schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 30 – Der Ruf, Teil 5

Sooo, tut mir leid, heute bin ich ein wenig spät dran. Aber jetzt brennt das Lagerfeuer, setzt Euch her. Heute erfahrt Ihr, woher „Der Ruf“ seinen Namen hat:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5




2

DER RUF

Haus und Garten, gegen 16.30 Uhr

Um vier waren tatsächlich alle, die zugesagt hatten, erschienen. Der Garten war gefüllt mit Menschen und Stimmen, sie redeten und lachten, tauschten Erinnerungen aus, erzählten sich Neuigkeiten.

Chris stand mit ihrer alten Clique am Grill und es war fast wie früher. Ein bisschen. Philip braunes Haar begann grau zu werden, aber alles in seinen Gesten, in seinem Reden und in seinem Lachen schien so geblieben zu sein wie vor 15 Jahren. Christophs ehemals babyweiches Gesicht hatte ein paar Falten gewonnen. Er trug tatsächlich die selben Klamotten wie damals, sie erinnerte sich genau: Ein weißes T-Shirt und eine sorgfältig ausgewaschene Jeans. Sie glaubte nicht, dass er sich bewusst wieder so ausstaffiert hatte, aber sie glaubte auch nicht, dass er heute oft so rumlief. Es war kein Zufall, dass sie sich so genau erinnerte, was er getragen hatte. Es war nie etwas daraus geworden. Sie hatte einen Großteil der Zeit, die sie eigentlich auf Christoph hatte verwenden wollen, damit verbracht, Katja zu trösten und auf Stephan zu fluchen. Jetzt standen die beiden wieder beieinander, lachten über die selben Scherze.

Andere Wunden waren nicht verheilt. Britt sprach kein Wort mit Justus und er mied sie, so gut es ging. Justus hatte sich von allen am auffälligsten verändert, obwohl Stephan jetzt kurze Haare hatte, obwohl Philip grau geworden war und Christoph Falten bekommen hatte. Äußerlich hatte er sich nicht sehr verändert. Justus war immer noch groß und breitschultrig, noch etwas stämmiger als früher vielleicht. Das dunkelblonde Haar lag immer noch ungeordnet an seinem Kopf. Die Brille war ein wenig zu klein für sein großes Gesicht. Seine Kleidung war nicht wirklich abgetragen, aber er hatte viel Geld dafür bezahlt, dass sie so aussah. Er war damals anziehend gewesen, mit seinen irren Ideen und seiner versponnenen Kunst und immer auf der Seite der Guten und Gerechten. Zumindest hatte es so ausgesehen, bis die Sache mit Britt passiert war. Was genau es gewesen war, sie wusste es nicht. Sie war damals von der Schule verschwunden und Justus hatte alle Freunde verloren, Christoph ausgenommen.

Und vielleicht hatte an diesem Punkt eine Entwicklung begonnen, die ihn zu dem gemacht hatte, was er heute war. Er hatte von vornherein so deutlich klar gemacht, wie dankbar sie zu sein hatte, dass er extra zu ihrer Party aus Frankreich gekommen war, dass die Dankbarkeit, die sie tatsächlich empfunden hatte, dem dringenden Wunsch gewichen war, ihn direkt wieder raus zu schmeißen. Kat war drauf und dran gewesen, Christinas Wunsch wahr zu machen, als Britts Ankunft ihm den Mund schlagartig gestopft hatte.

Und doch fanden sie immer wieder irgendwie alle zusammen. Vorhin im Wohnzimmer, jetzt hier am Grill. Das alte Band war verrottet und verblasst, aus der Magie war Nebel geworden, aber etwas war immer noch da.

Christoph nahm einen Hieb aus der Bierflasche.

„Wisst Ihr,“ sagte er, „was dem Ganzen fehlt, damit es so richtig wie damals wird?“

„Zwanzig Litter Hormone?“, schlug Britt vor.

„Dass Stephan und Kat sich ankeifen?“, meinte Philip und kassierte einen Schlag in den Nacken.

