schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 41 – Der Ruf, Teil 16

Kommt näher, setzt Euch, ich erzähle die Geschichte vom „Ruf“ weiter. Die im Wohnzimmer gestrandeten wagen heute eine Expedition:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15



Der Ruf – Teil 16

„Wie hast Du es Dir gedacht?“ Philip sah Bastian fragend an. Der schaute unschlüssig.

„Eigentlich gar nicht. Ich dachte, wir gehen einfach hoch und holen das Zeug. Was meint ihr?“

Philip ging im Geiste durchs Haus und versuchte, sich zu erinnern. Wie war das gewesen, als er vorhin von oben runter gekommen war? „Also der Flur ist wahrscheinlich noch sicher, hier unten zumindest. Die Fenster nach vorne raus sind zu.“ Er ging in Gedanken die Türen durch. „Das Bad wird auch sicher sein, es grenzt nur an den Flur. Was kommt dann…“

„Dieser Lagerraum“, sagte Britt. „Wo die ganzen Sachen für die Küche drin sind. Da ist die Frage – war die Tür zur Küche zu oder nicht?“

„Nein“, sagte Markus heiser. Sie sahen ihn verblüfft an, er schaute mit rotgeweinten Augen zurück. Immer noch liefen Tränen über seine Wangen. „Die Tür zur Küche war offen“, sagte er. „Ich habe immer reingeguckt, als ich… als wir…“ Er brach ab, stützte seinen Kopf in die Hände und holte tief und zitternd Luft. „…als wir Kaffee gekocht haben. Aber die Tür vom Lager zum Flur war zu. Und die ist unten dicht, da kommen sie erstmal nicht durch.“

„Okay.“ Philip setzte seinen Weg in Gedanken fort. „Die Tür von der Küche zum Flur ist auch zu, aber da können sie unten durch. Also werden wir uns beeilen müssen. Was oben ist… keine Ahnung.“

Britt stupste ihn an. „Wir haben oben geschlafen, Du Trottel“, sagte sie liebevoll. „Das Fenster in dem ersten Raum ist zu. Du hast es selbst geschlossen.“

„Stimmt“, gab er zu. „Wir können also wahrscheinlich zumindest in den ersten Raum oben. Aber es muss schnell gehen, wegen Tür zwischen Küche und Flur. Wer kommt mit?“

„So viele wie möglich“, sagte Britt. „Wir sollten alle gehen, außer Markus und vielleicht Maike. Irgend jemand muss ja weiter sehen, was sie draußen machen.“

„Ich komme mit“, sagte Markus.

Philip sah ihn an. „Bist Du sicher?“

„Klar. Dann habe ich wenigstens was zu tun.“

„Ich komme auch mit“, entschied Maike. „Britt soll hier bleiben.“

„Was? Wieso ich?“

„Wegen Deines Knies. Das ist doch nicht nur eine Schürfwunde, so wie Du humpelst. Du kannst wahrscheinlich nicht so gut Treppen steigen und tragen und alles. Dann kannst Du doch besser hier bleiben und ich schleppe das Zeug.“

Britt sah sie unglücklich an. „Ich weiß nicht. Vielleicht können wir ja doch alle gehen.“

Philip schüttelte den Kopf. „Nein, Maike hat recht. Irgend jemand muss aufpassen. Und wir haben nicht viel Zeit.“ Er schaute sie bittend an. Britt seufzte und nickte.

„Okay, ja. Ich bleibe hier.“

„Und was ist mit mir?“, fragte Sabine.

Justus sah sie erstaunt an. „Was soll mit Dir sein. Du kommst mit, oder?“

„Ach, das entscheidest Du so einfach?“

Philip stöhnte auf. „Komm, Sabine, was ist mit Dir los? Was soll das? Wir wollen Dir doch nichts.“

„Ich möchte zumindest gefragt werden, bevor Ihr einfach entscheidet, was ich zu tun habe.“

„Niemand entscheidet irgend etwas“, erklärte Philip so ruhig wie er konnte. Er musste sich mit Mühe im Zaum halten, vor seinem geistigen Auge sah er Massen von Wespen unter der Tür zwischen Küche und Flur hervorquellen, die ihnen den Weg zur Treppe abschnitten.

