schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 7 – Die Sturmglocke Teil 2

Seit vergangenem Sonntag stellen Sarah und ich jeden Tag ein Stück Geschichte in unsere Blogs, um Euch die Zeit der mehr oder weniger freiwilligen sozialen Isolation zu vertreiben. Sie erzählt in Fortsetzungen eine Lese- und Vorlesegeschichte um den Pirat der in alle sieben Weltmeere pinkeln wollte, ich stelle täglich eine Kurzgeschichte ein, meist Phantastik – das ist, was ich am besten kann. Dieses Wochenende allerdings weiche ich ein wenig davon ab: „Die Sturmglocke“ ist eine sehr lange Kurzgeschichte – nach Angelsächsicher Lesart eine Novelle – weshalb ich sie über das ganze Wochenende strecke.

In dieser Anthologie aus dem Gardez!Verlag ist sie 2017 erschienen. Ich mag diese Geschichte, denn mit ihr habe ich mich nach langer Zeit wieder in eines Geschichtenuniversen begeben, das ich besonders mag. Es ist das Universum, in dessen Zentrum das (fiktive) Buch „Wege und Tore“ steht, und mit dem ich mich selbst wiederum (grob) in das Universum von H.P. Lovecraft stelle. Und es ist ein Horrogeschichte im ganz traditiollen Sinne.


Hier ist Teil 1, inklusive Angaben zu Lizenz und Erstveröffentlichung.

Und so geht es weiter:

Die Sturmglocke – FORTSETZUNG:

„Sucht er etwas? Kann man ihm helfen?“

Ich wandte mich um und sah ins Gesicht eines Mannes um die 60. Ein später Spaziergänger vielleicht, gekleidet in eine braune Windjacke und eine beige Hose. In seinem Gesicht ein freundliches Lächeln, aber etwas an diesem Gesicht entsetzte mich zutiefst. Ich hätte damals nicht sagen können, was es war, aber der unmittelbare, tierische Impuls zu fliehen oder zu kämpfen war überwältigend. Für den Bruchteil einer Sekunde schwankte ich zwischen den Entscheidungen, schreiend den Domberg hinunter zu fliehen oder dem freundlichen Mann das Gesicht zu zerschlagen, ihn physisch zu zerstören um die Zumutung seiner Existenz nicht länger ertragen zu müssen. Ich beherrschte mich, schämte mich sofort für diese Reflexe und stammelte meine Antwort.

„Der… Parkplatz, ich suche den Parkplatz.“

„Aber da ist doch der Park“, sagte er erstaunt. „Er steht direkt davor.“

Er jetzt fiel mir seine Art zu sprechen auf. Und dann, als hätte dies eine innere Lawine ausgelöst, nahm ich meine Umgebung wahr. Links von mir, wo sich der Bau hätte befinden müssen, der einen Bischof sein Amt und seinen Ruf gekostet hatte, standen einige hohe Fachwerkhäuser. Und als ich mich umwandte und wie betäubt zum Dom sah, da sah ich ein Gebäude aus etwas, das ich für schwarzen Granit hielt, eine gewaltige, fast formlose Abscheulichkeit mit einem Turm an jeder ihrer vier Eckpunkte, die dem altehrwürdigen Dom, den ich kannte, in nichts glich.

„Wo ist der Dom?“ krächzte ich.

Der Mann sah auf das schwarze Gebäude, dann wieder auf mich.

„Geht es ihm nicht gut? Soll ich einen Arzt rufen?“

Ich konnte nur diese Ungeheuerlichkeit anstarren.

„Was ist das?“

Der freundliche Mann war nicht aus der Ruhe bringen.

„Das ist der Dom. Der Dom zu Limburg. Er ist doch eben selbst da hinaus gekommen, ich habe ihn gesehen. Das dort ist der Dom, und da hinter ihm befindet sich der Park.“ Er legte mir die Hand auf die Schulter. „Ist er sicher, dass ich keinen Arzt rufen soll?“

Mir kam ein Gedanke, eine Hoffnung auf Flucht aus diesem lebendigen Traum.

„Wo? Wo bin ich raus gekommen?“

„Na dort.“ Er zeigte auf den linken der beiden Türme. „Aus dem Nordturm.“ Seine Hand ruhte immer noch auf meiner Schulter. „Ich bringe ihn gerne ins Krankenhaus, wenn er…“

In der Mitte der Frontseite jedes der beiden Türme befand sich, das konnte ich von hier aus sehen, eine kleine Tür. Da war ich raus gekommen? Ich konnte mich nicht erinnern. Aber vielleicht gab es ja einen Weg zurück. Ich löste mich so freundlich wie möglich von meinem guten Samariter.

