen Möglichkeiten des Veranstalters anzupassen, wenn ich die Veranstaltung für interessant und/oder unterstützenswert halte. Und für gute Zwecke die ich gerne unterstütze, lese ich sogar wirklich mal umsonst. Ich betrachte das als Spende. Niemand hat einen Anspruch auf meine Spenden, wofür ich spende entscheide ich selbst.

Und was das „etwas an die Fans zurückgeben“ betrifft: Ich habe den Fans meine Geschichten gegeben, meine Arbeit, mein Inneres, mein Herzblut. Und das hat ihnen offenbar so gut gefallen, dass sie Fans geworden sind. Ich muss niemandem irgendetwas ZURÜCKgeben.

Alles weitere hier: Es ist kein verdammtes Hobby!

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schreckenberglebt: Der böse, böse Trump

Vorweg und um nicht missverstanden zu werden: Ich finde Donald Trumps Politik im ganzen schrecklich und wenn ich darüber entscheiden dürfte, ob er Präsident der USA ist, wäre er es nicht.

Und, um das auch ganz klar zu machen: Kinder von ihren Eltern zu trennen und dann einzusperren ist grausam und nicht zu rechtfertigen.

ABER: Kinder von ihren Eltern zu trennen und einzusperren ist immer noch humaner als Kinder zu ertränken. Punkt.

Alle Europäerinnen und Europäer, die angesichts der Bild- und Tondokumente aus Trumps Kinderlagern Krokodilstränen vergießen und dann bei der nächsten Wahl hingehen und IRGENDEINE Partei wählen, die die derzeitige Flüchtlingspolitik der EU mitträgt, sind verdammte Heuchler. Trump hat keinen riesigen Wassergraben zwischen sich und Mexico, in dem er Menschen ersaufen lässt. Trump hat auch keine Diktatoren in Mexico, die er bezahlt, damit sie Flüchtlinge von ihm fern halten. Er möchte eine Mauer bauen die nie kommen wird und er lässt die Menschen widerlich behandeln, wenn sie die USA erreicht haben. Wir hingegen (nein, nicht die Malteser, nicht die Italiener, WIR, denn wir wollen doch ein geeintes Europa, oder?) lassen die Menschen im Mittelmeer ertrinken und hindern inzwischen sogar Rettungsschiffe am Aus- und Einlaufen. Trump ist immer noch ein Widerling, aber er ist, verglichen mit allen Europäischen Politikerinnen und Politikern, von rechts außen bis tief in die linke Mitte hinein, der humanere Widerling. Um es ganz klar zu sagen: Wer derzeit AfD, CDU, CSU, FDP wählt soll bitte, bitte den Mund über Trumpwähler halten.

Und – und damit fasse ich dann auch an die eigene Nase – wer links von den genannten wählt ist nicht viel besser. Denn wirklich konstruktive Vorschläge von Links, wie man im Europäischen Rahmen damit umgeht, dass sehr, sehr viele Menschen* zu uns kommen wollen, gibt es nicht. Die Lösung, alle unkontrolliert und relativ ungesteuert herein zu lassen, dann in irgendeiner Gemeinde abzuladen und zu sagen: „Liebe Frau Bürgermeisterin, hier sind 5000 Flüchtlinge für sie um die sie nicht gebeten haben, auf die sie nicht eingerichtet sind und von denen sie nichts wissen, viel Spaß damit.“ ist offenkundig keine. Es führt kein Weg darum herum, diese Menschen zunächst einmal nicht als Brüder und Schwestern, sondern als Verwaltungsproblem zu sehen. Das ist nicht inhuman, es gibt eine kalte Form der Humanität, ich komme gleich darauf zurück. Aber wir Linken wollen ja nicht kalt sein, oder? Also sind wir gegen die Abschottung aber auch gegen Pragmatismus. Das führt zwar zum selben Ergebnis (ertrunkene Menschen), aber wir können uns dabei immerhin einem AfD- oder CSU-Wähler moralisch überlegen fühlen. Rettet nicht einen Flüchtling, aber eventuell unseren Nachtschlaf.

Um diese Menschen zu retten, um möglichst viele zu retten, müssen wir kalt werden, pragmatisch, emotionslos – und wir müssen human bleiben. Humanität und Nächstenliebe als Verwaltungsvorgabe betrachten, die unbedingt umzusetzen ist. Wir müssen preußisch sein. Ich glaube, eine Folge einer solchen Haltung wären Flüchtlingslager. Oder, falls das Wort „Lager“ für Gefühlswallung sorgt: Unterbringungseinrichtungen. Groß, sehr groß. Mit so viel Platz, dass sehr viele Menschen sich darin nicht sehr beengt fühlen. Sicher müssen diese Einrichtungen sein, vor allem für die, die darin wohnen. Hygienisch. Es sollte Schulen und Kindergärten geben. Geschäfte (oder etwas ähnliches, Geld werden die Wenigsten haben), Kinos, Bibliotheken, Gotteshäuser, Krankenhäuser. Und natürlich Verwaltungsgebäude, in denen die Menschen registriert werden und befragt, ob sie in ein Asyl- oder in ein Einwanderungsverfahren möchten. Und, so ungern das manche liebe Menschen hören werden: Es muss eine Polizei geben, die nach europäischen Gesetzen vorgeht, wenn irgendwer irgedendwen vergewaltigen will oder wenn manche Menschen in den Lagern – sorry, Einrichtungen – ihre Konflikte von zu Hause dort fortführen wollen. Und ja, die Einrichtungen sollten geschlossen sein. Sie sind der Wohnort von Menschen, deren Status unklar ist, sie sollten es sein, bis ihr Status klar ist. Das ist nicht schön, aber es ist realistisch und sicher besser, als in einem Kriegsgebiet zu wohnen oder in einem wilden Camp irgendwo in Nordafrika. Und, das als letzte Überlegung, dass UNHCR kann vermutlich solche Einrichtungen am besten führen. Wir Europäer sollten sie finanzieren, als europäische Einrichtungen betrachten, die Regeln machen und ggf. das Personal stellen.

