schreckenberglebt: Greta Thunberg emittiert

Die deutschen Medien haben ein neues Hobby, eines, das sie von den Schwurblern übernommen haben: Sie versuchen, möglichst genau jede Emission, die von Greta Thunberg ausgeht, zu berechnen und sie ihr dann empört vorzuhalten. Sinn und Hintergrund dieser Empörung erschließen sich mir nicht ganz, aber das ist durchaus natürlich. Empörung ist hierzulande ein beliebter Volkssport, und ich habe es eh nicht so mit den Lieblingssportarten meines Volkes. Ich sehe ja auch lieber American Football als Fußball. Hat eigentlich schon jemand bei den Berechnungen berücksichtig, dass sie atmet – also CO2 ausstößt? Und – Gott bewahre – aufgrund ihres Stoffwechsels hin und wieder wahrscheinlich auch Flatulenzen hat? METHAN, Leute! Teufelszeug! Warum betreibt das feine Fräulein keine Phososynthese, hm?

Das Blöde bei all dem ist nur: Selbst wenn Greta Thunberg den Atlantik auf einem dieselbetriebenen Seelenverkäufer überqueren würde, der seit 1952 nicht mehr gewartet wurde, dabei alle zehn Minuten links einen Eimer Schweröl und rechts eine Wanne Dünnsäure über die Reeling kippen und jeden Tag einen Delphin verspeisen würde, den sie per Sprengstoff gefangen hat, um dann, in den USA angekommen, das dreckigste Kohlekraftwert der Welt einzuweihen – all das würde nichts daran ändern, dass das, was sie sagt, wahr ist. Eine überwältigende Mehrheit der mit der Materie befassten Wissenschaftler (je nach Quelle* irgendwas zwischen 97,x und 99,x Prozent) sagt, dass wir Menschen kurz davor sind, das Klima auf diesem Planeten irreversibel und zu unseren Ungunsten zu verändern. Und Greta Thunberg (gemeinsam mit vielen anderen) weist nur darauf hin, dass wir – besonders aber die Generationen und Gruppen an den Schalthebeln der Macht – dringend handeln müssen, wenn wir das noch verhindern wollen. Ganz einfach.

Und das ist es, worum es bei dem ganzen Gretabashing in Wirklichkeit geht: Dass wir uns der Grundlage unserer eigenen Zivilisation, wenn nicht gar unserer Lebensgrundlage selbst berauben, wenn wir nicht radikal etwas ändern, ist eine naturwissenschaftliche Tatsache. Und mit der Physik kann man nicht diskutieren. Und ja, das bedeutet, dass wir sehr viel ändern, auf sehr viel verzichten, sehr viel Selbstverständliches aufgeben müssen*. Das ist unpopulär. Und wenn die Tatsache, dass 2+2=4 ist in ihrer Konsequenz bedeutet, dass ich von meinem gewohnten und bequemen Leben Abschied nehmen muss, dann gefällt mir diese Rechnung nicht. Aber sie ist numal wie sie ist, also kann ich nichts dagegen tun. Mir bleiben dann, wenn ich unbedingt will, dass alles so bleibt, nur zwei Möglichkeiten:

Entweder, ich zweifle die Mathematik selbst an, und erkläre, dass alle, die an sie glauben manipuliert sind. Das tun die Verschwörungstheoretiker.

Oder ich versuche, mich an der Person abzuarbeiten, die das Ergebnis der Rechnung laut verkündet. Das ändert nichts am Ergebnis, führt aber zu einer sinnlosen Scheindiskussion, bei der ich mich irgendwie besser fühle, weil ich mich ja nicht mehr mit den Konsequenzen aus 2+2=4 auseinander setzen muss. Das tun die Leute, die sich gerne an Greta Thunberg abarbeiten.

Egal was Greta Thunberg sagt oder nichts sagt, tut oder nicht tut, emittiert oder nicht emittiert, und egal wer ihr zuhört oder sich weigert, das zu tun: Die Physik lässt nicht mit sich verhandeln. Die Veränderungen werden kommen, so oder so. Es ist nur die Frage, wieviel davon wir noch bestimmen können.

*Wie schon bei früheren Posts gesagt: Nein, ich verlinke die Beweise nicht. Ich bin müde. Sucht sie Euch selbst. Schaut von mir aus in Rezos Liste, aber nein, ich werde Euch die Recherche nicht abnehmen. Lernt anständig zu recherchieren (falls ihr es noch nicht könnt) und dann recherchiert. Es ist lehrreich.

**Natürlich liegen in diesen Veränderungen, wie in allen Veränderungen, auch viele Chancen. Idealerweise leben wir am Ende in einer gerechteren***, lebenswerteren, schöneren Welt. Aber das sehen wir dann. Erstmal sollten wir schauen, dass wir uns die wenigen Gestaltungsmöglichkeiten erhalten, die wir noch haben.

*** „Gerechter“ bedeutet natürlich noch immer, dass wir West- und Nordeuropäer unseren Lebensstandard wahrscheinlich senken müssten. Aber wäre das wirklich so schlimm?