„Vielen Dank, Sie sind… er ist sehr freundlich. Aber ich glaube, ich muss nochmal in den Turm zurück. Ich habe was vergessen.“

Er nickte, schaute mich aber weiter besorgt an. „Soll ich auf ihn warten?“

„Nein, danke sehr. Wirklich, es geht mir schon wieder besser.“ Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zum Turm hinüber zu rennen. Statt dessen nickte ich dem Mann mit einem, wie ich hoffte, freundlichen Lächeln zu und schlenderte zu dem Ding hinüber, das aus dem Nichts gekommen schien und den Dom ersetzt hatte.

Als ich näher heranging und meine Augen sich an diese Nichtfarbe gewöhnten, dieses reine Schwarz, das jeden Lichtstrahl in seiner Umgebung aufzusaugen schien, erkannte ich eine Art Logik in der Form des Gebäudes. Eine Logik, die ganz unbekannten Regeln folgte. Wie die Logik der Noten, die ich entdeckt hatte, hatte sie mit irdischer Ästhetik nichts zu tun.

Ich hätte das Ding an der Stelle des Doms länger angestaunt, wenn ich die Nerven dazu gehabt hätte, aber all meine Instinkte zogen mich zurück in den Nordturm. War ich nicht auf dem Weg nach unten, wie jeden Tag seit Monaten, vom Turm in den Dom hinunter gekommen und erst von da aus nach draußen gegangen? Egal, ganz egal: Dort war die kleine Tür, die direkt in diesen Nordturm hinein führte.

Die Tür sah auf den ersten Blick aus, als sei sie mit Leder bespannt. Aber als ich ihre Außenhaut berührte, spürte ich, dass es ein Metall war, vielleicht Kupfer, wenn auch die Farbe nicht stimmte. Und die Platten, mit denen die Außenseite der Tür belegt war, fühlten sich seltsam organisch an, was auch zu ihrem Aussehen passte. Sie sahen nicht aus, als ob jemand sie auf die Tür aufgebracht hätte, sondern als seien sie aus ihr heraus gewachsen. Mich schauderte, und später, als mich diese kleine Pforte in meine Träume verfolgte, krampfte ich vor Entsetzen. Jetzt aber interessierte mich vor allem eins: das Schlüsselloch.

Mein Schlüssel passte.

Ich wunderte mich nicht, weder darüber, dass mein Schlüssel völlig anders aussah, als der, den ich von Karla bekommen hatte, noch darüber, dass er in das Schlüsselloch passte, dessen Form noch am ehesten einer Triskele glich. Die Tür ließ sich ohne jedes Problem öffnen. Dahinter führte eine gewundene Treppe nach oben, die ich mit Sicherheit nie vorher betreten hatte. Oder doch? Ich war nicht sicher, meine Erinnerungen begannen zu verschwimmen. Wie in einer Trance tastete ich mich an der schwarzen Wand entlang die Treppe hinauf, bis ich schließlich vor einer unverschlossenen, hölzernen Tür stand. Ich öffnete sie – und fand dahinter den Glockenstuhl des Nordturms. Er sah ganz genauso aus, wie ich ihn kannte – mit zwei Ausnahmen. Meine Unterlagen, mein Arbeitsplatz – nichts davon war hier. Der Glockenstuhl sah genau so aus, wie er ausgesehen hatte, als ich ihn zum ersten Mal betreten hatte. Und: Die Sturmglocke fehlte. Dieser Glockenturm barg nur die Uhrglocke.

Hastig, fahrig, öffnete ich meine Tasche, holte meinen Laptop heraus und fuhr ihn hoch. Dann klickte ich auf die Datei, die ich „Tupfenklang-g1“ genannt hatte.

Ich hatte mir nicht die Zeit genommen, meine Boombox mit dem Computer zu vernetzen, deshalb kamen die Klänge diesmal scheppernd aus den internen Lautsprechern meines Laptops, aber das störte nur für Sekunden die überwältigende Kraft dieser Klänge. Wieder wurden die Töne lauter und durchdringender, füllten mein ganzes Sein. Und trotz allem, was ich in der letzten halben Stunde erlebt und was mich zutiefst erschüttert hatte, wurden die Klänge wiederum meine Welt, entrückten und trugen mich… wohin?

