schreckenberschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 70 – Der Ruf, Teil 45

Zunächst einmal – da Sarah uns heute eine Abendstimmung aus ihrem Wintergarten geboten hat, möchte ich mich nicht lumpen lassen, und biete eine von unserem Balkon. Dabei muss ich allerdings ein wenig pfuschen, weil der Himmel heute eher unschön aussieht. Vorgestern aber sah er so aus (unretuschiert):

Und damit zum Thema des heutigen Posts – der etwas spät kommt, tut mir leid, ich war den ganzen Tag unterwegs.

Sarahs und meine Quarantänegschichten gehen heute in die 11. Woche. Seit dem 15. März, dem Tag, an dem sie uns verlassen und nach Wien zurückreisen musste, weil die Grenzen sich schlossen, erzählen wir Euch jeden Tag eine Geschichte. Das ist unsere Aufgabe in Zeiten der Krise, als Mitglieder der uralten Zunft der Geschichtenerzähler*innen. Sarah hat mit Geschichten für Kinder begonnen und ist mittlerweise bei ihren (unter Freunden schon lange) sehr beliebten Kalendergeschichten angekommen. Ich habe zunächst Kurzgeschichten erzählt (hier ist eine vollständige Übersicht), um dann damit zu beginnen, meinen Roman „Der Ruf“ in Fortsetzungen zu erzählen. Der Roman ist nun fast zu Ende erzählt, und wie ich gestern schon schrieb, enden auch unsere Quarantänegeschichten bald. Es ist schön, dass Ihr dabei seid, danke dafür. Und jetzt kommt näher. Ich erzähle Euch eine Geschichte:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34 Der Ruf – Teil 35

Der Ruf – Teil 36 Der Ruf – Teil 37 Der Ruf – Teil 38 Der Ruf – Teil 39

Der Ruf – Teil 40 Der Ruf – Teil 41 Der Ruf, Teil 42 Der Ruf – Teil 43

Der Ruf – Teil 44

Der Ruf – Teil 45

Im Wohnzimmer, gegen 9.05 Uhr

Philip starrte verwirrt auf das Halbwesen in Christophs Körper, das sich jetzt langsam am Sofa erhob. Vor einer Sekunde noch hatte Stephan durch ihn gesprochen und seinen Körper kontrolliert, während er selbst sich zurückgezogen hatte und ganz Geist geworden war. Es war eine seltsame und höchst beängstigende Erfahrung gewesen, aber er hatte Stephan vertraut und gewartet, was passieren würde. Und dann war Stephan plötzlich wie weggewischt. Das Monstrum da am Sofa hatte ein knackendes Geräusch von sich gegeben, im nächsten Moment hatte er das unangenehme Gefühl gehabt, in einen zu engen Anzug gepresst zu werden und dann war er wieder ganz er selbst. Und er war allein, allein mit diesem Ding. Es drehte ihm Christophs Gesicht zu. Das war das Schrecklichste – trotz allem, was damit geschehen war, war es immer noch klar als Christophs Gesicht zu erkennen.

„Was nun?“, fragte das Ding und lachte wieder keckernd.

Philip war unfähig, sich zu rühren, etwas zu sagen, irgend etwas zu tun. Die gelben Augen wurden schmal.

„Das ist das Ende, Beute.“

Diese Worte lösten etwas in Philip aus. Er sah sich am Bahnhof stehen und auf Stephan warten, er sah Britt, wie sie ihr auf der Straße begegnet waren, sah sich noch einmal den Weg vom Parkplatz zum Haus hinuntergehen, mit Britt und Stephan. Er sah sich am Feuer, Britt in seinem Arm, er sah seine Freunde sterben und sah noch einmal jede Einzelheit ihres Kampfes um das Haus. Das Wohnzimmer, die Expedition in den ersten Stock, der dumme Fehler mit dem Netbook, wie Justus Maike aus dem Bad gerettet hatte, Sabines Tod, Justus und Markus. Das Buch. Sein Blick fand das Buch, das auf dem Boden vor dem Couchtisch lag, einfach nur ein altes Buch ohne Deckel. War es das, was Christoph gesehen hatte, als er es gefunden hatte? Vermutlich. Es verstand, sich zu tarnen.

Und nun – das sollte das Ende sein?

Es gab noch eine winzige Hoffnung, auch wenn Stephan fort war. Philip drehte sich um und rannte.

Er riss die Tür auf und rannte in den Flur, bemerkte am Rande, dass die Insekten immer noch im Schlafzimmer blieben. Er erwartete, jeden Moment die Schritte des Monsters hinter sich zu hören, doch nichts verfolgte ihn als das Gelächter dieses Christoph-Dings. Offensichtlich wusste es, wohin er wollte. Aber es war ein guter Platz um sich zu verteidigen. Er erreichte die Ecke, immer noch verfolgt vom Gelächter des Unmenschlichen.

Philip! Philip!‘

Er wäre fast gestolpert.

„Wo warst Du?“, sagte er laut.

Er hat mich gebannt. Ich verstehe noch nicht viel davon. Tut mir leid.‘

‚Geschenkt‘, erwiderte Philip, wieder nur denkend. Er hatte sich gefangen. ‚Muss ich damit rechnen, dass das nochmal passiert?‘

Nein.‘

Philip hatte die Kellerklappe erreicht, ließ die Verriegelung aufschnappen und riss an der Falltür. Sie öffnete sich vielleicht fünf Zentimeter, dann hielt ein starker Widerstand sie zurück. Philip brüllte in den Spalt.

„Britt! Maike! Ich bin‘s!“

Er hörte Schritte. Offenbar hatte sich das Ding nun doch entschlossen, ihm zu folgen.

„Philip?“ Das war Britt, misstrauisch.

„Ja, macht auf verdammt. Schnell, es kommt!“

Ich kann auch hier oben mit ihm fertig werden.‘

„Einen Scheiß kannst Du“, flüsterte Philip zornig. „Wer weiß, was der noch für Überraschungen auf Lager hat.“ Dann wieder laut.

„Britt! Schnell!“

Von unten kam aufgeregtes Gemurmel.

Du solltest mich nicht unterschätzen!‘

Kälte durchzuckte ihn und rief ihm schmerzhaft ins Bewusstsein, was Stephan wirklich war. Und wo er war.

„Britt! Bitte!“

Ein kurzes Gemurmel, ein schleifendes Geräusch, dann:

„Komm runter. Schnell!“

Er riss an der Tür und diesmal ließ sie sich mühelos öffnen. Philip sprang auf die Treppe, zog die Klappe hinter sich zu und lag schon schwer atmend in Britts Armen. Maike band das Seil wieder fest um die massiven Metallstreben des Geländers. Hier waren sie nun.

In der Falle.

FORTSETZUNG FOLGT

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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