Veröffentlicht unter schreckenberglebt, schreckenbergliest | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 3 Kommentare

schreckenbergschaut: Kade rettet Hillhouse

Eine der beeindruckendsten Erfahrungen des letzten Jahres war für mich, die Netflix-Serie „The Haunting of Hill House“ zu sehen. Eine beeindruckende Erfahrung, sowohl für den Horroautor, als auch den Serienautor, als auch den Fan des Originalfilms in mir. Ich habe die Serie zunächst mit meiner ältesten Tochter und dann mit meiner engsten Freundin und Co-Autorin zusammen gesehen, also viel Autor*innentalk währenddessen, plus der bezaubernden Erfahrung, neben Sarah auf dem Sofa zu sitzen und ihr Jump-Scare-Beschützer zu sein. 😀 Und natürlich wollte ich über diese auf so viele Arten unglaublich großartig gemachte, insbesondere aber brillant geschriebene Serie bloggen. Wieviel ich daraus gelernt habe, was für ein Genuss sie war, alles, wirklich alles brillant, bis…

…tja, bis auf dieses eine, letzte Wort. Auch das ist eine Lernerfahrung. Wie man als Autor mit einem einzigen Wort umwerfen kann, was man eine ganze Serie an bewundernswerter Schreibarbeit aufgebaut hat. Es ist so todtraurig.

Dachte ich. Aber eben, beim Frühstück, sprach ich wieder mit Kade darüber, und sie überlegte kurz und sagte: „Naja. Wer sagt dieses Wort? Steve.“

Und ja, da hat sie recht. Ohne zu Spoilern: Steve lügt sich permanent etwas vor, das ist eine seiner herausragenden Eigenschaften. Mit Ausnahme einer kurzen Zeit, in der er gezwungen ist, seine Augen für die Realität zu öffnen, lebt er in seiner Widde-widde-wie-sie-mir-gefällt-Welt. Er tut zwar permanent weise und welterfahren, und klar ist auch er es, der dieses letzte, schreckliche, salbungsvolle Wort ausspricht, aber seien wir ehrlich – Steve ist das Musterbeispiel eines unzuverlässigen Erzählers.

Danke, Tochter, Du hast Deinem Vater einen der größten Seriengenüsse seit langem gerettet. Nun kann ich wieder darüber bloggen, es analysieren, lernen und genießen. Allerdings nicht sofort. Ein andermal. Ich habe ein anderes Drehbuch für eine andere Serie zu schreiben. 😀

Veröffentlicht unter schreckenbergschaut, schreckenbergschreibt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

schreckenbergzeigt: Realpolitik

In der FAZ, die ja nun nicht unbedingt der linken Stimmungsmache oder der so genannten Klimapanik* verdächtig ist, erschien der unten verlinkte Artikel, den ich ausgesprochen lesenswert finde. Und der zwei zwingende Schlüsse nahe legt:

1.) Wir müssen aufhören, uns mit den Argumenten von Klimawandelleugnern und – relativierern auseinanderzusetzen. Der Klimawandel ist Realität, Punkt. Die Zeit für Diskussionen ist vorbei, wer immer noch unbedingt den Konsens der Wissenschaft leugnen will, kann das privat gerne tun. Aber für das politische und wirtschaftliche Handeln darf dieser Blödsinn keine Relevanz mehr haben. Wer das Argument, dass wir dabei sind, die Grundlagen unserer Zivilisation, wenn nicht des menschlichen Lebens auf diesem Planeten überhaupt, zu vernichten, nicht beeindruckend findet, den wird vielleicht interessieren, dass wir (Deutsche / Europäer) als Bündnis- und Handelspartner immer uninteressanter werden, je länger wir uns der Realität verschließen. Oder glaubt wirklich jemand, dass zum Beispiel Autos mit Vebrennungsmotor in 10 Jahren noch Exportschlager sind? Oder das Rohstofflieferanten uns noch lange eine Meistbegünstigung einräumen werden?

2.) Europa muss sich – wirtschaftlich und politisch – enger vereinen und endlich als EINEN wirtschaftlichen und politischen Raum verstehen. Politische Einheiten wie Deutschland, Frankreich oder Italien sind viel zu klein und unbedeutend, um in der kommenden Welt irgendeine Gestaltungsmacht zu haben, von Österreich, Dänemark oder Estland ganz zu schweigen. Die Alternative zu einer Europäischen Föderation oder Konföderation ist divide et impera – wobei wir geteilt werden und andere herrschen.

https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/so-will-china-die-neue-seidenstasse-militaerisch-absichern-16289164.html

*Nein, Klimaschutz ist kein linkes Thema, eine Politik nach dem Konsens wissenschaftlicher Experten war früher sogar mal etwas Konservatives.

Veröffentlicht unter schreckenberglebt | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

schreckenberglebt: Stauffenberg und Fridays for Future

Vor 75 Jahren ereignete sich das Attentat auf Hitler mit dem nachfolgenden Versuch eines Staatsstreiches – der einzige ernstzunehmende Versuch, das Nazi-Regime zu stürzen, den es auf dem deutschen Volk heraus je gegeben hat. Das ist nicht nur ein guter Grund, meinen Blog wiederzubeleben – der 20. Juli sollte, meiner Meinung nach, auch ein deutschlandweiter Gedenk- und Feiertag sein.

