schreckenbergschreibt: Das waren die Quarantänegeschichten

Gestern haben Sarah und ich unsere letzten Quarantänegschichten erzählt, die Feuer gelöscht, die Asche weggeputzt und die Quarantänehöhle verlassen, in der Hoffnung, nicht so bald wieder zurückkehren zu müssen. Wir werden Euch weiter unsere Geschichten erzählen, ob in Prosa- (Ich versuche gerade, Sarah davon zu überzeugen, dass sie einen Roman schreiben soll. Ich kenne ein paar ihrer Ideen, die sich wunderbar dafür eignen und nach 77 Quarantänegeschichten seid Ihr wahrscheinlich mit mir der Meinung, dass es eine verdamtte Sünde ist, ihr erzählerisches Talent nur in Regieanweisungen zu fassen.) oder Drehbuchform, aber die Aufgabe, Euch durch die Kontaktsperre während der Pandemie zu helfen, betrachten wir erstmal als erfüllt. Ich hoffe, Ihr hattet ebensoviel Freude daran wie wir.

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 77 – Der Ruf, Teil 52

Hallo, schön, dass Ihr wieder zu unseren Geschichtenlagerfeuern gekommen seid. Heute entzünden Sarah und ich sie zum vorerst letzten Mal. Begonnen haben wir damit vor genau elf Wochen, am 15. März. Sarah war am Donnerstag vorher angekommen, um mit uns Claudias Geburtstag zu feiern, und wir hatten große Pläne für die Woche danach – endlich einmal wollten wir Sarah die Bergischen Sehenswürdigkeiten zeigen die wir seit unserer Kindheit kennen, dazu hatten wir ihr einen Besuch im russischen Restaurant geschenkt… Und von Tag zu Tag schrumpften unsere Pläne, bis wir schließlich, ein paar Minuten, nachdem Sarah ihre erste Quarantänegeschichte geposted hatte, erfuhren, dass die Grenzschließungen bevorstehen. Ich brachte sie hastig zum Bahnhof, und auch wenn keiner unserer Abschiede je schön ist, dann war dies doch ein besonders unschöner.

Da wir auch in Coronazeiten viel zusammenarbeiten haben wir uns zumindest im Skype oft gesehen, aber die Geschichten waren ein besonderes Band. Danke dafür. liebe Sarah. 🙂

In Österreich sind die Kontaktsperren schon seit einiger Zeit gelockert, hier in Deutschland treten viele Lockerungen an diesem Wochenende in Kraft – wir können wohl sagen, dass unsere Länder bisher (!) ganz gut durch die Krise gekommen sind. „Ganz gut“ immer mit Vorbehalt: 8500 Tote in Deutschland (nach heutigem Stand laut RKI) sind 8500 zuviel. Und ich kenne persönlich Menschen, die an COVID-19 erkrankt waren – keine schweren Verläufe, würde man sagen, niemand davon war im Krankenhaus. Aber was sie von diesen „leichten“ Verläufen erzählt haben war nicht besonders witzig und die wochenlangen Strapazen haben sichtbare Spuren hinterlassen. Wir sollten diese Krankheit weiterhin ernst nehmen, und alles tun, dass auch die zweite, dritte und vierte Welle vergleichsweise milde verlaufen.

Aber die erste Welle haben wir wohl hinter uns. Ich kann wieder ins Schwimmbad, wenn auch unter Auflagen. Recherchen werden wieder möglich, ich werde wohl in absehbarer Zeit wieder nach Wien reisen, wenn auch unter Auflagen. Das Leben normalisiert sich, wenn auch…

Mit den Quarantänegeschichten wollten wir – wie ich hier jeden Sonntag wieder erzählt habe – einer der Aufgaben unserer uralten Zunft der Geschichtenerzähler*innen gerecht werden: Den Clan auch in schweren Zeiten bei gutem Mut zu halten. Ich hoffe, wir konnten dem gerecht werden. Euch, die Ihr immer wieder an unsere Feuer gekommen seid, danke ich von ganzem Herzen. Wir erzählen, weil wir nicht anders können und weil es unser Lebensinhalt ist. Aber ohne Euch, wäre es einsam und sinnlos.

