schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 31 – Der Ruf, Teil 6

Gestern habe ich Euch im fünften Teil von „Der Ruf“ von der brillanten Idee meiner Hauptfiguren erzählt, eine Seance abzuhalten und von der noch brillanteren Idee Christophs, ein altes Buch mitzubringen, und das Lateinische vorzulesen (und somit aus der Seance eine Beschwörung zu machen, aber das nur am Rande). Ich bin also nicht völlig über Horrorklischees erhaben. Genau genommen habe ich in diesem Buch einige davon zusammengesetzt und geschaut, was daraus wird. 😀 Wollt Ihr das wissen? Dann geht es heute weiter mit:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6


Im Haus, gegen 18.30 Uhr

Sie hatten sich im Wohnzimmer um den Couchtisch versammelt. Britt saß auf dem Sofa und drückte einen feuchten Lappen gegen ihre Beule. Die hässliche Schürfwunde am Arm hatten sie mit einem großen Pflaster versorgt. Philip hatte sich neben ihr auf die Sofalehne gesetzt und sah unglücklich in seine Handflächen. Chris hatte einen der Stühle vom Esstisch herangezogen, sich verkehrt herum darauf gesetzt und schaute nun, das Kinn auf die Lehne des Stuhls gestützt, ins Leere. Stephan und Justus lehnten am Kamin, Kat hatte sich vor Stephan auf den Boden gesetzt, den Rücken an seine Beine gelehnt. Christoph saß zusammengefallen in dem Sessel der Sitzgruppe, sein Gesicht war immer noch bleich, auf der Stirn hatte er Schweißperlen.

„Was war das?“ Philip hatte die Betrachtung seiner Hände beendet und sah in die Runde.

„Vielleicht ist irgendwas explodiert,“ meinte Justus schließlich lahm.

„Klar ist was explodiert,“ meldete sich Kat vom Boden, „das haben wir wohl alle mitbekommen. Aber was?“

„Vielleicht waren da irgendwelche Dämpfe in dem Schuppen,“ überlegte Justus. „Und wegen der Kerzen…“

„Da waren keine Dämpfe,“ sagte Chris. „Der Schuppen wird schon seit Jahren nicht mehr genutzt. Wenn da jemals irgendwelche Dämpfe drin waren, sind die lange verflogen.“

„Lösemittel,“ schlug Justus vor, „Holzschutz aus den Wänden, oder…“

Chris schüttelte den Kopf. „Nein, sowas kann’s nicht gewesen sein.“

„Das war auch nicht sowas,“ sagte Britt leise.

„Was dann?“ Justus sah sie leicht beleidigt an.

„Keine Ahnung. Irgendwie… Irgendwas mit Christophs Formel…“

„Klar,“ sagte Justus, „Er hat einen Geist gerufen und der ist dann explodiert“

„Deine Dampftheorie ist auch nicht gerade brillant,“ erinnerte Kat ihn.

„Vielleicht war es Harz. Aus dem Holz.“ Er sah wütend auf sie herunter.

„Das berühmte Bergische Knallharz,“ sagte Philip sarkastisch.

„Besser als Geister,“ schnaubte Justus.

Philip machte eine wegwerfende Handbewegung und wandte sich Britt zu. „Ist der Lappen noch kühl?“

Sie lächelte und nickte. „Alles klar, danke.“

Chris sah Stephan an, „Was meinst Du?“

Er dachte einen Moment nach und schüttelte dann den Kopf. „Keine Ahnung.“

„Ein Blitz,“ meinte Justus, „es könnte ein Blitz gewesen sein, der…“

„Justus, bitte,“ Philip sah ihn etwas gequält an, „gleich erzählst Du uns noch, dass ein Flugzeug auf den Schuppen gestürzt ist.“

Justus wurde rot. „Na, immerhin muss ich keine Geister bemühen, die explodieren.“

„Ich hab nie was von einem Geist gesagt,“ sagte Britt langsam.

„Egal,“ schnappte er. „ Du hast doch gesagt, dass es was mit Christophs Show zu tun hatte, oder?“

Britt war blass geworden. Die Muskeln an ihrem Kiefer zuckten. „Ich habe lediglich laut gedacht,“ sagte sie leise und betont ruhig.

