schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 1 – Das Fenster im Turm

Ihr Lieben – mir geht es wie wahrscheinlich vielen von Euch, ich sitze zu Hause, meide soziale Kontakte und arbeite vor mich hin. Nur… bei mir ist das mehr oder weniger der Normalzustand, ich bin ein ziemlich menschenscheuer Autor. 😀 Für viele von Euch wird das ungewohnt, unbequem, unangenehm sein. Und seien wir ehrlich – auch wenn wir alle wissen, das COVID-19 eine, verglichen mit anderen Pandemien, eher ungefährliche Krankheit ist, ist das alles doch recht beunruhigend und beängstigend. Ich vermute, wir sind alle ein wenig unter Stress.

Um unseren Teil zur Solidarität beizutragen, haben Sarah und ich beschlossen, zu tun, was Autor*innen eben tun können: Wir schenken Euch jeden Tag ein Stück Geschichte.

Sarah wird, für all die, die nun mit ihren Kindern zu Hause sitzen und Vor- oder Erstleserstoff suchen, eine Fortsetzungsgeschichte um einen Piraten, der in alle sieben Meere pinkeln will, einstellen (erprobt für erste Klasse Grundschule. Erwachsene dürfen natürlich auch.) Ich gebe ich Euch jeden Tag ein paar Seiten Phantastik – ein wenig Fantasy, etwas Science Fiction, hauptsächlich aber Horror. Damit Ihr Eure Angst in andere Kanäle leiten könnt. Oder, falls ihr keine habt, welche bekommt. 😉

Sarah wird meine Geschichten rebloggen, ich ihre, so dass Ihr jeden Tag auf unseren Blogs beides findet. Viel Spaß, bleibt gesund bzw. gute Besserung.

Kurz das Formelle – ich stelle die Geschichten unter folgender Lizenz ein.

Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)*

Und hier die erste Geschichte. 2013 für irgendeinen Wettbewerb geschrieben und bisher nie veröffentlicht:


Das Fenster im Turm

von Michael Schreckenberg

Tag 1

Heute bin ich beim Turm angekommen. Vom Hotel aus bin doch noch mehr als zwei Stunden gefahren. Meist an der Küste entlang, auf schmalen Straßen, auf denen das Gefühl für Zeit irgendwann verloren geht. Meenkens Wegbeschreibung war gut. Im Hotel wussten sie nichts davon, vielleicht habe ich mich auch nur unklar ausgedrückt. Leuchttürme gibt es ja hier viele.

Der Turm ist viel kleiner als ich dachte, fünfzehn Meter vielleicht, aus braunen Ziegeln gemauert. Sieht ziemlich alt aus, verwittert und stabil zugleich, wie so oft bei alten Ziegelgebäuden. Ich hatte ein Klischeebild vor Augen, ein hohes, schlankes Gebäude auf einer Klippe, weiß mit roten Streifen. Nichts davon. Klippen gibt es hier, aber sie liegen gleichsam im Rücken des Turmes. Er selbst ist auf dem äußersten Punkt einer Landzunge gebaut, ein schmaler Hügel, der wie ein vergessener Damm weit ins Meer ragt.

Unten, direkt hinter der Tür, ein einzelner Raum, karg, und rund natürlich. An einem Nagel in der Wand hängt ein Regelwerk, jede einzelne Seite in Plastik gebunden und dann geheftet. Die Unterschriften unter der ersten Seite sind unleserlich und tragen Daten aus dem Februar 1953. Die Regeln sind einfach und beschreiben vor allem, wie mit dem Leuchtfeuer umzugehen ist. Ich muss abends ein- und morgens ausschalten, die Ausrichtung überprüfen und gegebenenfalls eine Lampe austauschen. Die Lampen sind im Keller, ich habe nachgesehen – ein unerschöpflicher Vorrat. Die Batterie befindet sich angeblich in einem weiteren Kellerraum darunter. Aber ich habe keinen Zugang gefunden und auch keine Anweisung, was zu tun ist, wenn der Strom ausfällt. Sehr wichtig scheint die Ausrichtung des Leuchtfeuers zu sein – es muss stets leicht über den Horizont gerichtet sein, darf weder zu hoch in den Himmel ragen noch auf das Meer leuchten. Das kriege ich hin.