„Nein. Überlegt mal – was haben wir immer gemacht? Sagt nicht, Ihr habt es vergessen.“

Sie sahen sich ratlos an, Chris fühlte sich ungemütlich bei dem Gedanken, etwas Wichtiges vergessen zu haben.

„Oh bitte, Ihr enttäuscht mich. Kerzen. Gläser…“

„Och nee.“ Philip sah ihn gequält an. „Keine Séance.“

„Warum denn nicht? Wir könnten wieder in den Schuppen gehen und… Na ja, genau wie damals eben.“

Philip sah sich hilfesuchend nach Stephan um, aber er erkannte ein verdächtiges Glitzern in dessen Augen. Dasselbe bei Katja und Chris, Justus hatte den stereotypen, gelangweilten Gesichtsausdruck, den er die ganze Zeit vor sich hertrug, alleine Britt schien ihm eine Hilfe. Sie rollte mit den Augen und zuckte resigniert mit den Schultern, als er sie ansah. Sie waren offenbar in der Minderheit.

„Gar keine schlechte Idee“, sagte Stephan gedehnt. „Wenn das geht, Chris?“

„Klar“, sie nickte, aufgeregt bei dem Gedanken, die ganze alte Show nochmal durchzuziehen. Das war immer witzig gewesen und ein bisschen gruselig. „Der Schuppen ist so gut wie leer. Wir könnten ein paar von den Klappstühlen rein schaffen und den Gartentisch…“

„Wir brauchen Kerzen“, warf Katja ein.

„Es ist helllichter Nachmittag“, bemerkte Philip.

„Wir machen es ja nicht jetzt,“ entgegnete Christoph. „Irgendwann heute Abend oder so.“

„Es bleibt bis zehn hell“, erinnerte Britt. „Länger sogar.“

„Hört doch auf zu moppern.“ Stephan sah begeistert in die Runde. „Wir verhängen einfach die Fenster. Was ist mit Kerzen, Chris?“

„Wir haben welche im Haus, klar. Und die Fenster könnten wir mit dunklen Decken verhängen. Das ist ‘ne super Idee, Christoph. Das wird bestimmt lustig.“

„Ich habe auch eine Überraschung für Euch“, verkündete Christoph stolz. „Seid Ihr alle dabei? Britt, Philip?“

„War ich jemals nicht dabei?“, seufzte Philip. Britt nickte mit schiefem Grinsen.

„Was ist mit Dir, großer Künstler?“ Stephan schlug Justus auf die Schulter, der zuckte zusammen. „Dabei?“

„Ja“, knurrte er.

„Okay“, sagte Christoph aufgeregt, „Okay, okay. Wann?“

„Am besten, bevor wir den Grill anschmeißen“, meinte Katja. „Was meinst Du, Chris?“

Christina nickte. „Ja. So um sechs. Länger als ‘ne Stunde brauchen wir ja wohl nicht, oder?“

„Bestimmt nicht“, meinte Christoph.

„Vorher hast Du nichts zu essen?“ Justus sah sie mit einer komischen Mischung aus Herablassung und Enttäuschung an. „Ich habe am Flughafen zuletzt was gehabt.“

„Hast Du die Kuchen drinnen nicht gesehen?“, fragte Katja.

„Ich meine was Richtiges.“

„Nein“, sagte Chris, entschlossen, sich die gute Laune nicht verderben zu lassen. „Bis dahin gibt’s nur Falsches.“

Justus verschwand wortlos in Richtung Haus. Christoph sah ihm einen Moment unschlüssig nach.

„Also, um sechs am Schuppen?“, fragte er.

Chris nickte. „Um sechs. Ich bringe Kerzen und Tischtücher.“

„Klasse.“ Er lächelte kurz entschuldigend und folgte Justus ins Haus. Die fünf am Grill Verbliebenen sahen ihm nach.