Und dann, wenn wir diese Einrichtungen haben, INNERHALB unserer Außengrenzen, dann sollten wir die Menschen, die wollen, herein lassen. Keine Sorge – das werden immer noch viel, viel weniger sein, als derzeit überall auf der Welt in Flüchtlingslagern in weit ärmeren Ländern leben, zum Teil seit Jahrzehnten. Aber es werden natürlich sehr viel mehr sein, als es derzeit zu uns schaffen. Und viele werden sehr lange dort bleiben, das ist auch klar. Aber vielleicht nehmen unsere Politikerinnen und Politiker das Wort von der „Bekämpfung der Ursachen“ dann mal ernst.

Und wenn dann keine Kinder mehr im Mittelmeer ertrinken, sondern gemeinsam mit ihren Eltern in der Sicherheit einer geregelten Unterbringungseinrichtung leben, lernen, spielen, warten, DANN können wir uns moralisch besser fühlen als der Irre in Amerika und seine Wählerschaft.

 

* Nein, der „Flüchtlingsstrom“ ist nicht kleiner geworden. Die Zahl derer die es lebend nach Europa schaffen ist stark zurück gegangen. Das ist ein wichtiger Unterschied und keiner, auf den wir stolz sein können.

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schreckenberglebt: Wachse, CDU. Bitte!

Ich bin geboren und aufgewachsen in NRW, nah an den Grenzen zu Frankreich, Belgien und den Niederlanden, ich fühle mich ebenso als Europäer wie als Deutscher, und ständig muss ich ertragen, dass eine Bayerische Regionalpartei, die bundesweit durch NICHTS legitimiert ist mein Leben mitbestimmt.

Ich habe die CDU Nordrhein-Westfalen auch nicht gewählt, aber eine Mehrheit meiner Landsleute hat das getan und also ist es absolut demokratisch und richtig, dass eine CDU geführte Regierung im Moment hier die Gesetze macht. Finde ich gut. Ist demokratisch legitimiert. Aber dass irgendwelche Provinzfürsten, weil sie Angst haben, die Macht in ihrem Ländchen zu verlieren, dem ganzen Rest der Republik ihren Schwachsinn aufzwingen können ist unerträglich.

Also: Bitte, bitte, bitte, CDU, gründe endlich Deinen Landesverband in Bayern. Dann können die Weißwurstseppel sich bundesweit ausdehnen und sich ihre Nische irgendwo zwischen Dir und der AfD suchen und sind endlich gezwungen, sich ihre Legitimation auch außerhalb ihres Operettenstaates selbst zu erarbeiten. BITTE! Vielleicht wähle ich Dich dann zum Dank sogar mal wieder.

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schreckenbergzeigt: Wer hätte das gedacht?

Ich bin manchmal immer noch erstaunt, dass ich offenbar Feminist bin, aber da es nunmal so ist: Erinnert Ihr Euch noch an die Kontroverse über die Rollenverteilung der Geschlechter im Finder? Der folgende Artikel stützt meine Überzeugung: Gemeinschaften wie meine Siedler (und auch die Nomaden) in einer postapokalyptischen Welt wie ich sie schildere können sich die alten Mann-Frau-Klischees nicht leisten. Jede und Jeder muss sich gemäß ihren/seinen individuellen Fähigkeiten einbringen, nicht danach, wie zufällig der Unterleib gebaut ist. Und das schließt Kriegerinnen ebenso ein wie Näher. Selbst meine kleine Polygemeinschaft im Finder (die „Kommune“) ist offenbar recht nah an der anthropologischen Warheit. Gefällt mir.

Tagesanzeiger vom 28.03.2018: Die Steinzeit war gar nicht so.

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schreckenbergschreibt: Heldt-Spukhaus

Ich hoffe Ihr hattet frohe Ostertage? 🙂

Was lange währt: Morgen um 19.35 Uhr zeigt das ZDF „Spukhaus“, eine Episode der Krimi-Comedy-Serie Heldt aus der Feder von Sarah und mir. Und wenn ihr gaaanz ungeduldig seid könnt ihr auch jetzt schon schauen – hier in der ZDF Mediathek.

Ich bin sehr gespannt auf Eure Meinung.

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schreckenbergschreibt: Spukhaus

Die Ausstrahlung meines ersten Drehbuchs rückt näher. „Spukhaus“, eine Folge der Krimi-Comedy-Serie „Heldt“ , habe ich gemeinsam mit Sarah geschrieben. Ausstrahlungstermin ist der 04. April, 19.35 Uhr im ZDF. Ich bin total gespannt. 😀

Hier findet Ihr eine Vorschau mit Bildern.

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