„Du kannst gerne auch hier bleiben, es ist Deine Entscheidung. Niemand zwingt Dich zu irgend etwas, okay?“

Sie nickte. „Na gut.“

„Na dann…“ Er stand auf und sein Blick fiel auf eine Tür am anderen Ende des Wohnzimmers. „Scheiße“, sagte er, „Das Zimmer da – das Schlafzimmer. Da haben wir…“

„Das Fenster ist zu“, erklärte Bastian. „Der Raum ist sicher.

„Echt. Weißt Du… ich meine…?“

„Ja“, antwortete Maike. „Sicher. Wir wissen es.“

Wenig später öffnete Philip langsam die Tür zum Flur und spähte hindurch. Unwillkürlich erwartete er, von einem Schwarm fliegender Ungeheuer angefallen zu werden, aber nichts geschah. Die schlauchartige Diele vor ihm war, soweit er sie einsehen konnte, insektenfrei. Er drehte sich um, küsste Britt und sah die anderen an. „Alles klar. Gehen wir.“

Sie bewegten sich langsam den Gang hinunter, eine seltsame Patrouille in Feindesland, bewaffnet mit Büchern, Zeitungen und einer Tischdecke. Britt stand unglücklich im Türrahmen, winkte ihnen nach. Philip winkte zurück, er hatte das irrationale Gefühl, sie sei sehr, sehr weit weg. Britt schloss die Tür.

Der Flur war dämmerig. Philip ging voraus, ihm folgten Bastian und Maike, dann kamen Markus und Sabine und zuletzt Justus. Niemand kam sich albern vor, während sie so durch das Ferienhaus von Chris’ Eltern schlichen. Nicht nach dem, was sie erlebt hatten.

Philip deutete auf die Eingangstür. Maike verstand was er meinte, ging zur Tür und sah sie sich kurz an. Philip selbst ging weiter, an Badezimmer und Lager vorbei, und spähte um den Knick, den der Flur dahinter machte.

„Unten isoliert“, sagte Maike. „Aber die Ameisen können da bestimmt durch.“

„Hier nicht“, verkündete Bastian von der Tür zum Vorratsraum. „Die ist dicht.“

„Womit abgedichtet?“, wollte Justus wissen.

„Gummi.“

„Da fressen die sich durch.“

„Ja, aber das dauert.“

„Vorne alles klar, Philip?“, fragte Maike leise.

Er schüttelte den Kopf und sie schlossen zu ihm auf, nachdem Markus und Sabine die Fenster inspiziert hatten. Sie waren fest und dicht verschlossen, aber sie konnte sehen, dass der Schwarm inzwischen auch hier vorne tobte. An eine schnelle Flucht durch die Eingangstür zu den Autos war nicht zu denken.

„Was ist?“, fragte Maike, als sie bei Philip waren, der immer noch um die Ecke lugte.

„Da sind sie“, sagt er leise. „Bei der Treppe. Sie kommen unter der Küchentür durch, wie wir gedacht haben.“

„Viele?“

„Genug, um unangenehm zu werden.“

„Meinst Du, wir kommen durch?“, fragte Justus.

Philip nickte. „Ja. Aber schön wird das nicht.“

„Kommen wir dann auch wieder zurück?“

Philip zuckte mit den Schultern. „Es geht. Wenn wir nicht zuviel Zeit verschwenden.“ Er sah die anderen an.

„Bereit?“

Sie nickten unbehaglich.

„Gut, dann… Los!“

Er rannte los und hörte, dass sie ihm folgten. Er sprintete an der Küchentür vorbei, die bis zur halben Höhe voller Wespen war. Sie saßen auch auf der Wand zu beiden Seiten der Tür, auf dem Boden, dem Treppengeländer und der Wand gegenüber, aber nicht so dicht, wie auf der Tür selbst. Er rannte an ihnen vorbei und über sie hinweg und war schon fast im oberen Stockwerk, als die ersten sich erhoben. Bastian und Maike waren dicht hinter ihm, ebenso Sabine. Justus rannte als letzter, ohne auf die anderen zu achten, er hatte nur Augen für die Wespen und wäre fast auf Markus aufgelaufen, der mitten im Flur stehen geblieben war und die Tiere anstarrte, die träge begannen, sich in die Luft zu erheben. Justus packte ihn am Arm.

„Komm, komm schnell!“ In Gedanken verfluchte er, dass sie ihn mitgenommen hatten.

