schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 29 – Der Ruf, Teil 4

Heute erzähle ich Euch den vierten Teil meines Romans „Der Ruf“ (Erstveröffentlichung übrigens 2011). Ich habe ihn – als einziges meiner Bücher bisher – damals auf eigene Faust als E-Book über amazon veröffentlicht. Dort gibt es ihn inzwischen nicht mehr (siehe unten, Teil 1). Während ich die Geschichte hier einstelle überarbeite ich sie auch und stelle fest, dass sie in Teilen doch etwas langatmig und schlecht gealtert ist. Daher kürze ich relativ viel und formuliere hier und da um. Will sagen: Was Ihr jetzt und hier lest ist, meiner Meinung nach, der beste „Ruf“ den es derzeit gibt. Und für eine Geschichte, deren erste Version irgendwann in den 1980ern entstanden ist (damals noch mit jugendlichen Figuren und in Amerika spielend 😀 ) mag das etwas heißen.

Mit der heutigen Episoden stelle ich die letzten Figuren aufs Feld. Ab morgen wird gespielt. 😉

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3




Der Ruf – Teil 4

Wipperfürth, Innenstadt, früher Nachmittag

Als Philip und Stephan nach Wipperfürth hineinfuhren, hatte Sabine es lange wieder verlassen. Sie passierten einen Kreisverkehr am Ortseingang und fuhren Richtung Zentrum, vorbei an vielen, verschieferten Häusern. Nach einer Weile wechselte der Straßenbelag von Asphalt zu Pflaster, während der Mazda eine schmale, ansteigende Straße entlang fuhr

„Meinst Du wirklich…“ begann Stephan zweifelnd.

„Warte“, sagte Philip. Sie kamen über die Kuppe des Hügels und befanden sich zu Stephans Verblüffung mitten in einem kleinstädtischen Zentrum. Philip parkte auf dem Marktplatz vor einer schmucken, weißen Kirche. Sie verließen den Wagen, Britt parkte den Ka direkt neben ihnen und stieg ebenfalls aus.

„Und wohin jetzt?“

„Ich dachte, wir gehen erstmal da runter“, sagte Philip und deutete an der Kirche vorbei. Stephan aber hatte in der entgegengesetzten Richtung etwas entdeck. Zwischen einem der verschieferten Häuser und einem mit bunten Graffiti besprühten Container befand sich ein niedriger Anbau. Das große Schild über dem Eingang, schwarz und gelb und rot und etwa so gut zur Umgebung passend wie ein Ozeandampfer, verkündete den Namen: „Underground.“

„Was gibt’s denn da?“, fragte er begeistert.

Philip zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht so genau. Klamotten, Musik…“

„Bücher?“

Er nickte. „Ich glaube schon. Mangas und so’n Zeug. Nochmal: Du wirst ihr doch keins von Deinen schenken wollen?“

Stephan lachte laut und Britt schaute irritiert von einem zum anderen. „Warum denn nicht? Ich meine… ich kenne Deine Sachen ja nicht, Stephan, aber…“

„Nein, nein.“ Er schüttelte den Kopf, immer noch lachend. „Philip hat Recht, es ist etwas… speziell.“

Britt grinste. „Darf ich eins haben?“

„Wie wäre es“, fragte Philip, „wir fahren nach der Party bei mir vorbei. Ich habe „Dark Ones“ doppelt und „Nightshift“ dreimal. Dann kannst Du die signieren und Britt kann sie gleich mitnehmen.“

„Gemacht“, sagte Stephan. „Aber jetzt gehe jetzt in den Laden da. Was macht Ihr?“

„Ich glaube, wir gehen da hin, wohin Philip gesagt hat“, überlegte Britt. „Du kennst Dich hier aus?“

