schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 48 – Der Ruf, Teil 23

Mit der heutigen Erzählung habt Ihr jetzt ebensoviele „Ruf“-Episoden gehört, wie ich Euch vorher Kurzgeschichten erzählt habe (die herunterladbare Weihnachtsgeschichte aus dem letzten Jahr eingeschlossen). Hier ist noch einmal die komplette Übersicht.

48 Tage… wow. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mir macht die Pandemie keinen Spaß. Dennoch (oder gerade deshalb, ich habe wirklich keine Lust auf eine zweite Welle) halte ich es für vernünftig, wenn wir noch eine Weile vorsichtig bleiben. Und mit vorsichtig meine ich: Freiwillig vorsichtig. Wenn wir in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften Masken tragen, wenn wir in Kinos und Restaurants hinnehmen, dass die Plätze knapper sind, weil wir Abstand halten wollen, dann kommen wir früher zu einem selbstbestimmten Leben zurück, als wenn wir den Regierenden signalisieren, dass man uns alles vorschreiben muss.

Oh – und vielleicht sollten wir uns auch daran erinnern, dass „der Markt“ einen Scheiß regelt, und dass all die Neoliberalen nach Staatshilfe krähen, wenn es ernst wird. (Das tun sie übrigens immer, mittels Lobbyismus, aber das sehen wir sonst so selten.) Eine Gesellschaft, in der JETZT der Markt alles regelte wäre wirklich apokalyptisch. Also könnten wir uns bitte ein für allemal von diesem Irrsinn verabschieden?

So, das war das Wort zum Sonntag. Im „Ruf“ haben wird dafür heute der erste so ausdrücklich benannte Held geboren:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15

Der Ruf – Teil 16

Der Ruf – Teil 17

Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19

Der Ruf – Teil 20

Der Ruf – Teil 21

Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23


Im Haus, gegen 15.15 Uhr

Sie hatten jeder die Motorradkombinationen anprobiert, wobei sich schnell herausgestellt hatte, dass Britt und Bastian nicht in Frage kamen, sie waren beide zu schmal und Britt dazu noch zu klein. Ihre Versuche mit Simons grün-weißer Kluft hatten zu allgemeiner Erheiterung geführt, die Klamotten von Khan, der ein gutes Stück größer und breiter gewesen war als Simon, hatte sie gar nicht erst anprobiert. Sabine passte zwar von der Weite her gut in Simons Anzug, aber auch bei ihr waren Arme und Beine eindeutig zu lang. Philip und Markus dagegen passte die grün-weiße Lederkombi gut, ebenso der dazu passende weiße Helm. Und Justus war der einzige, der groß genug für Khans Anzug war, und der Helm schien wie für Justus gemacht. Probleme dagegen gab es mit Khans Stiefeln und Handschuhen, in die Justus‘ Pranken kaum passten. Aus seinem Koffer holte er daher ein Paar Camel-Boots, das er für den Fall einer Wetteränderung mitgenommen hatte. Es ließ sich befriedigend dicht an die schwarze Gore-Tex-Hose anschließen.

„Okay“, sagte Justus, nachdem er den Helm wieder ausgezogen hatte. „Es kommen also nur Markus, Philip und ich in Frage. Ich schlage vor, ich gehe.“

„Wieso?“, fragte Philip.

„Nun, ich denke, es kann nur einer gehen, da wir Maike in die andere Kombi packen müssen. Passen wird ihr keine, aber in Simons Zeug passt sie immer noch besser rein als in Khans.“

Das leuchtete ein. Bastian ging zur Wand und klopfte dagegen.

„Maike? Hörst Du mich?“

„Sicher, ich habe ja sonst nicht viel Ablenkung“, kam es dumpf von der anderen Seite. Die anderen sammelten sich um Bastian.

„Wie geht es Dir?“, fragte Britt.

„Soweit ganz gut. Es kommen immer wieder einzelne Viecher an den Handtüchern im Luftschacht vorbei, das macht mir ein bisschen Angst. Aber bisher waren es wirklich nur einzelne, ich konnte sie immer… Moment…“

Sie hörten, wie sie das Wasser aufdrehte. Maike fluchte unverständlich.. Dann klatschte es zweimal und sie kam zurück.