Markus hörte ihn nicht, er sah die Wespen an. Dann schrie er wütend auf und schlug mit der Ausgabe des „Spiegel“, die er in der Hand hielt, wild auf die Insekten ein, die an der Wand neben der Treppe saßen. Der Angriff schien sie zu überraschen, er hatte schon viele erschlagen oder von der Wand gewischt, als sie aufflogen und zum Gegenangriff ansetzten. Justus packte ihn am Kragen und unter einem Arm und schob ihn auf die Treppe.

„Das reicht erstmal. Komm jetzt!“

Markus ließ von den Tieren ab und gehorchte. Sie hetzten die Treppe hinauf und trafen oben auf die anderen. Die standen eng beieinander dort, wo der obere Flur einen Knick machte. Philip und Bastian spähten angestrengt um die Ecke zum gegenüberliegenden Ende des Ganges, während Maike und Sabine die Treppe im Auge hatten.

„Schnell“, keuchte Justus, als er oben angekommen war. „Schnell, sie sind hinter uns her.“

„Nein, sind sie nicht“, sagte Maike.

„Was?“ er drehte sich um. Tatsächlich, hinter ihm war nichts. Er ging ein paar Schritte zurück und sah die Treppe hinunter, erwartend, dass die Wespen sie verfolgen würden. Statt dessen blieben sie zurück und wirbelten in einer dichten Wolke vor der Treppe und im Aufgang herum.

„Die wollen uns den Weg abschneiden.“

„Sie wollen gar nichts, Justus“, erklärte Sabine, „es sind Tiere, Insekten, die können nicht…“

„Überzeug‘ Dich doch selbst“, versetzte er und ging an ihr vorbei zu Philip und Bastian.

„Wie sieht‘s vorne aus?“

Philip schüttelte den Kopf. „Nicht gut. Wir müssen uns beeilen. Die beiden großen Räume scheinen sauber zu sein, aber sie kommen aus diesem komischen kleinen Raum dahinten. Begehbarer Kleiderschrank, oder was das ist.“

„Viele?“

„Noch nicht. Aber ich kann nicht viel erkennen, und ich will kein Licht anmachen.“

Philip wandte sich um und ging zu der Tür des ersten großen Raumes, dem, in dem Britt und er geschlafen hatten. Er öffnete sie vorsichtig und sah hinein. Durch das Fenster fiel Sonnenlicht, das Fenster selbst war geschlossen.

„Okay“, sagte er, „die Luft ist rein. lasst uns das Zeug rausholen, und dann nichts wie weg.“

Sie betraten den Raum und klaubten zusammen, was sie tragen konnten. Ihre eigenes Gepäck vor allem, dazu Sporttaschen und Rucksäcke und zwei Leinenbeutel mit Proviant. Sabine hängte sich nur einen kleinen Rucksack über und wollte durch die zweite Tür in den Flur gehen.

„He“, sprach Justus sie an. „Wo willst Du hin?“

„In das andere Zimmer.“

„Warum? Hier ist noch genug Zeug.“

„Ja, aber da sind meine Sachen.“

„Brauchst Du die unbedingt?“, fragte Philip.

„Was heißt unbedingt. Ich will sie halt haben.“

„Wir haben den Raum noch nicht gecheckt.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hole mein Zeug, ob es Dir passt oder nicht.“

Philip zuckte mit den Schultern und wandte sich ab. Inzwischen hatte sich auch Markus zwei Rucksäcke angeschnallt, einen auf den Rücken und einen auf den Bauch. Die fünf halfen sich gegenseitig, das Gepäck fest zu ziehen. Dann kontrollierten sie noch einmal oberflächlich, ob sie nichts offensichtlich Nützliches vergessen hatten, Maike nahm noch eine Feldflasche aus der Seitentasche eines Rucksacks und sie gingen zurück in den Flur. Maike sah sich um.

„Wo ist Sabine?“

„Die wollte eben in das andere Zimmer gehen“, sagte Justus.

Sie sahen sich einen Moment betreten an, dann legte Philip die Taschen ab. „Ich sehe nach ihr.“

„Sei vorsichtig“, empfahl Maike.