Justus hatte eine sichtbare Retourkutsche auf der Zunge aber Britts Blick ließ es ihm klüger erscheinen, die zu schlucken. Stattdessen wandte er sich an Philip.

„Und was ist mit Dir? Vorhin war das alles noch Quatsch, mit der Séance und plötzlich machst Du Dich über jede vernünftige Erklärung lustig, die ich bringe.

„Was regst Du Dich eigentlich so auf?“ fragte Kat.

„Oh ja, jetzt komm Du auch noch und…“

„Hey!“ herrschte sie ihn an und sprang so schnell auf, dass Stephan ausweichen musste. „Komm mal auf den Teppich, mein Freund! Was ist Dein Problem?“

„Ja, klar, schrei mich an. Der einzige der eine vernünftige Erklärung versucht, aber es ist ja viel einfacher, rumzumotzen und…“

Stephan lachte plötzlich. „Na komm, Justus. Die Idee, dass Christophs Litanei eine Explosion ausgelöst hat ist krude. Aber Du musst zugeben, dass Deine vernünftigen Erklärungen so toll auch nicht sind. Vielleicht haben wir einfach gar keine Erklärung.“

„Darf ich Dich daran erinnern,“ entgegnete Justus und zeigte auf Philip, „dass es Dein Kumpel war, der gefragt hat, was passiert ist?“

„Ja, aber wie ich ihn kenne, wollte er keinen Glaubenskrieg anzetteln. Du glaubst an Indoor-Blitze, Britt glaubt, es hat was mit Christophs Beschwörung zu tun. Ich finde nicht, dass sich das viel tut.“

„Es tut mir leid! Bitte es tut mir so leid!“ Christoph saß senkrecht im Sessel und schrie. Sie fuhren zusammen und drehten sich zu ihm. Stephan fühlte wie er eine Gänsehaut bekam, als er ihn so sah, mit weit aufgerissenen Augen in dem totenblassen Gesicht, über das der Schweiß lief.

„Was tut Dir leid?“ fragte Chris. „Was ist los.“

Er beachtete sie nicht. Statt dessen sah er Kat an. „Es tut mir leid, Kat.“

Sie sah irritiert in die Runde, bevor sie seinen Blick erwiderte. „Was?“

Seine flackernden Augen wanderten weiter und fanden Stephan. „Bitte, Stephan, bitte.“

„Bitte was?“

Christoph schüttelte den Kopf und stöhnte. „Es tut mir so leid.“ Dann schloss er die Augen und sackte auf dem Sessel zusammen. Die anderen lösten sich aus ihrer Erstarrung, Britt und Chris, die im Aufspringen den Stuhl umstieß waren zuerst bei ihm.

„Christoph, was ist?“ fragte Britt.

Er öffnete die Augen und sah sie verwirrt an. „Was ist?“

Britt sah ihn prüfend an. „Du warst weggetreten.“

„Lange?“

Sie schüttelte den Kopf, zuckte kurz zusammen, fluchte leise und drückte den Lappen wieder auf ihre Beule. „Ich glaube nicht. Woran erinnerst Du Dich?“

„Ich weiß nicht. Justus und Philip haben sich gestritten. Und dann… Weiß nicht.“

„Du hast Dich entschuldigt,“ sagte Philip.

„Entschuldigt? Wofür?“

„Keine Ahnung. Müsstest Du doch wissen.“

Christoph dachte einen Moment nach. „Nein. Ich wüsste nicht, wofür…“

„Ist auch egal,“ unterbrach Britt ihn. „Wie fühlst Du Dich? Ist Dir schwindelig? Übel?“

„Ja, übel. Mir ist immer noch schlecht.“

„Vielleicht hast Du Dir ‘ne Gehirnerschütterung geholt, als Du vorhin den Abflug gemacht hast.“

Er lächelte unsicher. „Wenn Du meinst.“

Britt fasste ihn scharf ins Auge. „Wir sollten Dich ins Krankenhaus bringen. Das gefällt mir gar nicht.“

Für einen Moment sah Christoph sie erschöpft und fast erleichtert an. Stephan war sicher, dass er Britts Vorschlag folgen würde. Dann aber straffte Christoph sich mit einem Mal, sein Blick schien klarer zu werden. „Krankenhaus? Warum? Ich habe mir nur den Kopf gestoßen, das geht schon.“

