schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 8 – Die Sturmglocke Teil 3

Und weiter geht es mit den Quarantänegeschichten und mit der „Sturmglocke“. Da diese 2017 erschienene Kurzgeschichte sehr lang ist, habe ich sie dreigeteilt, vorgestern gab es

Teil 1

und gestern

Teil 2.

Heute also nun der dritte und letzte Teil. Ich freue mich übrigens über Kommentare, Wünsche und Anregungen. Welches Genre möchtet Ihr am liebsten lesen? Horror? Krimi? SciFi? Autobiographisches (ja, da habe ich auch zwei Geschichten)? Veröffentlichtes oder Unveröffentlichtes?
Heute jedenfalls geht es weiter mit Horror. (Und Sarahs Lieblingsszene ist diesmal auch dabei. 😀 )

Oh und falls das jemanden interessiert: Die Glocke gibt es wirklich. Sie ist hier auf der Anthologie angebildet und hängt, wie in der Geschichte beschrieben, im Dom zu Limburg.







Die Sturmglocke – FORTSETZUNG:

Dort, wo ich hergekommen war, barg das Diözesanmuseum vor allem wertvolle Kunst- und Kirchenschätze. Das Dommuseum hier beschäftigte sich ganz mit dem Dom und seiner Geschichte. Offenbar war das Gebäude in die Überreste eines außerirdischen Steins hinein gebaut, der sich vor langer Zeit in den Domberg gebohrt hatte. Woher er gekommen war, und warum der Einschlag des scheinbaren Meteoriten keinen Krater verursacht hatte, obwohl ein so großes Stück übrig geblieben war, darüber rätselten die Geologen. Es gab einige Theorien, die im Museum alle dargestellt wurden, von denen aber noch keine als vorherrschend galt.

Dieser Dom hier, das wurde mir schnell klar, war keine christliche Kirche. So weit ich es verstand, schien es überhaupt kein Christentum zu geben. Ebenso wenig wie das Judentum oder den Islam, auch von den anderen mir bekannten Religionen schien keine zu existieren. Statt dessen gab es eine weltweite Religion, sofern man sie so nennen konnte. Die Kuratorin, die der junge Mann am Eingang erwähnt hatte – oder wer immer sonst hier für die Ausstellungen verantwortlich war – ging offenbar davon aus, dass sie allen Besuchern des Museums geläufig war, weswegen sie nirgendwo erklärt wurde. Was ich verstand war, dass es darin um Übergänge ging, die von höheren Wesen, vielleicht Göttern, gewährt wurden. In vielen Fällen hatten diese Götter auch den Umgang mit Übergängen und Portalen gelehrt. Dies erinnerte mich in manchem an die Lehre von den Großen Alten, wie sie etwa im Necronomicon nachzulesen ist, und besonders an Darius von Delfts Wege und Tore. Aber weder die Großen Alten noch Darius‘ Wandernder Krieg oder auch nur die Autoren und die Namen ihrer Werke fand ich irgendwo im Museum erwähnt. Dafür fand ich aber viele Jahreszahlen, die mich verblüfften. Die Zählung der Jahre war ebenfalls anders als alles, was ich kannte. Für die Menschen um mich war es das Jahr 16427, die Zählung begann mit der ersten Öffnung eines Tores durch die Göttin Vidatra. Damit habe eine Zeit des Glücks begonnen, die seither ununterbrochen anhalte.

Als ich das Museum Stunden später wieder verließ, hatte ich mehr Fragen als je zuvor. Ich stand in der Nachmittagssonne, umströmt von Menschen, die völlig selbstverständlich in einer Welt lebten, die auf den ersten Blick nur ein ganz klein wenig anders als die war, die ich kannte. Aber wenn man nur ein winziges Stück hinter die Fassade schaute, war alles ganz, ganz anders. Wer waren diese Götter, die sehr reale und nachhaltig wirkende Dinge getan hatten – und an deren permanente Gegenwart oder auch baldige Wiederkehr offenbar jeder glaubte? Wieso war hier jedermann so offen und freundlich, wieso gab es weder Geld noch Automobile? Und vor allem – wo war ich hier?