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich sofort, dass ich zurück war. Zurück in dem Glockenstuhl wie ich ihn kannte. Da war mein improvisierter Schreibtisch, da waren meine Aufzeichnungen und Notizen – und da war die Sturmglocke. Ich taumelte den bekannten Weg hinab in den Dom und hinaus, wagte kaum mich umzudrehen – aber da war der Dom zu Limburg, wie ich ihn kannte. Sieben Türme, rot und weiß, diese faszinierende Mischung aus Romanik und beginnender Gotik. Da waren der Domplatz und das bekannte Gebäudeensemble, da war der Parkplatz, da war mein Auto. Ich ließ mich hinein fallen. Wie ich nach Hadamar und in mein Hotelzimmer kam, weiß ich kaum zu sagen.

Ich konnte nicht schlafen. Zuerst war da das Entsetzen, der Unglaube, der Wunsch, das alles zu einem Tagtraum zu erklären, einer Vision. Mein Verstand suchte Erklärungen, die alle gleich lächerlich waren, vom Holzschutzmittel im Gebälk des Glockenstuhls über Pilzsporen in Wänden und Boden bis hin zu der Idee, dass ich gestürzt sei und mir den Kopf angeschlagen hätte. Ich ging ins Bad, um meinen Schädel vor dem Spiegel zu inspizieren. Seltsamerweise hatte ich einen großen Widerwillen in den Spiegel zu schauen, den ich fast gewaltsam überwinden musste, bevor ich mich untersuchen konnte. Da war selbstverständlich nichts. Nicht einmal ein Kratzer, von Beulen oder Platzwunden gar nicht zu reden. Ich hatte auch keine Kopfschmerzen oder irgendwelche Ausfallerscheinungen. Diese einfache Erklärung konnte ich getrost vergessen.

Was geschehen war, war wirklich geschehen. Und je mehr ich mir das klar machte, desto weniger grauenvoll erschien mir der Gedanke. War das, was ich erlebt hatte, nicht etwas, das viele der alten Schriften, die ich gelesen und erforscht hatte, nahelegten? Übergänge, Wechsel in andere Welten, Realitäten, Dimensionen… Jedes der verbotenen Bücher deutete dies zumindest an, Darius‘ Wege und Tore befassten sich zum allergrößten Teil nur damit. Ich hatte der Erforschung dieser Werke und ihrer Quellen meine Karriere und meinen guten Ruf geopfert – wieso wollte ich jetzt nicht wahrhaben, dass ich recht hatte. Immer recht gehabt hatte. Ich sollte, das wurde mir immer deutlicher, nicht Angst und Schrecken fühlen, sondern Freude und Triumph. Endlich! Endlich würde ich kein Paria mehr sein, würde wieder dazu gehören, mehr noch: Die Erfüllung all meiner Träume war zum Greifen nah. Newton und Einstein, Platon und Kant. Ich konnte alles sein. Ich würde alles sein. Alles was ich dazu tun musste, war: Beweise bringen. Den Versuch wiederholen, dieses seltsam andere Limburg auf der anderen Seite der Klänge noch einmal besuchen, Beweise mitbringen. Und dann noch einmal – mit Zeugen, vorurteilsfreien Wissenschaftlern. Die Welt würde eine andere sein. Durch mich und meine Entdeckung. Morgen… Der Schlaf fand mich und ich dämmerte mit dem überwältigenden Gefühl der Vorfreude hinüber in meine Träume.

Ich erinnere mich nicht daran, was ich in dieser Nacht träumte, aber ich wachte mit einem Gefühl großer Unruhe auf. Heute glaube ich, dass es eine Warnung war, damals aber kam es mir wie ein Ruf zum Handeln vor. Mir war klar, dass ich mein Erlebnis sofort Karla melden musste – aber das hätte bedeutet, dass ich diese wundersame andere Welt niemals wieder hätte betreten können. Meine Entdeckung, der Lohn für all meine Forschung, die Genugtuung nach den langen Jahren als Außenseiter und Geächteter würden mir versagt bleiben. Das war nicht gerecht. Zumindest ein wenig stand mir zu, zumindest ein weiterer Besuch, ein wenig Feldforschung, ein paar Beweise, die ich sichern durfte.

Zuerst tat ich, was ich tags zuvor versäumt hatte: Ich machte zwei Backups von der Tonfolge, eines auf die externe Festplatte, auf der ich alle meine Daten routinemäßig sichere, das andere auf einen jungfräulichen USB-Stick, den ich sicher versteckte. Die Cloud, in der ich normalerweise mein zweites Backup sichere, nutzte ich nicht. Denn wie heißt es so schön: Es gibt keine Cloud, es gibt nur den Server eines anderen. Und dort wollte ich meine Entdeckung nicht wissen.

