schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 58 – Der Ruf, Teil 33

Gestern habe ich heute erzählt, wie Markus gestorben ist – weil Justus plötzlich vom Plan abgewichen ist. Was er ja, muss man fairerweise sagen, auch nicht ganz freiwillig getan hat. Heute hört Ihr, was mit Justus weiter geschieht. Und mit Stephan.

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

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Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32


Der Ruf – Teil 33

Im Schuppen, 22.35 Uhr

Da war das Buch.

Er erinnerte sich, dass es gebrannt hatte, er selbst hatte die Flammen ausgeschlagen. Doch dort lag es, unversehrt, zwischen den umgestürzten Kerzen in all dem Chaos. Gestern war das gewesen. Eine Träne lief über Justus‘ Gesicht. Er nahm das Buch an sich und ging wieder zur Tür.

Als er aus dem Schuppen kam, sah er zum Haus hinüber und sein Herz sank. Die Luft vor der Tür war voll von ihnen, und Markus lag am Boden. Er machte sich keine Illusionen darüber, was passiert war. Es war eine Falle gewesen, natürlich. Aber sie hätten es vielleicht schaffen können. Hinter der Scheibe, in Sicherheit und Licht, sah er die bleichen Gesichter seiner Freunde.

Er hatte es versaut.

Plötzlich war sein Körper wieder frei, das Gefühl erinnerte ihn seltsamerweise an einen anhaltenden Fahrstuhl. Er bewegte einen Fuß. Ja, da war er wieder.

„Bring ihnen das Buch!“

Das weckte ihn, und er begann zu rennen. Und er wusste er, dass es schwer werden würde.

Sie rasten auf ihn zu, Tausende. Er rannte durch die hindurch, schlug wild mit dem Handtuch um sich, wünschte sich zornig, das Buch loslassen zu können und hätte es vielleicht geschafft, wenn die Ameisen nicht gewesen wären. Sie waren da, mit einem Mal, und strömten so schnell an ihm hoch, dass es zu spät war, als er sie bemerkte. Sie beschwerten seine Beine so sehr, als würde er durch tiefen Morast laufen und krabbelten auf das Visier, so dass er nichts mehr sah.

‚Das müssen viele sein,‘ dachte Justus

Er stürzte, fiel seitlich mit dem Kopf auf etwas, einen Stein, eine der Leichen, was auch immer, und das Visier seines Helmes wurde aufgeschoben.

Nur ein Bisschen. Aber es reichte. Sie fanden sein Gesicht. Seine Nase. Seinen Mund.

Während er starb spürte Justus, wie sein Körper sich wieder erhob und vorwärts taumelte. Die Kontrolle war ihm ein weiteres Mal genommen, doch damit auch ein Teil der Schmerzen. Nicht viel, aber immerhin ein wenig, und dafür war er fast dankbar.

‚Es tut mir leid, Britt‘, dachte er.

Und dann plötzlich, fast heiter:

‚Jetzt weiß ich endlich, was das Bild mit der Wespe zu bedeuten hatte.‘

Dann dachte er nichts mehr.

Sein Körper aber lief weiter. Der Geist wusste, dass er ihn nicht lange würde kontrollieren können, wenn sein Besitzer erst richtig tot war. Er war ungeübt. Doch er zwang ihn voran, grimmig. Dort war die Terrasse.

Der Tisch.

Markus.

Die Tür.

Justus’ Körper fiel schwer zu Boden, doch in einer letzten Bewegung schoss die Hand vor, die das Buch umklammerte und hielt es in Richtung der erstarrten Gestalten hinter der Scheibe.

Lange geschah nichts.

Dann öffnete sich die Glastür einen Spalt, Philip langte schnell heraus, ergriff das Buch und zog es herein. Es war so kalt, dass seine Finger fast daran festklebten.

In der Sauna, 22.45 Uhr

„Ist es vorbei?“

Simon, der noch am Fenster stand, nickte.

„Ja. Ich glaube ja.“

„Hat er es… hat er es geschafft?“

„Weiß nicht. Konnte ich nicht mehr sehen.“ Er atmete tief. „Ich glaube nicht.“

Chris stand auf und lehnte sich gegen die Wand.

„Warum das alles? Kannst Du mir das sagen?“

„Nein, Chris.“

Sie lagen sich wieder in den Armen.

„Oh Gott“, murmelte sie an seiner Brust, „Oh Gott, sei uns gnädig.“

FORTSETZUNG FOLGT

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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