Ich bekämpfte den Drang, sofort die Antwort auf all diese Fragen zu suchen – ich musste zurück, damit meine Abwesenheit nicht auffiel. Aber ich war entschlossen, zurück zu kehren, diese Welt zu erforschen und alles zu erfahren, was ich wissen musste. Und dann würde ich einer ganzen Welt, MEINER Welt, die Augen öffnen. Alles würde sich ändern. Alles.

Von nun an verbrachte ich fast jeden Tag in dieser anderen Welt – einer Welt, die keine Kriege kannte, keine Not, keine Verteilungskämpfe, keinen Hunger und keine Verschwendung der natürlichen Ressourcen. Die Menschen waren freundlich, geduldig und tolerant, niemand schien es eilig zu haben. Wer immer etwas brauchte, ging zu einer Verteilstation die in etwa unseren Geschäften entsprach und nahm es sich dort. Limburg war, ganz wie in unserer Welt, eine Touristenstadt, hier wie dort waren der Dom und die malerische Altstadt die Attraktionen. Dadurch gab es auch hier viele Restaurants, Eisdielen und Kunsthandwerkergeschäfte – mit dem Unterschied, dass deren Besitzer und Betreiber ihren Berufen aus Liebhaberei nachgingen und dem Drang, andere an den Früchten ihrer Arbeit Teil haben zu lassen. Bezahlen musste niemand dafür. Die Menschen schienen sich rein vegetarisch zu ernähren, ich fand aber zahlreiche Hinweise darauf, dass zu besonderen Festtagen Fleisch in großen Mengen verzehrt wurde. Nur hatte ich einen solches Fest bisher noch nie erlebt. Natürliche Rauschdrogen aller Art waren erlaubt und leicht zu bekommen, aber ich stellte schnell fest, dass kaum jemand sich dafür interessierte.

Warum das alles so war, war allerdings schwer für mich herauszufinden. Für die Menschen um mich herum waren es Selbstverständlichkeiten, und danach zu fragen hätte mich sofort als Fremden geoutet. Das wäre kein Problem gewesen, wenn ich mich als Reisender aus einem fremden Land hätte ausgeben können. Aber wie hier, so fand ich bei meiner Recherche leicht heraus, war es überall auf der Welt. Es musste eine Quelle dieses friedlichen, allgemeinen Wohlstandes geben, aber sie schien mit einem Tabu belegt. Dasselbe galt für die Tatsache, dass ich immer noch die Mehrheit der hiesigen Menschen nicht ansehen konnte, ohne instinktiv Abscheu zu empfinden. Ich gewöhnte mich im Laufe der Zeit daran und konnte den ersten Impuls inzwischen ohne jede Mühe unterdrücken, aber je besser mir dies gelang, desto mehr wurde mir klar, dass ich mit diesem Gefühl nicht alleine war. All diese freundlichen und hilfsbereiten Menschen zuckten bei meinem Anblick zunächst fast unmerklich zusammen, wandten kurz den Blick ab oder atmeten kurz durch. Oder nein – nicht alle. Einer von vielleicht zehn hatte diesen Impuls nicht. Und das waren genau die Menschen, bei denen auch ich keinerlei Abstoßung empfand. Als ich mir dies bewusst gemacht hatte begann ich zu beobachten, wie die Leute auf der Straße miteinander umgingen. Ja, sie alle waren liebenswürdig miteinander – und fast alle unterdrückten eine erste Aufwallung von Ekel. Jeder Mensch schien etwa 90 Prozent aller anderen Menschen spontan abstoßend zu finden. Aber, und das war vielleicht noch bemerkenswerter: Daraus entstanden keinerlei Konflikte. Im Gegenteil. Die vielleicht verstörendste Beobachtung machte ich auf dem Domplatz, am sechsten oder siebten Tag meiner Expeditionen. Ein Paar, beide um die 40, setzte zu einem Kuss an, als die Frau sich schlagartig wegdrehte und offenbar einen heftigen Brechreiz unterdrückte. Der Mann beugte sich zu ihr herunter und sprach tröstend auf sie ein – wobei er sich die Hand vors Gesicht hielt. Sobald die Frau sich gefangen hatte begann sie, sich wortreich zu entschuldigen, worauf er entgegnete, es sei seine Schuld gewesen… Geplänkel Liebender, das in einem innigen Kuss endete.

