schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 53 – Der Ruf, Teil 28

Hallo, schön, dass Ihr wieder hier seid. Im „Ruf“ geht es weiter mit den „Bruchpunkten“.

Für alle, die sich Teil 27 wegen der Triggerwarnung gespart haben: Die im Haus Verbliebenen haben Sabine gefunden, die sich im Schlafzimmer umgebracht hat. Die Überlebenden haben sich dann darin bestärkt, die Hoffnung nicht aufzugeben und an dem einmal gefassten Plan fest zu halten.

Wir richten unseren Blick zunächst wieder in die Sauna:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid



Der Ruf – Teil 28

In der Sauna, gegen 19.00 Uhr

Frei!

Er war fast frei.

Er kicherte.

Die Fußfessel noch, dann würden sie ihn nicht mehr aufhalten können.

Sie ekelten ihn an. Sie waren immer wieder hereingekommen um „nach ihm zu sehen“, wie sie sagten. Er hatte sich schlafend gestellt bei diesen Kontrollbesuchen und musste zugeben, dass sie sich kaum eine Blöße gegeben hatten. Dennoch widerte ihn ihr Theaterspiel an. Diese geheuchelte Besorgnis. Diese Komödie der Verzweiflung, die sie jedes Mal spielten. Und am allerschlimmsten – diese schleimige Nummer vom „Paar, das sich in aussichtsloser Situation näher kommt“. Diese verstohlenen Berührungen, diese langen Blicke, das angedeutete Streicheln. Für wen spielten sie diese Nummer? Wollten sie seine Intelligenz beleidigen? Er wusste doch genau, was sie taten, wenn sie in der Sauna waren. Er wusste, dass sie übereinander herfielen, sobald er sie nicht mehr sehen konnte, konnte sich alle Perversitäten ausmalen, mit denen sie sich für das Ritual in Ekstase brachten.

Aber sie hatten ihn unterschätzt.

Oh ja.

Er hatte das Messer aus seiner Hosentasche gezogen, langsam, ganz langsam. Es war ein Schweizer Offiziersmesser (wie bei MacGyver, war ihm eingefallen, der kam auch überall raus, der Gedanke hatte ihn fröhlich gemacht). Er hatte mit einiger Mühe die große Klinge ausgeklappt und musste dann eine Pause einlegen weil die perversen Schweine mal wieder eine Pause gebraucht und ihn hier im Bad besucht hatten. Salbungsvolles Gelaber, geheucheltes Mitleid, gespielte Verzweiflung, Chris tatscht auf Simons Rücken herum, er streicht ihr durchs Haar, langer trauriger Blick, leichtes Lächeln, eine erbarmungswürdige Nummer.

Es hatte ihn einige Mühe gekostet, nicht laut herauszulachen. Dann hatten sie ihn schließlich wieder allein gelassen und waren seither nicht mehr wiedergekommen.

Sehr gut.

Er hatte es geschafft, seine Handfessel zu zerschneiden, nachdem ihm die ersten Fehlversuche ein paar schmerzhafte kleine Schnitte in der linken Hand eingebracht hatten. Doch der Erfolg ist mit den Fleißigen und schließlich war es ihm gelungen. Nun musste er nur noch den Frotteegürtel um seine Füße loswerden, dann würde er endlich frei sein.

Frei!

Chris wachte auf und sah sich irritiert um. Dann fiel ihr alles wieder ein und sie seufzte. Sie lag auf einer der Saunabänke, sie hatten sich über ihre Berufe unterhalten. Simon war Polizist. Irgendwann waren sie beide schläfrig geworden, und sie war mit dem Kopf auf seiner Brust eingenickt. Es war schön gewesen, hier mit ihm. Warm und freundlich. Sie hatte für einen Moment alles vergessen und sich einfach nur wohl gefühlt.

Chris seufzte wieder. Für einen Moment, ja. Nicht mehr.

Sascha!

Der Gedanke schoss ihr plötzlich durch den Kopf, sie erschrak. Herrjeh, der arme Kerl lag immer noch gefesselt im Bad. Wie lange schon? Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war. Chris stieg von der Bank, und Simon wachte auf. Er hob den Kopf und sah sie an, immer noch verschlafen.

„Was ist?“

„Wir sind eingeschlafen. Ich muss nach Sascha sehen. Hast Du eine Ahnung, wieviel Uhr es ist?“

Er setzte sich auf und schaute auf seine Armbanduhr.

„Kurz nach sieben.“

„Abends oder morgens?“

„Abends. Neunzehn Uhr. Wir haben höchstens ‘ne halbe Stunde geschlafen, Chris.“

Sie atmete auf. „Ich sehe trotzdem mal nach ihm. Vielleicht hat er sich ja wieder gefangen. Ich habe ein beschissenes Gefühl dabei, ihn so gefesselt im Bad liegen zu lassen.“

Simon sprang auf den Boden.

„Du hast recht. Selbst wenn er immer noch spinnt – wir sollten ihn zu uns holen.“

„Findest Du auch, ja?“

„Ja. Wie muss er sich denn fühlen?“

„Gut.“ Sie nickte. „Ich hole ihn.“

„Warte, ich komme mit.“

Es ging schnell. So unglaublich schnell, dass Chris es sich im Nachhinein zusammenreimen musste, in den Sekunden, in denen es passierte begriff sie zu keinem Augenblick, was eigentlich vorging. Simon öffnete die Tür und ging als erster, sie folgte ihm. Er drehte sich zum Bad und dann kam der Schrei. Ja, Zuerst kam der Schrei.

„Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiih!“

Sascha schoss aus der Tür, das Gesicht unter dem immer noch verquollenen Kopf zu einem breiten Grinsen verzogen, in dem ein Gefühl lag, dass Chris nicht verstand. Wie das?

Wo kam er plötzlich her?

Warum war er nicht mehr bewusstlos und gefesselt?

Während Chris vor dem schreienden, rasenden Sascha zurückwich, ging Simon vor und trat ihm in den Weg. Er hob die Hände, um den Verwirrten zurückzustoßen und im selben Moment schoss Saschas Faust vor und traf Simon oberhalb der Hüfte. Der Getroffene taumelte ein Stück zurück, im Gesicht eine Mischung aus Staunen und Schmerz. Sascha setzte nach.

„Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiih!“

Er hob die Faust und Chris sah etwas unter seiner Hand, einen kleinen, silbernen Strahl.

Die Faust schoss herab, auf Simons Brust zu, doch der konnte ausweichen, der Schlag verfehlte Simons Rumpf und traf seinen Oberschenkel. Simon schrie auf vor Schmerz und Wut und Sascha sprang weg von ihm und rannte auf die Tür zu. Etwas fiel polternd zu Boden. Chris setzte dem Rasenden nach, doch sie war zu langsam, er riss die Tür auf und rannte hinaus.

Die Welt stürzte auf sie zurück.

Die Tür.

War.

Offen.

Sie sah verzweifelt hin und her zwischen Simon hinter ihr, der sich den Leib hielt, und der offenen Tür.

Offen.

Die Tür war offen.

Simon war verletzt.

Die Tür war offen.

Was sollte sie tun?

Er war verletzt.

Sie musste ihm helfen.

Die Tür war offen.

Was sollte sie tun?

Draußen begannen die Schreie.

Die Lähmung fiel von ihr ab.

Da war die offene Tür.

Sie warf die Tür zu und verriegelte sie diesmal.

Gerettet.

Sie sah zu Simon, der in der Ecke neben der Saunatür saß.

Frei!

Ja, er war frei!

Er hatte sie besiegt. Gut, er hatte sein Messer verloren, das blöde Ding war umgeklappt, als er es in Simons Bein gestochen hatte, aber was machte das schon?

Er war frei.

Er stürmte aus der Tür in den Garten und ein Triumphgeheul lag auf seinen Lippen.

Dann sah er.

Und sein Triumph erstarb, als er begriff.

Er wollte sich umdrehen, aber es war zu spät.

Er wollte rennen, aber es war zu spät.

Er wollte zurück zu Chris und Simon, zurück zu seinen Freunden, zurück in Sicherheit, aber es war zu spät.

Sie kamen von allen Seiten. Stachen ihm zuerst in die Beine. Setzten sich auf seinen Kopf und stachen ihn wie zum Hohn, stachen und stachen und ließen ihm Zeit, zu leiden.

Und zu schreien.

Im Haus, gegen 19.15 Uhr

Sie standen an der Terrassentür, alle. Es war vorbei, aber sie konnten sich immer noch nicht lösen.

„Wer war das?“, fragte Britt schließlich. „Habt Ihr…“

„Sascha.“ Maike schüttelte den Kopf. „Es war Sascha.“

Bastian sah sie an. „Das kann nicht sein. Sascha würde nie… Er würde nie so etwas Dummes tun. Er ist doch…“

„Doch, Bastian, er war es.“ Sie schüttelte wieder den Kopf. „Ich habe ihn gesehen, bevor sie… bevor sie ihn erwischt haben. Es war Sascha.“

„Ob noch andere in der Sauna sind?“, überlegte Justus.

„Glaube ich nicht“, meinte Philip. „Sie hätten ihn doch nicht so einfach rauslaufen lassen.“

„Vielleicht haben sie ihn rausgeschmissen,“ sagte Bastian, mit plötzlichem Zorn in der Stimme. „Ihr wisst doch – er ist manchmal etwas schwierig. Brillant, aber nicht so einfach zu nehmen, für manche Leute. Vielleicht…“

„Nein“, unterbrach ihn Maike, die die Fensterwache gehabt hatte. „Nein, ich habe alles gesehen. Er ist rausgelaufen. Niemand hat ihn gezwungen, er ist nicht rausgeschoben worden, oder geworfen oder sowas. Er ist gelaufen. Und es sind noch andere in der Sauna. Sie haben die Tür wieder geschlossen. So lange, wie das gedauert hat, hätte Sascha sogar noch Zeit gehabt, zurück zu laufen. Aber er ist erstmal richtig weit in den Garten gerannt.“

„Vielleicht wollte er zu uns“, meinte Philip.

„Nein, nein. War die falsche Richtung. Nein, er ist einfach rausgerannt.“

Justus nickte. „Also noch ein Suizid.“

„Ja.“ Maike seufzte. „Oder er ist durchgedreht.“

„Nicht Sascha“, sagte Bastian. „Der nicht.“

Sie versuchten zu begreifen. Schließlich wandte Justus sich um und ging zurück zum Tisch.

„Kommt“, sagte er. „lasst uns unsere Expedition planen.“ Er schlug mit der Faust hart auf den Tisch.

FORTSETZUNG FOLGT


Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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