schreckenbergschaut: Wahlaufruf und Fantasy Filmfest 2

Da ich mich ja mit diesem Blog öffentlich äußere will ich tun, was viele andere Blogger auch tun und Euch bitten: Geht morgen wählen! (Sofern Ihr in Deutschland wahlberechtigt seid 😀 ). Wenn man nicht in eine Partei eintreten möchte gibt es nicht sooooo viele Gelegenheiten zur demokratischen Teilhabe. Nicht wählen oder ungültig wählen ist kein Protest  oder so etwas – es ist einfach ein Verzicht auf Teilhabe.

Was ich allerdings nicht tue ist, in dieses andere Horn tuten, das da lautet: Egal was ihr wählt, geht einfach wählen blablabla. Nee, ist nicht egal. Man muss einfach nur ein wenig nach Osten schauen um zu verstehen, WIE nicht egal das ist. Daher meine Bitte:

Wählt nicht mit Angst!

Wählt keine Partei, weil ihr Angst vor etwas habt und glaubt, dass die Politik dieser Partei das aufhalten wird. Die Welt wird nicht bleiben wie sie ist. Das tut sie nie. Und sie wird nie wieder so werden wie sie war. Ich kann verstehen, wenn ihr Angst vor Veränderungen habt, die habe ich ihn vielen Bereichen auch. Aber wählt niemanden, der Euch sagt, dass er die Veränderungen verhindern wird, dass er dafür sorgen wird, dass alles wieder so wird wie es war. Das ist gelogen und nicht möglich.

Wählt die, von denen ihr glaubt, dass sie die sich wandelnde Welt so gestalten werden, dass Ihr Euch – weiterhin oder wieder – darin wohlfühlt. Wir leben sicher in einem der reichsten Länder der Erde. Ja, es gibt Verbrechen, ja es gibt Terroranschläge. Im Jahr 2016 gab es in Deutschland 373 Mordopfer. Das sind 27 mehr als es Verkehrstote allein  im AUGUST 2016 gab. Versteht mich nicht falsch – ich will die Opfer nicht gegeneinander aufrechnen oder gar irgendeinen Toten für weniger wichtig erklären als einen anderen. Was ich sagen will ist: Fragt Euch, ob ihr mehr Angst vor Mördern oder vor Autos habt. Und ob der Medienhype darum, dass unser Land so viel unsicherer sei als früher irgendetwas mit der Realität zu tun hat. Ich könnte jetzt noch mehr Statistiken auffahren, aber ich überlasse die Recherche Euch. 😉

Wählt nicht mit Angst. Redet Euch nicht den Blödsinn vom kleineren Übel ein. Schaut Euch Eure Wahlkreiskandidatinnen und -kandidaten an, schaut Euch die Parteien an. Wählt die, von denen ihr am ehesten glaubt, dass sie dafür sorgen, dass Deutschland bei all den Veränderungen, ein friedliches, freundliches Land bleibt in dem man gut leben kann.

Danke.

And now for something completely different:

Fantasy Filmfest in Köln, mein Tag 2, wieder zwei Filme:

Schneeflöckchen
Deutschland 2017
Buch: Arend Remmers
Regie: Adolfo Kolmerer, William James

In einem Berlin der Zukunft wie es sich die oben genannten Angstmacherparteien vorstellen entdecken zwei Gangster ein Drehbuch, indem sie ihre eigene Geschichte lesen – genau so, wie sie sich gerade abspielt.

Das ist die Ausgangssituation. Der Film, der daraus geworden ist, hätte auf so vielen Ebenen schief gehen können und ich gestehe: Ich habe auch erwartet, dass er schief geht. Deutsche Filme dieser Art pflegen ihre gute Ausgangsidee grandios in den Sand zu setzen. Ich hatte mir für meinen Verriß schon ein cleveres Wortspiel mit „Mindfuck“ überlegt, auf dass ich jetzt leider verzichten muss, denn Schneeflöckchen ist ein ganz wunderbarer Film. Finde ich.

Ich glaube, vielen wird er nicht gefallen. Zu schräg, zu wirr, zu ungewohnt, zu mutig vielleicht. Zu blutig vielleicht auch, der ist schon recht konsequent gemacht. Aber ich bin Drehbuchautor und aus dieser Perspektive ist der Film so unglaublich richtig. Und lustig. Und überraschend. Und absurd. Wunderschön.

Klar, der ist unlogisch und klischeehaft und viel schlechte Tarantinoanspielung, und, und, und, aber: Der Drehbuchautor (also der fiktive, der ebenso heißt wie der reale) ist kein Profi, sondern Zahnarzt und Hobbyautor. Dabei kommt halt sowas raus. Nicht nörgeln, genießen.

Mann, macht der Film Spaß!

Das anschließende Frage- und Antwortspiel mit den Machern habe ich mir trotzdem gespart. Ich will niemand zu nahe treten und wahrscheinlich sind da nur tolle Fragen gestellt worden, aber das war dann die Ausnahme. Ich kenne das von vergangenen FFF anders. Und ich wollte mir den Genuß nicht nachträglich versauen

Der andere Film war:

Radius
Kanada 2017
Buch und Regie: Caroline Labréche, Steeve Léonard

Hübscher Mysteryfilm mit vielen, vielleicht etwas zu vielen überraschenden Wendungen und ein, zwei Zufällen zuviel. Und nach Schneeflöckchen fiel der natürlich ab. Nichtsdestotrotz: Gut, spannend, überraschend, sehenswert. Bei der Moral von der Geschichte bin ich anderer Meinung als die Autoren, aber da kann man diskutieren. Um es diskutieren zu können muss ich aber massiv spoilern, daher nun eine:

+++ SPOILERWARNUNG +++ SPOILERWARNUNG +++ SPOILERWARNUNG +++

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Okay, Liamh ist also ein Serienkiller, der durch Gedächtnisverlust zu dem netten Typen wird, mit dem wir die ganze Zeit mitfiebern und den wir mögen. Der seine Taten, als ihm klar wird, was er ist, so sehr verabscheut, dass er sich übergeben muss und völlig fertig ist? Glaube ich nicht. Aus folgendem Grund:

Ich kann Liamh nur sehr grob und laienhaft diagnostizieren, aber der Serienkiller Liamh ist meiner Vermutung nach ein Psychopath / Narzisst, eventuell auch ein Sadist. Psychopathie und Sadismus sind angeboren. Die Anlage zum Narzissmus auch, soviel ich weiß. Jede einzelne dieser Anlagen an sich macht noch keinen Verbrecher. Im Gegenteil: Sadisten können sehr liebevolle Menschen mit starkem Beschützerinstinkt sein. Psychopathen effektive, nützliche Mitglieder der Gesellschaft. Die Kombi aller drei Anlagen ist allerdings ziemlich toxisch. Kann sein, dass der böse Liamh auch durch traumatische Erlebnisse (in Kombination mit Veranlagung) zum Serienmörder geworden ist, aber Traumata hinterlassen auch neurologische Spuren im Gehirn. All das lässt sich nicht einfach durch eine Amnesie auslöschen.