„Da waren wieder zwei Wespen. Aber zum Glück habe ich ja die Brausen und genug Handtücher. Aber wenn ihr vielleicht…“

„Wir holen Dich raus, Schatz“, sagte Bastian. „Wir holen Dich gleich raus.“

Ein Moment Stille auf der anderen Seite. Dann: „Wie wollt Ihr das denn machen?“

„Ich werde mir eine von den beiden Motorradkombis anziehen“, erklärte Justus. „Dann komme ich zu Dir rüber. Ich bringe die andere Kombi mit. Die ziehst Du an, dann können wir sicher wieder zurück. Sollte ‘ne Sache von fünf Minuten sein.“

Maike lachte, was durch die Wand ein wenig gespenstisch klang. „Dein Wort in Gottes Ohr. Was ist, wenn mir das Zeug nicht passt?“

„Es wird Dir nicht passen. Wir dichten es ab, mit Handtüchern, Waschlappen oder Klopapier, es muss ja nur vom Bad bis zum Wohnzimmer halten.“

Wieder Stille.

„Ist was, Maike?“, fragte Bastian. „Alles in Ordnung?“

„Ja, ich denke nur nach. Die eine Kluft passt Dir, Justus? Kannst Du Motorrad fahren?“

„Nein. Nicht richtig.“

„Hm, schade. Hast Du denn die Schlüssel von Deinem Auto greifbar?“

„Ja, die sind in meinem Koffer.“

„Warum gehst Du dann nicht einfach zu Deinem Wagen, fährst weg und holst Hilfe?“

Sie sahen sich an. Diesen Punkt hatten sie schon während der Anprobe besprochen.

„Wir glauben“, antwortete Philip, „dass der Weg zu lang ist. Wir wissen nicht, wie dicht die Sachen wirklich sind. Und was passiert, wenn sich die Viecher massenweise auf einen setzen. Im Grunde ist die Aktion jetzt auch ein Test. Auf der kurzen Strecke werden nicht so viele in den Anzug kommen, dass sie Justus wirklich gefährlich werden können – oder Dir. Wir können sehen, was sie machen. Je nachdem, was passiert, können wir überlegen, was wir weiter planen können.“

Maike antwortete wieder eine Weile nicht. „Klingt logisch“, sagte sie schließlich. „Was soll ich machen, kann ich von hier aus was vorbereiten?“

„Mach ein paar Handtücher und Waschlappen nass“, sagte Justus. Und wenn’s geht, reiß ein paar davon in Fetzen. Das ist handlicher.“

„Die Handtücher sind ziemlich dick, aber mir fällt schon was ein. Wann kommst Du?“

„Ich mache mich in den nächsten Minuten auf den Weg. Sei darauf vorbereitet, mir die Tür schnell aufzumachen.“

„Alles klar. Dann bis gleich.“

Sie packten Justus ein, so gut es ging. Um seine Fesseln, wo Stiefel und Hose sich trafen, wickelten sie Tücher, ebenso schützten sie seinen Hals zwischen dem hohen Kragen der Gore-Tex Jacke und dem Helm. Unten in den Helm stopften sie zusätzlich Stofffetzen, bis Justus befürchtete zu ersticken. Danach wickelten sie mehrere Lagen Stoffstreifen um seine Hände. Schließlich schloss er das Visier. Sie warteten eine Weile.

„Und“, fragte Britt, „beschlägt es?“

„Nein, alles wunderbar, ich…“

„Moment“, unterbrach Bastian und schloss die Lüftung am Helm. Er grinste Britt an. „Gut, dass Du gefragt hast. Sonst hätten sie den Vordereingang zu seinem Gesicht benutzen können.“

„Jetzt beschlägt es doch ein bisschen“, meldete Justus.

„Schlimm?“

Er wartete einen Moment. „Nee, geht. Ich gehe sie holen.“

Er nahm den Koffer auf, in den sie die zweite Schutzausrüstung für Maike gepackt hatten. Sie klopften ihm auf die Schulter und den Helm, wünschten ihm alles Gute, dann schloss sich die Tür hinter ihm und er war alleine. Justus sah sich um. Um Mund und Nase war das Helmvisier inzwischen doch ziemlich beschlagen, er sah nur noch durch eine freie Zone, die ein wenig an eine Schneebrille erinnerte. Doch was er sah, reichte ihm.

Sie waren nun überall, in der Luft, an den Wänden, an der Decke und auf dem Boden. Den dichten Teppich, als der sie den anderen Teil des Flures gefüllt hatten, gab es nicht mehr, statt dessen waren sie der Flur selbst geworden, beherrschten den Raum. Der Belagerungsring war endgültig geschlossen.