In meiner Jugend (endlich, mit 48, kann ich diesen Satz mal schreiben) galten die Verschwörer des 20. Juli gemeinhein als Menschen, auf die man als Deutsche(r) stolz sein, und die man sich als Vorbild nehmen konnte. Das war nicht immer so – kurz nach dem Krieg waren es noch „Vaterlandsverräter“. Das ist nicht mehr so, jedenfalls nicht uneingeschränkt. Irgendwann ist dem einen und der anderen aufgefallen, dass ein mit einem Tyrannenmord eingeleiteter Militärputsch selten eine demokratische Veranstaltung ist. Und siehe da: Es stimmte. Die wenigsten der Verschwörer waren Demokraten im heutigen Sinne – oder überhaupt Demokraten. Die wichtigsten Akteure waren – aus heutiger Sicht – stramm rechte Militärs, einige, wie Stauffenberg selbst, einst glühende Hitleristen. Ihr Plan für die Zeit nach dem Staatsstreich war durchdacht und detailliert und sah in etwa so aus:

a) Errichtung einer effektiven Militärdiktatur.

b) Schneller Sieg im zu erwartenden Bürgerkrieg gegen die Nationalsozialisten und Errichtung einer funktionsfähigen Verwaltung (vor allem hier war die Einbindung bügerlicher und sozialdemokratischer Verbündeter geplant).

c) Soviel Frieden wie irgend möglich, zur Not auch Seperatfrieden mit jeder gegnerischen Kriegspartei, die dazu bereit ist.

d) Mal sehen. Für die Nachkriegszeit gab es unterschiedliche Pläne, sicherlich dachten die meisten der Verschwörer an irgendeine Form von Demokratie, vermutlich aber nicht so, wie wir sie heute in Deutschland haben. Und sie waren realtistisch genug zu wissen, dass die Nachkriegsordnung in Deutschland sowieso nicht ohne die – zu diesem Zeitpunkt schon klar siegreichen – Kriegsgegner zu planen war.

So, also. Die Verschwörer des 20. Juli waren keine Demokraten, sondern, (in ihrer Mehrheit) sehr standesbewußte Angehörige des Militäradels. Sebastian Haffner hat einmal geschrieben: „Von ihnen aus stand Hitler links.“ Ich glaube, diese Einordnung ist problematisch, aber vor allem darum, weil Rassistisch-Faschistoide Populisten sich im politischen Rechts-Links-Schema sehr viel schwerer verorten lassen, als standesbewußte Militärangehörige des frühen 20. Jahrhunderts. Man kann, denke ich, mit Fug und Recht sagen, der Putschversuch des 20. Juli 1944 war eine eher rechte Veranstaltung.

Außerdem war er, wie oben gesagt, der einzige Versuch, das Naziregime zu beseitigen, der aus dem Deutschen Volk heraus kam und für das Regime wirklich gefährlich war. Der ganze Widerstand von Links und aus dem Bürgertum heraus, ob kirchlich oder kommunistisch, ob Weiße Rose oder die (viel zu oft vergessenen) Edelweißpiraten war in seiner verzweifelten Aufrichtigkeit und Todesverachtung grenzenlos bewunderns- und verehrenswert – gefährlich war er für die Nazis nie. Das war ein reines Polizeiproblem, mehr – aus Sicht des Regimes – nicht. Gefährlich waren die Verschwörer des 20. Juli. Hätte Oberst Brandt die Aktentasche mit der Bombe nicht verschoben, wäre Stauffenberg nicht für den Putsch auch in Berlin benötigt worden und hätte ein Selbstmordattentat verüben können – der Staatsstreich hätte sehr gute Chancen gehabt.

Ihn zu wagen erforderte großen Mut, Opferbereitschaft und die moralische Haltung, das Richtige zu tun, auch wenn es tödlich gefährlich ist. Und egal, wie rechts oder nicht rechts, die Verschwörer waren: Sie waren, jeder für sich, zu der Einsicht gekommen (früher oder später), dass Hitler ein Verbrecher, das Naziregime monströs und der Krieg sinnlos ist. Egal von welchem moralischen Ausgangspunkt man zu dieser Einsicht kommt: Sie ist richtig! Und jedes Handeln, das daraus folgt ist somit auch richtig und moralisch. Also ja: Die Verschwörer des 20. Juli eignen sich als Vorbilder! Nicht für jeden Lebensbereich, sicher – aber was Mut und Moral im Angesicht eines verbrecherischen Regimes (oder auch nur einer Ungerechtigkeit) angeht auf jeden Fall!

Ist es eine deutsche Sache, an dieser Stelle kleinlich zu werden? Zu sagen: Also, wenn die Männer und Frauen (ja, auch die gab es) des 20. Juli keine untadeligen Demokraten waren, dann sind sie auch keine Vorbilder? Ich glaube eher, es ist ein Reflex der aus einem Minderwertigkeitskomplex, vielleicht verbunden mit schlechtem Gewissen kommt: Okay, wir Demokraten und wir Linke haben keinen effektiven Widerstand leisten können, aber schau, die Rechten, die es konnten, die waren auch nicht perfekt! Eine sehr kleinliche und kindische Haltung.

Und – und damit komme ich zu Fridays for Future – sie hat gerade im Moment wieder Hochkonjunktur. Sie begegnet mir täglich in Gerede der Marke: „Jaaaaa, die Jugendlichen machen sich vielleicht gegen die anhaltenden Versäumnisse der älteren Generationen angesichts der kommenden Klimakatastrophe stark. Aber manche von denen werden von ihren Eltern manchmal mit dem Auto gefahren. Andere essen Fleisch. Und Greta Thunberg hat sogar mal eine Scheibe Toast gegessen die IN PLASTIK VERPACKT WAR!“ Oder anders: „Die Jugendlichen sind nicht perfekt! Also kann ich weiter die Notwendigkeit einer vernünftigen Klimapolitik und die Versäumnisse der vorhergehenden Generationen, und vor allem meine persönliche Verantwortung dafür, leugnen. Ich kann mit Fug und Recht die, die etwas dagegen tun wollen (bzw. – von denen, die die Macht haben, verlangen, dass sie etwas tun) schmähen und Greta Thunberg in einem Anfall von grenzdebilem Praepubertistenhumor Greta Thunfisch nennen.“ Sehr erwachsen und vernünftig.