Auch für dieses seltsame Verhalten fand ich keine Erklärung. Oder – keine befriedigende. Ebenso wie die der allgemeine Wohlstand und Frieden hatte auch dieses „fremdigen“, wie es hier und da in den Quellen genannt wurde, etwas mit den Göttern und ihren Toren zu tun – aber kein Text wurde deutlicher. Auch die hiesige Wikipedia hatte schlicht keine Einträge zu diesen Themen, für mich ein Zeichen, dass hier ein sehr mächtiges Tabu am Werk war.

Überraschend viele Informationen fand ich hingegen zum Ursprung meiner Forschung – der Sturmglocke im Limburger Dom. Dem Limburger Dom auf MEINER Seite. Sie war hier entstanden, auf der anderen Seite. Ich will das Verfahren nicht beschreiben. Ich kann es nicht. Nach allem was ich erlebt und gesehen habe, raubt mir die bloße Vorstellung, wie diese Glocke … gewachsen ist, den Nachtschlaf. Sie entstand, so las ich, gemeinsam mit der hiesigen Uhrglocke zwischen den Jahren 15621 und 15625 und war dem Gott Burebot geweiht, einer dunklen Wesenheit, die auch „Plagenbringer“ genannt wurde. Ich sah Darstellungen von Burebot – und in jedem Bild fand ich mindestens ein Feld, das die mir so wohlbekannten Tupfen zeigte, wenn auch in unterschiedlichen Anordnungen. Wenige Tage vor dem feierlichen Aufhängen der Glocke im Dom aber war sie verschwunden – und bis heute wusste niemand, wohin.

Nun, ich wusste es. Und ich fragte mich, ob und wann ich es den Menschen hier sagen wollte. Ich hatte mich, wenn man das so sagen kann, ein wenig in diese Welt verliebt. In ihren Frieden, in all die Freundlichkeit, in die Toleranz, in die Geduld, auch in die ruhige Ordnung, die sie ausstrahlte. Dort wo ich herkam, waren Krieg, Armut, Rassismus und die ganz alltägliche Aggression bestimmende Themen. Hier waren die meisten Menschen einander körperlich widerlich – aber Ablehnung, irgendeine Form von Rassismus oder gar Gewalt waren keine Themen. Mehr und mehr wuchs in mir der Wunsch, hinüberzuwechseln, hier zu bleiben. Und welch besseres Gastgeschenk konnte ich, ein Wissenschaftler, mitbringen als die Lösung eines jahrhundertealten Problems? Vielleicht, so dachte ich, musste ich ja auch gar nicht zwischen den Welten wählen. Vielleicht konnte ich sie verbinden. Wobei, das war mir klar, ich die Menschen hier, in meiner neuen Welt vor den egoistischen Raubtiermenschen, zu denen wir uns in der alten entwickelt hatten, zunächst würde schützen müssen. Aber vielleicht, wenn ich damit beginnen würde, ausgewählte, vertrauenswürdige Personen mit hinüber zu nehmen, konnte es gelingen. Ich würde der Botschafter zwischen den Welten sein und so womöglich Gutes in beiden bewirken.

Zunächst aber, das war mir klar, würde ich Karla gegenüber Rechenschaft ablegen müssen. Nach allem, was die Behörde für mich getan hatte, schuldete ich ihr das. Und ich konnte ihr vertrauen. Was ich entdeckt hatte, ging über die Entschlüsselung einer fremdartigen Notenschrift so weit hinaus, dass sie es mir, dem einzigen Menschen mit Erfahrung in dieser anderen Welt, nicht wegnehmen würde. Ich ging also durch die kleine Pforte und hinauf in den Glockenstuhl in der festen Absicht, mich gleich am nächsten Tag bei Karla zu melden.