Sie beobachteten ihn. Schon während ihrer Expedition in das obere Stockwerk war Justus im Grunde klar geworden, dass sie es hier nicht mehr mit Insekten im üblichen Sinne zu tun hatten. Aber er hatte immer noch an etwas Natürliches geglaubt, irgendeine Veränderung des ökologischen Gleichgewichts im Wald vielleicht oder eine Massenmutation, ausgelöst durch Umstände, die er nicht kannte. Aber das hier war mehr.

Sie umkreisten seinen Kopf wie kleine Monde, hin und wieder landeten ein paar Tiere auf ihm und versuchten, in seinen Schutzanzug einzudringen. Aber es waren keine zufälligen, planlosen Versuche. Im Gegenteil, sie waren Ergebnis einer fast nachdenklichen Beobachtung. Sehr schnell entdeckten sie die Helmbelüftung als mögliche Schwachstelle und Justus dankte Bastian innerlich für dessen Umsicht. Das planvolle, kluge Vorgehen der kleinen Tiere machte ihm mehr Angst, als ihre Masse es je gekonnt hätte. Er spürte, wie sein Adrenalinspiegel stieg, spürte sein Herz kräftiger und schneller schlagen, fühlte seinen eigenen Atem, schneller und heißer.

‚Ruhig. Ganz ruhig.‘

Nur ein paar Schritte, rechts von ihm war die Tür zum Bad.

Sie merkten es.

Er spürte eine Veränderung in der Luft und sah, dass das Gewimmel vor der Badezimmertür dichter wurde. Nun gut (,Ruhig, ganz ruhig.‘), er wollte sehen, ob es möglich war, sie zu täuschen. Er wandte sich nicht nach rechts, dem Badezimmer zu, sondern ging weiter. Die Insekten warteten noch einen Augenblick, dann änderten sie ihre Taktik. Er sah aus dem Augenwinkel, dass sie die Tür zum Bad wieder frei machten, dafür verdichtete die Wolke sich jetzt vor ihm, um ihm den Weg zu Küche und Ausgang abzuschneiden. Justus zwang sich zu tiefem, ruhigem Atem. Er ging noch ein paar kurze Schritte auf die Haustür zu, dann wirbelte er herum, sprang mit vier langen Sätzen zur Badezimmertür und warf sich dagegen. Maike, die direkt hinter der Tür stand, hörte den Aufprall, reagierte sofort und riss sie auf. Justus fiel mehr hinein als dass er ging, ließ den Koffer fallen, hörte die Tür zuschlagen und spürte im nächsten Moment durch die dicke Motorradkleidung, wie Maike auf ihn einschlug, vermutlich mit einem Handtuch. Er legte sich flach auf den Bauch und wartete, bis sie fertig war, dann drehte er sich vorsichtig um. Maike half ihm, den Helm abzunehmen. Als er ihn los war, atmete Justus erst ein paarmal tief durch. Erst jetzt merkte er, dass er völlig verschwitzt war. Maike hockte sich neben ihn.

„Alles in Ordnung bei Dir?“

Er nickte unter Keuchen. „Ja… ja, alles okay. Hast Du sie… waren viele an mir?“

Maike schüttelte den Kopf. „Nein, nicht viele. Und ein paar sind mit Dir durch die Tür gekommen. Ich denke, ich habe sie alle erwischt.“

Justus stand auf und registrierte verwundert, dass Maike keine Hose mehr trug. Ihr gebatiktes T-Shirt hing ihr halb bis zu den Knien, darunter guckten ihre bloßen Beine hervor. Er sah sie erstaunt an.

„Was ist mit Deiner Hose?“

Maike lachte. „Die habe ich kaputt gerissen. Ging sehr gut, dünner, leichter Stoff. War nicht wirklich schade drum, ich habe noch einige von der Art. War viel leichter, als zu versuchen, die Handtücher zu zerreißen.“

Jemand klopfte von der anderen Seite an die Wand.

„Maike? Justus? Alles okay?“ Es war Britt.

Maike ging zur Wand. „Ja“, rief sie, „er ist bei mir.“

„Was war das für ein Lärm?“, fragte Bastian.

„Die Biester haben versucht, mir den Weg abzuschneiden“, antwortete Justus. „Aber ich habe sie ausgetrickst.“

Eine Weile Stille. Dann wieder Britt.