„Wie wär’s,“ fragte Katja schließlich, „Wer kommt mit zum See?“

Am See, gegen 17.30 Uhr

Chris hatte in der Einladung – wie damals – dazu aufgefordert, Schwimmzeug mitzubringen und so hatte sich die Feier für den Moment ganz natürlich an den See verlagert. Nun hatten die meisten die erste Abkühlung hinter sich und saßen in kleinen Gruppen am Ufer, ein paar Tapfere tummelten sich noch im See. Irgend jemand hatte einen uralten Ghetto-Blaster mitgeschleppt und so schwebte aus einiger Entfernung das Gejubel einer Liveaufnahme herüber. Tanja und Markus saßen mit Maike und Bastian zufrieden im Schatten eines Baumes am Seeufer. Tanja ließ sich auf den Rücken sinken und blinzelte in die Sonne. Markus, der sich gerade mit Bastian unterhalten hatte, drehte sich zu ihr und streichelte ihr über den Bauch.

„Was haben wir damals gemacht? Um diese Zeit, meine ich“, überlegte Bastian. Markus grübelte einen Moment nach.

„Am ersten Tag um fünf? Waren wir da nicht auch am See?“

„Ich nicht“, meinte Maike nachdenklich. „Ich habe Chris beim Grillen geholfen. Mit Justus und Christoph.

Tanja versuchte, sich an die damalige Partygesellschaft zu erinnern, um herauszufinden, wer fehlte. „Was ist eigentlich mit Stephans Bruder? Waren die nicht Zwillinge? Er war auf irgend so einer anderen Schule…“

„Das war ‘ne Sportschule“, erinnerte sich Markus.

„Genau. Aber der war doch da, oder? Er sah genau aus wie Stephan. Wie hieß der noch, verdammt?“

„Alex“, sagte Maike. „Er hieß Alexander. Er ist im Moment in Amerika mit seiner Frau, er besucht da eine Freundin von ihr, oder so.“

„Woher weißt Du das?“, wollte Bastian wissen.

Sie lachte. „Ich habe Stephan vorhin gefragt.“

„Ganz andere Frage“, schaltete Tanja sich wieder ein, „wann wird gegrillt?“

„Sieben oder so“, sagte Markus.

„Na dann“, sagte sie und stand auf, „haben wir ja noch Zeit für ‘ne Runde Schwimmen. Kommt Ihr mit?“

Einige Meter weiter, näher am See, blickte Chris auf ihre Armbanduhr. „Ich glaube, ich kümmere mich mal um den Grill.“ Sie stand auf. Philip, der auf seiner Strandmatte ausgestreckt döste, öffnete ein Auge.

„Brauchst Du Hilfe?“

„Nee, lass mal. Ich wollte nur alles ein wenig zurechtlegen, damit wir nach der Séance gleich anfangen können.“

„Séance“, knurrte Philip. Chris, Britt und er hatten vor einiger Zeit das Wasser verlassen, weil ihnen kalt geworden war. Justus und Christoph, die zwischenzeitlich zu ihnen gestoßen waren, waren schon früher zurück zum Haus gegangen. Kat und Stephan schwammen immer noch draußen auf dem See herum. Britt sah Philip an.

„Lass ihnen doch ihren Spaß. Wir rufen die Geister…“ Sie lachte.

„Ich habe das… wie lange mitgemacht? Zwei Jahre. Zwei Jahre, Britt, jedes verdammte Wochenende eine Séance. Mindestens.“

„Wem sagst Du das?“

„Du solltest mich verstehen.“ Er wandte sich wieder Chris zu, die gerade ihr Handtuch über die Schulter hängte und sich anschickte zu gehen.

„Bist Du sicher, dass wir Dir nicht helfen können?“

„Nein, ehrlich, es ist nicht viel. Nachher könnte ich Euch brauchen.“

„Jederzeit gerne.“

„Okay, dann bis gleich.“

„Bis gleich“, sagte Philip. Britt winkte ihr hinterher. Dann lagen wortlos nebeneinander und hingen ihren Gedanken nach.

„Irgendwie ist es komisch“, sagte Britt nach einer Weile.

„Hm?“ Philip drehte sich zu ihr.