Nachdem ich diese Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte, verband ich den Rechner mit meiner Boombox, klickte ich die Sounddatei an und wartete auf das überwältigende Gefühl, das die Tonfolge gestern in mir ausgelöst hatte. Aber – es blieb aus. Ich hörte die Klänge, ich verlor mich ein wenig in ihnen, wie ich es von guter Musik gewohnt war, aber keine Trance, kein Gefühl des Fortgetragenseins. Ich wartete eine lange Weile, bevor ich den Player ausschaltete. Verwirrt und enttäuscht fühlte ich mich, fast, als wäre ich bei einem Date versetzt worden. Dann aber kam mir der tröstliche Gedanke, dass ich es wahrscheinlich mit einem Gewöhnungseffekt zu tun hatte. Ich schaute mich in meinem Hotelzimmer um – es war gänzlich unverändert. Das Bett war zerwühlt, das Wasserglas stand halbleer auf dem Nachttisch, ganz wie vorher. Mit dem letzten Rest Hoffnung verließ ich das Zimmer. Im Flur, vor dem Aufzug, wartete ein Mann – dessen Anblick keinerlei Unbehagen in mir weckte. Ich trat auf ihn zu.

„Verzeihung, kann er mir sagen, wie spät es ist?“

Er sah mich belustigt an:

„Wie bitte?“

„Kann er mir bitte die Uhrzeit sagen?“

Immer noch grinsend schüttelte er den Kopf.

„Tut mir leid, ich trage keine Armbanduhr. Aber wenn Sie einen Moment warten, meine Frau hat mein Handy, und…“

Ich stammelte eine Entschuldigung und einen Abschied und floh zurück in mein Zimmer. Was war falsch, was hatte ich anders gemacht als gestern?

Keine Stunde später war ich zurück im Glockenstuhl. Natürlich. Alles war anders gewesen, dort im Hotel. Ich betrachtete die Sturmglocke. Keine Zier. Keine Inschrift. Über den Glockengießer war nichts bekannt. Ein einziges, großes Geheimnis. Die geheimnisvollen Tupfen waren nur die Krönung – und jetzt, da ich einfach so auf die Glocke schaute, ohne den richtigen Standpunkt, ohne die richtige Beleuchtung, waren sie auch nicht zu sehen.

Es war die Glocke. Es musste die Glocke sein. Mit hart schlagendem Herz öffnete ich den Laptop, spielte die Soundfile ab… und sie trug mich fort, nahm mich mit im Strom der Klänge, ganz wie am Tag zuvor.

Schon als ich aus dem Glockenstuhl heraus trat, wusste ich, dass ich wieder an dem Ort war, an den mich die fremdartigen Klänge gestern gebracht hatten. Ich stieg die gewundene Treppe hinab, ließ meine Hand dabei über die kühle, schwarze Wand gleiten und fragte mich, aus welchem Stoff sie gemacht war. Granit, wie ich zunächst angenommen hatte, war es nicht. Ebensowenig schwarzer Sandstein oder Beton. Ich verließ den Turm wie gestern durch die kleine Pforte und wandte mich erneut um, um die Ungeheuerlichkeit, die anstelle des wohlbekannten Domes hier stand, anzustaunen. Dabei kam mir ein Gedanke.

Es war Vormittag, der Domplatz war viel belebter als gestern. Nicht wenige Touristen staunten das Gebäude an, fotografierten es mit Kameras und Handys, so dass ich gar nicht weiter auffiel. Einige der Menschen mich weckten den selben, instinktiven Widerwillen in mir wie der freundliche ältere Herr gestern, doch diesmal gelang es mir, schneller darüber hinweg zu kommen. Ich sprach eine Frau an, die augenscheinlich keine Touristin war, die überquerte den Platz mit raschen Schritten ohne auch nur einen Blick auf das große Gebäude zu werfen.

„Verzeihung?“

Sie wandte sich zu mir. Beim Anblick ihres Gesichtes überkam mich eine blitzartige Übelkeit, die ich mit einiger Mühe unterdrücken konnte. Auch an ihr spürte ich etwas Falsches, gänzlich Abseitiges, ohne auch nur andeuten zu können, was es war. Sicher nicht ihr Lächeln. Obwohl sie offenbar in Eile war, fand ich nichts Abweisendes oder Genervtes in ihrem Blick.

„Ja?“

„Vielleicht können… kann sie mir helfen? Ich suche das Diözesanmuseum.“

Die Frau sah mich ratlos an.

„Welches Museum? Hier in Limburg?“

Es wäre auch zu einfach gewesen. Ich versuchte es trotzdem weiter:

„Ja… das Museum… über den Dom? Ich weiß nicht genau, vielleicht heißt es anders…

Sie lachte offen und freundlich.

„Das Dommuseum sucht er?“

Ich atmete auf.