„Ein bisschen.“ Philip zwinkerte ihr zu. „Immobilienhai. Ich komme rum.“

Das „Underground“ war erstaunlich hell, aber kühl für einen so heißen Tag. Aus Hamburg kannte er viele andere Läden dieser Art, die meisten bemühten sich um stilecht schummrige Beleuchtung. Das hatte der hiesige offenbar nicht nötig. Das Geschäft bestand aus einem einzigen, rechteckigen Raum mit einer Kassentheke an der dem Eingang gegenüberliegenden Längsseite. Auf der Seite rechts des Eingangs gab es Klamotten, links Bücher, CDs und Vinylschallplatten. Jeder freie Fleck an den Wänden war mit Konzertpostern tapeziert, auf dem Kassentresen lagen diverse Flyer diverser Veranstaltungen. Der Laden war fast leer. Ein auf beiläufige Weise schönes Goth-Mädchen stöberte mit überdrüssigem Gesichtsaudruck in den T-Shirts und Hoodies. Hinter dem Kassentresen langweilte sich ein dicker Typ mit kahlgeschorenem Kopf und schwarzem Vollbart. Er blickte auf, als Stephan eintrat und nickte ihm zu. Stephan nickte zurück und ging in Richtung der Bücher. Tatsächlich – da waren Comics und Graphic Novels. Und auf prominentem Platz, gut sichtbar aufgestellt, ein Exemplar seines eigenen neuesten Werkes, „Dark Ones“. Stephan nahm es mit leichtem Unglauben in die Hand und blätterte darin. Er begriff immer noch nicht so richtig, WIE erfolgreich er wirklich war. Hier, am Ende der Welt…

„Das ist gut“, ließ sich der Typ an der Kasse vernehmen, der ihn beobachtet hatte.

„Hmmm…“, machte Stephan. Und dann, einer Eingebung folgend und gegen seinen Instinkt: „Danke. Ist von mir.“

„Echt?“ Der Mann kam hinter dem Tresen hervor. Auch das Mädchen hatte von den Klamotten abgelassen und kam näher.

„Ja“, sagte Stephan, dem die Situation schon peinlich zu werden begann. „Also die Texte. Die Zeichnungen sind von ’nem Kumpel.“ Er tippte auf den Künstlernamen des Zeichners, der auf dem Cover stand.

„Also bist Du „Pale“?“ Der Bärtige schaute ihn mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Unglauben an.

„Eigentlich Stephan.“ Er streckte die Hand aus. „Pale ist der Künstlername.“ Der Mann nahm die Hand und schüttelte sie begeistert.

„Ich bin Dä Botz. Also…“, er grinste, „Jacob. Dä Botz ist der Künstlername.“

„Welche Art von Kunst?“

„Musik. Bin Drummer bei den „Alcoholic Monks“.“

„Aha“, machte Stephan, der von der Band noch nie gehört hatte. Dä Botz erriet es.

„Kennste nicht, was?“

„Nee“, gab Stephan zu.

Er lachte. „Macht nix. Ist neu, wart’s mal ab. Du wohnst in Hamburg steht da?“

„Ja. Aber ich bin aus Leverkusen. Ursprünglich mal.“

„Ah, okay. Und jetzt, was machst Du hier?“

„Party“, sagte Stephan. „Dieses Wochenende, hier in der Nähe.“

„Ah.“ Dä Botz schien erstaunt. „Weiß ich gar nichts von.“

„Ist privat.“

„Ah, so.“

Das Mädchen war inzwischen zum Comicregal gegangen, hatte sich eine Ausgabe von „Dark Ones“ gegriffen, einen Geldschein auf den Tresen gelegt, streckte Stephan das Buch hin und nuschelte etwas Unverständliches. Stephan identifizierte einen Laut wie „tgrmm“, ließ sich von Däm Botz einen Stift geben und öffnete den Comic.

„Wie heißt Du?“, fragte er das Mädchen.

Sie nuschelte wieder, er stutzte, schrieb dann „Für das geheimnisvolle Mädchen im ‚Underground’“, signierte und gab es ihr zurück. Sie schaute hinein, lächelte flüchtig und huschte aus dem Laden. Als Stephan ihr eine halbe Stunde später folgte, hatte er auf Däs Botzes Empfehlung je eine CD der Bands „Trapset“ und „Be a Genius“ für Chris, sowie eine Demo-CD der „Alcoholic Monks“ für sich selbst in der Tasche und eine lose Absprache für eine Signierstunde mit Band im „Underground“. Darauf freute er sich jetzt schon, das klang sehr nach seiner Anfangszeit, die gerade mal zwei Jahre zurück lag.