Morgen bekommt Ihr noch einen Gesamtüberblick über alle Geschichten, heute endet die Erzählung vom „Ruf“. Zum Abschluss geht es noch einmal nach… Anderswo:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34 Der Ruf – Teil 35

Der Ruf – Teil 36 Der Ruf – Teil 37 Der Ruf – Teil 38 Der Ruf – Teil 39

Der Ruf – Teil 40 Der Ruf – Teil 41 Der Ruf, Teil 42 Der Ruf – Teil 43

Der Ruf – Teil 44 Der Ruf – Teil 45 Der Ruf – Teil 46 Der Ruf – Teil 47

Der Ruf – Teil 48 Der Ruf – Teil 49 Der Ruf – Teil 50 Der Ruf – Teil 51


Der Ruf – Teil 52

Anderswo

Stephan erwachte aus unruhigen Träumen. Er erinnerte sich vage an einen Keller und einen Schrei.

Fahr zur Hölle!“

Stephan rieb sich die Augen. Etwas stimmte nicht, das war nicht das Ufer des Sees, an dem er eingeschlafen war. Hier war eine Wiese, saftiges Grün am Rande eines dunklen Waldes. Kat lag neben ihm, sie schlief friedlich. Er küsste ihre Wange und sie lächelte im Schlaf. Er betrachtete sie eine Weile, dann stand er auf, um sich umzusehen. Er trug immer noch die Klamotten, die er getragen hatte, als er eingeschlafen war, die Jeans und das graue T-Shirt.

Aber war er überhaupt eingeschlafen? Und war er nicht nackt gewesen? Seine Erinnerungen kamen langsam zurück. Er war in den Wald gegangen. Er hatte etwas gehört, aber dann?

Ein Nebel, der etwas Großes verbarg. Und dieser Traum. Im Keller.

Er schüttelte die Gedanken ab und sah über die Wiese. Er kannte diesen Ort, aber er wusste nicht, woher. Da war kein See und das war ein anderer Wald. Das war mit Sicherheit nicht einmal das Bergische Land. Was war geschehen?

Er sah unschlüssig auf Kat hinab, aber sie schlief immer noch, also beschloss er, sich ein wenig umzusehen.

„Ich bin gleich wieder da“, flüsterte er ihr ins Ohr.

Stephan machte sich auf den Weg, dem anderen Ende der Wiese zu. Er befand sich auf einem Hügel und erreichte bald dessen Kamm. Auf der anderen Seite setzte sich die Wiese fort, sanft den Hügel hinab und zum Ufer eines Flusses. In einiger Entfernung sah er ein großes, hölzernes Schiff.

Das Schiff. Natürlich. Aber war das nicht ein Traum gewesen?

Unwillkürlich ließ er sich in die Hocke nieder und befühlte das Gras, das noch feucht war vom Morgentau. Ebenso feucht, wie sein Haar und sein T-Shirt, nicht klamm, angenehm frisch.

Ein Traum?

Zwei Menschen kamen unten, am Flussufer, um den Saum des Waldes, ein Mann und eine Frau. Sie gingen Hand in Hand, Fetzen von Worten und Gelächter wehten zu Stephan hinauf. Das rote Haar der Frau leuchtete in der Morgensonne. Der Mann trug etwas über dem Rücken, das Stephan als ein japanisches Schwert erkannte. Stephan besah sich die Szene und mit einem Mal…

Er erinnerte sich an den Traum.

Er erinnerte sich an den See.

Er erinnerte sich an den Wald und den Garten und den Keller.

War dies ein Traum? Oder war alles andere ein Traum gewesen?

„Verzeih mir, Philip“, flüsterte er. „Verzeiht mir alle. Es tut mir so leid.“

Stephan schaute zum Schiff. Dort würde er Antworten bekommen, das wusste er. Ein Ruf. Stephan sah zu dem Paar hinunter. Die Frau und der Mann sahen in seine Richtung, die Augen mit den Händen beschattend. Dann deutete die Frau auf Stephan und sprach mit ihrem Begleiter. Er rief etwas, das Stephan nicht verstand, winkte. Auch die Frau winkte und machte eine einladende Geste. Stephan verstand. Alles. Er winkte zurück.

„Wir kommen!“, rief er. „Ich muss nur Kat holen! Wartet auf mich!“

Er wusste nicht, ob sie ihn verstanden hatten, aber die Frau nickte und winkte noch einmal.

Stephan lief zurück über die Wiese, zu Kat. Sie war gerade aufgewacht, streckte sich gähnend.

„Guten Morgen“, sagte sie.

Sie küssten sich lange.

„Hast Du gut geschlafen?“, wollte sie wissen.

„Nein“, sagte er. „Nein, aber das ist jetzt egal. Was ist mit Dir? Hast Du gut geschlafen?“

Sie sah für einen Moment ins Leere, schaudernd. „Nein“, sagte sie dann lächelnd. „Nein. Aber Du hast recht. Es ist egal. Es ist vorbei.“

„Wir müssen runter zum Schiff“, sagte Stephan.