Ich bin in einen größeren Unfall verwickelt. Ein Unfallbeteiligter ist schwer verletzt. Ein anderer leistet erste Hilfe. Ich stehe rum. Der Ersthelfer schaut mich an und schreit: „Rufen sie einen Krankenwagen!“ Ich schaue auf sein Auto, antworte „Sie haben mir gar nichts zu sagen! Ihre Reifen haben zu wenig Profil!“ und glotze tatenlos weiter. Widerlich, oder?

Veröffentlicht unter schreckenberglebt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

schreckenberglebt: History will teach us nothing

Aber die Arbeitsplätze. Aber die ökonomische Vernunft. Aber die Versorgungssicherheit. Aber meine jahrelange Erfahrung.

Wertlos, Leute. Alles wertlos.

Wir leben in einer interessanten Zeit, historisch gesehen. Wer sich ein wenig mit Geschichte beschäftigt hat weiß, dass das nicht unbedingt erstrebenswert ist. Und ja, ich zitiere oben Sting damit, dass wir nichts aus der Geschichte lernen (können), aber ich werde unten sagen, wie ich das meine. Generell können wir eine Menge aus der Geschichte lernen. Zum Beispiel, dass es eher günstig ist, in uninteressanten Zeiten zu leben.

Tun wir aber nicht. Die überwiegende Mehrzahl aller seriösen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen, sagt uns, dass wir kurz davor stehen, durch unser Verhalten eine nicht wieder aufhaltbare Kettenreaktion zu triggern, die das Klima auf unserem Planeten nachhaltig verändern wird. Ich verlinke hier keine Studien oder entsprechenden Seiten, wer sich IMMER NOCH vormachen will, dass sei nicht so, soll gefälligst selber recherchieren oder hat sich endgültig aus dem vernünftigen Konsens verabschiedet. Um es ganz klar zu sagen: Ich diskutiere nicht mit Leuten, die ihre Argumentation aufbauen mit: „Die Wissenschaftslobby mag vielleicht sagen, dass 2+2 = 4 ist, ich fühle das aber anders, für mich ist es 7.“ Solche Diskussionen haben keinen Sinn, die Probleme, vor denen wir stehen erlauben einfach nicht, dass wir uns mit der gefühlten Wahrheit von jedem auseinandersetzen, der sie für wichtig hält. Aber zu dem Thema wollte ich später mal bloggen.

Wenn wir nicht sofort handeln wird diese Kettenreaktion also kommen. Und es ist wenig verwunderlich, dass die Generation, die davon am meisten betroffen ist, jetzt beginnt, dagegen aufzustehen. Ihr Vorbild (um von einer Anführerin zu sprechen ist es noch zu früh) dabei ist Greta Thunberg, eine junge Frau (nein, kein Kind!), die nicht einmal besonderes Charisma ausstrahlt, sondern vor allem ehrliche Entschlossenheit und Kompromisslosigkeit. Schon daraus sollte die ältere Generation – also zum Beispiel meine – lernen, was da auf sie zukommt. Eine Massenbewegung, die immer entschlossener und immer kompromissloser werden wird, so lange man nicht auf sie hört. Und das ist richtig so, den alle Kompromisse sind hier faul.

Ein Großteil von uns Älteren hat das noch nicht verstanden, und all die Politiker*innen von Elizabeth Warren über Paul Zimiak bis Christian Lindner, die sich gerade blamieren, sind nur die Spitze eines Eisberges. Ich muss nur in meine private Timeline in den sozialen Medien gehen und finde viele Menschen (meist – sorry – Männer) meiner und älterer Generationen, die vor allem die rethorisch gemeinte Frage stellen, ob denn Erfahrung gar nichts mehr zählt, wenn jetzt die Jugend aufbegehrt.

Nein, sie zählt nicht, die Erfahrung. Und das aus einem ganz einfachen Grund: Wir haben mit dem, was da kommt, keine Erfahrung.

Unser ganzes politisches System – und übrigens auch die meisten anderen politischen Systeme auf der Welt, totale Kleptokratien mal ausgenommen – beruhen auf dem Ausgleich von Interessen, dem Kompromiss. Das gilt natürlich in besonderem Maße für Demokratien, aber auch die primitivste Diktatur muss wenigstens darauf Bedacht sein, sagen wir, einen Interessenausgleich zwischen Palastwache und Panzertruppen herzustellen, sonst wird eine der Gruppen sauer und putscht. Alle derzeit lebenden Menschen haben gelernt, dass Politik die Verhandlung unterschiedlicher Interessen mit dem Ziel eines Kompromisses ist. Mit dem ist zwar nie jemand wirklich glücklich und immer spiegelt der Kompromiss die Machtverhältnisse wieder, aber im Kern ist es so. Und ganz besonders gilt dies für die politische Klasse.

Leider funktioniert der Klimawandel nicht so. Man kann mit Physik und Chemie nicht verhandeln. Das ist es, was völlig neu ist. Klar – es gibt immer wieder Punkte, in der Geschiche an denen alte Erfahrungen nutzlos und schädlich waren. Den ersten Weltkrieg haben alle Parteien mit großangelegten Offensiven begonnen. Aber sowas wie jetzt, wo Erfahrung plötzlich global nutzlos ist? Mir fallen da die Pestepedimien ein, mit der Pest konnte man auch nicht diskutieren. Aber auch die war stets mehr oder weniger lokal. Vielleicht haben wir so etwas seit dem Ende der letzten Eiszeit nicht mehr erlebt, und die daraus resultierenden Flutgeschichten gehören zu den schrecklichen kollektiven Mythen aller Kulturen.

