schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 67 – Der Ruf, Teil 42

Kommt her, ich erzähle Euch eine Geschichte. Viel ist nicht mehr übrig, vom „Ruf“, ich erzähle Euch die wenigen verbleibenden Seiten also in etwas kleineren Portionen. Die heutigen hätte ich aber so oder so nicht länger erzählt. Es passiert genug. 😉

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34 Der Ruf – Teil 35

Der Ruf – Teil 36 Der Ruf – Teil 37 Der Ruf – Teil 38 Der Ruf – Teil 39

Der Ruf – Teil 40 Der Ruf – Teil 41


Der Ruf – Teil 42

Im Flur, gegen 8.45 Uhr

Der Hohepriester bewegte sich lautlos durch den Flur. Als er seine Ruheposition über der Treppe eingenommen hatte, hatte er sich ganz in seinen Wirt zurückgezogen, mit Ausnahme eines wachen Sinnes, der durch die Augen seiner Sklaven beobachtete. In dieser Zurückgezogenheit hatte er seine Kontrolle über den Körper vervollkommnet, hatte geforscht und gelernt, um schließlich diese Hülle gänzlich zu verstehen. Bisher war es nicht nötig gewesen, so in die Geheimnisse seines Wirtes einzutauchen. Den ersten beiden war er zufällig begegnet, die anderen hatten seine Sklaven getötet. Nun aber würde er mit jenen kämpfen müssen, die ihn erwarteten.

Dann war unten etwas geschehen. Seine Sklaven hatten ihm die Empfindung bestätigt – einer hatte sich von den anderen abgesondert, war alleine in den Raum gegangen, wo sie den Körper einer Gefallenen aufbewahrten. Sie war von eigener Hand gestorben. Der Hohepriester kannte dieses Phänomen der Schwäche, es war sehr alt. Er verlachte es.

Er war die Treppe hinunter gestiegen, leise, fast schwebend. Ja, er hatte mehr Kontrolle über diesen Körper als sein eigentlicher Besitzer je gehabt hatte. Das Gekreische dessen, der ihn gerufen hatte, war nun die permanente Hintergrundmusik seiner neuen Existenz. Es störte den Hohepriester nicht besonders. Er hatte schon viele Seelen versklavt auf viele verschiedene Weisen, er war an diese Geräusche gewöhnt.

Er war durch den Flur gegangen, leise, mit ausgebreiteten Armen. Er hatte die Körper berührt, die an den Wänden krabbelten und in der Luft schwebten, still auf seine Befehle wartend. Er fühlte die Pelzigen und die Glatten, fühlte jedes einzelne, gab ihnen Namen und Rang und manche starben vor Ehrfurcht. An der Biegung des Flures blieb er stehen und wartete, bis sie bei ihm waren, die dieses Haus für ihn erobert hatten.

„Gut“, sagte er leise in einer uralten Sprache, die sie verstanden. „Und nun folgt mir.“

Und als er den Flur hinabging zur Schlafzimmertür, da waren sie um ihn und zogen mit ihrem Meister dem Ende der Schlacht entgegen. Dem Sieg.

Kein Feind, der ihm gewachsen wäre.

Im Schlafzimmer, gegen 8.50 Uhr

Bastian zog Hose und Unterhose wieder hoch und schlug die ausgelegte Zeitung zu einem handlichen Paket zusammen. Bei all dem vermied er peinlich, den verhüllten Körper auf dem Bett anzusehen. Er hatte seine Verrichtung erledigt, indem er Sabine den Rücken zudrehte, immer gequält von Bildern, in denen der tote Körper sich unter den Tüchern erhob und ihn von hinten ansprang. Er hätte sich die paar Horrorfilme, die er angesehen hatte, besser auch sparen sollen. Bastian wandte sich eben zum Gehen, als er ein leises Geräusch an der Tür zum Flur hörte. Er drehte sich um und sah verwirrt zur Tür. Erneut: ein sanftes Klopfen. Er wusste, dass da draußen die Insekten waren. Aber die konnten doch nicht klopfen.