Sie kam mir zuvor. Ich hatte auf meinen Expeditionen festgestellt, dass die Zeit in beiden Welten unterschiedlich schnell verging, nicht sehr aber spürbar. Ein Muster hatte ich darin nicht erkannt, meist verging sie auf der alten Seite langsamer als auf der neuentdeckten, aber in einigen Fällen war es umgekehrt. Ich hatte die Gegenwelt am Nachmittag verlassen. Als die Klänge aus meiner Boombox verklungen waren, war es in der Heimatwelt dunkel und still – tiefe Nacht. Auf meinem Stuhl vor meinem Schreibtisch saß Karla. Ich wusste sofort, dass vor der Tür mindestens zwei Agenten der Behörde warteten. Und unten noch mehr.

„Willkommen zurück“, sagte sie leichthin. Ich antwortete nicht. Ich musste erstmal das Adrenalin niederkämpfen. Sie wartete und ließ die Stille wirken.

„Ich wollte es Dir sagen“, brachte ich schließlich heraus.

„Aber sicher wolltest Du das. Wann denn?“

„Morgen.“

Sie lachte auf.

„Ehrlich“, sagte ich etwas kläglich.

Sie musterte mich nachdenklich.

„Dir ist schon klar, was normalerweise mit Leuten passiert, die uns verarschen wollen, oder? Dass Du da noch stehst und redest, verdankst Du nur meiner Weichherzigkeit. Und meiner Neugier.“

Mir wurde flau. Schlagartig war mir klar, dass ich mit meinem Leben gespielt hatte, die ganze Zeit. Die Behörde war in solchen Fällen nicht nachsichtig sein, konnte es sich gar nicht leisten. Und Karla war nicht weichherzig. Sie musste verdammt neugierig sein.

„Woher weißt Du es?“

Sie schüttelte den Kopf. „Für wie blöd hältst Du uns? Normalerweise überwachen wir Dich nicht, um Deine Ergebnisse nicht zu verfälschen. Aber seit Du plötzlich andauernd nicht erreichbar bist…“ Sie deutete auf drei Punkte, zwei an der Decke und einen an der Wand. Wenn man es wusste, waren die Kameras sogar leicht zu sehen.

„Hör zu,“ begann ich. „Du hast vielleicht etwas Seltsames gesehen, aber Du hast keine Ahnung, was ich…“

Sie seufzte. „Du hast einen Übergang nach Cadh entdeckt.“

„Was?“

Sie seufzte erneut. „Herrjeh, glaubst Du, Du bist der einzige, der Darius gelesen hat? ‚Der Adept sehe sich vor, denn dies Toir ist Klang und Schall. Es führet ins schreckliche Land von Cadh. Narrisch und unverstandig ist der Adept, welcher ins Land Cadh geht, allein und ohne Wehr. Dies Land darf er nimmer erforschen, noch jenen, die in Cadh leben, kund machen, dasz ein Toir hinüber führet.’“ Karla schaute mich sauer an. „Ausgerechnet Dir muss ich nicht sagen, dass man Darius‘ Warnungen ernst nehmen sollte, oder? Du hast Erin Simpson doch gekannt.“

Ich versuchte, zu begreifen, was sie da sagte. Das konnte nicht sein. Ja, sicher, das Tor war Klang, aber sonst war nichts so, wie Darius Cadh beschrieb. Ein Land voller grauenvoller, blutdürstiger Kreaturen, eine Hölle, vielleicht das mythische Vorbild für DIE Hölle.

„Karla – das kann nicht Darius‘ Cadh sein. Die Menschen auf der anderen Seite…“

„Menschen?“ Sie schaute skeptisch.

