schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 54 – Der Ruf, Teil 29

Kommt her, ich erzähle Euch eine Geschichte. Nachdem Sascha gestern leider final lernen musste, dass die Insekteninvasion keine Fake-News und deutlich gefährlicher ist als die Grippe, schauen wir heute zurück ins Wohnzimmer, wo weiter Pläne reifen:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28

Der Ruf – Teil 29


5

MUT

Im Haus, gegen 20.00 Uhr

„Okay – also wann?“ Philip sah die anderen an. Justus dachte mit geschlossenen Augen nach.

„Zehn müsste okay sein. Wir sollten zwischen zehn und halb elf anfangen.“

„Ganz dunkel ist es dann noch nicht“, meinte Bastian.

„Nein, aber dämmrig genug. Wir sollten so früh wie möglich raus gehen.“

„Warum müssen wir überhaupt eine Zeit festlegen?“, fragte Maike vom Fenster. „Wenn es dunkel genug ist, und wir merken, dass sie ruhig werden, geht Ihr einfach raus, basta.“

Justus schüttelte den Kopf. „Nein, wir sollten uns eine Zeit setzen. Sonst warten wir immer auf etwas bessere Bedingungen, noch mehr Dunkelheit, noch mehr Ruhe bei den Viechern, was weiß ich. Ich habe, ehrlich gesagt, keine große Lust da raus zu gehen. Ich will nicht anfangen, Entschuldigungen zu suchen, damit ich hierbleiben kann. Halb elf ist okay. Spätestens.“

„Bist Du sicher?“, fragte Philip. „Bastian hat schon recht, ganz dunkel ist es dann noch nicht. Und später wird es auch kälter sein. Insekten sind träger bei Kälte.“

„Wenn die Wetterberichte fürs Wochenende nicht gelogen haben, wird es die ganze Nacht nicht besonders kalt sein. Erinner‘ Dich mal an gestern. Wir haben sowieso Glück, dass die Hütte hier aus Ziegeln gebaut und vernünftig verglast ist. Sonst würden wir schon lange im eigenen Saft kochen.“

„Außerdem werden sie bei Dunkelheit sowieso nicht viel fliegen“, meinte Bastian. Philip schenkte ihm einen zweifelnden Blick. „Ich wünschte ja, Du hättest Recht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber ich kann nicht dran glauben, dass es so einfach ist.“

„Seht Ihr“, schaltete Justus sich ein. „Und das ist genau der Grund, warum ich uns eine feste Zeit setzen möchte. Sonst finden wir immer einen Grund, noch eine halbe Stunde zu warten. Was meinst Du, Markus?“

Markus, der wieder auf dem Boden saß, vor sich hin starrte und sich bisher kaum an der Planung beteiligt hatte, sah auf.

„Mir ist es egal. Ich gehe jederzeit, ich bin bereit. Aber wir sollten uns schon klar darüber sein, was wir da tun. Und das unsere Chancen maximal fifty-fifty stehen.“

Justus schüttelte den Kopf. „So schlecht stehen unsere Chancen nicht. Wir müssen doch nur eben auf die Terrasse, die Handys einsammeln, Tanja bedecken und das war’s. Das wird schnell gehen. Unsere Chancen sind gut.“

„Denkt daran“, warf Maike ein, „wie wir es aus dem Bad geschafft haben.“

Markus lächelte, sagte aber nichts. Britt schüttelte den Kopf.

„Es ist und bleibt ein Scheiß-Plan.“

„Wir haben darüber abgestimmt“, sagte Justus.

„Ja, ich weiß. Und ich bin immer noch dagegen. Aber Ihr solltet das, was Markus sagt, nicht so einfach abtun. Es ist etwas anderes, vom Bad zum Wohnzimmer zu gehen oder sich da raus zu wagen.“ Sie sah Justus an. „Es kann gut sein, dass sie Euch umbringen werden.“

Justus erwiderte ihren Blick. „Würde Dich das stören?“

Maike seufzte, aber Britts Gesicht blieb reglos. „Schon.“

Justus nickte. „Ich denke, wir haben wirklich eine sehr gute Chance, eine so gute, dass es sich lohnt, es zu versuchen. Wenn wir ein Handy haben, dass hier ein Netz bekommt, dann haben wir es geschafft. Dann kommen wir hier raus. Dafür lohnt es sich allemal. Aber wenn ich es nicht schaffen sollte…“ Er sah wieder Britt an und nur sie. „Wären wir dann quitt?“

Sie nickte langsam. „Mag sein. Aber ich will das nicht. Und was hättest Du davon?“

„Nichts“, sagte er.

Er ging zum Fenster stellte sich neben Maike und sah hinaus. Die wimmelnden Ameisen bedeckten immer noch die Steinfliesen der Terrasse, der Rasen dahinter schien immer noch zu leben und die Luft war immer noch erfüllt von den fliegenden Insekten, immer noch das gleiche Bild. Mit der Ausnahme, dass jetzt drüben, unter den Bäumen hinter denen die Sauna verborgen war, eine Leiche mehr lag. Beim Sofa, brach jemand das Schweigen und die Diskussion über das wann und wie der Expedition begann aufs neue. Justus hörte nicht hin. Er sah auf die Terrasse hinaus. Dort, über einem Stuhl hing seine hellbraune Wildlederjacke. Er konnte die Beule von hier aus erkennen, die das Handy in der linken Seitentasche machte. Hatte er es ausgeschaltet? Er war nicht sicher, wenn nicht, war der Akku wahrscheinlich inzwischen leer. Aber trotzdem – da waren noch mehr Jacken und er sah auf Anhieb einen Lederbeutel und einen Rucksack. Es musste doch mit dem Teufel zugehen, wenn da kein brauchbares Mobiltelefon zu finden war.

Er sah verstohlen zu Tanja hinüber, die, ebenso wie die anderen Leichen, kein besonders angenehmer Anblick war. ‚Sie haben den ganzen Tag dort in der Hitze gelegen‘, ging es ihm durch den Kopf. Sein Verstand versuchte kurz, sich den Geruch vorzustellen, doch er schob den Gedanken schnell weg. Das würde er früh genug erfahren.

Er schätzte noch einmal den Abstand zu Tanja, die vor dem Kamin lag, und kam zu einem zufriedenstellenden Ergebnis. Selbst wenn man den Akt der Trauer mit einbezog, den Markus sich vorgenommen hatte, hatten sie immer noch mehr als genug Zeit. Sie würden es schaffen.

„Werdet Ihr es schaffen?“

Maike schreckte ihn aus seinen Gedanken, sie hatte so leise gesprochen, dass die anderen am Sofa sie nicht hören konnten. Justus nickte.

„Ja, wir werden es schaffen“, antwortete er ebenso leise. „Ich bin ganz sicher. Warum? Hast Du auch Zweifel?“

„Klar.“ Sie lächelte. „Aber ich bin zuversichtlich.“ Sie sah ihn an und legte eine Hand auf seinen Oberarm. „Kommt zurück, okay? Ich möchte, dass Du zurückkommst.“

Er nickte. „Versprochen.“

FORTSETZUNG FOLGT

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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