„Ja, sicher, das Dommuseum.“

„Na, das hat er schon gefunden. Es ist gleich dort. Der Eingang ist um die Ecke.“

Sie wies auf den Platz, an dem auch in der Welt, die ich kannte das Diözesanmuseum stand. Auf den zweiten Blick waren die Gebäude sich sogar ähnlich, obwohl der hiesige Bau flacher und breiter war als der hohe Fachwerkbau mit dem charakteristischen Torbogen. Auch hier war der größte Teil des Gebäudes aus Fachwerk, flankiert allerdings von einem Turm aus Sandstein.

Ich fand den Eingang, wie meine freundliche Helferin gesagt hatte, um die Ecke und hatte das Museum schon betreten, als mir einfiel, dass ich nichts hatte, womit ich den Eintritt hätte bezahlen können. Natürlich hatte ich meine Brieftasche bei mir – aber ich bezweifelte, dass mir meine Euroscheine oder Kreditkarten hier helfen würden. Ich wollte sofort wieder hinausgehen um mich zunächst der Lösung dieses Problems zu widmen, aber zu spät. Ein Mann in dunklem Anzug eilte auf mich zu. Auf seinem Jackett trug er ein Emblem, das einem Tintenfisch ähnelte. Er hielt Faltblätter in der Hand, die den Dom – die hiesige Version des Doms – zeigten, und war ganz offensichtlich ein Museumsangestellter. Ich begann in meinen Taschen zu kramen als suche ich etwas und setzte eine saure Miene auf.

„Ach, das ist blöd…“

Der Mann blieb bei mir stehen und sah mich an, die selbe Freundlichkeit im Blick, die hier jeder zu haben schien. Sein Anblick erregte keinerlei Abscheu in mir. Er war einfach ein Mann in den 20ern, vielleicht ein Student, der sich hier etwas Geld dazuverdiente.

„Hat er etwas verloren? Kann ich ihm helfen?“

„Ich habe mein Portemonnaie im Wagen gelassen, glaube ich. Ich habe gar kein Geld bei mir…“

Er sah mich verständnislos an.

„Was hat er vergessen? Und wo?“

Jetzt war es an mir, ihn erstaunt anzusehen.

„Geld. Ich habe mein Geld vergessen. Was… wieviel kostet der Eintritt?“

„Tut mir leid, ich verstehe echt nicht, wovon er spricht,“ sagte der junge Mann geduldig.

Ich war völlig verdattert, schaffte es aber, so einfach wie möglich zu formulieren.

„Was muss ich ihm geben, damit ich mir das Museum ansehen kann?“

Jetzt war er verblüfft.

„Aber… was will er mir geben? Warum? Schaue er sich einfach alles in Ruhe an. Ich wollte ihm etwas geben.“ Er hielt mir eines der Faltblätter hin. „Möchte er einen Museumsplan haben? Die zweite Etage ist gesperrt, da legen wir gerade ein Fenster aus dem Mittelalter frei, das unsere Kuratorin entdeckt hat. Aber das Treppenhaus ist begehbar, er kann gleich vom ersten in den dritten Stock gehen. Die Aufzüge funktionieren auch. Sonst ist der Plan aktuell.“

Wahrscheinlich hielt er diese kleine Ansprache jedes Mal, wenn er einen der Flyer aushändigte. Sie gab ihm offensichtlich Sicherheit. Während er sprach, machte seine Verwunderung wieder freundlicher Geschäftigkeit Platz.

Ich nahm den Flyer an, bedankte mich freundlich und versuchte, mein Befremden darüber zu verbergen, dass er keine Ahnung gehabt hatte, was ich mit „Geld“, „Eintritt“, „Portemonnaie“ und „Wagen“ meinte. Er nickte zum Abschied, ging auf ein Paar zu, das das Museum eben betreten hatte und sagte sein Sprüchlein auf. Ich schaute in den Museumsführer und orientierte mich. Diese Welt, das hatte ich nun verstanden, barg sehr viel mehr Fremdartiges als ein bizarres Gebäude anstelle des Limburger Domes und diese seltsam altertümliche Art der Anrede. Ich bestand nur noch aus Fragen, die ich niemandem stellen konnte, wenn ich nicht auffallen wollte. Also würde ich mir die Antworten selber suchen müssen, und dieses Museum, so hoffte ich nun umso mehr, würde mir vielleicht einige geben.

FORTSETZUNG FOLGT

(Übrigens – Sarahs Lieblingsszene, die wir Euch in ihrem Blog für heute versprochen haben, kommt doch erst morgen. Sorry. 😉 )

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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2 Antworten zu schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 7 – Die Sturmglocke Teil 2

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