Sie sah sich um und nickte. „Ja, natürlich, das müssen wir. Lass uns gehen.“

Sie liefen über die Wiese und den Hügel hinab zum Fluss.

ENDE

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Von einem Museum, einem Piraten und großem Dank

Zum Abschluss der Quarantänegeschichten erzählt uns Sarah ein Crossover Ihrer Geschichten: Alischa, der Pirat, der in alles sieben Weltmeere pinkeln wollte, kommt noch einmal vor, das Museum und das Lexikon und natürlich auch ein Fräulein Niedermaier. Danke Beste. Ich habe mich jeden Tag auf unsere Lagerfeuer gefreut. ❤

Der Guppy war's und nicht die Lerche

Hey Leute,

und da sind wir also: 77 Geschichteneinträge später, am Ende der Lockdowns, am Ende dieses kleinen Projekts. Wir danken euch beide sehr dafür, dass ihr da wart – für eure Gesellschaft an unserem kleinen Lagerfeuer, für’s Mitlesen, für’s Existieren.

Und ich wiederum danke sehr spezifisch dem Schreckenberg’schem für’s Mit-Mir-Erzählen und Franziska und Jürgen, die dafür gesorgt haben, dass es Alischas Abenteuer jetzt auch als Hörbuch gibt. (Wer’s noch nicht kennt und Lust hat, der findet das famose Teil hier.)

Ab morgen in diesem Blog dann wieder das ’normale‘ Programm, also ‚Sarah quasselt über alles, was ihr so einfällt, über Aquarien im besonderen.)

Zum Abschluss heute ein kleines Cross-Over-Museumsstück, das auch die eingesessenen Adventkalenderempfänger noch nicht kennen. Jetzt wird nämlich endlich mal geklärt, das damals eigentlich mit dem Pinkelnden Piraten und dem Nörgelden Norwegischen Wassereinhorn abgegangen ist.

Ich dank euch,
S.

Ausstellungsstück 89008:

Abgesägte Hornspitze eines Nörgelnden Norwegischen…

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Das Museum Essentieller Artefakte: Krähenkrächzen

Die Krähe ist fort, ihr Krächzen bleibt. Eine kleine Meditation über Zeit, Raum und Bewusstsein – oder einfach nur eine schöne kleine Geschichte von einem schönen Geräusch. Heute in Sarahs Museumskatalog:

Der Guppy war's und nicht die Lerche

Ausstellungsstück 7145:

Das Krächzen einer Krähe

Wir wissen bis heute nicht, wie die Krähe in unsere Ausstellungssräume gelangt ist. Wir haben es zwar geschafft, sie verletzungsfrei einzufangen und nach draußen zu befördern – ihr Krächzen ist aber hiergeblieben. Es scheint sich besonders im Saal mit den Porzellangeschirren wohl zu fühlen, tanzt dort als Echo zwischen den Vitrinen hin- und her. Manchmal leistet es aber auch unseren Wärtern Gesellschaft und kommentiert mit spöttischem Kreischen alles, was sie tun.

Vor allem unser ältestgedienter Wärter scheint es ihm angetan zu haben, manchmal weicht das Krächzen eine ganze Schicht lang nicht von seiner Seite, folgt ihm von Raum zu Raum. Er sagt aber, es mache ihm nichts aus, denn: „Bittschön, is eh so einsam sonst. A bisserl a Ansprach, des is doch sche.“

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 76 – Der Ruf, Teil 51

Die Belagerung ist vorbei, die Party lange zu Ende, die Geister fort – bleibt zu erzählen, was danach geschehen ist. Heute erfahrt Ihr, wie es mit unseren drei Überlebenden weiter ging:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34 Der Ruf – Teil 35

Der Ruf – Teil 36 Der Ruf – Teil 37 Der Ruf – Teil 38 Der Ruf – Teil 39

Der Ruf – Teil 40 Der Ruf – Teil 41 Der Ruf, Teil 42 Der Ruf – Teil 43

Der Ruf – Teil 44 Der Ruf – Teil 45 Der Ruf – Teil 46 Der Ruf – Teil 47

Der Ruf – Teil 48 Der Ruf – Teil 49 Der Ruf – Teil 50



Der Ruf – Teil 51

EPILOG

You’d not expect that anyone would go and fucking die

(The Pogues, „Drunken Boat“)

Richtung Norden

Sie fuhren schweigend und ziellos. Philip steuerte den Wagen, Britt saß neben ihm, den Sitz ganz nach hinten geschoben, das verletzte Bein ausgestreckt. Philip hatte sie die Treppe hinaufgetragen und später aus dem Haus hoch zum Parkplatz, wie er es versprochen hatte. Nun starrte er auf die Straße vor ihnen. Eine Autobahn, irgendeine zufällige Autobahn, die sie an keinen bestimmten Ort führte. Nur weg. Weg von dort. Maike saß hinter Philip und sah aus dem Fenster. Sie hatte sich bei ihrem Sturz in das Weinregal eine Platzwunde über der linken Augenbraue und einige oberflächliche Schnitte zugezogen. Nichts, was Britt mit Hausmitteln nicht notdürftig hätte behandeln können.