„Ich meine, es ist komisch. Ich habe gedacht, wir reden viel mehr darüber, was heute so ist, was aus uns geworden ist, was wir gemacht haben in all der Zeit und so.“

„Tun wir doch. Ich weiß, dass Du Ärztin geworden bist…“

„Nein, das meine ich nicht. Klar reden wir darüber, was für Berufe wir haben. Himmel, ich kam mir vorhin vor, wie beim Heiteren Beruferaten. Aber das war’s auch schon. Ich weiß zwar jetzt, dass Du Immobilienhai bist…“

„He, ich hab auch ‘ne Seele!“

„Ja, noch.“ Sie grinste. „Was ich sagen wollte ist: Du bist Immobilienhai, Stephan macht Comics, Kat ist Journalistin geworden, Chris Lehrerin, der eine macht dies, die andere jenes, alles klar, aber das ist auch alles. Ich weiß nichts von Ehepartnern oder Kindern. Ich weiß nicht, was die Leute in all den Jahren dazwischen gemacht haben, was sie gedacht haben, wie sie gelebt haben, was für Wünsche und Träume wahr geworden sind und welche nicht — alle reden nur davon, wie es früher war.“

„Stört Dich das?“

Sie zuckte etwas hilflos mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ich rede auch gern drüber. Ich habe vorhin bestimmt ‘ne geschlagene halbe Stunde mit Martina über Mathe bei Sokolowski gesprochen. War richtig schön, aber habe ich irgend etwas über sie erfahren? Okay, sie ist bei irgend einer Bank. Sie arbeitet in London. Ist sie glücklich? Was hat sie erlebt in den letzten 15 Jahren? Ich habe mich eigentlich darauf gefreut, solche Geschichten zu hören. Sowas interessiert mich. Aber irgendwie…“ Sie zuckte wieder mit den Schultern.

„Okay, was willst Du wissen? Frag mich aus.“

Sie lachte und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Lass mal. Ich bin wahrscheinlich einfach zu ungeduldig. Wir sind noch zwei Tage hier, irgendwann gehen die alten Anekdötchen aus.“

Philip dachte nach. „Vielleicht. Aber was mich eigentlich interessiert, ist, was aus den alten Geschichten geworden ist.“

„Wie meinst Du das?“

„Na ja, wie sich alles im Rückblick ändert. Guck Dir Kat und Stephan an.“ Er deutete auf den See hinaus, wo die beiden sich prächtig zu amüsieren schienen. Kats Gelächter wehte zu ihnen herüber. „Kannst Du Dich noch an die Party damals erinnern?“, fragte Philip. „Ich meine richtig? Das war die Hölle, mit den beiden. Ich war mit Stephan hier unten am See, am Sonntagnachmittag, und er hat geschrien, er hat geheult, hat einen Tobsuchtsanfall nach dem anderen bekommen, ich habe gedacht, wenn ich nicht gut auf ihn aufpasse, bringt er sie um. Oder sich. Oder beides. Und jetzt das.“

„Ja und? Ist doch schön, dass sie sich wieder verstehen.“

„Ja klar. Aber das ist es doch, was ich meine. Wie sich alles gewandelt hat. Was früher ein halber Weltuntergang war, ist heute ein Lacher am Rande, Leute die sich früher gehasst haben stehen heute beieinander und trinken Bier. Hast Du Micha und Khan gesehen?“

„Ja.“ Sie dachte nach. „Du hast recht, es ist wirklich interessant, was aus den Geschichten von damals geworden ist. Aber im Grunde ist das gar nicht so weit weg von dem, was ich vorhin gemeint habe. Was ist zwischendurch passiert, warum versuchen Khan und Micha nicht, sich gegenseitig umzubringen? Warum sind manche von den alten Geschichten nicht mehr wichtig?“ Sie sah eine Weile auf den See hinaus. „Und andere doch“, setzte sie dann leise hinzu.