„Sie haben was?“

„Sie wollte mir den Weg zum Bad versperren.“

„Das heißt“, fragte diesmal Philip, „sie wussten, was Du vorhattest?“

Justus zögerte einen Moment, aber es hatte keinen Sinn mehr, sich selbst zu täuschen. „Sie haben es zumindest vermutet.“

„Scheiße.“

„Hört zu, ich weiß, wie das klingt, aber…“

„Nein, nein, ich glaube Dir“, sagte Philip. „Aber wenn man das zu Ende denkt… “

„Bist Du ganz sicher?“, fragte Sabine.

Justus sah Maike an und rollte mit den Augen. Sie machte eine beschwichtigende Geste. Justus seufzte.

„Nein, wie kann man bei sowas ganz sicher sein“, sagte er, wieder zur Wand hin. „Aber es sah nicht gerade nach einem Zufall aus.“

Stille auf der anderen Seite.

„Okay“, sagte Sabine schließlich, so leise, dass er es gerade verstand. Justus sah eine Weile ratlos die Wand an, dann wandte er sich wieder an Maike

„Okay? Was soll das heißen?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Gib ihr Zeit. Ich glaube, sie kommt von uns allen am schlechtesten damit zurecht.“

Er lachte bitter. „Sag das mal Markus.“

„Nein, vom Kopf her, meine ich. Eigentlich ist die rationale Fraktion bei uns ja eher stark vertreten – zumindest, sofern ich Euch von früher kenne. Aber Sabine ist im Gegensatz zu Dir oder Britt nicht in der Lage, umzudenken wenn es nötig ist. Oder zumindest fällt es ihr viel schwerer. Das meinte ich damit, dass Du ihr Zeit geben solltest.“

„Hm“, machte Justus.

„Was kann es schaden? Lasst sie ein wenig in Ruhe.“

„Wenn Du meinst.“ Er drehte sich wieder zur Wand. „He, seid Ihr noch da?“

Eine kurze Stille, dann antwortete Bastian. „Ja, klar.“

„Ich werden Maike jetzt einpacken. Dann kommen wir rüber. Ich sage vorher nochmal Bescheid, sorgt dafür, dass die Tür schnell auf und wieder zu geht und das ein Paar Leute mit Haarspray und irgend was zum Schlagen bereitstehen, es könnte ziemlich kritisch werden.“

„Wieso?“

„Weil ich sie diesmal kaum werde verarschen können. Sie wissen, dass wir hier raus kommen werden und sie werden auch wissen, wo wir hin wollen. Wird also nicht ganz angenehm. Alles verstanden?“

„Ja.“

Als er sich zu Maike umdrehte, hatte die die grün-weiße Kombi schon angelegt. Sie sah kritisch an sich hinunter und schmunzelte.

„Na ja.“

Justus nickte lächelnd. „Das ging schnell.“

„Routine. Aber irgendwie passt sie nicht richtig.“ Sie schlackerte grinsend mit den viel zu langen Ärmeln.

„Fährst Du Motorrad?“

Sie nickte. „Bastian und ich haben eine Maschine zusammen.“

Justus sagte nichts. Maike lachte.

„Du meinst, das passt nicht zu uns, stimmt’s?“

Er grinste schuldbewusst. „Irgendwie…“

Sie lachte wieder uns winkte ab. „Kein Problem. Sag mir lieber, wie ich mich in den Klamotten bewegen soll.“

Justus sah etwas ratlos auf ihre Füße. „Eigentlich dachte ich, wir machen die Reißverschlüsse auf, binden die Beine so weit wie möglich hoch, Du ziehst Schuhe an und wir verstopften die Zwischenräume mit Stoff. Aber Du hast nur Deine Sandalen, oder?“

„Ja.“

„Hmmm…“

„Wir könnten die Hosenbeine so lang lassen, sie mit Handtüchern verstopfen und unten zubinden. Wie eine Wurst.“

„Und Du meinst, dann kannst Du noch laufen?“

Maike zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ein wenig eierig…“

Justus schüttelte den Kopf. „Wir können uns nicht leisten, dass Du hinfällst. Ich habe ‘ne bessere Idee. Ich werde Dich tragen, das ist die beste Lösung.“

Sie sah nicht überzeugt aus. „Meinst Du?“

„Klar. Wo hast Du die Handtücher?“

„Da, im Waschbecken.“

Justus nahm die nassen Tücher heraus und begann, sie in die Ärmel zu stopfen. Maike lachte.