„Worauf Du Dich verlassen kannst.“

Er ging bis zu der Stelle, an der der Flur den Knick machte und spähte wieder vorsichtig um die Ecke. Er hörte die Insekten am anderen Ende des Ganges träge summen und sah auch etwas Bewegung, aber es schienen immer noch nicht viele zu sein. Bis zu der Tür zum zweiten Zimmer waren sie noch nicht gekommen. Er huschte um die Ecke, bewegte sich so schnell wie er konnte zu der Tür, öffnete sie vorsichtig und spähte hindurch. Er hatte einiges zu sehen erwartet, auch das Schlimmste, aber nicht das: Der Raum war offensichtlich sicher, das Fenster geschlossen. Mittendrin, zwischen Taschen und Rucksäcken, saß Sabine und suchte, leise vor sich hin schimpfend.

„Sabine“, zischte er. „Was machst Du da verdammt?“

Sie schrak zusammen, sah zur Tür und erkannte Philip.

„Ich suche meine Tasche“, gab sie zurück.

Verwundert sah er auf die riesige BREE-Reisetasche, die sie mit der linken Hand berührte. Er hatte sie doch damit Nkommen sehen.

„Da ist sie doch.“

„Nicht die. Meine andere. Ich brauche sie. Mein Kulturbeutel ist darin und ein paar juristische Bücher.“

Er starrte sie an wie eine Erscheinung. „Was meinst Du? Brauchst Du irgendwelche Medikamente aus dem Kulturbeutel, oder was?“

„Bücher, Philip, Bücher für meine Promotion. Weißt Du, wie teuer die sind?“

Weiße Wut stieg in Philip auf.

„Hör mir zu, Sabine“, sagte er völlig ruhig.

Sie sah ihn erstaunt an. „Ja?“

Er lächelte freundlich. „Wenn Du jetzt nicht sofort mit mir zu den anderen kommst, kannst Du Dich alleine auf den Rückweg machen. Oder von mir aus hier oben nach Deinen Scheiß-Büchern suchen, bis die Viecher Dich fressen. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?“

In ihrem Gesicht stand helle Empörung. „Philip, das…“

„Gut“, sagte er, immer noch lächelnd, „wir haben uns verstanden.“ Damit drehte er sich um und ging. Hinter sich hörte er Sabine schimpfend ihre Tasche aufnehmen und folgen.

Maike sah Philip und Sabine um die Biegung des Ganges kommen und war erleichtert. Sie hatte irgendwie damit gerechnet, die beiden nicht wieder zu sehen. Philip nahm die Taschen wieder auf, die er abgestellt hatte und gesellte sich zu ihnen. Sabine blieb etwas abseits stehen. Maike hatte den Eindruck, dass sie mal mit Sabine würde reden müssen, vielleicht würde auch die ganze Gruppe reden müssen. Aber nicht jetzt. Jetzt galt es, den Rückweg zu schaffen. Maike sah in die Runde.

„So schnell wie möglich runter und durch, da gibt es nicht viel zu planen, oder?“

„Wer geht zuerst?“, fragte Bastian.

„Ich, wie vorhin“, antwortete Philip. „Die selbe Reihenfolge. Haben wir irgend eine Möglichkeit uns zu schützen oder sowas?“

„Ich werde mir mein T-Shirt vor’s Gesicht ziehen“, meinte Bastian. „Was sonst.“

„Meint Ihr etwa immer noch, dass sie da unten auf uns warten?“, fragte Sabine.

„Geh doch hin und sieh nach“, schlug Justus vor.

Sie sah ihn verächtlich an. „Zumindest Dich hätte ich für vernünftiger gehalten.“

Justus antwortete mit einem Schulterzucken.

Bastian wandte sich an Sabine. „Sabine, versuch doch mal, konstruktiv mitzuarbeiten. Wenn Dir eine Gruppenentscheidung nicht gefällt, können wir darüber reden, und wenn Du…“

Philip legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Wir können darüber reden, aber nicht jetzt. Mit jeder Minute, die wir hier plappern, kommen mehr von ihnen unter der Tür durch.“

„Um uns aufzulauern“, setzte Sabine sarkastisch hinzu.

Philip beachtete sie nicht weiter, ging zur Treppe und sah hinunter. Egal was Sabine sagte – sie warteten. Etwa ab der halben Treppe hing ein wild herumschwirrender Schwarm in der Luft. Sie machten keine Anstalten, auch nur einen Zentimeter weiter nach oben zu kommen. Sie warteten. Und sie wussten, dass er und die anderen hier durchkommen mussten. Philip atmete tief durch, versuchte erfolglos, für einen Moment seine Angst zu vergessen und wandte sich an die anderen hinter ihm.