Philip betrachtete sie von der Seite. „Willst Du es erzählen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Später vielleicht.“ Sie drehte sich zu ihm und sah ihn lange an. „Vielleicht könnte ich es Dir erzählen. Ich hatte zu Dir immer das meiste Vertrauen, ich weiß nicht, ob Du das gewusst hast. Mehr noch, als zu Justus.“

Philip schluckte. „Nein, woher sollte ich?“

Sie lächelte halb. „Stimmt. Na ja, ich glaube, Du bist immer noch in Ordnung, auch wenn Du demnächst arme Mieter über den Tisch ziehst. Wenn ich darüber reden will, erfährst Du es zuerst, okay?“

„Okay. Und danke. Falls Du mal ein Haus brauchst…“

Sie lachte und stieß ihm spielerisch die Faust vor die Schulter.

„Wer braucht ein Haus?“ Stephan kam vom Ufer zu ihnen herauf, Kat folgte ihm und drückte sich unterwegs das Wasser aus den Haaren.

„Ihr, wie es aussieht“, versetzte Philip.

„Die Party hat einen schlechten Einfluss auf ihn“, erklärte Stephan zu Katja gewandt. „Er fällt zurück in seine Vorpubertät.“

Kat lachte. „Wo ist Chris?“, wollte sie wissen.

„Schon zurück zum Haus. Sie wollte irgendwas fürs Grillen vorbereiten.“

„Ach Mensch.“ Kat sah mit gerunzelter Stirn zu der Baumgruppe, hinter der der Garten begann. „Sie hätte doch was sagen können.“

„Ich habe ihr Hilfe angeboten“, sagte Philip. „Sie wollte nicht.“

„Anbieten reicht nicht, Du musst mit Gewalt drohen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Dummes Huhn. Na ja, egal.“ Sie streckte sich auf ihrem Badetuch aus.

„Wieviel Uhr haben wir eigentlich?“ fragte Stephan, einige Minuten später.

„So zwanzig vor sechs“, antwortete Britt.

„Hm“, machte Stephan.

„Haben wir ja noch ein bisschen Zeit“, murmelte Katja träge in ihr Badetuch.

„Ich bin ja mal gespannt“, sagte Stephan.

„Worauf, auf die Séance?“, Philip sah ihn spöttisch an.

„Ich weiß echt nicht, was Du dagegen hast.“

Philip dachte einen Moment nach. „Nichts“, gab er schließlich zu. „Eigentlich nichts. Nur, dass er mir früher schon immer damit auf den Sack ging.“

„Na ja, aber es war doch wirklich witzig. Und manchmal sogar wirklich ein bisschen gruselig“, fand Kat.

„Na, ja“, meinte Philip.

Stephan knuffte ihn freundschaftlich. „Hey komm, um der alten Zeiten willen.“

Der Schuppen, 18 Uhr

Justus stand gelangweilt vor der Schuppentür, als Britt, Katja, Stephan und Philip vom See zurückkamen.

„Wo sind Chris und Christoph?“, fragte Kat.

Justus deutete mit dem Kopf auf den Schuppen.

„Da drin.“

„Geht’s schon los?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich denke schon. Sie hängen gerade die Fenster ab.“

Stephan schob die Tür auf und betrat das kleine Holzgebäude. Billig aber geschickt aus rohen Stämmen und Brettern zusammengezimmert und dann sorgfältig abgedichtet, hatte es Chris‘ Vater früher als Unterstand für alte Motorräder gedient, die er restauriert hatte. Vor fünfzehn Jahren hatte gerade zufällig keines darin gestanden. An der Rückwand hingen noch einige Bretter, auf denen zurückgelassenes Werkzeug lag. Darunter stand ein altes Fahrrad, in der Ecke lag eine zusammengeknüllte Plane. Christoph und Chris waren gerade dabei, das letzte der beiden ohnehin schon fast blinden Fenster mit einem dunkelblauen Tuch zu verhängen. Vor dem anderen hing ein braunes. Die Tücher schafften es mitnichten, den Raum zu verdunkeln, aber sie sorgten für ein schummriges Licht. In die Mitte des Raumes hatten sie einen kleinen runden Plastiktisch geschoben und sieben Stühle darum gruppiert. Auf dem Tisch lagen eine Taschenlampe, einige Kerzen und ein Leinenbeutel, in den etwas eingeschlagen war. Stephan griff danach.