Wieder, leise und eindringlich: Klopf. Klopfklopf.

Christoph? Konnte er es schon sein? Nein, auch nicht, selbst wenn er durch die vordere Tür gekommen wäre, sie hätten ihn hören müssen.

Klopf. Klopfklopf.

Bastian bewegte sich auf die Tür zu, wie gezogen. Er wusste, dass es nicht klug war, dass es falsch war, völlig falsch. Aber da draußen war ein Mensch. Vielleicht war Hilfe gekommen? Polizisten, Feuerwehr, Wissenschaftler auf der Suche nach Überlebenden? Es war Unsinn, er wusste es. Aber er ging weiter auf die Tür zu.

Klopf. Klopfklopf.

NEIN!

BASTIAN!

NEIN!‘

Die Stimme heulte so plötzlich in seinem Kopf auf, das er erschrocken stehen blieb. Sie hatte weit entfernt geklungen und sie war von Kälte begleitet gewesen, beißender Kälte. Und sie war ihm bekannt vorgekommen. Er lauschte noch einen Moment, nicht völlig sicher, ob die Stimme von außen oder aus ihm selbst gekommen war. Aber da war nicht mehr. Er hatte es sich nur eingebildet.

Klopf. Klopfklopf.

Er machte unwillkürlich einen weiteren Schritt auf die Tür zu, angstvoll auf die kalte Stimme lauschend, doch sie kam nicht wieder.

Klopf. Klopfklopf.

„Ich komme ja“, murmelte Bastian. „Ich komme ja, ich…“

Mit einem Krachen flog die Tür aus den Angeln, sauste an Bastian vorbei, der erschrocken zur Seite sprang und schlug gegen die gegenüberliegende Wand. Ein gewaltiger, brauner Ball aus Insekten explodierte in den Raum und breitete sich rasend aus, im selben Moment waren sie überall, in der Luft, an Decken und Wänden, auf dem Bett, auf Sabine, auf dem Teppich. Bastian sank wimmernd zu Boden. Zu seiner Überraschung fielen sie nicht über ihn her. Er nahm die Hände vom Gesicht und sah auf. Christoph stand über ihm.

Und doch nicht Christoph.

Es war sein Körper, seine mit Dreck bedeckte Kleidung, sein blondes Haar, in dem Stöckchen und Erde klebten, aber das Gesicht darunter war nicht Christophs, auch wenn es seine Züge hatten. Das Weiße in seinen Augen hatte einen tief gelben Ton angenommen, bei dessen Anblick sich Bastian der Magen umdrehte. Die Pupillen waren schmal geworden und fast ganz schwarz. Sein Mund war zu etwas verzogen, das wie ein breites Grinsen aussah, die geschlossenen Lippen waren dünn und aufs äußerste gedehnt und hinter diesem ekelhaft starren Grinsen waren die Zähne zu erahnen. Und auch mit denen stimmte etwas nicht. Bastian drehte sich zur Seite, würgte krampfartig und erbrach.

Er wurde am Kragen gepackt und hochgezogen und obwohl er die Augen schließen wollte konnte er es nicht. Das Gesicht, diese grausige Parodie eines Menschen, war nun direkt vor ihm. Das Wesen zog die Luft ein und lachte keckernd. Dann öffnete sich der Mund. Bastian spürte keinen Schmerz, als sich die Zähne in seine Oberlippe, Kinn und Kiefer gruben und seinen Mund aufzwangen. Er spürte, wie sein eigenes Blut an seinem Hals herab lief, aber die Schmerzen dieses obszönen Kusses spürte er nicht. Er war schon auf seinem Weg fort, weit fort.

Mit einem Male fiel ihm ein, wessen Stimme das eben gewesen war, so fern, so kalt.

Es war Sabine gewesen. Er hätte wohl auf sie hören sollen.

Dann begann der Hohepriester zu saugen und Bastian wusste nichts mehr, dachte nichts mehr, fühlte nichts mehr und verging.

FORTSETZUNG FOLGT




Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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