In dem leeren Raum im Erdgeschoss beginnt die Wendeltreppe, sie führt zunächst in einen weiteren runden Raum darüber, ein Lager. In Regalen an der Wand alles, was ich brauchen werde, vom Waschmittel über Klopapier bis zu Lebensmitteln. Vom Lager aus führt die Treppe einige Meter nach oben, ohne dass weitere Räume erkennbar wären. Vielleicht hat es sie einmal gegeben, da scheinen Stockwerke abgeteilt und nachträglich mit Ziegeln verfüllt worden zu sein. Am Ende der Treppe, direkt unter dem Leuchtfeuer liegt meine Wohnung. Sie besteht aus einer Wohn-Schlaf-Küche und einem Bad. Nach dem Äußeren des Turmes, dem alten Regelwerk, den Bakelitschaltern und nackten Glühbirnen unten habe ich insgeheim mit einer Pritsche und einem Badezuber gerechnet – aber mitnichten. Das Bad und die kleine Küche im Wohnraum sind ganz modern. In dem Wohn- und Schlafraum ist das einzige Fenster im ganzen Turm, direkt darunter ein Schreibtisch mit Blick auf das Meer. Dort sitze ich im Moment und hacke diese Zeilen in den Laptop. Hier werde ich gut arbeiten können, das spüre ich schon. Es wird bald Abend, ich werde mal hochgehen und mir das Leuchtfeuer ansehen. Dann Denise anrufen, einen Happen essen und ab ins Bett. Ich bin doch ziemlich erschöpft von der Reise.

Tag 2

Ich habe die ganze Nacht an dem Roman geschrieben und bin erst ins Bett gegangen, nachdem ich am Morgen das Licht ausgeschaltet habe. Diese Stimmung, der Blick aus meinem Fenster auf das schwarze Meer und den Nebel, die Geräusche der Wellen – das alles wirkte so inspirierend. Von dem Moment an, als das erste Licht aus dem Turm fiel, war meine Erschöpfung weggeweht. Nachts ist es hier neblig, auch nach einem heiteren und sonnigen Tag wie gestern. Der Lichtstrahl des Leuchtfeuers schneidet durch den Dunst, bis dieser in der Ferne so dicht wird, dass ein Abbild des Spiegels auf der Nebelwand erscheint, rechteckig wie der Spiegel selbst, gleich einem erleuchteten Fenster, dass aus der Schwärze auf mich schaut, so wie ich aus meinem Fenster in die Nacht sehe. Die Anlage zu bedienen erwies sich als noch einfacher als ich dachte. Zunächst dachte ich, sie sei beschädigt, weil sie sich eher ruckartig als fließend bewegt. Der Spiegel verharrt einige Sekunden in einer Position, springt dann in die nächste und so weiter. Ich habe noch einmal die Regeln studiert – das scheint so richtig zu sein.

Ich hatte übrigens recht, was die zugemauerten Stockwerke angeht. Ich bin vorhin einmal um den Turm herumgegangen, das geht so gerade, auch wenn er mit der Vorderseite sehr knapp am Wasser steht. Unter meinem Fenster sind drei weitere, in gerade Linie, alle zugemauert. Seltsame Sache, ich werde Meenken danach fragen, wenn ich wieder zurück bin. Etwas blöd ist, dass ich hier kein Netz habe und auch kein Festnetztelefon im Turm. Morgen muss ich ein Stück ins Land fahren und Denise anrufen.

Tag 3

Es ist Nachmittag, ich bin gerade erst aufgewacht. Die letzte Nacht war ein Schaffensrausch. Wenn ich hier oben sitze und aus meinem Lichtfenster in das Lichtfenster am Horizont schaue, dann gibt es nur das Meer und das Licht und mich, und durch mich die Geschichte. Die Ideen, die mir hier kommen, sind bestürzend und dann auch wieder so passend, alles greift ineinander. Nie war die Inspiration so kraftvoll.

Das Wetter scheint sich zu ändern, seit der Nacht weht ein leichter Wind, der stetig zunimmt. Soll mir recht sein – der Sommer war zu lang und zu warm.

