schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 57 – Der Ruf, Teil 32

Hallo zusammen, ich hoffe, Ihr habt einen guten Start in die Woche. Und nachdem ich gestern eine längere Vorrede gehalten habe, fange ich heute direkt an zu erzählen. Die Expedition in den Garten geht in die entscheidende Phase:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31


Der Ruf – Teil 32


Im Garten, 22.33 Uhr

Justus hatte sein Handy gefunden, einen kurzen Blick darauf geworfen und innerlich einen wilden Freudenschrei ausgestoßen. Es war ausgeschaltet. Der Akku würde voll sein. Er hielt es hoch, zeigte es den anderen.

Ja!

Das waren zwei, mit dem, das Markus gefunden hatte, es musste mit dem Teufel zugehen, wenn nicht zumindest eines davon ein Netz bekam.

Ja!

Ja!

Er tastete die letzte Jacke ab – leer – und ging zurück.

Sie würden es schaffen.

Sie würden Hilfe rufen und hier raus kommen.

Sie würden…

„Du musst das Buch holen!“

Er zuckte zusammen und sah sich um. Im selben Moment wurde ihm klar, dass die Stimme in seinem Kopf sein musste, so laut konnte hier draußen niemand sprechen.

‚Na toll,‘ dachte Justus, ‚ auf den letzten Metern fange ich an Stimmen zu hören. Na ja, zumindest…‘

„Ich brauche das Buch. Wir brauchen das Buch. Hol es, Justus!“

Zu seinem eigenen grenzenlosen Erstaunen drehte Justus sich um, weg von der rettenden Tür, hin zum Garten, und begann, auf den Schuppen zuzugehen.

Weit, weit weg von jeder Sicherheit.

Er versuchte verzweifelt, sich umzudrehen, zurückzugehen, aber er konnte nicht. Er hatte keine Herrschaft mehr über seinen Körper. Die Stimme regierte. Diese völlig kalte, leere Stimme, die ganz entfernt vertraut klang. Irgendwie…

‚Stephan?‘

„Jaaaaa,“ sagte die Stimme. „Wir brauchen das Buch!“

Im Haus, 22.34 Uhr

„Was zum Teufel macht der da?“, fragte Philip.

Maike presste beide Hände an die Scheibe.

„Nein!“, schrie sie. „lass das! Du hast doch das Handy!“ Sie schluchzte auf. „Komm zurück! Du hast es versprochen!“

Sie klopfte an die Scheibe. Markus drehte sich um. Maike zeigte auf Justus, der immer weiter in den Garten ging. Markus zuckte mit den Schultern und machte eine ratlose Geste.

Sie hörten ein Geräusch über sich, ein Schleifen, und alle schauten zur Decke. Markus schien es auch gehört zu haben, er sah ebenfalls nach oben.

„Was war das?“, fragte Britt.

Im Garten, 22.34 Uhr

Der Meister hatte gesprochen.

Sie hatten seinen Willen gefühlt.

Ein Wille.

Einer von jenen hatte sich anders verhalten, als es vorhergesagt worden war.

Gleichgültig.

Ein Wille regierte.

Die Falle schnappte zu.

Im Garten, 22.34 Uhr

Natürlich. Das war es gewesen.

Markus sah die Insekten, die wie ein Wasserfall vom Dach auf ihn herniederstürzten und begriff.

Das Dach.

Das war es, was er gesehen hatte, was ihm seltsam vorgekommen war. Schade, dass es jetzt zu spät war.

Als sie über ihn kamen fragte er sich einen Moment lang, ob die dichte Kleidung ihn schützen würde, bei so vielen Feinden. Sie schützte ihn tatsächlich, zuerst, doch das war ohne Belang. Das Gewicht der Insekten brachte ihn ins Stolpern, er drückte nutzlos auf die Haarspraydose, und als er wieder aufstand, war er blind. Durch das Visier des Helmes sah er nichts als eine Ahnung unzähliger, wimmelnder kleiner Leiber.

‚Das Handy‘, dachte er, ‚ich muss ihnen das Handy geben.‘

Er drehte sich im Kreis, doch er hatte keine Ahnung, wohin er gehen musste, er taumelte blind vorwärts und fiel nach ein paar Schritten, vermutlich über einen Stuhl.

Falsche Richtung, schade.

Er versuchte, sich noch einmal aufzurappeln und spürte, wie eines der Tücher an seinem linken Knöchel sich löste. Sie fanden die Lücke allzu schnell, stachen ihn in den Fuß, viele, viele Male. Immer noch blind ging er erneut zu Boden, endgültig diesmal.

Mit seinen letzten Bewegungen riss er sich die Kleidung auf, es sollte schnell gehen, er wollte nicht warten, bis sie ihn langsam von unten erobert hatten. Es war vorbei, wozu noch warten.

Sie waren da.

Der Schmerz kam.

Er hatte versagt, aber er hatte sein Bestes gegeben, er hatte sich nichts vorzuwerfen, abgesehen von diesem dummen Fehler mit dem Dach.

Dumm, dumm.

Es tat ihm Leid für die anderen.

Der Schmerz ging.

Tanja.

FORTSETZUNG FOLGT

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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