„Ich weiß nicht“, sagte Britt. „Erst kotzt Du vor den Schuppen, dann redest Du wirres Zeug – ich finde, das sollte sich mal ein Experte ansehen.“

Er lächelte. „Du bist doch Ärztin, oder?“

„Orthopädin, das ist nicht mein Feld. Ich würde mich echt besser fühlen, wenn wir das abklären.“

„Aber“, sagte Chris etwas hilflos, „wir wollten doch jetzt grillen. Wie soll er denn ins Krankenhaus kommen? Ich meine… das nächste ist in Wipperfürth. Oder Rade. Das ist eine ganze Ecke bis dahin, und…“

„Ich kann ihn fahren“, sagte Philip. „Kein Akt. Und wenn Britt mitkommen will…“

Sie nickte, aber Christoph schaffte ein Lachen. „Leute, macht nicht so einen Wind darum. Ist echt nicht nötig. Ich ruhe mich ein wenig aus, dann geht das schon. Und wenn es schlimmer wird, könnt ihr mich immer noch einweisen, oder? Britt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. Schwindelig ist Dir nicht? Kopfschmerzen?“

„Nein, nur übel.“

„Okay dann… leg Dich ein bisschen hier auf’s Sofa und ruh‘ Dich aus. Und wir sehen uns das an. Wenn es besser wird, gut, wenn nicht, fahren wir Dich ins Krankenhaus.“

„Genau“, sagte Kat. „Wir grillen jetzt was und bringen Dir dann die Sachen hier rein.“

Er sah sie gequält an. „Essen?“

„Vielleicht ‘nen Salat oder sowas?“

Er überlegte. „Salat klingt gut. Ich darf jetzt bloß nicht an Würstchen denken. Bäh.“

Chris sah auf die Uhr. „Wir sollten wirklich langsam anfangen. Wer kann mir helfen?“

„Was ist denn zu tun?“, fragte Justus.

„Erstmal nur den Grill anmachen. Und wir müssen das ganze Zeug raus tragen.“

„Ich mach das mit dem Grill“, beschloss Justus. Im Rausgehen warf er Stephan einen Blick zu. „Wir diskutieren das später weiter.“

Im Garten, gegen 19 Uhr

Simon sah sich hektisch nach einer Fluchtmöglichkeit um, aber es gab keine. Er hatte ihn zu spät gesehen, nun würde er es ausbaden müssen. Er hatte das Bedürfnis gehabt, ein wenig für sich zu sein, also war er alleine, ein Bier in der Hand, in den Schatten der Sauna gegangen, hatte sich an das kleine Holzgebäude gelehnt und den anderen zugesehen. Gerade wurden ernsthafte Vorbereitungen zum Grillen getroffen, Justus schleppte Holzkohle heran und verteilte sie nach Chris Anleitung im Grill. Stephan brachte einen Klapptisch, den Kat und Philip mit allerlei Grillgut bestückten. Mehr und mehr der Partygäste fanden sich um den Grill ein, schwatzten und lachten und äußerten ihre Vorfreude.

Simon grinste vor sich hin. ‚Es ist unmöglich‘, dachte er, ‚sie können nicht schon wieder Hunger haben. Nicht nach dem, was sie dem Kuchen angetan haben.‘ Er schaute wieder zum Grill hinüber, an dem Justus, von der Menge angefeuert, gerade mit dem Blasebalg zu Gange war und Simons eigener Appetit strafte ihn Lügen. Jetzt ein schönes Grillkotelett… oder eines von den netten orangen Dingern…

In seiner Begeisterung für das Geschehen hatte er Frank einfach übersehen. Als er ihn dann bemerkte, war es zu spät. Frank steuerte auf ihn zu, sein breites Grinsen trug er vor sich her wie eine Fackel. ‚Er sieht völlig irre aus‘, dachte Simon, erstaunt über die plötzliche Erkenntnis. Frank hatte immer so ausgesehen. Da halfen weder der Schnurrbart noch die lichten Stellen im Haar.

„Naaaaaa?!“, sagte Frank.

„Na“, antwortete Simon mit säuerlichem Gesicht. Frank sah ihn eine Weile an und Simon begann, sich unbehaglich zu fühlen, als der andere ihn freundschaftlich auf die Schulter schlug.