Er kehrte fast gleichzeitig mit Britt und Philip zum Wagen zurück. Die beiden kamen lachend, in eine sichtbar fröhliche Unterhaltung vertieft, aus der Gegenrichtung zurück. Britt schwenkte eine Tüte, auf der ein türkisfarbener Vogel abgebildet war. Darin befand sich offensichtlich ein Buch. Am Wagen angelangt verglichen sie ihre Beute. Philip drehte eine der CDs in den Händen.

„Kenne ich gar nicht.“

„Hat mir Dä Botz empfohlen. Was hast Du?“, fragte Stephan.

Britt griff in die Tüte und holte ein Buch heraus, das Stephan gänzlich unbekannt war. „Das Rosentor.“ Auch der Name des Autors sagte ihm nichts.

„Was ist das?“

„Fantasy-Geschichte, spielt in Leverkusen. Hat mir die Buchhändlerin empfohlen. Klingt doch gut für Chris, oder? Fantasy und Lev. Fand Philip auch.“

Stephan nickte. „Ja. Wird sie bestimmt freuen.“

Das Bergische Land, früher Nachmittag

Sie kamen über die A 1, die A 45 und die A 4, sie verließen die Autobahnen bei Engelskirchen und bei Remscheid, bei Wermelskirchen und Wuppertal, bei Lüdenscheid und Gummersbach und fuhren hinein in den Flickenteppich dazwischen, dieses grüne Auf und Ab aus Wiesen und Dörfern und Städtchen und Wäldern, dort hin, wo der Wald dichter wurde, hin zu dem einen Wald und dem See und dem Haus und dem Garten.

Sie kamen alleine, wie Sabine oder Ulf, der seit zwei Monaten verheiratet war und sich, seit er die Einladung erhalten hatte, ein paarmal zu oft dabei erwischt hatte, wie er über Rena nachdachte und daran, wie sie am Lagerfeuer in seinem Arm gelegen hatte – oder Rena selbst, die sich zwar auch an die Feuer erinnerte, und den See, und den Wald und den Garten und die Musik, die Ulf aber völlig vergessen hatte.

Sie kamen als Pärchen, wie Maike und Bastian, die schon seit der Schule ein Paar waren oder Markus und Tanja, die sich vor drei Jahren in einer Kölner Zahnarztpraxis wiedergetroffen hatten.

Manche trafen sich unterwegs, wie Britt, Philip und Stephan, oder wie Khan und Simon, die eine ganze Weile in stillem Einvernehmen auf ihren Motorrädern nebeneinander die kurvigen Straßen hinter Lindlar entlang fuhren, bevor ihnen klar wurde, dass sie das selbe Ziel zu haben schienen. Michael und Sascha trafen sich nicht weit davon entfernt, wo sie bei einem Garagenverkauf angehalten hatten, weil sie beide dasselbe Problem hatten wie Britt und Stephan – kein Geschenk. Michael entschied sich für eine leidlich schöne Tiffany-Lampe. Während Sascha dem jungen Paar, das den Garagenverkauf veranstaltete – um ein Kinderzimmer zu finanzieren, wie sie erzählten – lang und breit erzählte, dass er Garagenverkäufe ja „aus den Staaten“ kenne und niemals damit gerechnet habe, AUSGERECHNET HIER auf so etwas zu stoßen, ging Michael zurück zur Straße, just in dem Moment, als Khan und Simon über einen nahen Hügel kamen. Sie fuhren heran, erkannten ihn, und stiegen von ihren Motorrädern. Unterdessen hatte Sascha dem Pärchen zwei Gedichtbände abgekauft hatte, von denen er ebenfalls nicht erwartet hatte, sie AUSGERECHNET HIER erstehen zu können und trat zu den wiedergefundenen Schulfreunden. Sie erzählten sich von ihrer Reise, ihren Leben. Sie waren jetzt schon in der Hochstimmung von der Chris so sehr hoffte, dass sie sich einstellen würde.