 

 

 

 

+++++++ SPOILERWARNUNG ENDE +++++++ SPOILERWARNUNG ENDE  ++++++++++++

Zwei Tage Fantasy Filmfest. Vier sehenswerte Filme. Ich bin wirklich angetan. 🙂

 

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schreckenbergschaut: Fantasy Filmfest 2017 und mehr

Jaaaaa… diese Idee, 2017 jede Woche einen Blogeintrag zu machen hat nicht so richtig hingehauen, fürchte ich.  Dass es ein wirklich arbeitsreiches erstes Dreivierteljahr war reicht da nicht als Grund, aber hey – es WAR ein wirklich arbeitsreiches erstes Dreivierteljahr. Herbst ist Erntezeit für Autoren, jedenfalls für mich. Diesen Monat erscheinen zwei Anthologien in denen jeweils eine Kurzgeschichte (Krimi) und eine Novelle (Horror) von mir enthalten sind, und Montag ist Drehbeginn für die Folge einer Krimiserie, die ich gemeinsam mit Sarah geschrieben habe. Ebenfalls mit Sarah schreibe ich an weiteren Drehbuchprojekten für Serien und einen Spielfilm, dazu kommt ein neues Romanprojekt (ich weiß, das Wort „Projekt“ bedeutet meist: Wirdnixdraus, aber in diesen Fällen ist es wirklich konkret und es gibt Verträge 😀 )… No rest for the wicked. Und damit das klar ist: Ich beschwere mich nicht. Ich bin verdammt gerne Geschichtenerzähler.

Aber das ist nicht der Grund aus dem ich meinen Blog wiederbelebe. Das Fantasy Filmfest ist wieder zu Gast in Köln und wie jedes Jahr werde ich versuchen, über die Filme die ich sehe zu bloggen. Diesmal sind es 14, mehr als je zuvor. Ich versuche gar nicht, eine ausführliche Kritik über jeden zu schreiben, dass das nicht funktioniert habe ich inzwischen gelernt. Aber ein paar Sätze und Eindrücke… das KÖNNTE klappen. Here we go. Für mich begann das FFF heute mit:

Trench 11
Kanada 2017
Buch: Matt Booi, Leo Scherman
Regie: Leo Scherman

Eigentlich habe ich den Film nur in meinen Plan aufgenommen, weil er zeitlich gut rein passte. Auf meiner Rangliste, die ich mir seit einigen Jahren vor jedem FFF mache und auf der ich Punkte in verschiedenen Kategorien vergebe, damit ich mich nicht auf das Programmheft und meinen Instinkt verlasse (das ist zu oft schief gegangen) belegt er nur Platz 28. Der Film spielt im 1. Weltkrieg, der mich besonders interessiert, das war ein Plus, aber es klang irgendwie nach Soldiers vs. Zombies und der 1. Weltkrieg war eigentlich an sich schon so grauenvoll, dass zusätzliche Horrorelemente eher abgeschmackt scheinen. Naja…

Ich habe ihn mir, wie gesagt, dennoch angesehen und war positiv überrascht. Das Setting ist SEHR bekannt – ein unterirdisches Labor in dem geheime Experimente durchgeführt wurden, ein Trupp Soldaten, der erkunden soll, was passiert ist…

Der Film ist keine große Kunst. Aber er ist unterhaltsam, spannend, NICHT Soldiers vs. Zombies und auch nicht abgeschmackt. Die Schauspieler liefern eine solide Leistung ab (nur Robert Stadlober als böser deutscher Wissenschaftsoffizier versucht etwas zu sehr Christoph Waltz zu sein und scheitert selbstverständlich daran), die Geschichte ist, im Rahmen dessen was möglich ist, überraschend, das Ende lädt zum Spekulieren ein. Hat Spaß gemacht.

Dann folgte:

The Autopsy of Jane Doe
USA 2016
Buch: Ian Goldberg, Richard Naing
Regie: André Ovredal

Der Film sollte eigentlich schon letztes Jahr auf dem FFF laufen, hat aber damals irgendwie nicht geklappt. Also diesmal. Auf meiner Liste hatte er Platz 13. Warum ich ihn vor allem sehen wollte sage ich jetzt nicht, das wäre ein Spoiler (ich hatte Insidertipps 😀 ) aber ich bin froh, dass ich ihn gesehen habe.

Auch hier wieder: Kein Film der mich noch jahrelang verfolgen wird, aber ein mit einfachen Mitteln verdammt gut gemachter, klassischer Horrorfilm. Sehr wenig Jumpscares (eigentlich nur zwei richtige) was ich schätze. Statt dessen benutzen Goldberg, Naing und Ovredal die Vorstellung des Zuschauers, was ich ebenfalls sehr schätze. Tatsächlich erzählt der Film nur die Autopsy dieser unbekannten Frauenleiche – und was währenddessen passiert. Wenige Schauplätze, wenige Figuren und eine gute Idee. Manchmal braucht es gar nicht mehr.

 

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Wien Ticket und Breitbart

Wie heißt es so schön bei Spaceballs? „Evil will always triumph. Because good is dumb.“

Weil wir nicht alle Naziseiten sperren können sperren wir einfach auch die nicht, die wir sperren könnten. Denn kleine Lösungen sind für kleine Geister. Große Salonlinke wie wir wollen die perfekte Lösung – und sonst nichts. Ist ja nicht so, dass das in der Geschichte schon tausendmal schief gegangen wäre.