„Wie geht’s, Alter?“

„Gut.“

Das reichte Frank als Einladung, er stellte sich neben Simon und betrachtete ebenfalls die anderen Partygäste. Die hatten sich nun fast vollständig um den Grill eingefunden und gaben mehr oder weniger hilfreiche Kommentare zu Justus Bemühungen ab.

„Boah, die ist ja so scharf!“, sagte Frank.

Simon, der schon wieder ein wenig in seinen Betrachtungen versunken war, zuckte zusammen.

„Was?“

Frank nickte zum Haus herüber und schenkte ihm etwas, dass er vermutlich für eine Art Verschwörergrinsen unter Männern hielt.

„Britt. Die ist das schärfste Gerät auf der Party, oder? Die wollte ich früher schon… heiraten“, er lachte keckernd.

‚Mein Gott‘, dachte Simon, ‚er schafft noch nicht mal ein richtig dreckiges Lachen.‘ Er hatte eine Freundin zu Hause und er würde sich garantiert nicht dieses schöne Revival dadurch versauen, dass er sabbernd nach einer Kopulationspartnerin suchte, wie dieses Windei hier neben ihm.

„Der würde ich gerne mal ein paar schöne Sachen zeigen“, sagte Frank.

‚Das kannst Du nicht‘, dachte Simon leicht angeekelt. Laut sagte er: „Geh doch rüber und schlag‘ es ihr vor.“ Natürlich würde Frank das nicht tun. Aber die Aussicht, ihn loszuwerden und gleichzeitig zusehen zu können, wie Frank von Britt und vermutlich auch Philip, Stephan, Justus, Kat und Chris bei lebendigem Leibe zerfleischt würde, war zu verlockend. Wo war eigentlich Christoph?

Frank lachte sein keckerndes Lachen, dann wurde sein Blick kritisch. „Kat ist immer noch ’ne Schlampe, was?“

Simon sah ihn erstaunt an. Er vermutete, dass Frank weniger von Kats Outfit als von seinen feuchten Träumen gesprochen hatte.

„Ich finde sie nicht schlampig“, sagte er knapp, was wieder dieses nervenzerreißende Lachen aus Frank herauslockte.

Aus dem Schatten der Bäume über dem Trampelpfad, der zum See hinunter führte, lösten sich zwei Gestalten. Simon erkannte Tanja und Markus, und zu seiner grenzenlosen Erleichterung entdeckten sie Frank und ihn und steuerten auf sie zu.

„Was macht ihr denn hier?“, fragte Tanja fröhlich.

„Ich guck mir das ganze Treiben ein bisschen an“, sagte Simon. „Sie haben gerade den Grill angeworfen.“

„Ja, wir genießen die Aussicht“, erläuterte Frank grinsend. Markus sah Simon irritiert an, der zuckte resigniert mit den Schultern. Eine der Frauen beim Grill, Martina, löste sich aus der Gruppe, ging ein Stück in den Garten, hob etwas vom Boden auf, ging zurück zu den anderen und gab es Chris. Simon konnte nicht erkennen, was es war. Neben ihm machte Frank ein neues Geräusch, eine seltsame Mischung aus Lachen, Pfeifen und Hecheln.

„Hast Du das gesehen? Ey, hast Du das gesehen? Wie kann die sich denn so vorbeugen, mit so’nem kurzen Rock, die…“

Simon hatte genug. Er nahm einen Schluck aus der Bierflasche und machte sich auf den Weg zu den anderen. Tanja und Markus folgten ihm und ließen den immer noch grinsenden Frank bei der Sauna zurück.