Sie alle machten eine Zeitreise, die schemenhaften Erinnerungen an ihre Jugend und die Zeit der Party wurde tiefer und reicher und farbiger, manchmal ganz plötzlich, wie bei Martina, die in der Nähe von Hückeswagen an den Straßenrand fahren musste, weil ein plötzlicher Lachanfall ihr die Kontrolle über den Wagen raubte. Sie hatte sich an Chris erinnert. An das Basketballteam und an dieses Spiel, eine Woche vor der Party, und sie Sache mit dem Eigenkorb…

Auch Frank, der im selben Moment aus Remscheid hinaus fuhr, erinnerte sich an die Party und die See und all die Mädchen in den Bikinis und den Badeanzügen und wie eng die geschnitten gewesen waren, und wenn man genau hinsah, hatte man ihre Brüste sehen können, als wären sie nackt gewesen und wenn man noch genauer hinsah… er leckte sich die Lippen ohne es zu merken. Ob sie wohl als Frauen immer noch so scharf sein würden? Und welche von ihnen würde wohl die Schärfste sein?

Sie fuhren zu einem mythischen Ort, einem Ort, der sie alle einmal berührt hatte. Manche dieser Mythen waren romantisch, andere dramatisch, es waren kleine Komödien dabei und kleine Tragödien. Keine große Literatur, eben die Art von kleinen Geschichten, die nachklingt und da bleibt, immer und immer und immer. Und nun fuhren sie hinein, in eine weitere Geschichte.

Im Haus, Nachmittag

Als der große Moment endlich da war, war Chris auf dem Klo. Es klingelte, als sie gerade nach dem Toilettenpapier griff und damit waren ein Großteil der Sorgen, die sie sich in den vergangenen Tagen gemacht hatte – wer würde als erster kommen, was sollte sie sagen, wie würden sie aussehen und so weiter, und so weiter – nichtig. Sie fluchte leise und rief, in der Hoffnung, dass Katja sie hören würde:

„Ich bin im Bad!“

„Okay!“, rief Katja aus der Küche. „Ich gehe schon.“

Chris hörte sie durch das Wohnzimmer in den Flur gehen und die Tür öffnen. Fröhliches Stimmengewirr folgte, aus dem sie viele ‚Hallos‘ und Gelächter hörte, aber außer Katjas Stimme erkannte sie keine. Wie auch. Sie zupfte ihr Kleid zurecht, wusch sich die Hände und verließ das Bad. Es war ein Paar, eine kleine, schmale Frau, deren langes, braunes Haar über der Stirn von einem schwarzen Haarreif gehalten wurde und ein schlanker Mann mit randloser Brille und einer Halbglatze. Das dünne blonde Haar, das die Glatze umkränzte, hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Beide trugen sackartige Hosen, seine war orange, ihre weiß, Birkenstocks und ausgewaschene schwarze T-Shirts. Und beide lachten Christina fröhlich an.

„Hey Chris! Tolle Idee, die Party!“, rief die Frau bei ihrem Anblick.

„Herzlichen Glückwunsch!“, setze er hinzu.

Wer waren die Beiden?

Es war der Haarreif, der sie gerade noch rechtzeitig darauf brachte, bevor es beginnen konnte, peinlich zu werden.

„Maike!“, verkündete sie das Ergebnis ihrer Grübelei und schaffte es tatsächlich, nicht den geringsten Zweifel mitschwingen zu lassen.

„Maike, Bastian, das ist echt toll, dass ihr kommt.“

„Du, das war doch klar. Wir haben was für Dich.“ Maike zog den Stoffrucksack von der Schulter, entnahm ihm ein eingeschlagenes Päckchen und überreichte es mit großer Geste.

„Danke.“ Sie befühlte das kleine Paket. „Ein Buch?“

„Es ist ein tolles Buch“, erklärte Bastian, während Christina das Papier abzog. „Nachdem ich es gelesen habe, habe ich alle meine Lieblingsbücher nochmal gelesen und es stimmt, was er schreibt, es gibt so vieles, das man…“ Er verstummte und sah Chris, die das Buch inzwischen ausgepackt hatte erwartungsvoll an. „Kennst Du es schon?“

Die Beschenkte betrachte den schwarzen Einband des dicken Taschenbuches. Der Autor hieß Marwin Wittbert, der Titel ‚Phantasie kann etwas bewegen!‘ prangte in schmalen gelben Lettern auf dem Cover, darunter, kleiner, ‚Von Schriftstellern, die etwas zu sagen haben und solchen, die nur reden.‘

„Das ist bestimmt interessant…“

Katja, die bisher daneben gestanden und die Szene beobachtet hatte, kam näher und schaute neugierig auf das Buch.