„Was ist das?“

Christoph drehte sich um und ließ fast seinen Zipfel des Tuches los.

„He, lass das liegen!“

Stephan, erstaunt von seiner Schärfe, legte das Paket zurück auf den Tisch.

„‘Tschuldigung.“

Christoph lächelte. „Entschuldige, ich wollte Dich nicht so anblaffen. Aber das ist die Überraschung, von der ich Euch erzählt habe.“

„Ups. Tut mir leid. Kann ich Euch helfen?“

„Ja.“ Chris nickte und zeigte auf den Tisch. „Du kannst die Kerzen in die Kerzenständer tun.“

Stephan sah sich kurz um und entdeckte eine Plastiktüte auf einem der Stühle, der er sieben einfache, eiserne Kerzenständer entnahm. Er steckte die Kerzen darauf und stellte eine vor jeden Platz auf den Tisch. Unterdessen kamen die anderen herein und standen dicht gedrängt zwischen Tisch und Tür. Chris und Christoph waren mit dem Fenster fertig, und als Britt die Tür hinter sich zuzog, wurde es tatsächlich dämmrig. Das Licht der Taschenlampe erhellte den Raum kaum, sondern schien ihn, im Gegenteil, düsterer zu machen.

„Okay“, sagte Christoph, „setzt Euch.“

Er selbst setzte sich unter das braun verhängte Fenster. Chris setzte sich rechts neben ihn, neben ihr saß Katja, dann kamen Stephan, Britt und Philip, Justus schloss den Kreis.

‚Wir sitzen genau wie damals‘, schoss es Stephan durch den Kopf und die plötzliche Erkenntnis erstaunte ihn.

Philip reichte ein Zippo herum und sie zündeten die Kerzen vor sich an. Als Christoph die Taschenlampe ausschaltete, schienen die Schatten zu wachsen und hatte Stephan ein gespenstisches Dejá Vu. Wo die Kerzen die Gesichter seiner Freunde erhellten, sahen sie mit einem Mal keinen Tag älter aus als damals. Die Schatten verwischten die Spuren, die Dämmerung und das Kerzenlicht verzeichneten die Konturen und übrig blieben dieselben alterslosen Gesichter, in die er vor fünfzehn Jahren gesehen hatte. Selbst der gedämpfte Lärm der Party, der von draußen herein drang, schien nicht anders zu sein. Er sah Philip an, sein spöttisches Lächeln war alterslos. Er sah Kat neben sich und sie blickte zurück, mit Augen, in die das Kerzenlicht dieselbe warme Dunkelheit gelegt hatte. Sie lächelte und er lächelte zurück und in einem Moment löschten die Kerzen endgültig fünfzehn Jahre und einen schrecklichen, kindischen Streit.

„Seid Ihr so weit?“, fragte Christoph.

‚Und ob‘, dachte Stephan. Aber er nickte nur. Wie die anderen auch.

„Okay, ich habe Euch eine Überraschung versprochen. Hier ist sie.“

Aus dem Leinenbeutel zog er ein Buch. Stephan, der kein Experte war, konnte sofort sehen, dass es uralt sein musste, auch in dem spärlichen Licht. Es war in Leder gebunden, der Deckel fehlte. Die Seiten schienen aus einem sehr festen Papier zu bestehen. Oder aus Pergament. Justus stieß einen leisen Pfiff aus.

„Was ist das?“, fragte Philip.

„Ein Buch“, sagte Christoph, versunken in den Anblick des alten Schatzes, den er ausgepackt hatte.

„Ach, was.“

Er sah irritiert auf. „Wie bitte?“

„Was für ein Buch?“, sagte Philip mit leichter Belustigung.

„Es heißt ‚Wege und Tore‘. Ein Beschwörungsbuch. Es sind Sprüche darin, die Tore öffnen können. So heißt es jedenfalls.“

„Sieht alt aus“, meinte Stephan anerkennend.