Tag 4

Was ich in der letzten Nacht geschrieben habe ist so groß und kraftvoll, dass ich es kaum verstehe, wenn ich mich nicht an das Fenster setze und dem Meer lausche. Erst, wenn sich der Lärm des Meeres, der Geruch von Torf und Salz, das Gefühl des Sprühregens, den der Wind nun ins Zimmer drückt, und meine Worte zusammenfügen kann ich begreifen, was ich da geschaffen habe. Ich müsste das Fenster schließen, wegen des Regens und des Windes. Ich müsste Denise anrufen. Herrjeh – ich müsste mal etwas essen. Aber ich kann nicht weg von meinem Platz am Fenster, ich WILL nicht!

Trotzdem – das Leuchtfeuer muss ich nachher wieder einschalten. Und ich muss die Ausrichtung überprüfen, irgendetwas stimmt da nicht mit dem Lichtfenster im Nebel, entweder der Horizont hat sich gehoben, oder der Spiegel hat sich gesenkt.

Gibt es hier eigentlich Wale?

Tag 5

Sturm, die ganze Nacht. Ich bin am Fenster aufgewacht, das Gesicht nass und kalt. Sturm auf dem Meer, Sturm in mir, ich schreibe in einer Halbtrance, die Geschichte fließt durch mich hindurch. Und das Meer spiegelt mich, so wie gewaltige Worte aus mir in den Text fließen, so bricht dort unten Gewaltiges aus den Wogen. Was es ist, kann ich nicht sehen, zu aufgewühlt ist die See, der Nebel wird immer dichter und weder Mond noch Sterne waren zu sehen, so wie auch jetzt die Sonne nur ahne. Was schrieb ich gestern? Wale? Nein, Wale waren das sicher nicht. Das Klatschen und Prusten, das hätte ich vielleicht noch einem Wal zugeschrieben, aber diese anderen Laute… Und die Schemen zwischen den Wogen waren zu GROSS! Und einmal, als der Sturm am stärksten war und eine Wellenbank sich am Horizont erhob, weit über den Rand des Horizonts, da war das Lichtfenster für den Bruchteil einer Sekunde im Wasser und ich sah… oder ich glaubte zu sehen… aber das ist zu albern.

Tag 6

Der Sturm schüttelt den Turm, aber ich vertraue darauf, dass der hier ja wohl schon so manches überstanden hat. Was ich gestern geschrieben habe ist kaum noch Deutsch, aber es ist egal. Die Geschichte schreibt sich durch mich, ich bin nur Werkzeug, ich muss nicht verstehen. Ich entzünde das Feuer und dann setze ich mich ans Fenster und warte, was das Meer bringt, aber…

…aber gestern Nacht, als der Sturm den Turm schüttelte, da geriet der Spiegel aus seiner Spur, und das Lichtfenster sank am Horizont herab und ich SAH! Ich sah die Wesen im Meer und ich hätte schreien müssen, aber ich sah durch sie hindurch in das Fenster im Meer und da, hinter dem Fenster war etwas. Ich hätte hinauf laufen müssen und den Spiegel richten, aber ich konnte nicht, ich musste auf dieses Bild starren. Ich kannte es aus meiner Geschichte.

Nacht? Tag?

Orkan. Die Wogen schlagen bis an mein Fenster, sie schlagen zu mir hinein, so muss es sein. Das Meer kommt. Ich spüre, wie die Wände des Turmes unter mir flüssig werden, die Ziegel, der Mörtel – bald wird das alles eins sein mit dem Meer. Der Spiegel macht was er will. Eben hat das Fenster im Himmel sich wieder geschlossen. Es hatte sich geöffnet, als der Turm sich nach hinten neigte, aberwitziger Winkel. Das Fenster war oben in den Wolken, hoch oben. Und aus dem Fenster sah einer auf mich herunter. Und er schrieb. Und er schrieb und schrieb und schrieb. Und ich weiß, er schreibt immer noch.

Unten ein Krachen. Die Wände lösen sich vom Fundament. Der Boden dreht sich. Der Turm neigt sich. Wieder ist das Fenster dort oben im Sturm.

Er kann mich sehen.

ENDE



*

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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