schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 61 – Der Ruf, Teil 36

Ich fürchte, es wird noch eine ganze Weile nicht tröstlicher, in den Geschichten, die ich Euch erzähle. Wenn man denkt „irgendwas mit Liebe“ und die Lösung ist „Lovecraft“… Nun ja. Kommt her, setzt Euch ans Feuer, gruselt Euch ein wenig:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2 Der Ruf – Teil 3 Der Ruf – Teil 4 Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6 Der Ruf – Teil 7 Der Ruf – Teil 8 Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11 Der Ruf – Teil 12 Der Ruf – Teil 13 Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15 Der Ruf – Teil 16 Der Ruf – Teil 17 Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19 Der Ruf – Teil 20 Der Ruf – Teil 21 Der Ruf – Teil 22

Der Ruf – Teil 23 Der Ruf – Teil 24 Der Ruf – Teil 25 Der Ruf – Teil 26

Der Ruf -Teil 27 Triggerwarnung: Suizid

Der Ruf – Teil 28 Der Ruf – Teil 29 Der Ruf – Teil 30 Der Ruf – Teil 31

Der Ruf – Teil 32 Der Ruf – Teil 33 Der Ruf – Teil 34 Der Ruf – Teil 35


Der Ruf – Teil 36

Am See, gegen 2.00 Uhr

Der Hohepriester blickte aus Christophs Augen auf Khans Leichnam hinunter. Ein paar flüchtige Erinnerungen durchzuckten ihn, Reste des Mahls.

Er betrachtete den Toten nachdenklich.

Er wusste nicht viel von diesen hier.

Wie sehr konnten sie widerstehen?

Er ließ sich auf die Knie des geraubten Körpers fallen, öffnete den Mund, legte ihn auf den Mund des Leichnams und begann zu saugen.

Nichts.

Da war nichts mehr.

Er stand auf.

So verdarben sie also schnell und wurden nutzlos. Was immer seine kleinen Sklaven übrig gelassen hatten, es war nichts mehr davon da. Nun gut. Er würde sich von den Lebenden nähren müssen.

Er prüfte seine Kraft und fand, dass sie für einen Angriff noch nicht ausreichte. Der lange Weg hatte ihn erschöpft.

Er schaute den Weg hinauf, der durch den kleinen Wald zum Garten führte.

Und da war der andere, von dem er nichts wusste. Er würde noch ein wenig Nahrung brauchen, bevor er diesen Weg hinaufging.

Er lauschte den Stimmen seiner Späher, die ihn umschwirrten.

Fragte.

Lauschte.

Befahl.

Dann legte er sich neben Khan in den Sand und wartete.

In der Sauna, gegen 2.15 Uhr

Chris wachte auf und wusste zuerst nicht, wo sie war. Dann aber roch sie den typischen Saunageruch, fühlte das Holz unter den Badetüchern, auf die sie sich gelegt hatten und alles kam zurück.

Natürlich.

Die Sauna.

Ihr Hand suchte Simon und sie fand ihn, direkt neben sich. Sie strich über seine Schulter und schmiegte sich an ihn. Er erwachte davon.

„Was ist?“, fragte Simon schlaftrunken.

„Nichts. Ich bin nur aufgewacht. Tut mir leid, ich wollte Dich nicht wecken.“

„Nicht schlimm.“ Er legte einen Arm um Chris und zog sie enger an sich. Sie umarmte ihn, ließ sich in seine Wärme sinken, genoss seine Zärtlichkeit und versuchte zu vergessen, wo sie war, wer sie war und was geschehen war.

Sie hatten miteinander geschlafen, kurz nachdem die Beiden, die aus dem Haus gekommen waren, gestorben waren. Es war völlig selbstverständlich passiert. Sie hatten Sicherheit gesucht und Leidenschaft gefunden und sich für kurze Zeit Vergessen geschenkt. Sie waren glücklich gewesen und gierig, und zumindest so viel von der Last des Tages war von ihnen abgefallen, dass sie danach, nach einer kurzen, erschöpften und zärtlichen Unterhaltung, die nichts mit Insekten, dem Garten und dem Tod zu tun gehabt hatte, Schlaf gefunden hatten. Nicht für lange.