„Das dürfte jetzt klappen.“ Justus betrachtete die Glut im Grill fachmännisch und hielt eine Handfläche über den Rost. „Noch ein bisschen durchziehen, dann können wir anfangen.“

„Gut.“ Chris nickte zufrieden. „Danke Justus.“

Er lächelte mit freundlicher Herablassung. „Sicher.“

Warum muss er so ein Arschloch sein?‘, dachte Stephan. Aber er sagte nichts. Er war immer noch verwirrt von dem, was in dem Schuppen passiert war, und obwohl er früher keine Gelegenheit ausgelassen hatte, sich mit Justus in die Haare zu kriegen, hatte der Streit vorhin ihm nicht gefallen. Er hätte lieber gehabt, wenn sie wirklich zu einer Erklärung für den komischen Ausgang der Séance gekommen wären. Aber das war vermutlich von vornherein unmöglich gewesen, auch ohne dass Justus und Britt aufeinander losgegangen waren. Er selbst neigte dazu, Britt zuzustimmen, irgend etwas hatte es mit Christophs Formeln zu tun gehabt. Mit diesem komischen Buch. Er erinnerte sich schaudernd an das Gefühl, das über ihn gekommen war, als er es in der Hand gehabt hatte. Etwas stimmte ganz und gar nicht mit dem alten Ding, aber andererseits – Comics über Geister und Dämonen zu schreiben war eine Sache, selbst daran zu glauben eine andere. Dennoch – Christophs Gesichtsausdruck, als er diese Entschuldigung herausgeschrien hatte…

Etwas strich sanft über seinen Arm.

„Hey, was ist mit Dir?“

„Hm?“ Er löste sich aus seinen Gedanken und sah, dass Kat vor ihm stand. Die Menge, die eben noch um den Grill gestanden hatte, hatte sich verlaufen, die Terrasse war fast wieder leer, abgesehen von Maike und Martina, die in der Nähe der Anlage standen und sich zur Musik bewegten und Chris, die beim Grill geblieben war. Die meisten der anderen standen in kleinen Grüppchen im ganzen Garten verteilt und warfen von Zeit zu Zeit gierige Blicke in Richtung Grill. Er selbst stand, an die Hauswand gelehnt, in einer Ecke der Terrasse, die vorhin noch belebt gewesen war. Jetzt war er allein – bis auf Katja.

„Entschuldige, was hast Du gesagt?“

Sie lachte. „Ich wollte nur wissen, ob was mit Dir ist. Stehst hier ganz alleine in der Ecke und schaust traurig vor Dich hin.“

„Ich bin nicht traurig, ich habe nur nachgedacht.“

„Stimmt“, sie nickte, „das war früher schon so. Soll ich Dich in Ruhe lassen?“

„Nein, bleib ruhig hier.“

„Ich wollte Dich nicht stören.“

„Du störst nicht.“

Sie sahen sich eine Weile an, dann lehnte sie sich neben ihn an die Wand und sie schauten beide zum Schuppen hin. Stephan sah, dass in der Scheibe des ihnen zugewandten Fensters ein Sprung war, der sich von linken unteren Ecke etwa zehn Zentimeter in Richtung Fenstermitte zog. Als er heute Nachmittag, von fast der selben Stelle wie jetzt, zum Schuppen geschaut hatte, war der Sprung noch nicht dagewesen, darauf hätte er jeden Eid geschworen. Und er wusste, dass es bei der Séance passiert war. Er war völlig sicher. Kat schien seine Gedanken zu lesen.

„Das Fenster ist kaputt“, sagte sie gedankenverloren. „War es vorhin noch nicht, oder?“

„Nein, ich glaube nicht.“

Sie betrachteten wieder eine Weile den Schuppen.

„Was ist da drin passiert?“, sagte Kat, mehr zu sich selbst als zu ihm.

„Weiß nicht. Keine Ahnung.“

„Ich auch nicht. Ich hatte so ein ganz komisches Gefühl, als ich das Buch angefasst habe. Und später…“

Er sah sie erstaunt an. „Ich auch.“

Sie blickte überrascht zurück. „Ja? Die anderen nicht, ich habe Britt gefragt und Philip…“ Sie unterbrach sich und Stephan sah plötzliches Erschrecken über ihr sommersprossiges Gesicht huschen. Tiefes Erschrecken.

„Er hat sich bei uns entschuldigt, Stephan. Nur bei uns.“

Er nickte.

Kat nagte an ihrer Unterlippe. „Das gefällt mir überhaupt nicht.“

Sie rückte ein Stück näher an ihn und legte ihre Wange an seine Schulter. Er legte einen Arm um sie und zog sie an sich. Sie sagte nicht, dass sie Angst hatte, aber das war auch nicht nötig. Ihm ging es nicht anders. Er wusste, dass etwas geschehen würde, und er fürchtete sich davor.

FORTSETZUNG FOLGT

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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