Der Guppy war's und nicht die Lerche

Grad ein Telefonat mit dem Kundendienst von Wien Ticket geführt, die mir erklärt haben, warum sie zwar intern darüber nachgedacht haben, Breitbart News zu blacklisten – aber es nicht tun werden. Weil nämlich, es gibt so viele rechtsextreme Seiten, da greift es viel zu kurz und bringt nix, wenn man mit einer anfängt. Also… lieber gar nix machen, das sei ’nicht ihr business‘.

Auf Deutsch: „Wir können eh nicht alle Nazis der Welt besiegen, also verweigern wir die kleinste Geste.*“


*die, möchte ich hinzufügen, ein paar Minuten dauern und nichts kosten würde

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schreckenberglebt: Es muss sein! – und mehr.

Ich hatte mir ja vorgenommen, dieses Jahr jede Woche mindestens einmal zu bloggen – nun sind zwei Wochen seit meinem letzten Blogbeitrag vergangen. Aber zwischendurch ist viel passiert : Ich war in Wien, Linz und Aschach, habe mit Sarah für unser Drehbuch recherchiert und geplottet, wir haben die Aufführung unserer gemeinsamen Kurzgeschichte im Brucknerhaus gesehen, habe mir den vielleicht spannendsten Superbowl der letzten Jahre angesehen, Verträge unteschrieben, Lesungen abgemacht, Material für weitere Projekte gesichtet… das waren wirklich zwei sehr ereignis- und arbeitsreiche Wochen. Im Detail:

Drehbuch:

Der Vertrag liegt hier, fast neben mir, bereit zur Unterschrift, wir müssen ihn nur nochmal gegenchecken. Aber ich gehe davon aus, dass ich ihn unterschreiben und abschicken werde und dann – tja, dann bin ich Schriftsteller UND Drehbuchautor. Was mir wichtig ist, nicht nur, weil die Branche, seien wir ehrlich, ziemlich gut bezahlt. Ich liebe Filme und Serien (das wird ein Seriendrehbuch) sind im Moment die Erzählform, die sich am spannendsten entwickelt. Okay, ich schreibe nicht für The OA, Stranger Things, Dr. Who oder Janus, aber… es ist ein wichtiger erster Schritt und ich bin froh, dass ich ihn machen kann. Doppelt froh, ihn mit Sarah zu machen, meiner besten Freundin, die sehr viel mehr Erfahrung damit hat als ich. Wir kennen uns sehr gut, wir vertrauen uns – und dass wir gut zusammenarbeiten können haben wir bereits festgestellt, nämlich bei…

Es muss sein!

Erzählt habe ich ja schon vorletzte Woche von unserem gemeinsamen Projekt, heute vor einer Woche wurde es im großen Rahmen aufgeführt. Es war eine gekürzte Version, wir hätten vielleicht anders gekürzt, aber das war nicht schlimm. Und mannomann, kann Christian Brückner lesen. Ich meine… das ist jetzt nicht wirklich neu, aber… der Mann kann lesen. Ich halte mich auch für einen recht guten Leser, aber das ist dann doch einige Klassen besser. Großer Genuss.

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Sarah, yours truly und Claudia (v.l.) lauschen, während Christian Brückner „Es muss sein!“ liest. Es hat was, dabei zu sein, wenn die eigene Geschichte zum Leben erwacht. (Screenshot aus einem Beitrag von BTV Öberösterreich.)

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Sarah und ich beim Interview. Laut Sarahs Mutter habe ich „was G’scheit’s“ gesagt. Eigentlich haben wir beide viel mehr gesagt, aber die Sendezeit… irgendwo muss man immer schneiden. 😀 (Screenshot aus dem selben Beitrag.)

Sarah und ich planen, die Geschichte bald auch in lesbarer Form herauszugeben, überlegen nur noch, wie genau. Wenn wir es wissen sage ich sofort Bescheid.

Ein Oberösterreichischer Lokalsender hat über die Aufführung berichtet, den Beitrag findet Ihr hier.

Superbowl

Während des ganzen Wochenendes genossen Claudia und ich die große Gastfreundschaft der Familie Wassermair. Danke. 🙂 Regelmäßigen Lesern dieses Blogs dürfte bekannt sein, dass ich – seit mein Sohn Football spielt – zu einem großen Fan des American Football geworden bin. So sah ich also am Sonntagabend im Hause Wassermair den Höhepunkt der American Football Saison, das Spiel um den Superbowl 2017. Was das für ein Drama war ist anderswo oft genug berichtet. Vor allem aber – das Drama dauerte lang. Zuerst verließ Claudia uns, dann Sarahs Vater. Sarah hielt bis zur Halftime mit mir aus, danach war ich alleine mit Boomer, einem der beiden riesigen, überaus liebenswerten wassermaierschen Mainecoons.

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Aber auch er verließ mich in Richtung Traumland…

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…also habe ich das Ende dieses denkwürdigen Spieles alleine gesehen. Und mich wieder einmal bestätigt gesehen: Was für ein großartiger Sport.

Kurzgeschichten, Lesungen und mehr…

Noch in Wien haben mich das Material für ein weiteres (noch) geheimes Projekt sowie Anfragen für zwei Kurzgeschichten und eine Lesung erreicht. Bei den Kurzgeschichten handelt es sich um Beiträge für die nächste oberbergische Anthologie aus dem JUHRVerlag und eine Gruselanthologie aus dem Gardez!Verlag. Ich habe beide zugesagt, und sage Euch bezeiten Bescheid, wenn es mehr dazu gibt.

Das selbe gilt für die Lesungen – eine Whiskylesung Ende März in Remscheid und eine zweite Trashlesung im Rahmen von LevLiest.

Dann gibt es, wie gesagt, noch zwei Dinge über die ich noch nicht reden kann weil sie noch nicht spruchreif sind. Zu einem davon habe ich am kommenden Mittwoch eine Besprechung.

So… das waren also die Gründe für meine Funkstille seit Feburarbeginn. Zwei sehr ereignisreiche, schöne, spannende Wochen. No rest for the wicked. 😉

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schreckenbergschreibt: Es muss sein!