Es gibt keinen Interessenausgleich zwischen „ökonomischer Vernunft“ und „ökologischer Vernunft“. Es gibt keinen vernünftigen Kompromiss, zwischen den Nutzern und Erzeugern fossiler Energien und der kommenden Generation. Wenn wir – in der kurzen Zeit die noch bleibt – die kommende Kettenreaktion aufhalten wollen müssen wir genau das tun, was die von uns verlangen, die noch zu jung sind, um wirklich selbst entscheidend politisch einzugreifen. (Sie sind übrigens nur noch ein paar Jahre zu jung dafür, und ein paar Jahre später werden sie den Großteil der Macht haben, und dann gnade uns Älteren Gott, wenn wir versagt haben).

Wir müssen uns von all dem verabschieden, was wir zu wissen glauben. Dass Wachstum gut ist. Dass wir unseren Wohlstand halten können. Dass unser politisch-ökonomisches System Sicherheit, Freiheit und Wohlstand garantiert (das tut es sowieso nur für eine Minderheit der Menschen, der wir hier im Nordwesten zufällig angehören). Dass alles so weiter gehen kann. Dass kleinteilige Einheiten wie Nationen in der Lage sind, sich globalen Problemen zu stellen. Und auch: Dass es darum geht „den Planeten“ oder „die Insekten“ oder sonstwas zu retten. Der Planet ist vier Milliarden Jahre alt, und wir haben nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass es ihm nicht egal ist, ob und was da auf ihm herumkreucht. Er hat eine Menge Massenaussterben kommen und gehen sehen, dass der Dinosaurier oder das, das wir aktuell veranstalten, waren/ sind da eher mittelmäßig. Die Insekten werden uns auch überleben. Sie dominieren besagten Planeten seit Jahrmillionen und werden das auch weiter tun, egal, ob wir die Arten die mit uns ins Symbiose leben, ausrotten oder nicht. Was wir retten können, wenn wir schnell handeln, ist uns selbst und wahrscheinlich unsere Zivilisation, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Wer heute mit einem/einer Jugendlichen, der/die sich zum Beispiel an den Fridays for Future beteiligt, über Politik diskutiert und seine Gegenargumentation mit „meiner Erfahrung nach“ beginnt, der diskutiert auf dem Niveau von: „Wir haben Jahrzehntelang gut mit 2+2 = 7 gelebt.“ Es geht nicht mehr.

Da ich mit Sting begonnen habe, möchte ich mit Bob Dylan enden:

Come mothers and fathers
Throughout the land
And don’t criticize
What you can’t understand
Your sons and your daughters
Are beyond your command
Your old road is
Rapidly agin‘.
Please get out of the new one
If you can’t lend your hand
For the times they are a-changin‘


Veröffentlicht unter schreckenberglebt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

schreckenbergzeigt: Den Impfgegnern ins Stammbuch……

Wenn ich meinen Teller nicht leer esse und es am nächsten Tag regnet. Wenn ich Gefangenen das Herz raus schneide und die Sonnenfinsternis endet. Wenn ich eine Impfung bekomme und ein halbes Jahr später eine Allergie bekomme. Impfgegnertum ist die Ausgeburt einer satten, ingnoranten, vorwissenschaftlichen Luxusdummheit. Hier ein paar Worte eines erfahrenen Arztes dazu:

alfredwassermair

Wir können heute Gravitationswellen messen. Das heißt wir können die Veränderungen die in der Raumzeit entstehen, wenn in 5 Milliarden Lichtjahren Entfernung zwei schwarze Löcher kollidieren, hier auf der Erde messen. Am Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatory in Louisiana wurde so eine Messung 2015 erstmalig durchgeführt und die beteiligten Wissenschaftler haben dafür 2017 den Nobelpreis erhalten. Das ist eine wissenschaftliche Materie,die für Laien, für das Alltagsdenken und den Hausverstand unzugänglich ist. Niemand würde aber deshalb auf die Idee kommen, den Nobelpreisträgern zu erklären, das es Gravitationswellen gar nicht gibt.

1796 führte der englische Arzt Edward Jenner die erste Vaccination mit Kuhpocken durch und begründete damit eine der wichtigsten und effektivsten prophylaktischen Techniken in der Medizin. Allerdings war er nicht der Erste. Denn die Abschwächung der Pockenerkrankung durch die Methode der Impfung mit echten Pocken war im Orient und in Westafrika bereits seit langem bekannt. Allerdings hatte diese Form der Lebendimpfung manchmal…

Ursprünglichen Post anzeigen 410 weitere Wörter

Veröffentlicht unter schreckenbergschreibt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

schreckenberglebt: Frauenparkplätze

Eigentlich müsste die Kategorie „schreckenbergkapiertesnicht“ heißen. Frauenparkplätze? Echt Leute? Müssen wir jetzt wieder über Frauenparkplätze diskutieren? Sind wir zurück in den 90ern oder was? Ich habe es damals schon nicht kapiert.

Also, für alle die zu doof sind es selbst zu begreifen: Ca. 99 Prozent der erwachsenen Opfer von sexualisierter Gewalt sind Frauen. Bei sexuellen Belästigungen sind es 97 Prozent. Ich verlinke die verdammten Statisktiken jetzt bewusst nicht, wer das WIRKLICH nicht glaubt soll verdammt nochmal suchen gehen. Ist mir zu blöd. Zwar finden die meisten Akte sexualisierter Gewalt durch Personen aus dem sozialen Nahbereich in der Wohnung des Täters oder des Opfers statt, aber natürlich sind zum Beispiel Parkhäuser ideale Orte für Täter, die ihre Tat NICHT in ihrer Wohnung oder der des Opfers verüben. Muss ich das irgendwem erklären? Versteht Ihr alle, warum das so ist? Ja? Danke.