„Aha“, sagte sie. „Worum geht’s da?“

„Na ja“, begann Bastian, „Wittbert erklärt eben, woran man einen richtigen Schriftsteller erkennt, der nicht nur einfach unterhalten will und…“

„Lass sie es doch erst mal lesen“, lachte Maike. „Chris, können wir hier irgendwo unser Gepäck unterbringen?“

„Ja, sicher.“ Dankbar drückte sie Katja das Buch in die Hand. „Könntest Du…“

„Klar.“ Sie nahm das Geschenk und brachte es zu dem kleinen Tisch, den sie für diesen Zweck vorgesehen hatten. Chris zeigte Maike den Raum im ersten Stock, in dem die Gäste ihr Gepäck unterbringen konnten und kam dann zurück ins Wohnzimmer, wo sie eine schmunzelnd Katja vor dem Geschenketischen fand.

„Manche Dinge ändern sich nie, oder?“, sagte Kat.

Christina lachte. „Mal sehen, was ich damit mache. Aber ich wusste gar nicht, dass die beiden immer noch zusammen sind.“

„Sie sind sogar verheiratet.“

„Woher weißt Du?“

„Habe ich alles eben erfahren, als Du Dich auf dem Klo versteckt hast.“

„Ich habe mich nicht…“

„Kommt Sascha auch?“ Maike kam ins Zimmer, gefolgt von Bastian.

„Ich denke schon“, sagte Chris. „Er hat jedenfalls…“

Die Klingel unterbrach sie. Der geschäftige Teil des Nachmittages hatte begonnen.

Der Parkplatz, Nachmittag

Auf dem Behelfsparkplatz standen schon ein blauer VW-Bus und ein silberfarbener BMW. Philip und Stephan stiegen aus dem Mazda, nahmen ihr Gepäck und gingen zu Britt hinüber, die sich gerade einen kleinen Trekking-Rucksack auf den Rücken lud.

„Bereit?“, fragte Philip.

„Ja. Was meint Ihr, wem gehören die?“ Sie zeigte auf den VW-Bus und den BMW.

„Bastian und Maike“, sagte Philip sofort. „Der Bus gehört Bastian und Maike, ich nehme jede Wette an.“

„Ich wette nicht!“, sagte Stephan. „Du hast recht, garantiert.“

„Und der BMW?“, fragte Britt.

Sie sahen den silbernen 7er eine Weile unschlüssig an.

„Ich weiß“, sagte sie plötzlich selbst. „Der gehört Sixt. Das Nummernschild.“

„Wer mietet denn sowas, um zu ‘ner Party zu fahren?“

Stephan betrachtete den Wagen mit leichter Abscheu. Philip und er sahen sich kurz an, sie hatten beide die selbe Idee gehabt. Philip deutete mit den Augen diskret auf Britt und sie schwiegen beide. Sie hatte es trotzdem gemerkt.

„Stimmt“, sagte sie mit einem halben Lächeln, „es könnte Justus sein.“

„Er hat sich damals ziemlich beschissen verhalten, oder? Dir gegenüber“, sagte Philip vorsichtig.

Sie schnaubte. „Und wenn schon. Das ist lange her.“ Sie hakte sich bei den beiden Männern unter und drückte die Arme ihrer alten Freunde.