„Das fühlt sich vielleicht eklig an.“

Justus lachte mit. Maike setzte sich auf den Toilettendeckel und streckte die Beine von sich. Er schloss die Reißverschlüsse und stopfte auch hier Handtücher in die Lederröhre. Schließlich band er Ärmel und Beine mit Stoffstreifen von Maikes Hose zu und betrachtete zufrieden sein Werk.

„Na, wie fühlt es sich an?“

Sie lächelte säuerlich. „Sei mir nicht böse – beschissen. Ich komme mir vor, wie so’ne gestopfte Puppe. Aber ich denke, es ist dicht.“

Er nickte. „Darauf kommt es an. Jetzt lass uns mal sehen, wie das mit dem Helm klappt.“

Khans Helm war Maike selbstverständlich auch zu groß, aber das ließ sich mit zwei Handtüchern und einer Menge Hosenfetzen zwischen Helm und Kragen beheben. Justus zog Simons Helm wieder an, dichtete ihn noch einmal ab, ersetzte einige Binden an seinen Händen und sah Maike an. Die sah tatsächlich ein wenig wie eine lustige Puppe aus, wie sie da mit zugebunden Ärmeln und Hosenbeinen auf dem Klo saß.

„Bereit?“

Sie nickte.

„Okay, dann los.“

Maike klappte ihr Visier mit dem Unterarm runter, Justus ging in die Knie, sie ließ sich auf seinen Rücken fallen, umschlang seine Hüften mit den Beinen und legte die Arme um seinen Hals. Er nahm sie vorsichtig hoch. Sie kam ihm leicht vor. Justus drehte sich noch einmal zur Wand.

„Hört Ihr?!“, rief er laut.

„Ja!“, rief Philip zurück.

„Haltet Euch bereit. Wir kommen jetzt!“

Justus nickte und Maike schloss sein Visier. Dann gingen sie zur Tür. Sie legte den Kopf auf seine Schulter und presste sich eng an ihn. Justus öffnete die Tür mit der Rechten.

Wieder im Flur. Schnell sein, schnell diesmal. Ja, sie waren da, dicht und hart, ein Sturm. Sie prasselten an seinen Helm, schlugen an die Kleidung. Er hörte Maikes keuchenden Atem. Sie presste sich noch härter an ihn, umschlang ihn mit den Beinen so fest, dass es weh tat und er wünschte, er könnte sie in sich aufnehmen, sie einschließen und beschützen.

Schnell sein.

Er sprang mehr als dass er lief, aber er kam sich vor, als bewege er sich in Zeitlupe.

Schnell sein.

Da war die Tür.

Er ließ die rechte Faust vorschnellen, traf die Tür und auf der anderen Seite reagierten sie gut, die Tür flog auf, kaum dass er sie berührt hatte, Hände packten ihn und zogen, er sah Philip, Britt und Markus, sah Bastians bleiches, ängstliches Gesicht. Maikes Gewicht, so gering es ihm erschienen war, drückte ihn nach vorne, er strauchelte, er fiel, hielt sie auch im Fallen fest und schlug hart auf. Der Schmerz war erträglich. ‚Guter Helm‘, dachte er.

Wieder Schläge, Tücher und Zeitungen und der eklige Geruch von Haarspray, der sich verspätet in den Helm stahl. Stimmengewirr. Maike wurde von ihm gehoben. Britt und Philip richteten ihn auf und Britt half ihm aus seinem Helm. Sein Blick traf ihren für eine Sekunde und er sah die Wut, die immer da war. Aber auch mehr: Dankbarkeit.

Wenn sie ihn so ansehen konnte, weil er Maike rausgeholt hatte, Maike, die ihr noch vor 24 Stunden herzlich egal gewesen war, dann gab es Hoffnung. Ein Lächeln flog über sein Gesicht und wenn sie es auch nicht erwiderte, so nickte sie doch zumindest. Dann drehte sie sich weg und sah nach Maike.

Philip half ihm hoch und kaum dass er stand, flog Maike, der Britt und Bastian unterdessen die Füllung aus der Kombi geholt hatten, ihm um den Hals.

„Danke“, flüsterte sie ihm ins Ohr und küsste ihn auf die Wange.

Er setzte sie ab, drückte sie nochmal an sich und grinste verlegen in die Runde.

„Seht mich nicht so an, verdammt.“

„Quatsch“, verkündete Maike und knuffte ihn in die Seite. „Du bist mein Held.“

FORTSETZUNG FOLGT

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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