Nach langer Zeit hatten sie den Keller verlassen. Christoph hatten sie dort unten liegen lassen, keiner von ihnen hatte zurückgeschaut auf ihn. Und auf die Axt.

Als sie nach oben kamen, waren die meisten Insekten aus dem Haus verschwunden. Die wenigen verbliebenen machten keine Anstalten, sie anzugreifen. Die Tiere labten sich an den Resten in den Coladosen und Saftflaschen im Wohnzimmer oder krabbelten einfach friedlich vor sich hin. Insekten eben. Mit Vorsicht zu genießen, weil sie stechen konnten. Nicht mehr. Und nicht weniger.

Britt setzte sich mit Maike ins Bad, untersuchte ihre Verletzungen und gab Philip Anweisungen, was er ihr bringen sollte. Er holte die Sachen zusammen und machte sich dann auf den Weg, andere Überlebende zu suchen. Es war ein bitterer Gang und er kam schnell zurück. Khan und Michael hatte er unten am See gefunden, Chris und Simon in der Sauna. Die beiden hatten friedlich ausgesehen, wusste er zu berichten. Kat und Stephan hatte er nicht gefunden, aber dass die beiden tot waren wussten sie ja. Aus erster Hand.

Sie verständigten sich in knappen Worten über die Geschichte, die sie erzählen würden. Im Grunde mussten sie nur Christophs Tod erklären, was mit den anderen geschehen war, war offensichtlich. Niemand würde sie verantwortlich machen können. Was Christoph betraf, so war er eben wahnsinnig geworden, hatte sie in den Keller gejagt und versucht, sie zu töten. Britt hatte ihn dann in Notwehr erschlagen, nachdem er Maike in das Weinregal geschleudert und versucht hatte, Philip zu erwürgen. Sie würden die Geschichte noch ein wenig ausfeilen müssen, aber sie würde plausibel sein. Keine Geister, keine Besessenen, nur ein paar durchgedrehte Insekten und die dünne Linie zwischen Wahnsinn und Vernunft.

Maike bedeckte Bastian und Justus mit Tischdecken. Sie nahmen Abschied, verließen das Haus und sahen nicht zurück. Sie gingen hoch zum Parkplatz, Britt auf Philips Arm, Maike neben ihnen, sie hielt Britts freie Hand. Sie stiegen alle drei in Philips Wagen, völlig selbstverständlich, sie waren die Überlebenden, sie würden sich nicht trennen. Nicht jetzt. Sie fuhren los, ohne Ziel, einfach nur fort, gleichgültig, wohin, für sie gab es nur die Straßen, die sie weiter trugen und weiter und weiter. Eine Tankstelle, mechanische Handlungen, dann weiter, weiter. Irgendwann würde die Straße enden. Dann würden sie eine schreckliche Geschichte erzählen. Doch im Moment kannten sie keine Geschichten. Nur die Straße, das Grau des Asphalts, die anderen Autos, die sie umschwirrten wie Insekten.

Britt legte eine Hand auf Philips Oberschenkel, er drehte sich zu ihr und lächelte. Vom Rücksitz kam Maikes Hand und legte sich auf ihre. Britt wandte sich zu ihr und auch sie lächelte, unter Tränen. Britt fühlte, wie ein wenig Leben in sie zurück tropfte, schloss die Augen und seufzte. Sie hatten überlebt.

FORTSETZUNG FOLGT





Übrigens: Dieses Bild aus dem Epilog, die drei Menschen im Auto, die ziellos und unzertrennlich vom Ort des Schreckens weg fahren, war das allererste Bild, das von der Geschichte existierte. Ich habe hier schon einmal etwas zur Entstehungsgeschichte des Romans geschrieben. Die reale Party war Ausgangspunkt und Inspiration, das ist richtig, aber der Beginn der GESCHICHTE (und damals, vor mehr als 30 Jahren, noch der Beginn des PROloges) war dieses Bild, diese Situation.



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