2015 habe ich meinen Blog sehr vernachlässigt, weswegen es tatsächlich nur einen Eintrag über Sarahs und meine erste (offizielle) Zusammenarbeit gibt: Die musikalische Erzählung „Es muss sein!“ Der Einfachheit halber zitiere ich mich mal eben selbst:

“ Ende April ((2015)) fragte Sarah mich, ob wir nicht einmal etwas zusammen schreiben sollten, sie hätte da eine Anfrage, die gut zu uns als Team passen würde. Wie sich herausstellte handelte es sich um ein Auftragswerk für eine Oberösterreichische Blaskapelle, die zur Lesung mit Musik eine Kurzgeschichte über den Oberösterreichischen Bauernkrieg von 1626 suchte. (…) Die Zusammenarbeit klappte, wie erhofft, hervorragend (…) Herausgekommen ist eine Geschichte mit Namen „Es muss sein“, auf die wir beide ziemlich stolz sind. (…)

Was mir NICHT klar war war, dass ich (von Schützenfesten und ähnlichen… Dingen geprägt) leicht unterschätzte, WAS die Marktmusik Haag für eine Blaskapelle ist und welche regionale Bedeutung die dort haben. Denn…

Als unsere Geschichte am 12. Dezember dieses Jahres in Haag am Hausruck uraufgeführt wurde, da waren meine Co-Autorin und ich nicht dabei. (…) So habe ich verpasst, wie Christian Brückner unsere Geschichte vorlas und damit (so die Berichte von Zuschauern) das Publikum zu Tränen rührte und stehende Ovationen erhielt. Nun – der Mann liest eben großartig. 🙂“

Warum berichte ich hier von vergangenen Heldentaten? Nun, morgen Abend fliege ich nach Wien*, um mich für ein paar Tage mit meiner besten Freundin in Klausur zu begeben und eine neue, größere gemeinsame Arbeit zu beginnen. Wir haben uns lange darum bemüht, jetzt endlich ist es soweit, Verträge werden ausgefertigt, der Stein rollt. Und es ist irgendwie passend, dass wir im Rahmen dieses Besuches einen Ausflug nach Linz** machen, weil das Brucknerhaus unsere Geschichte erneut aufführt. Diesmal sind wir eingeladen, Ehrenkarten für die Holde Herrin***, Sarah und mich (ich hatte noch NIE Ehrenkarten für irgendwas und versuche immer noch, mich nicht allzu wichtig zu nehmen 😀 ). Und ich freue mich wie Bolle darauf.

Ich bin nicht gewohnt, im Team zu arbeiten. Ich bin ein Einzelkämpfer, literarisch. Umso schöner ist es, eine Partnerin in Crime zu haben, die mich so gut versteht und mit der ich mich so gut verstehe, dass ich meinen Stolz und meine Eitelkeit und meine Unsicherheit vergesse, die Reise in eine Geschichte, in „die Zone“, zusammen antreten kann und dort einen gemeinsamen Raum finde. Danke, Beste.

Für Euch, wenn Ihr Lust habt und es Euch nach Linz zieht: Es gibt noch Karten, soviel ich weiß. 🙂

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* Ja, ich bin ein paar Tage nicht zu Hause. Ich lebe aber nicht alleine. Falls Ihr professionelle Einbrecher seid und dennoch eine Chance wittert, lasst es. Zwei Gründe:

1.) Als ich noch in der PR-Agentur arbeitete, vor Jahren, gab es mal einen Einbruch in unsere Büros. Meins war das einzige, in dem die Diebe nicht waren. Die gängigste und plausibelste Theorie dazu war, dass sie rein geschaut und gedacht haben, sie hätten es schon verwüstet.
2.) Es lohnt nicht. Meinen Laptop nehme ich mit. Ansonsten… wir haben nichtmal eine Kaffeemaschine. Spart Euch die Mühe.

** Richtig, auch Sarahs Wohnung wird dann verwaist sein. Sie weist gerne darauf hin, dass es da aber nichts Klauenswertes gibt, abgesehen von ihrem Aquarium. Das besteht aus schwerem Glas und faßt 600 Liter Wasser oder so. Viel Spaß.

*** Ja, ebenfalls richtig, auch Claudia (aka Die Holde Herrin) wird ein paar Tage nicht zu Hause sein. Wenn ihr aber das Glück habt, nicht auf unsere nicht mehr besonders kindlichen Kinder zu treffen (zwei Kampfsportlerinnen und ein American-Footballspieler),  dann gilt immer noch *.

 

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schreckenberglebt: Mythos Waffenabwehr

Eigentlich sollte ich gerade ein kleines Firmenportrait schreiben…

Und wenn ich schon blogge, dann sollte ich eigentlich besser über das Treffen der Jury für den Friedrich-Glauser-Preis (Sparte Debut) am vergangenen Samstag schreiben. Oder über mein Kyusho-Jitsu Seminar am Sonntag. Oder wie verdammt MÜDE ich nach diesem Wochenende war. 😀 Oder über die heutige Telefonkonferenz mit Produktion, Redaktion und Headautor, in der es um mein erstes Seriendrehbuch ging, das ich zusammen mit Sarah schreiben werde. Oder über das Thema, über das ich schon seit Anfang Dezember schreiben will, nämlich die Geringschätzung künstlerischer Berufe durch Leute, die sich einfach nicht vorstellen können, dass das Arbeit ist, was wir hier machen. Ernsthafte Arbeit. Eigentlich…

Kommt alles, wirklich, aber ich habe mir ein wenig Muße gegönnt und getan, was Kampfsportler gerne mal tun, wenn sie abschalten wollen: Ich habe mir Kampfkunstvideos auf Youtube angesehen. Ja… Hätte ich mal besser gelassen. Denn das Thema, das ich mir vorgenommen hatte, war Waffenabwehr. Aua…

Ich werde die entsprechenden Videos hier nicht verlinken, obwohl sie teilweise regelrecht lustig sind, aber ich gebe einfach mal ein paar allgemeine Tipps:

1.) Messerabwehr bedeutet: Messer abwehren. Nicht: Fancy Wurf- und Hebeltechnik vorführen, ohne das Messer weiter zu beachten.

2.) In den allerseltensten Fällen sind die Angreifer Roboter.

3.) Ebenso selten verfällt der Angreifer in Schockstarre, wenn er nicht trifft.