Was also ist verdammt nochmal logischer, als an diesen potentiell gefährlichen Orten Plätze für die potentiellen Opfer zu reservieren, die potentiellen Tätern die Tat erschweren? Ist das überhaupt eine Frage oder einen zweiten Gedanken wert? Um mich entsprechend zu verhalten brauche ich nicht die Straßenverkehrsordnung, das diktieren der gesunde Menschenverstand und simple Mitmenschlichkeit.

Männer, die sich dadurch ernsthaft diskriminiert fühlen sind erstens erbärmlich und sollten sich zweitens mal überlegen, was schlimmer ist: ihre persönliche gefühlte Diskriminierung und die 20 Meter die sie mehr gehen müssen, oder die Vergewaltigung, die statt findet, weil das Opfer keinen Parkplatz nah an einem Fluchtweg hatte. FRAUEN die sich durch Frauenparkplätze diskriminiert fühlen… ach ich will nicht mansplainen. Diskutiert einfach mit anderen Frauen darüber. Die werden Euch ihr Teil dazu sagen.

Wir diskutieren über Frauenparkplätze. Ich fasse es nicht.


Veröffentlicht unter schreckenberglebt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

schreckenbergschreibt: Meinungsfreiheit

Stefan Kretzschmar hat übrigens nicht gesagt, es gebe keine Meinungsfreiheit in Deutschland. Er meint nur, für Profisportler sei es schwer, die zu leben. Naja… für Autoren ist das auch nicht immer einfach.

Seitdem gibt es – angeblich – eine große Debatte um Meinungsfreiheit hierzulande. Echt? Die gibt es? Okay, dann beenden wir sie doch einfach wieder. Um mal das Grundgesetz zu zitieren (Artikel 5):

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.  Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Was bedeutet das? Ich darf zum Beispiel hier in meinem Blog sagen, dass meiner Meinung nach Harald Martenstein eine Menge dummes Zeug redet. Oder dass die SPD – immerhin eine Regierungspartei – den Verrat an den eigenen Mitglieder und Wählerinnen und Wählern in den Jahren 1918 bis 1920 niemals aufgearbeitet hat, immer noch leugnet und dass das dazu führt, dass sie diesen Verrat immer wieder wiederholt. Ich darf sagen, dass ich die AfD für eine verlogene, rassistische und faschistoide Partei und ihre Wähler für nicht besser halte. Ich darf sagen, dass ich Feminismus gut finde. Ich darf sagen, dass ich das Urheberrecht für ein schützens- und verteidigenswertes Gut halte. Ich darf sagen, dass ich American Football interessanter finde als Fußball. Ich darf sagen, dass ich unser politisch-wirtschaftliches System, wie es sich heute darstellt, für ungeeignet halte, den großen Herausforderungen der Zukunft zu begegnen. Ich darf sagen, dass ich alle Selbstverteidigungssysteme die sich vorrangig auf aktive Blocks zur Abwehr stützen, für nicht straßentauglich halte. Ich darf, ich darf, ich darf…

Ich darf all das sagen und schreiben, ohne dass der Staat (!) mich dafür irgendwelchen Einschränkungen und Repressalien aussetzt. Was ich NICHT darf ist erwarten, dass niemand diesen durchaus kontroversen Ansichten widerspricht. Oder… erwarten darf ich das. Aber ich muss damit rechnen, dass die Erwartung enttäuscht wird. Denn ich bin nicht alleine mit meiner Meinungsfreiheit. Die anderen haben die auch. Und wenn ihre Meinung eine andere ist als meine, dann dürfen sie das sagen!

MEINUNGSFREIHEIT BEDEUTET NICHT SCHUTZ VOR DER MEINUNGSFREIHEIT ANDERER!

Und es geht sogar noch weiter. Sagen wir, ich gehe zu einer Lesung von Harald Martenstein und beginne, unangenehme Fragen zu stellen. Wäre es eine Einschränkung meiner Meinungsfreiheit, wenn der Buchhändler, bei dem er liest, mich daraufhin vor die Tür setzt, weil ich die Stimmung versaue? Mitnichten. Er macht nur von seinem Hausrecht gebrauch.

Sagen wir, ich schreibe ein flammendes politisches Manifest, in dem ich all meine Ansichten darlege und erkläre, wie wir Deutschland und die Welt retten – und finde dafür keinen Verleger. Einschränkung meiner Meinungsfreiheit? Nein. Ich habe keinen Anspruch darauf, dass andere meine Meinung teilen und verbreiten.

Sagen wir ich mache eine Lesung und lese nicht aus meinen Büchern, sondern aus meinem Blog. Wenn die Zuhörer daraufhin enttäuscht den Saal verlassen ist das keine Einschränkung meiner Meinungsfreiheit. Niemand muss mir zuhören. Selbst wenn Identitäre den Saal stürmen und versuchen, mich am Lesen zu hindern ist das keine Einschränkung meiner Meinungsfreiheit, weil die sich nur auf den Staat bezieht. Allerdings ist es eine Verletzung des Hausrechts und ich befinde mich – zumindest angenommen – in einer Notwehrsituation, und das soll den Identitären schlecht bekommen. Aber mit meiner MEINUNSGFREIHEIT hat das nichts zu tun.