„Gut, ich werde gleich loslaufen. Es ist wichtig, dass ihr dicht hinter mir bleibt. Hat noch jemand die Tischdecke?“

„Ja,“ sagte Maike. „Ich wirbele sie herum.“

„Gut. Sie sollen nicht zur Ruhe kommen. Sie sollen keine Zeit haben, einen Angriff zu planen.“

„Die großen Strategen“, setzte Sabine hinzu.

„Sabine, bitte“, sagte Maike. Sabine sah sie beleidigt an, hielt aber den Mund.

„Danke“, sagte Philip. „Also, selbe Reihenfolge wie eben: Erst ich, dann Bastian, dann Maike mit der Decke, dann Sabine, Markus und Justus. Einverstanden?“

Die anderen nickten. Philip warf die beiden Taschen die Treppe hinunter, riss sich sein T-Shirt übers Gesicht und lief die Treppe hinab. Er hoffte, dass er die Stufenzahl richtig abgeschätzt hatte, sonst würde er sich wahrscheinlich etwas brechen. Als er die ersten Wespen spürte, sprang er. Der Flug war kürzer, als er gedacht hatte und er kam hart am Fuße der Treppe auf. Philip ließ das T-Shirt los, es rutschte von seinem Gesicht und er konnte wieder sehen. Er sah die Wespen vor sich, um sich, ein wilder Sturm aus kleinen, harten Leibern. Gleichzeitig griff er nach den Taschen, stolperte fast darüber, fing sich, hob sie hoch und rannte weiter. Hinter sich hörte er Bastian kommen. Philip spürte, wie Wespen gegen ihn prallten. Ein oder zwei waren in sein T-Shirt geraten, sie stachen ihn in Brust und Schulter, er merkte es kaum. Und dann waren sie weg, so plötzlich, wie sie gekommen waren. Er bremste ab, kurz vor dem Knick im Gang, fuhr herum, und sah zurück zur Treppe. Was er sah war unglaublich. Die Wespen bildeten eine kompakte, kugelförmige Wolke, mit der sie den Zugang zur Treppe blockierten. Jetzt stolperte Bastian aus dieser Wolke, ein kleiner Haufen Wespen saß über seiner rechten Augenbraue. Philip kam ihm zu Hilfe und wischte sie weg, die meisten überlebten das, aber sie griffen nicht wieder an, sie kehrten zurück zur Wolke. Die wurde gerade von Maike mit der Tischdecke ordentlich durcheinander gewirbelt. Sie schaffte es, für sich, Sabine und Markus einen Durchgang frei zu schlagen. Vor Justus schloss der Schwarm sich wieder, doch auch er kam durch die immer noch verstörten Wespen. Philip nahm die Taschen wieder auf, überzeugt, dass der Schwarm sie verfolgen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Die Kugel blieb kompakt, offenbar war es die Aufgabe dieser Tiere, die Treppe zu bewachen. Mit jeder neuen Wespe, die unter der Tür durchkroch, wurde der Schwarm tödlicher. Noch einmal, würden sie nicht so einfach nach oben und wieder zurück kommen.

„Na“, sagte er an Sabine gewandt. „Sag mir nochmal, dass da kein Plan hinter ist.“

Sie lachte, antwortete aber nicht.

Bastian fasste ihn am Arm.

„Lass, Philip. Wir reden nachher darüber.“

Philip seufzte und nahm die Taschen wieder in die Hand.

„Machen wir, dass wir zurückkommen.“

Sie gingen bis zur Wohnzimmertür, immer noch wachsam, doch ohne weitere Störung. Philip öffnete die Tür, ging zum Sofa, warf die erbeuteten Gepäckstücke von sich und sank neben dem Möbel zu Boden. Britt kam vom Fenster weg und hockte sich neben ihn. Hinter sich hörte er, wie die anderen hereinkamen, jemand schloss die Tür.

„Alles gut gegangen?“, fragte sie. Sie spürte, dass er zitterte.

Philip nickte. „Ist irgend etwas Neues passiert, draußen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Die Ameisen kriechen jetzt auf der Scheibe herum. Sonst nichts.“

Er stand auf, nahm ihre Hand und ging mit ihr zu den anderen, die um den Gepäckhaufen standen.

„Also dann“, sagte Justus. „lasst uns mal sehen, was wir erbeutet haben.“

FORTSETZUNG FOLGT

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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