4.) Erklärend zu 2.) und 3.) – meistens befindet sich das Messer am Ende des Armes eines entschlossenen Menschen und bewegt sich sehr, sehr schnell.

5.) Die meisten Angreifer verfügen über zwei Arme / Hände. Das Messer befindet sich in der einen, die andere ist in der Regel aber nicht gelähmt.

6.) Wer sich in einen Messerkampf begibt sollte damit rechnen, geschnitten zu werden.

7.) Unter dieser Voraussetzung ist es unklug, dem Angreifer Hals, Oberkörper oder Arminnenseiten als Spielfläche anzubieten.

8.) Niemals, niemals, niemals, niemals werfe man sich freiwillig vor dem Gegner auf den Boden. Niemals.

9.) Pistolenabwehr: Der Gegner muss nur den Finger krümmen. Mehr Zeit habe ich nicht. (Und er muss recht dämlich sein, wenn er sich mit einer Distanzwaffe in Reichweite meiner Arme und Beine stellt. Auch wenn das im Fernsehen alle so machen.)

In einem anderen Zusammenhang habe ich hier schon einmal erwähnt, dass ich viele Jahre lang Selbstverteidigung für Frauen unterrichtet habe. In diesen Kursen haben wir niemals Waffenabwehr unterrichtet, weil es schlicht nicht möglich ist, jemandem in so kurzer Zeit beizubringen, wie man sich effektiv gegen einen bewaffneten Gegner zur Wehr setzt. Das ist zwar blöd und unbefriedigend, aber leider eine Tatsache. Wenn Ihr lernen wollt, wie man sich gegen einen bewaffneten Gegner verteidigen kann, dann braucht ihr jahrelanges Training und eingedrillte (also unwillkürliche) Muster. Das ist einer der Gründe, aus denen ich Eskrima lerne. Wenn Ihr Euch mit dem Gedanken tragt, eine Kunst zu erlernen, in der es (auch) um Waffenabwehr geht, tut Euch den Gefallen und denkt über die 9 Punkte oben nach. Und überprüft das, was man Euch beibringt, hier und da mit einem alten, weißen T-Shirt (Verteidiger) und einem dicken Filzstift als Messer (Angreifer).

Und sucht nicht naiv im Internet nach Videos zum Thema. Das kann Euch den Abend verderben… 😉

 

 

 

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schreckenbergschreibt: Soooo viele Türen…

Ein gutes neues Jahr 2017 Euch allen. 🙂

Einer meiner Vorsätze für 2017 ist, möglichst mindestens einmal pro Woche zu bloggen. Jaaaaa… gut, in 51 von 52 Fällen könnte das noch klappen.

Mein letzter Blogpost hier war zur Wahl von Donald Trump. Danach war ich tatsächlich gelähmt, schreibtechnisch, aber nicht dieser Wahl wegen, sondern vor allem wegen des Todes von Leonard Cohen. 2016 sind viele große Künstler gegangen, ich nenne nur David Bowie, Alan Rickman und Muhammad Ali (ja, auch er ein Künstler). Aber wer diesen Blog ein wenig verfolgt weiß, was Leonard Cohen mir bedeutet hat. Im Oktober noch habe ich sein letztes Album „You want it darker“ bekommen und wollte hier eigentlich darüber schreiben, wie sehr es nach Abschied klingt und wie sehr ich hoffe, dass es das noch nicht ist. Aber… nun, es ist ein großer Abschied. Danke. Und die Musik, die Poesie bleibt.

Diese Lähmung verhinderte, dass ich mich öffentlich über meine Österreichischen Freundinnen und Freunde und ihren erfolgreichen Einsatz für Alexander van der Bellen gefreut habe, was ich hiermit nachhole. Danke, speziell Sarah, für Deine Wahl-Verbal-Kästen, fürs Süßigkeiten(„Zuckerl“)verteilen, für den Kampf. Danke, kleines Österreich, dass Du Europa gezeigt hast, dass und wie es geht.

Sie verhinderte auch, dass ich Euch wie üblich einen kleinen Adventskalender bzw. die 12 Days of Christmas geschrieben habe. Ich gelobe Besserung in diesem Jahr.

Und zum Jahreswechsel schreibe ich oft über den Raum mit den vielen Türen, den ich nun betrete. Durch manche werde ich gehen, durch andere nicht, manche sind offen, einladend, andere verschlossen, wenn ich da durch will, dann muss ich erst den Schlüssel finden. Dass ich das dieses Jahr erst so spät tue hat allerdings einen Grund -Frank Weiffen, ein befreundeter Journalist, hat über die Pläne der Leverkusener Autoren für das kommende Jahr geschrieben und ich habe ihm versprochen, über meine Pläne erst zu bloggen, wenn der Artikel raus ist, damit es nicht aussieht, als habe er meinen Blog abgeschrieben. Heute ist er erschienen, also ist die selbstauferlegte Sperrfrist beendet. 🙂

Wie in Frank Weiffens Artikel beschrieben – es ist etwas schwer für mich zu sagen, was in diesem Jahr auf mich zu kommt. Drei Dinge jedenfalls scheinen sicher:

1.) Am 05. Februar führt das Brucknerhaus in Linz Sarahs und meine Kurzgeschichte „Es muss sein“ auf. Vortragender ist wieder der große Christian Brückner. Im Gegensatz zur Uraufführung 2015 in Haag am Hausruck werde ich diesmal dabei sein und freue mich sehr darauf. Mehr dazu (und Karten) findet Ihr hier. Sehen wir uns womöglich dort?

2.) Ebenfalls in Kooperation mit Sarah Wassermair werde ich dieses Jahr wohl mein erstes verfilmtes Drehbuch schreiben. Wir haben für eine ZDF-Serie gepitched und es sieht alles danach aus, dass unser Pitch angenommen ist. Näheres dazu, wenn ich ganz sicher bin. 😉

3.) Ich bin in diesem Jahr in der Jury für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Debut. Den Preis verleihen wir auf der CRIMINALE in Graz, auch hierrauf freue ich mich. Ich darf noch nicht zu viel über den Stand der Dinge sagen, aber soviel schon: Wir haben aus den ca. 90 Einsendungen der Verlage sehr gute TOP 10 gefunden, über die wir am kommenden Samstag bei unserem Jurytreffen diskutieren und entscheiden werden. Seid gespannt, ich bin es auch. 😀

Tja, und sonst? Ich bin in allererster Linie ja immer noch Roman- bzw. Prosaautor, was wird da kommen?

Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Ich habe, was die Romane angeht, drei Eisen im Feuer, ich führe Gespräche, schreibe Mails, alles vielversprechend, nichts Genaues. Wird eines dieser Projekte konkret, werde ich die anderen hintanstellen, aber welches das sein wird? Und wann? Ich weiß es nicht. Sicher sagen kann ich Euch aber: Bei allem Spaß an der dramatischen Form (neben den Drehbüchern schreibe ich auch Serienkonzepte und ein Theaterstück) vergesse ich meine Romane und Romanideen, meine Geschichtenwelten nie. Es sind meine Welten, und sie verlangen, dass ich zurückkehre.

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schreckenberglebt: Wir Versager

Ja, ein weiterer Blogbeitrag, angeregt von „Trump hat die Präsidentschaftswahl gewonnen“. Aber ich will mich gar nicht lange mit Amerika, bzw. den USA, beschäftigen, vor allem will ich nicht in dieses Horn von „die doofen Amis, wie konnten sie nur“ tuten. Populismus, Rechtspopulismus vor allem, ist kein amerikanisches Phänomen und kein neues. Und ebensowenig amerikanisch oder neu ist die Unterschätzung, die Fehleinschätzung, die Überheblichkeit, mit der wir, die wir doch auf der richtigen Seite stehen, auf alle, die den Populisten folgen (wie zögerlich auch immer) herabsehen. Wir sind doch klüger, sind gebildeter, weltoffener… und wollen das, was geschieht nicht wahrhaben.

„Den Mann gibt es gar nicht, er ist nur der Lärm, den er verursacht.“ Kurt Tucholsky über Adolf Hitler, 1931.

„Wir haben uns Herrn Hitler engagiert.“ Franz von Papen über Adolf Hitler, 1933.

Der Unterschied in den politischen Ansichten zwischen Tucholsky und Papen kann größer kaum sein. Dennoch – beide wollen sie das, was da droht bzw. womit sie es unmittelbar zu tun haben nicht wahrhaben.

Und heute? Der Rechtspopulismus ist Realität, ebenso wie sein wachsender Einfluss. Aber wenn ich mich unter meinen Freunden, die, wie ich, diese Entwicklung mit Sorge sehen – und seit gestern Nacht teilweise mit wirklicher Angst – umhöre, woran das liegt, dann höre ich ständig: „Weil Menschen halt so sind. Weil Menschen dumm sind.“ Und ich gebe zu, ich denke selbst allzuoft so. Und deshalb sind wir, die wir glauben, die Guten zu sein, gerade dabei zu versagen.

Wir versagen.

Weil wir uns nicht dafür interessieren, warum so viele Menschen Trump, Le Pen, FPÖ, AfD und wie sie alle heißen, nicht nur wählen, sondern auch unterstützen. Zu leicht geht uns von den Lippen, dass die alle dumm, dumpf, brutal, primitiv, emphatiefrei etc. sind. Die Hälfte der US-Amerikaner, die Hälfte der Österreicher, ein Viertel aller Sachsen – eben blöder als ich? Nicht auf meinem Niveau, einfach intelligenzbefreit? Ich wage, das zu bezweifeln.

Natürlich gibt es die Bösen. Und es sind viel mehr als wir glauben. Die, denen wirklich scheißegal ist, wieviele Menschen im Mittelmeer ertrinken und denen beim Anblick eines toten Flüchtlingskindes nur menschenverachtender Dreck einfällt. Die glauben, durch Geburtsland, Hautfarbe, sexueller Orientierung oder Geschlecht das Recht zu haben, andere zu entmenschlichen und zu entwürdigen. Oder die Dummen, die wirklich glauben, sexualisierte Gewalt gebe es erst seit Neujahr 2016, Klimawandel sei eine Erfindung irgendwelcher chemtrailssprühender Verschwörer und es ginge uns allen besser, wenn innerhalb der historisch zufälligen deutschen Grenzen nur Menschen leben würden, die rein deutscher Abstammung sind (also, genaugenommen, niemand). Die gilt es zu bekämpfen, kompromisslos, ohne jeden Versuch zu verstehen. Wer es für besser hält, Menschen ertrinken zu lassen oder sie zurück zu Krieg und Folter zu schicken, der tötet indirekt, um nur eine Ecke, und ist damit nicht besser als derjenige, der direkt tötet, indem er Leute anderer Hautfarbe tot schlägt oder sich in einer Menschenmenge in die Luft sprengt, damit Allah… irgendwas tut. Kein Kompromiss mit diesen Menschendarstellern, kein Verständnis, kein Gespräch. No pasaran!

Aber die paar wirklich Bösen und Dummen taugen nicht zur Massenbewegung. Dazu braucht es mehr. Das war übrigens in den 1930er Jahren in Deutschland nicht anders. Aber ein Populist versteht es eben, nicht nur die Bösen und Dummen um sich zu scharen, sondern auch die, die Angst haben, berechtigt oder nicht.

Ist die Angst vor der Islamisierung Deutschlands lächerlich? Sicher ist sie das. Aber eben weil sie das ist versucht niemand, diese Angst anzugehen, sie denen, die sie haben, zu nehmen. Stattdessen wird sie instrumentalisiert und diejenigen, die darunter leiden verlacht und verachtet. Nur die Populisten verachten nicht – oder nicht offen. Sie hören zu, sie versprechen Hilfe oder zumindest den Versuch zu helfen. Als jemand, der selbst viele lächerliche Ängste hat (nur keine politischen) weiß ich, wie toxisch Verachtung, wie tröstlich Zuwendung ist.

Ist die Angst vor dem gesellschaftlichen und sozialen Abstieg lächerlich? Nein, ist sie nicht. Nur ist es irgendwie aus der Mode gekommen, das offen anzusprechen und unser wirtschaftliches System in Frage zu stellen. Aber wenn die konstruktiven Kräfte ein Thema nicht mehr angehen möchten, dann überlassen sie es den Destruktiven – den Populisten.