„Gehen wir?“

Es war nicht wirklich ein Dejá Vu, das Stephan hatte, als sie den Weg zum Haus hinuntergingen. Damals war er schon hier gewesen, bevor die meisten Gäste gekommen waren. Christinas Eltern hatten Chris, Katja und ihn am Tag vor der Party hierher gebracht, sie hatten dann zu dritt alles vorbereitet. Und dennoch – hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Der zweistöckige Ziegelbau sah immer noch so aus wie vor 15 Jahren, er sah zumindest auf den ersten Blick keinen Unterschied. Chris und ihre Eltern hatten es immer das „Ferienhaus“ genannt, und als Jugendlicher hatte er, bevor er zum ersten Mal hier gewesen war, immer an ein flaches Holz oder Steinhaus gedacht, ein Sommerhaus, wie er es aus den Ferien kannte. Aber das „Ferienhaus“ der Familie Sand war ein sehr gewöhnliches kleines Ziegelhaus, zweistöckig, schmucklos. Chris hatte einmal erzählt, dass der Vorbesitzer es hatte bauen lassen, irgendwann Anfang der 1980er Jahre. Zuvor hatte sich hier ein älteres Gebäude befunden, von dem nur der Keller übrig geblieben war. Er befand sich immer noch unter dem neuen Gebäude. Chris‘ Eltern hatten ihr Bestes getan, um dem kargen Äußeren des Hauses ein wenig Charme zu verleihen. Die weißen Fensterrahmen schienen in all den Jahren kaun gealtert zu sein, die Gardinchen in den Fenstern und die naturfarbene Holztür sahen so aus, wie sie immer ausgesehen hatten. Die Dachrinne schließlich schien doch neu zu sein, Stephan glaubte nicht, dass sie damals schon aus Kupfer gewesen war. Das wirklich Spannende war nie das Haus selbst gewesen. Wirklich interessant war, dass es so abgelegen war. Und natürlich der Garten — und der See. Er spürte wie Britt, die immer noch untergehakt zwischen Philip und ihm ging, zögerte und wurde ebenfalls langsamer. Dann standen sie auf dem Weg und sahen zum Haus hinüber. Britt schüttelte langsam den Kopf.

„Es ist komisch, oder?“

„Ein bisschen“, sagte Philip.

„Ich habe ein Gefühl“, meinte sie wie zu sich selbst. „Irgendwie wie… wie Lampenfieber.“

Stephan lachte. „Hast Du etwa die Photos vergessen? Mein Haus, mein Auto, mein Boot?“

Sie lächelte und schüttelte den Kopf. „Darum geht es nicht. Damals kannten wir uns alle. Wir waren Freunde. Jetzt sind wir alle fremd. Ich verbringe ein Wochenende am Ende der Welt in einem Haus mit lauter Fremden.“

„Immerhin hast Du uns“, meinte Philip. „Wenn es zu doof wird, gehen wir drei irgendwo ins Dorf und schießen uns die Lampe aus. Du wirst sehen, das macht Spaß mit uns.“

Sie lachte und legte den beiden ihre Arme um die Schultern. „Genau. Ihr seid meine Amigos.“

Sie waren fast da, als die Tür sich öffnete und eine Frau mit einer Gießkanne herauskam. Stephan erkannte Chris sofort. Die blonden Locken, die damals lang auf ihren Rücken herabgefallen waren, waren nur noch etwas über schulterlang, aber die großen blauen Augen waren immer noch dieselben. Sie erkannte die drei ebenfalls, stellte die Gießkanne ab und strahlte über das ganze Gesicht.

„Britt, hey!“ Die Frauen umarmten sich lachend. Dann wandte sie sich an die Männer.

„Stephan, Philip, das ist so schön, Euch zu sehen. Was ist mit Deinen Haaren passiert, Stephan?“

„Abgeschnitten.“ Er fuhr sich grinsend über seinen kurzen schwarzen Schopf. „Direkt nach dem Abi.“

Sie sah die Beiden glücklich an.

„Ich habe mich richtig auf Euch gefreut.“

„Warte nur“, unkte Stephan.

„He, wer… oh, hey.“

Stephan drehte sich nach der neuen Stimme um, deren Besitzerin – offenbar angezogen vom Lärm der Begrüßung – aus dem Haus gekommen war. Sie war kleiner als Chris. Aus dem sommersprossigen, von braunen Haaren umrahmten Gesicht schauten ihn die die selben klaren, grünen Augen an wie damals.

„Kat“, sagte er lächelnd.

Sie lächelte ebenfalls. „Stephan.“

Sie umarmten sich.

„Sollen wir gehen, während Ihr an alte Zeiten anknüpft?“, fragte Philip und wandte sich an Chris. „ Wo können wir unser Gepäck unterbringen?“

„Äh – oben, ich zeig‘ es Euch. Zeigst Du gleich Stephan wo, Kat?“

„Nein, nein, wir kommen mit.“ Sie legte einen Arm um Stephan Hüfte und lachte ihn an, während sie Chris, Britt und Philip ins Haus folgten. „Ich glaube, das wird ein spaßiges Wochenende, was meinst Du?“

Er drückte sie leicht an sich. „Jede Wette!“

FORTSETZUNG FOLGT

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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