schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 69 – Der Ruf, Teil 44

Die Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen sind ja hierzulande ein fließender Prozess seit Anfang Mai. Die meisten Geschäfte, Kinos, Theater, Restaurants werden Ende Mai wieder offen sein, manche sind es schon seit Anfang des Monats. Schulen und Kitas öffnen eher chaotisch, was – nach meiner Beobachtung – vor allem daran liegt, dass, zumindest hier in NRW, die Vorgaben der Ministerien reichlich realitätsfern sind, und vor allem der Tatsache nicht Rechnung tragen, dass Gymnasium eben nicht gleich Gymnasium und KiTa nicht gleich KiTa ist. Ab Juni werde ich ENDLICH wieder schwimmen gehen können, ab Mitte des Monats werden dann auch meine regelmäßigen Reisen nach Wien wieder möglich sein… Die Masken andererseits werden uns, denke (und hoffe!) ich, noch lange erhalten bleiben, ebenso wie Abstandsregeln und der Verzicht auf Großveranstaltungen.

Lasst uns vernünftig und geduldig bleiben, so dass wir bei den nächsten Wellen nicht gleich wieder in den Lockdown müssen.

Warum sage ich das? Nun – ich habe beschlossen, dass ich meine Quarantänegeschichten noch bis Ende Mai forführen und dann (hoffentlich) abschließen werde. Wenn ich wieder schwimmen kann fühle ich mich nicht mehr im Lockdown. 😀 Und wer wirklich seine Freiheit eingeschränkt sieht, weil er auf absehbare Zeit im Supermarkt eine Maske tragen soll um andere zu schützen… nun, der jammert eben auf hohem Niveau.

In Österreich sind die Maßnahmen ja schon seit einer Weile gelockert, dort ist bisher ein Wiederaufflammen der Epidemie ausgeblieben. Sarah hat ihre Erzählungen aus Solidarität trotzdem forgesetzt, und sie wird auch bis zum Ende dabei bleiben, so dass wir unsere Geschichtenfeuer gemeinsam löschen, so wie wir sie gemeinsam entzündet haben. ❤

Bedeutet für mich aber auch, dass ich den Rest des „Rufes“ ein wenig strecken muss. 😉 Also heute nur ein recht kurzes Stück:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34 Der Ruf – Teil 35

Der Ruf – Teil 36 Der Ruf – Teil 37 Der Ruf – Teil 38 Der Ruf – Teil 39

Der Ruf – Teil 40 Der Ruf – Teil 41 Der Ruf, Teil 42 Der Ruf – Teil 43



Der Ruf – Teil 44


Im Flur, gegen 9.00 Uhr

Maike und Britt flohen durch den Flur, Maike stützte ihre schwer humpelnde Freundin. Britt merkte, dass es mit ihrer Mobilität zu Ende ging. Für einen Moment waren sie versucht, einfach durch die Haustür wegzulaufen, aber ein Blick auf die Insekten, die außen vor dem Fenster umherwirbelten, machte die Idee zunichte. Philip hatte recht – der Keller war der beste Ort, zumal im Moment kaum Insekten im Flur waren. Es gab dort nur eine Tür, und die war leicht zu verteidigen. Wer immer nach unten wollte, musste eine steile Treppe hinabsteigen. Doch Britt ging etwas völlig anderes durch den Kopf. Diese Stimme. Die Stimme mit der Philip sie angebrüllt hatte, das war nicht Philips Stimme gewesen.

Mit einem Mal wusste sie – es war Stephans Stimme gewesen, die aus Philip gesprochen hatte.

„Da sind wir! Komm Britt, schnell, bevor die Viecher zurückkommen.“

Maike lehnte Britt gegen die Wand wie einen Sack. Britt ließ es sich dankbar gefallen und entlastete ihr verletztes Bein so gut es ging. Eine große Hilfe konnte sie jetzt sowieso nicht sein und Maike wusste das. Sie zwinkerte Britt aufmunternd zu, ließ sich neben der Falltür nieder und machte sich an dem Schloss zu schaffen. Britt bewunderte sie. Maike versuchte schon wieder, Zuversicht zu verbreiten, nachdem sie eben noch hatte ansehen müssen, dass dieses Christoph-Ding Bastian wie ein Stück Abfall behandelt hatte.

Das Schloss schnappte zurück, Maike zog die Falltür auf und spähte hinunter.

„Die Treppe ist ziemlich steil. Meinst Du, Du schaffst das?“

„Werde ich wohl müssen.“

Maike ging zuerst und knipste im Hinuntergehen das Licht an. Britt umklammerte das schmale Holzgeländer mit beiden Armen, benutzte das verletzte Bein gar nicht und ließ sich die Treppe hinunter gleiten. Das funktionierte so gut, dass sie das Geländer sogar mit einer Hand loslassen konnte, um das Seil zu ergreifen und die Falltür zu schließen. Als sie beide am Fuß der Treppe angelangt waren, sahen sie sich um. Der Keller war klein, eher eine unterirdische Abstellkammer, die von einer nackten Glühbirne erhellt wurde. An einer Wand zog sich Metallregal hoch, in dem Werkzeug lagerte, dazu viele Kistchen und Kästchen, teils aus Holz, teils aus Plastik, darin Schrauben, Nägel, Dübel, Schellen und ähnlicher Kram. Neben dem Regal lagerte größeres Werkzeug, alt und offenbar reparaturbedürftig: zwei Schaufeln, beide mit Beulen, eine rostige Axt, ein Spaten dessen Blatt gerissen war und ein Besen der aussah, als wäre er von Räude befallen. Britt fragte sich, wer dieses ganze Zeug aufbewahrte, und sie erinnerte sich, dass Chris‘ Vater schon immer eine Vorliebe für alte und kaputte Dinge gehabt gehabt hatte. Vermutlich hatte er vor, diese hoffnungslosen Fälle in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, genauso wie den halb ausgeschlachteten Rasenmäher an der gegenüberliegenden Wand. An der Wand rechts der Treppe stand ein gut gefülltes Weinregal, das in dieser Umgebung völlig unpassend wirkte.

„Na ja“, meint Maike. „Wir werden zumindest nicht verdursten.“ Das sollte lässig klingen, aber das Zittern in ihrer Stimme sagte seinen Teil.

Britt lachte bitter. „Vielleicht sollten wir schonmal anfangen, uns zu besaufen. Würde das Ganze vielleicht erträglicher machen.“

Maike ging zu dem Weinregal, nahm eine Flasche heraus und wischte den Staub ab und las.

„Das wäre ziemliches Edeldilirium, in das wir uns hier saufen könnten. Wenn schon die Lampe ausschießen, dann mit Stil.“ Sie betrachtete die Flasche nachdenklich. „Was meinst Du, sollen wir uns wirklich was genehmigen? Ich meine, wenn schon… Britt? Britt, alles in Ordnung?“

Britt starrte gedankenverloren auf den Boden. Maikes Rufe schreckten sie auf.

„Was? Oh, ja, klar. Ich dachte gerade… Kam Dir an Philip nichts komisch vor? Eben, im Wohnzimmer meine ich?“

Maike schluckte. „Ich… ich habe eben nicht so auf Philip geachtet. Bastian…“ Sie verstummte. Britt nickte.

„Tut mir leid, Maike. Entschuldige.“

„Geht schon. Was war denn mit Philip?“

Britt sah nachdenklich zur Falltür. „Ich glaube, dass Christoph nicht der einzige ist, der besessen ist“, sagte sie schließlich.

FORTSETZUNG FOLGT

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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