Wir haben versagt, wir haben dauernd versagt. Als, nach dem Ende des Kalten Krieges, plötzlich der Individualismus zur beherrschenden Ideologie wurden, dieses verfluchte „wenn jeder an sich denkt ist an alle gedacht“, dieser egoistische Hedonismus, der alles Soziale belächelt und für Werte wie Solidarität, Loyalität, Mitleid und Nächstenliebe nur Zynismus übrig hat, wo waren wir da? Wer von uns angeblich Klugen, Gebildeten, Besserdenkenden hat darauf hingewiesen, dass das menschlich widerlich ist und bei sozialen Netzen und Gemeinwesen, die Hundertausende bis Zigmillionen umfassen, in einer zunehmend globalisierten Menschengemeinschaft, nur zu Katastrophen führen kann?

Wir haben versagt und mitgemacht wenn es darum ging, das, was wir haben, klein zu reden und für clevere intellektuelle Spielchen zur Disposition zu stellen. Der Schutz der Menschenwürde? Wurde vor wenigen Wochen noch in einem (in jeder Hinsicht sauschlechten!) Fernsehspiel unter großem Tamtam als austauschbares „Prinzip“ diskreditiert. Kann man ja mal machen. Ach ja? Was ist denn die fucking Alternative zum bedingungslosen Schutz der Menschenwürde? Aber für Bedingungen und Alternativlosigkeiten sind wir ja viel zu schlau.

Wir haben zugesehen, wie die Bildung, die nicht direkt ökonomisch nutzbar ist, herabgewürdigt wurde. Das Ergebnis ist, dass eine Pubertistin, die sich beschwert, dass sie in der Schule Gedichte analysieren und keine Steuerformulare ausfüllen muss landauf landab gehyped wird. Und dass meine Kinder im Geschichtsunterricht im Gymnasium (!) weder lernen, was zum 30jährigen Krieg führte, noch wo die ganzen Nazis herkamen, die 1933 offenbar vom Himmel fielen. Fragt sich: Was ist wichtiger? Kreativ denken zu können und historische Vorzeichen wiederzuerkennen? Oder Steuererklärung und Vektorrechnung?

Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Freiheit der Wohung, Krankenversicherung für alle, sauberes Wasser, bezahlbare Lebensmittel, Grundversorgung, FRIEDEN, verdammt. Kein großer Krieg alle paar Jahrzehnte, der Millionen Leben kostet. All das ist uns selbstverständlich geworden, wir sind so träge, so satt, so undankbar, so wenig bereit, für das zu kämpfen was wir haben. Wir nölen nur rum. Alles ist uns nicht genug, wenn es nicht perfekt ist, dann können wir es ja auch theoretisch gleich abschaffen.

Und so schauen wir eben zu und kommentiere geistreich, aber tun nichts dafür, das, was unsere Werte sind, zu schützen, zu verteidigen, zu erhalten, auszubauen.

Natürlich versagen auch bei uns die Medien und die politische Klasse (denen bzw. der wir Klugen ja auch oft genug angehören). Die Medien müssen sich vorwerfen zu lassen, jede Angst zu schüren, aufzubauschen, breit zu walzen, sei es die vor der Vogelgrippe, der Islamisierung, vor der Flüchtlingswelle oder vor Horrorclowns. Denn wenn nicht jede Woche eine neue, brandgefährliche Sau durchs Dorf getrieben wird, dann läuft man ja Gefahr, vom Infotainment wieder zur Information herabzusinken. Recherche und Gegenrecherche betreiben und am Ende womöglich sagen zu müssen: „Sorry, ist garnicht so schlimm, nix Nachricht.“ Und dann? Keine Panik in den Nachrichten, keine Doppelseite zur nahen Apokalypse in der Zeitung, kein Sonderthema bei „Hart aber Fair“. Um Gotteswillen. Bevor des so weit kommt streuen wir doch lieber sinnlos Panik.

Und unsere Politiker? Zitat von Tagesschau.de, heute, 14.02 Uhr:

Aus Sicht von Bundesinnenminister Thomas de Maizière könnte Trumps Sieg sich für Volksparteien in Deutschland sogar zum Vorteil entwickeln. Er rechne nicht mit einer Zunahme rechtspopulistischer Tendenzen oder dass etwas Parteien wie die AfD mit Wahlerfolgen rechnen könnten. Vielleicht, so zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den CDU-Politiker, würde bei den Menschen nun die Einsicht greifen, „dass die Lösung von Problemen etwas Besseres ist als das lautstarke Beschreiben von Problemen“.“

Ja… das könnte man als elaborierte Form von „Mimimimimi“ abtun, wenn es nicht so entlarvend wäre. Zuallererst geht es mal darum, wie die eigene Partei aus irgendeiner Entwicklung Honig saugen kann. Dann wird der Rechtspopulismus unterschätzt. Und zuletzt zeigt der Innenminister dass er „die Menschen“ entweder für völlig verblödet hält, oder selbst weltfremd ist, oder beides. Denn darin, Probleme nur zu beschreiben ohne sie zu lösen sind nicht nur Rechtspopulisten groß, sondern ebenso die Volks- und anderen Parteien. Sofern die Weltfremde. Und zu glauben, dass „die Menschen“, wenn sie denn zu der oben genannten Erkenntnis gekommen sind, nicht merken, dass die gesamte politische Klasse so tickt, das wiederum spricht dafür, dass der Innenminister eigentlich das gesamte Wahlvolk für blöd hält.

Wobei… in einer Hinsicht hat er Recht. Die politische Klasse scheint in vieler Hinsicht gar nicht mehr bereit, Probleme zu beschreiben, lautstark oder anders. Beispiel gefällig?

Ich sagte oben, dass wir Krankenversicherung – also Zugang zu Medizin und ärztlicher Behandlung – für alle haben. Das ist richtig, und das ist ein hohes und wichtiges Gut, das viel zu selbstverständlich erscheint. Aber ebenso wahr ist: Wir haben in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin. Privatpatienten werden bevorzugt und besser behandelt als Kassenpatienten. Das ist ebenso offensichtlich wie der Unterschied zwischen Tag und Nacht.

