schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 47 – Der Ruf, Teil 22

Kommt ans Feuer, lasst Euch eine Geschichte erzählen – beziehungsweise weiter erzählen. Ihr glaubt, unseren Freunden die im Wohnzimmer eingeschlossen sind, geht es dreckig? Nun ja – alles ist eine Frage er Perspektive…

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

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Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

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Der Ruf – Teil 20

Der Ruf – Teil 21

Der Ruf – Teil 22

In der Sauna, gegen 14.30 Uhr

„Es nützt nichts – sie hören uns nicht.“ Simon ließ sich erschöpft auf den Boden unter dem Fenster fallen. Chris hockte sich neben ihn und sah ihn unglücklich an.

„Aber Du bist sicher, dass Du vorhin was gehört hast. Drüben, meine ich?“

Simon nickte. Sie hatten es immer wieder versucht, erst viertelstündlich, dann stündlich, und er hatte Chris‘ Frage immer wieder beantwortet, aber er war ihr nicht böse. Inzwischen stellte er sie sich selbst. Dennoch: „Ja, ganz sicher.“

Chris stand wieder auf und sah aus dem Fenster, aber da war nichts anders als vorher. Garten. Bäume. Insekten. Tote.

„Haaaaaaalloooooooo!!!“, schrie sie noch einmal aus Leibeskräften. „Ich bin‘s, Chris! Haaaallooooo!!!“

Sascha murmelte etwas, sie liefen zu ihm.

„Was hat er gesagt?“, fragte Chris.

„Keine Ahnung. He, Sascha. Bist Du wach?“

„Soll denn das Geschrei?“, nuschelte Sascha. „Will schlafen.“

„Simon glaubt, dass er drüben im Haus was gehört hat“, erklärte Chris eifrig. „Vielleicht sind da noch ein paar von den anderen. Wenn wir nicht die einzigen sind, die es geschafft haben, dann…“

Er drehte unter leisem Stöhnen seinen geschundenen Kopf und sah sie an. Seine Augen waren offen und klar, doch Chris kamen sie leer vor. Sie schauderte.

„Was meinst Du“, fragte Sascha, jetzt deutlich. „Was haben wir geschafft?“ Er sah die beiden fragend an. „Außerdem habe ich Hunger“, setzte er hinzu.

Simon, der wenig gefrühstückt hatte und dessen Magen sich auch schon des öfteren beschwert hatte, nickte traurig. „Wir haben nichts zu essen, Mann. Wir haben genug Wasser, aber leider…“

„Nichts zu essen?“ In Saschas Stimme lagen Unverständnis und Empörung. „Was ist denn das… für ‘ne… Scheiß Party.“ Seine Augen wurden wieder trübe, die Augenlider flatterten und schlossen sich. „Scheiß Party!“ murmelte er noch einmal, dann schlief er wieder. Chris sah Simon an und brach in Tränen aus. Er nahm sie in den Arm und versuchte, sie zu beruhigen.

„Hey, er weiß nicht, was er sagt.“

Sie zitterte und schluchzte an seiner Schulter. „Hat recht“, verstand er unter ihren Tränen, „Er hat recht… Scheiß Party…“

Er streichelte ihr Haar. „Es war eine schöne Party. Du hast alles richtig gemacht. Du kannst doch nichts dafür, dass die Viecher durchgedreht sind, hm?“

„Weiß nicht.“ Sie weinte immer noch. „Ich hätte doch… hätte auch zuhause feiern können. Ich habe… ’ne ganz schöne Wohnung, mit ’nem riesen Balkon, da hätten wir alle reingepasst, und…“

„Ach Quatsch, das wäre doch nicht das selbe gewesen. Die Idee war doch das Revival, hier, wo wir damals gefeiert haben. Mit dem See, den Feuern, mit allem, was dazugehört und…“

„Aber sie sind tot, Simon“, schrie sie, „sie sind alle tot, weil ich sie hierhin eingeladen habe. Wenn ich nicht diese blöde Revival-Idee gehabt hätte, würden sie alle noch leben, Andreas und Martina und Stephan… und Kat.“ Sie vergrub das Gesicht verzweifelt in den Händen und weinte hemmungslos. Er hielt sie, streichelte sie und versuchte, ihr soviel Trost zu geben, wie er konnte. Simon hatte höllische Angst, aber er hatte Hoffnung. Er wusste doch, dass er die Stimmen im Haus gehört hatte und von dort aus würde es sicher einen Weg geben, Hilfe zu holen. Sie mussten nur warten. Und er musste aufpassen, dass die beiden nicht durchdrehten. Sascha schien im Moment ziemlich neben der Spur, aber er das war bei der Schwere seiner Verletzung auch nicht weiter verwunderlich. Aber Chris wollte er nicht verlieren.