Christoph nickte, immer noch versonnen. „Ist es auch, glaube ich. Habe ich geerbt. Ich habe es seinerzeit nicht verkauft, weil ich dachte, ich könnte es vielleicht nochmal brauchen.“

Britt beugte sich halb über den Tisch, vorsichtig den Kerzen ausweichend. „Kann ich es mal sehen?“

„Klar. Ihr müsst es sowieso alle begrüßen.“

„Wir müssen was?“, fragte Philip.

„Das Buch begrüßen. Es steht in der Einleitung.“ Christoph nickte nachdrücklich. „Es entfaltet seine größte Wirkung, wenn alle Mitglieder des Zirkels es ehrfürchtig annehmen und begrüßen.“ Er reichte es Chris. „Willst Du anfangen?“

Sie nahm das Buch und betrachtete es tatsächlich ehrfürchtig. „Wie begrüßt man es?“, wollte sie wissen.

Christoph sah ein wenig verlegen aus. „Keine Ahnung.“

Sie sah es einen Moment lang unschlüssig an, dann strich sie langsam über die erste Seite und reichte es an Katja weiter. Die legte nur kurz ihre Hand darauf und gab es Stephan. Er betrachtete es einen Moment unschlüssig und plötzlich hatte er ein entsetzliches Gefühl der Leere und Einsamkeit. Alles um ihn her schien zu verschwimmen und zu schwinden. Bevor er begriff, was er tat, drückte er das Buch kurz an seine Brust und gab es dann Britt. Das seltsame Gefühl war verschwunden.

Britt strich ebenfalls mit der Hand darüber und reichte es an Philip weiter. Der hielt das Buch mit beiden Händen vor sich und betrachtete es mit gerunzelter Stirn. Dann murmelte er leise „Hallo Buch“ und gab es Justus. Justus verneigte sich leicht davor und reichte es Christoph. Der legte es vor sich, beugte sich vor und berührte die erste Seite mit der Stirn.

„Gut also“, sagte er dann. „In diesem Buch stehen viele Beschwörungen. Ich habe eine herausgesucht, die…“, er schlug kurz nach und las vor, „…Räume und Zeiten öffnet und einen herbeiruft, der Wissen hat. Was haltet Ihr davon?“

„Wissen ist gut“, sagte Kat.

„Räume und Zeiten hört sich auch gut an“, meinte Justus.

„Also okay, dann rufen wir einen, der Wissen hat.“ Er grinste. „Mal sehen, was er uns erzählen kann. Hier stand nichts von Gläsern oder Karten, ich bin gespannt. Fasst Euch an den Händen.“

Stephan nahm mit der Linken Britts Hand und Katjas mit der Rechten und sah Christoph an, dessen konzentriertes Gesicht über das Buch gebeugt war. „Herren und Meister, höret uns“, begann Christoph mit langsamer Stimme zu deklamieren. „Ihr Meister des großen Krieges, gebt uns ein Jota Eurer Macht…“ Dann verfiel er in Latein, die Formel klang eintönig und monoton, während er sie herunterbetete. Stephan hatte den Eindruck, dass Christoph sogar einiges von dem verstand, was er sagte.

Etwas veränderte sich.

Es war kaum merkbar, als würde eine Spannung in dem kleinen Raum entstehen und langsam wachsen. Die Dunkelheit nahm zu.

„Spürt Ihr das?“, hauchte Kat. Stephan drückte ihre Hand.

Christoph deklamierte immer weiter, eine lange, ermüdende Litanei. Die Spannung wuchs, in der Dunkelheit zog sich etwas zusammen. Stephan spürte ein Kribbeln auf der Haut, zuerst ein leichtes, angenehmes Kitzeln, das langsam zu einem stechenden Prickeln wurde.

„Das gefällt mir nicht“, sagte Philip.

Es wurde stärker und stärker.

Stephan fühlte, wie seine kurz geschorenen Haare sich aufstellten. Er schluckte trocken, das Atmen war mühsam, er fühlte sein Herz schwer und schnell schlagen.