Simon strubbelte durch Chris’ Haar. Mit einem Mal tauchte Sandras Gesicht vor ihm auf. Er schob es weg und hatte zu seiner Überraschung kaum ein Schuldgefühl. Er war tot, die Frage, wann genau sein Herz aufhören würde zu schlagen, war nicht relevant. Und wenn er die Chance hatte, bevor sein sicheres Ende besiegelt würde, noch ein wenig Wärme mit einem Menschen zu genießen, den er gern hatte, so war daran nichts Falsches. Er hatte Chris an diesem schrecklichen Tag sehr lieb gewonnen. Er streichelte sie sanft und küsste ihren Nacken.

„Wovon bist Du aufgewacht?“

„Weiß nicht, ein Geräusch, glaube ich.“ Sie lauschte. Und da war es wieder, wie sie im Traum gehört hatte. Es war die ganze Zeit da gewesen, im Hintergrund und so stetig, dass man es leicht überhören konnte. Sie hatte in das Geräusch hinein geträumt und war damit aufgewacht. Sie hatte von einer Geschichte geträumt, die sie vor vielen Jahren gelesen hatte. Eine Geschichte deren Titel ihr auf der Zunge gelegen hatte. Der Autor hatte irgendwie mit Liebe geheißen, Lovejoy, Lovepower, Lover…

Lovecraft.

Howard Phillips Lovecraft und die Geschichte war eine Kurzgeschichte gewesen, eine Geschichte mit einem Schloss und einem Keller darunter, einem riesigen Gewölbe die Geschichte hatte geheißen… hatte geheißen…

‚Ratten im Gemäuer.‘

Sie lauschte und verstand, woher das Geräusch kam. Und sie begann zu zittern.

„Nein“, hauchte sie. „Oh nein.“

„Was ist, Chris?“

„Hörst Du das nicht?“

„Was?“

„Hör doch mal hin.“

Er lauschte. Und dann hörte er es auch.

„Was ist das?“

„Sie sind in der Wand. Und im Dach. Simon, sie… sie werden hier rein kommen.“

Er hörte es und wusste, dass sie recht hatte. Ein Krabbeln und Schleifen kam aus den Wänden um sie und über ihnen – sie waren in der Wand. Und wenn sie von der anderen Seite hinein konnten, dann konnten sie auch auf dieser hinaus. Er wusste noch nicht, wie, aber sie würden es können, da gab es keinen Zweifel. Die Frage war auch nicht, ‚wie‘.

Die Frage war: ‚wann?‘

„Sie müssen irgendwo eine Lücke gefunden hatte“, überlegte Chris. „Und dann haben sie sich rein gefressen. Am Dach wahrscheinlich. Das ist schon lange nicht in Ordnung.“

„Können wir fliehen?“, fragte Simon. „Irgendwie?“

Sie überlegte. „Nein“, sagte sie schließlich sehr ruhig und sehr endgültig.

„Wir könnten versuchen, zum Haus zu rennen.“

Chris schüttelte den Kopf. „Der Weg ist viel zu lang.“ Sie überlegte wieder. „Natürlich wäre es eine Möglichkeit, schnell Schluss zu machen.“

Er schloss seine Arme um sie und sagte lange nichts.

„Gibt es eine andere Möglichkeit uns umzubringen?“ fragte er schließlich. „Damit…“ er schluckte heftig, „Damit… es nicht so weh tut?“

„Ich weiß nicht…“ Sie sah ihn durch einen Tränenschleier an. „Wir könnten versuchen, uns mit den Bademantel-Gürteln aufzuhängen.“

Simon schüttelte den Kopf. „Das ist keine schmerzlose Lösung. Habt Ihr hier keine Schlafmittel? Das… das tut zwar auch weh… aber vielleicht… wenn wir schlafen, wenn sie reinkommen…“

„Nein. Das ist ‘ne Sauna, Simon.“

Er nickte. „Klar.“

Sie sagten lange nichts und klammerten sich aneinander.

„Willst Du laufen?“, fragte sie schließlich.

„Willst Du?“

„Nein. Ich habe Angst.“

„Ich auch.“

„Ich werde Dich nicht aufhalten. Ich will nicht… will nicht…“

„Ich will bei Dir bleiben. Ich will nicht alleine sein. Und ich will Dich nicht alleine lassen.“

„Können wir.. können wir darauf warten? Auf so was?“

„Tun wir das nicht schon seit gestern Morgen?“

Sie weinten beide still. Dann umfasste sie ihn sanft und zog ihn auf sich. Sie flossen umeinander, wurden eins und der Schrecken verging.

Und sie flohen.

FORTSETZUNG FOLGT



Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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