„Chris“, flüsterte er ihr nach einer Weile leise ins Ohr. „Geht’s wieder?“

„Nein“, murmelte sie.

Er nahm ihre Hände in seine, rückte ein Stück von ihr ab, sah ihr genau in die Augen und versuchte, seiner Stimme einen festen Klang zu geben.

„Chris, glaub mir: Es ist nicht Deine Schuld. Du hast von diesen Viechern nichts gewusst. Wenn Du schuld bist, weil Du uns eingeladen hast, dann haben wir alle selbst genau so viel Schuld, weil wir gekommen sind.“

Sie rückte wieder zu ihm, lehnte sich an ihn und ließ sich umarmen. Es klang gut, was er sagte. Es klang richtig. Sie hatte in ihren Erinnerungen gekramt, endlos, um irgendeinen Anhalt zu finden, irgendein ähnliches Verhalten in all den Jahren, aber sie hatte nichts gefunden. Selbst die Wespen, die damals im Schuppen ihr Nest gebaut hatten, hatten sich ziemlich friedlich verhalten, sie hatten das Nest nicht einmal entfernen lassen, so wenig Probleme hatte es bereitet. Und Ameisen waren immer mal ins Haus gekommen, klar, aber nie in Massen oder auf bedrohliche Weise. Bis zum heutigen Tag war sie in ihrem ganzen Leben genau einmal von einer Wespe gestochen worden, und das war nicht hier gewesen, sondern als Kind auf einem Spielplatz. Es hatte keinerlei Anhalt gegeben, d so etwas passieren konnte. Es hatte nicht einmal einen Anhalt gegeben, dass so etwas überhaupt passieren konnte. Und dennoch. Sie waren hier gewesen. Ihretwegen. Chris seufzte und kuschelte sich enger an Simon. Sein Trost tat gut, trotz allem. Sie sah ihn dankbar an.

„Du bist lieb“, sagte sie.

„Ich versuche nur, Dir zu helfen. Es hat keinen Sinn, wenn Du Dich so quälst.“

Sie atmete tief durch und nickte. „Nein, Sinn hat es wohl keinen. Aber ich kann es nicht so sehen, weißt Du? Sie waren nun mal wegen mir hier.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich verstehe, was Du meinst. Aber es ist falsch.“

Sie streichelt wortlos den Arm, mit dem er sie hielt. In der Sicherheit seiner Umarmung löste sich ihr Geist langsam von den Selbstvorwürfen und wandte sich praktischeren Problemen zu.

„Ich glaube, Sascha weiß nicht mehr, was passiert ist“, sagte sie nach einiger Zeit flüsternd.

„Fürchte ich auch.“

Chris seufzte. „Ich habe auch Hunger. Verdammte Scheiße.“

Simon lachte unfroh. „Ja, wir haben echt die Arschkarte gezogen. Die im Haus haben wenigstens ‘ne ganze Küche voller Futter.“

„Was meinst Du, wie verwirrt er ist?“

„Sascha?“ Simon sah den Schlafenden zweifelnd an. „Keine Ahnung. Es hat mir nicht gefallen, wie er uns angesehen hat. Wir werden auf ihn aufpassen müssen. Womöglich reißt er in einem unbeobachteten Moment die Tür auf, oder so.“

Chris drückte Simon noch einmal, dann stand sie auf, ging zum Fenster und sah nachdenklich hinaus.

„Ich wüsste zu gerne, wer da im Haus ist. Und wie es ihnen geht.“

Simon trat neben sie. „Ich hoffe, sie finden einen Weg, uns alle hier raus zu holen. Sie werden mehr Möglichkeiten haben als wir. Und vermutlich sind sie auch mehr Leute.“ Er seufzte und grinste bitter. „Verglichen mit uns leben sie wahrscheinlich wie Gott in Frankreich.“

FORTSETZUNG FOLGT



Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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