Unsere Grundrechte sind ein sehr, sehr hohes Gut. Wer mit ihnen spielt, auch verbal, und sie relativiert zündelt an den zivilisatorischen Grundfesten unserer Gesellschaft und ist ein unverantwortlicher Schwachkopf. Meine Meinung.

Veröffentlicht unter schreckenberglebt, schreckenbergliest, schreckenbergschreibt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

schreckenberglebt: Neutralität, Womanizer und Vergewaltigung

Ursprünglich sollte dieser Blog sich hauptsächlich mit meiner Schreiberei beschäftigen. Da ich aber letztlich so viel schreibe (also Drehbuch und Belletristik), dass ich nicht genau weiß, was ich ÜBER das Schreiben schreiben soll, habe ich Alltagssleben, Gedanken, Filme, Musik, etc. mit aufgenommen. Langsam habe ich aber das Gefühl, dass dieser Blog zu einem feministischen Blog mutiert. Dabei bin ich noch nicht einmal sicher, dass ich wirklich Feminist bin. Reicht es wirklich dafür aus, Frauen und Männer als selbstverständlich gleichwertige Menschen zu betrachten?

Aber in letzter Zeit lese ich so viel von jammernden Männern die sich allen Ernstes bedroht oder sonstwie negativ berührt fühlen, weil Frauen bitteschön nicht als niedliches, menschenähnliches Sexvieh betrachtet werden wollen, dass ich quasi dauerverstört bin. Also schreibe und reblogge ich eben viel darüber (wer gleich zum eventuell feministischen Teil kommen möchte, möge nacht unten scrollen), here we go:

Harald Martenstein schreibt zuweilen sehr schlaues, oft aber leider auch ziemlich dummes Zeug. Insbesondere in seiner Kolumne im ZEIT-Magazin. In der aktuellen Ausgabe (sorry, Paywall) ist sein eigentliches Thema die Frage, ob Journalisten (in ihren Artikeln) eine Haltung haben und zeigen sollten oder nicht. Er drückt dabei seinen durchaus lustigen Glauben an Neutralität in der Berichterstattung aus und verlangt von Journalisten, dass sie nur die objektive Wahrheit wiedergeben. Muss ich erklären, warum es albern ist, die Wiedergabe objektiver Warheit mit haltungsloser Neutralität zu verwechseln? Okay: Selbst wenn ich die neutralstmögliche journalistische Form, die Nachricht, betrachte, ist völlige Neutralität eine Illusion. Nah an neutral wäre das (wir gehen mal davon aus, dass jeder der folgenden Sätze objektiv wahr ist):

Mensch wird verdächtigt, Juwelier ausgeraubt zu haben.

Schon:

Mensch raubt Juwelier aus. ist eine Wertung.

Mann raubt Juwelier aus. eine weitere Wertung, in dem ich dem Menschen eine Eigenschaft zuspreche.

Leverkusener raubt Juwelier aus. dass der Mann ein Leverkusener ist, ist für die Tatsache der Nachricht eigentlich irrelevant. Der Journalist geht aber mit Recht davon aus, dass das viele Leute in Leverkusen interessiert. Und womöglich auch Leute in Köln, die eine bestimme Meinung über Leverkusener haben und diese bestätigt oder dementiert sehen. Von Neutralität sind wir jetzt schon ein gutes Stück entfernt.

Leverkusener polnischer Abstammung raubt Juwelier aus. jetzt haben wir das Feld erreicht, wo klar wird, dass sowohl die Nennung als auch das das Weglassen einer Eigenschaft von verschiedenen Menschen als Verletzung der Neutralität gewertet wird. Und noch einer:

Leverkusener polnischer Abstammung raubt Juwelier aus, der seine Tochter überfahren hat. Und wieder haben wir durch das Hinzufügen einer zuvor weggelassenen Information ebenso gewertet, wie wir es durch das Weglassen der Information getan hätten.

Und zuletzt gehen wir ein wenig in die Nachricht rein:

Gestern Mittag raubte ein Leverkusener polnischer Abstammung einen deutschen Juwelier aus. Eine zufällig vorbeikommende Ghanaerin schlug den mutmaßlichen Täter nieder und hielt ihn fest, bis die Polizei kam.

Wer möchte kann jetzt mal das spaßige Experiment machen und die Abstammung und das Geschlecht von Täter, Opfer und Heldin herumschieben, hinzufügen und weglassen und sich dabei auch noch vorstellen, die Nachricht sei wahlweise aus der Taz oder der Bild. Es werden sich unterschiedliche Gefühle einstellen – alle wegen eines objektiven Tatsachenberichts.

ES GIBT KEINE BERICHTERSTATTUNG OHNE HALTUNG! Redlich ist es daher, wenn Journalisten oder Medien ihre Haltung benennen. Das kann durchaus eine Verpflichtung sein, so unvoreingenommen wie möglich zu arbeiten. Aber der Grund, warum viele Zeitungen ihr Weltbild im Titel tragen („Zeitung für Politik und Christliche Kultur“ oder so) ist die redliche Absicht, Leserinnen und Leser darüber zu informieren, dass es keine neutrale Berichterstattung gibt, und mit welcher Haltung man in diesem Blatt zu rechnen hat.

Und nun kommt der eventuell feministische Teil:

Neben der lustigen Missachtung von journalistischem Basiswissen äußert Martenstein nebenbei und im Rahmen einer Reihe ähnlicher Begriffspaare:

„Was wenn (…) ein Womanzier kein Vergewaltiger (…) [ist]?“

Tja.