Es wuchs und wuchs.

Stephan hörte, wie Kat neben ihm keuchte. Er wandte sich ihr zu und konnte sie in der tiefen, immer tieferen Dunkelheit kaum erkennen. Er drückte ihre Hand. Sie krallte sich in seine, und der Schmerz war wie ein willkommener Anker, der ihn in der Wirklichkeit hielt.

Doch es wuchs und wuchs..

„Hör auf“, sagte Justus und sah Christoph an. Der hob das Gesicht, das leuchtete, als gelte das Licht der Kerzen ihm und nur ihm. Und sie sahen das ungläubige Entsetzen in seinen Augen, während sein Mund immer weiter sprach. Er konnte nicht aufhören. Sie konnten erkennen, wie verzweifelt er es versuchte, aber er sprach weiter, immer weiter und weiter flossen die fremden Worte aus ihm heraus. Stephan glaubte nicht mehr, dass es wirklich noch Latein war.

„Der Kreis“, sagte Chris keuchend. „Wir müssen den Kreis unterbrechen. lasst…“

Im nächsten Moment explodierte es. So jedenfalls erschien es Stephan, er hörte ein grässliches Krachen und aus dem Buch schien ein Blitz zu schlagen, der den ganzen Raum erhellte. Christoph wurde mitsamt seinem Stuhl in eine Ecke geschleudert und alle Kerzen erloschen. Zurück blieb Dunkelheit, nur erhellt vom flackernden Licht der Flammen, die aus dem Buch schlugen.

Chaos brach los. Neben Stephan war Britts Stuhl ebenfalls umgestürzt und nur die Tatsache, dass Philip und er sie immer noch an den Händen hielten, hatte verhindert, dass sie nach hinten über gefallen war. Sie lag auf den Knien und fluchte, während Philip sich leise um sie kümmerte. Chris und Katja waren zu Christoph gelaufen, der stöhnend in der Ecke lag, während Justus sich bemühte, das brennende Buch mit den Händen auszuschlagen. Stephan stand inmitten all dieses plötzlichen Wirbelns und war gelähmt. Das Gefühl war wieder da, die kalte Leere, die ihm vorkam wie die Ahnung von etwas, das er lange vergessen hatte. Wie in Trance ging er zu dem Fenster, vor dem Christoph gesessen hatte und begann, das Tuch abzureißen. Das half. Das hereinbrechende Tageslicht vertrieb die Ahnung der Leere und machte aus der dunklen Höhle, in der etwas Fremdes über sie gekommen war, wieder einen staubigen Holzschuppen. Philip stieß die Tür auf und führte Britt hinaus. Justus, der das Buch gelöscht und dann von sich gestoßen hatte, folgte ihnen. Chris und Katja stützten Christoph, der auf unsicheren Beinen aus dem Schuppen wankte. Stephan kam als letzter. Den Schuppen zu verlassen war, wie aus einem Traum aufzutauchen. Einige Meter weiter, beim Haus, war die Party in vollem Gange, die Musik lief, niemand schien das Krachen gehört oder den Blitz gesehen zu haben. Die Sieben schauten sich verwirrt an. Stephan sah in blasse, ängstliche Gesichter. Britt, die an Philip gelehnt im Gras saß, hatte eine Schürfwunde am linken Arm und eine große Beule auf der Stirn, die langsam blau zu werden begann. Sie musste im Fallen gegen den Tisch gestoßen sein. Christoph sah sehr krank aus.

„Wie geht es Dir?“, fragte Stephan.

Christoph schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, mir ist so schlecht, ich… Oh Schei…“

Er drehte sich um und erbrach sich lautstark gegen die Schuppenwand. Als er fertig war reichte Philip ihm ein Taschentuch, mit dem er sich den Mund abwischte. Sie sahen sich an und verstanden nicht.

„Lasst uns rüber gehen“, sagte Chris schließlich. „Ins Haus.“

FORTSETZUNG FOLGT

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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