Nun gibt es drei Arten von Reaktionen aus der Politik:

  1. Leugnen des Problems: „Es gibt keine Zwei-Klassen-Medizin!“
  1. So tun, als wäre das Problem quasi unlösbar: „Wir versuchen, die Zwei-Klassen-Medizin zu überwinden.“ Besonders prickelnd, da alle Parteien, die das sagen, selbst in den letzten 20 Jahren schon an der Regierung waren, also die Gelegenheit gehabt hätten. Aber da ist dann von komplexen Problemen und mächtigen Lobbygruppen die Rede… oder anders: „Tut uns leid, aber wir sind zwar gewählt um zu regieren, aber wir können es nicht.“ Da fragt dann der Wähler nicht ganz zu unrecht: „Wozu brauchen wir Euch dann?“
  1. Das Problem ist sofort lösbar: „Wir schaffen die Zwei-Klassen-Medizin ab!“ Das sagen die Populisten. Und es ist natürlich nicht so einfach. Aber der scheinbare Wille, ein Problem anzugehen und zu lösen mag auf den einen oder anderen frustrierten Wähler verlockend wirken.

Will sagen: Von „etablierten“ Politikern, gerade von Volksparteien, darf ich verlangen, dass sie Lösungen für Probleme entwickeln und durchsetzen. Dass sie eine Idee (um nicht zu sagen „Vision“) davon haben, wie die Gesellschaft aussehen soll, und wie sie sie dahin führen wollen, auch wenn das mal Wählerstimmen und Freunde in den Lobbys kostet. Denn wenn die Demokraten und Verfassungstreuen das nicht tun – die Populisten tun es.

Und wir Nichtpolitiker? Wir sollten nach Visionen verlangen. Wir sollten selbst welche entwickeln. Sagen, wie wir dieses Land, diesen Kontinent entwickeln, und unsere Freiheitlichen und demokratischen Werte schützen wollen. Mitmachen. Auch außerhalb der Parteien, wenn sie uns kraftlos erscheinen. Die Straße und das Internet nicht den Populisten überlassen. WÄHLEN GEHEN, zu jeder Wahl, und dabei nicht dauernd vom „kleinsten Übel“ jammern. Und uns eben nicht träge zurücklehnen und allenfalls jeden bashen, dessen Wertvostellungen nicht exakt unsere eigenen sind.

Wir sollten aufhören zu versagen.

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schreckenbergliest: Schöne Dystopie

Ich beschäftige mich gerade recherchehalber einmal wieder mit Aldous Huxleys „Brave New World„. Eine ganz herausragende Geschichte, wahrscheinlich die klügste Dystopie die ich kenne – inklusive der Frage, wer eigentlich bestimmt, was eine Dystopie und was eine Utopie ist. Der Beobachter? Oder die Subjekte?

Wenn Dystopien in der Schule behandelt werden, dann las man zu meiner Zeit entweder „Brave New World“ oder Orwells „1984„. Orwells Dystopie ist drastischer, vordergründig grausiger und auswegloser (was einfach ist, denn aus Huxleys Dystopie will ja niemand raus). Und Orwell ist natürlich tröstlicher und viel einfacher, in jeder Hinsicht. Wir wissen ja so gerne, wer die Guten sind und dass wir zu ihnen gehören.

Neil Postman hat in seinem Vorwort zu „Amusing ourselves to Death“ die beiden Utopien verglichen. Ich zitiere seine Worte hier einmal lang, weil sie es verdienen – und weil ich auch der festen Überzeugung bin, dass Huxley recht behalten wird:

We were keeping our eye on 1984. When the year came and the prophecy didn’t, thoughtful Americans sang softly in praise of themselves. The roots of liberal democracy had held. Wherever else the terror had happened, we, at least, had not been visited by Orwellian nightmares.

But we had forgotten that alongside Orwell’s dark vision, there was another – slightly older, slightly less well known, equally chilling: Aldous Huxley’s Brave New World. Contrary to common belief even among the educated, Huxley and Orwell did not prophesy the same thing. Orwell warns that we will be overcome by an externally imposed oppression. But in Huxley’s vision, no Big Brother is required to deprive people of their autonomy, maturity and history. As he saw it, people will come to love their oppression, to adore the technologies that undo their capacities to think.

What Orwell feared were those who would ban books. What Huxley feared was that there would be no reason to ban a book, for there would be no one who wanted to read one. Orwell feared those who would deprive us of information. Huxley feared those who would give us so much that we would be reduced to passivity and egoism. Orwell feared that the truth would be concealed from us. Huxley feared the truth would be drowned in a sea of irrelevance. Orwell feared we would become a captive culture. Huxley feared we would become a trivial culture, preoccupied with some equivalent of the feelies, the orgy porgy, and the centrifugal bumblepuppy. As Huxley remarked in Brave New World Revisited, the civil libertarians and rationalists who are ever on the alert to oppose tyranny „failed to take into account man’s almost infinite appetite for distractions.“ In 1984, Orwell added, people are controlled by inflicting pain. In Brave New World, they are controlled by inflicting pleasure. In short, Orwell feared that what we fear will ruin us. Huxley feared that what we desire will ruin us.

This book is about the possibility that Huxley, not Orwell, was right.

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schreckenbergzeigt: Amanda Palmer über Nick Caves „Skeleton Tree“

Ich weiß, der Rest vom Fantasy Filmfest fehlt noch. Kommt, versprochen. Heute wollte ich aber zuerst etwas über Nick Caves (and the Bad Seeds‘) neues Album „Skeleton Tree“ schreiben. Dieses wunderschöne, durch Haut und Knochen bis in die Seele treffende Werk, mit dem Cave an „Push the Sky away“ anknüpft und einen Bogen zu seinen früheren und frühen Werken schlägt, dieses Meisterwerk von einem Album. Über das Missverständnis, dies sei ein Album über den Tod seines Sohnes. Und darüber, was es bedeutet, als Künstler einem anderen Künstler so zutiefst dankbar zu sein, für seine Hilfe und die Türen die er öffnet. Und dann hat mich Sarah auf diesen Text von Amanda Palmer im „Guardian“ aufmerksam gemacht, der vieles davon und noch viel mehr besser sagt, als ich es könnte. Mir bleibt nur, Euch den Artikel ans Herz zu legen und sie zu zitieren:

So thank you for the gift, Nick. Thank you.

Den schönen und klugen Text von Amanda Palmer findet ihr hier:

https://www.theguardian.com/music/2016/sep/10/nick-cave-skeleton-tree

 

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