Was wenn ein Schriftsteller kein Ladendieb ist? Was wenn eine Buchhändlerin keine Marathonläuferin ist? Was wenn ein Gnu nicht Eduard heißt?

Ein Womanizer ist jemand, der – warum auch immer – so attraktiv ist, dass viele Frauen mit ihm Sex haben wollen, und der diese seine Eigenschaft zu seinem Vergnügen ausnutzt. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Ein Vergewaltiger ist jemand, der sich, um sein persönliches Machtgelüst zu befriedigen*, einem anderen Menschen aufzwingt und sie oder ihn penetriert. Dagegen ist sehr, sehr viel einzuwenden.

Beides hat erstmal nichts miteinander zu tun. Es mag Womanizer geben, die Vergewaltiger sind. Es mag aber auch Incels geben, die Vergewaltiger sind. Es mag Bäcker geben, die Vergewaltiger sind. Leverkusener. Über 40-jährige. Etc., etc. Und ebenso gibt es selbstverständlich weitaus mehr Womanizer, Incels, Bäcker, Leverkusener und Über 40-jährige, die keine Vergewaltiger sind. Was soll also dieser in seiner Selbstverständlichkeit völlig lächerliche Satz?

Naja, das ist natürlich klar. In letzter Zeit sind – auch aber nicht nur im Rahmen von metoo** – viele Fälle aufgekommen, in denen Frauen (und in mindestens einem Fall auch Männer) nach langer Zeit den Mut gefunden haben, gegen mächtige und einflussreiche Männer aufzustehen, die sie in der Vergangenheit sexuell genötigt und / oder vergewaltigt haben. Eine der Standardverteidigung besagter Männer ist: „Die waren alle freiwillig mit mir im Bett.“ Oder anders: „Ich bin ein Womanizer.“

Es kommt immer wieder mal vor, dass jemand fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt wird, ja, leider. Es kommt aber sehr viel öfter vor, dass Opfer von Vergewaltigungen die Tat aus Angst oder Scham nicht zur Anzeige bringen. Wenn also ein angebliches Opfer jemanden der Vergewaltigung bezichtigt, dann kann das eine Lüge sein. Statistisch wahrscheinlicher aber ist, dass es keine ist. Wenn aber VIELE angebliche Opfer den selben Menschen der Vergewaltigung (oder sexuellen Nötigung) bezichtigen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die Mehrheit von ihnen die Wahrheit sagt. Insbesondere dann, wenn sie die Tat nicht nur zur Anzeige bringen, sondern öffentlich machen. Denn sich öffentlich als Opfer sexualisierter Gewalt zu outen ist nicht so einfach, wie die Martensteins dieser Welt sich das offenbar vorstellen.

Tut Martenstein das wirklich, mit seinem sinnleeren Satz? Stellt er sich auf die Seite der Täter, denunziert er die Opfer? Es scheint so, wahrscheinlich tut er es. Aber sicher ist es nicht, er könnte jederzeit sagen: „Nein, so meine ich das nicht, ich wollte nur mal eine sinnlose Verknüpfung hinschreiben, und die Sache mit den Buchhändlerinnen und dem Marathon fand ich irgendwie unpassend.“ Kann man machen. Das wäre dann, eine Haltung zwar zu haben, aber nicht dazu zu stehen.

*NEIN! Eine Vergewaltigung geschieht nicht aus sexuellen Motiven. Die Penetration geschieht nicht zur Befriedigung sexueller Lust, sondern aus dem Wunsch, Macht auszuüben. Die Tatsache, dass kein Konsens besteht oder das Opfer nicht konsensfähig ist, macht einen für den Täter wichtigen Teil des Aktes der Vergewaltigung aus. Deshalb spricht man ja auch seriöserweise schon lange nicht mehr von sexueller, sondern von sexualisierter Gewalt. Wer das nicht glaubt recherchiere bitte wissenschaftliche Quellen zu dem Thema.

** „Me, too“ bedeutet übrigens nicht, wie manche zu glauben scheinen, „Männer sind Schweine!“, „Vorwärts für das Matriarchat!“ oder „Schwanz ab!“. Sondern „ich auch“. Im Zusammenhang: „ICH bin AUCH Opfer von sexueller Belästigung, Nötigung und/oder Gewalt geworden.“ Dass so dermaßen viele Frauen dieses “ me too“ aussprechen, sollte für uns Männer Anlass zu Besorgnis, Fragen und Zuhören sein. Und nicht zu sexistischem Mimimi-Geschrei. Aber darüber wollte ich ja auch noch mal schreiben…

Veröffentlicht unter schreckenberglebt, schreckenbergliest | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 1 Kommentar

schreckenbergzeigt: Von Rasierern

Wer diesen Blog verfolgt weiß, dass ich mich mit einem Rasiermesser rasiere. Ich nutze also die Produkte der Firma Gilette in der Regel nicht und habe keine Meinung zu ihrer Qualität. Der Grund, warum ich diesen Beitrag von Sarah reblogge ist, dass ich völlig entzückt von der Aussage des Imagespots bin. Und einmal mehr ermüdet von den Männlein, die ein Problem mit ihm haben.

Der Guppy war's und nicht die Lerche

Wer hätte gedacht, dass ich einmal komplett entzückt von einer Gikettewerbunf bin? Anscheinend kriegt der spot auf social media enormen Gegenwind von Männern, dir sich angegriffen fühlen. Meine Fresse.

Ursprünglichen Post anzeigen

Veröffentlicht unter schreckenberglebt, schreckenbergzeigt - Reblogs & Co., Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 1 Kommentar