„Ja, Menschen. Ich sage doch, das ist nicht Cadh. Darius bezeichnet sich doch selbst immer wieder als Forscher und Unwissenden. Wahrscheinlich kannte er einfach nicht alle Tore aus Klang.“

„Was er vor allem sagt ist, dass man mit den Wegen und Toren nicht herumpfuschen sollte. ‚Dump ist der Scholasticus, der trotzig anfanget, Worte nachtzusprechen, mit deren Folgen er niemals umgehen kann. Sein Schicksal wird grauenvoll sein, doch traget er selpst die Schuld, und ich weine im keine Trane nach.’“

„Da geht es um Beschwörungen…“

„Mann!“ Sie schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. „Das ganze Buch ist voll davon. Du hast Dich einfach von Deiner Hybris verführen lassen. Endlich der große Entdecker sein. Endlich die Anerkennung bekommen, die Dir zusteht.“

Ich schluckte. „Es ist nicht Cadh.“

„Weißt Du, wo die Glocke herkommt? Weißt Du, wer sie rüber gebracht hat? Weißt Du, warum sie diesen verdammten Dom überhaupt erst gebaut haben? Weißt Du, wer ihn gebaut hat?“

„Theoderich…“

„Theoderich von Wied, ja.“ Unterbrach sie mich. „Weißt Du, wer das war?“

Was sollte die Fragerei? „Der Erzbischof von Trier, warum…“

Wieder knallte ihre Hand auf die Tischplatte. „Das war nicht irgendein Kirchenheini. Der Mann war ein Krieger. Und der Patron ist Sankt Georg. Merkst Du eigentlich noch irgendwas? Die haben das verdammte Ding hier versteckt. Du solltest rausfinden, was es damit auf sich hat, und es, verdammt nochmal, nicht ausprobieren.“

„Und warum hast Du es mich dann ausprobieren lassen und mich nur beobachtet?“

Sie atmete durch. „Das war nicht meine Entscheidung. Meine Entscheidung war nur, Dich am Leben zu lassen.“

Ich atmete schwer. So war das also. „Danke.“

„Oh, überaus gern geschehen.“

„Und was jetzt?“

„Du gibst mir alles, ALLES, verstehst Du? Und dann schauen wir mal… Vielleicht schicken wir eine Drohne durch. Vielleicht lassen wir es auch einfach auf sich beruhen. Himmel, Cadh, das darf niemals…“

„Es ist nicht Cadh, Karla. Ehrlich. Es ist schön da. Die Menschen sind einfach nur freundlich. Was immer das ist – es ist nicht Cadh.“

Sie zögerte. „Was macht Dich so sicher?“

„Es ist alles anders. Wirklich alles. Und ich habe mich dort umgesehen, ich habe recherchiert. Es gab nie eine Zeit, in der es so war, wie Darius Cadh beschreibt. Komm mit. Sieh es Dir an.“

Sie lachte auf. „Ganz sicher nicht.“

„Wieviele Leute hast Du vor der Tür? Zwei? Vier? Und ihr seid alle bewaffnet.“

Sie sah mich wieder mit diesem nachdenklichen Blick an. „Vier.“

„Komm mit. Ich zeige es Dir.“

Ich erinnere mich noch, wie forsch und selbstsicher ich aus der kleinen Pforte im Turm trat. Karla und ihre Begleiter, drei Männer und eine Frau, folgten mir vorsichtig. Die Zeitverschiebung hatte diesmal zu meinen Gunsten gearbeitet, es war ein sonniger Vormittag, als wir den Domplatz betraten.

„Siehst Du“, sagte ich zu Karla. „Sieht so die Hölle aus? Und schau Dir die Leute an. Wenn Du den ersten Anflug von Ekel überwunden hast sind es die nettesten Menschen die man sich vorstellen kann.“

Sie sah mich verdutzt an. „Wieso Ekel?“

„Naja“, ich lachte. „Das ist komisch hier, merkt Ihr das nicht? Die meisten Leute sehen erstmal… komisch aus. Aber…“

Sie schüttelte den Kopf, lächelnd. „Wieso komisch? Das sind ganz normale Leute.“ Sie drehte sich zu ihren Bodyguards. „Findet Ihr die Leute komisch?“

Auch die Vier hatten sich sichtlich entspannt. „Nein“, sagte ihr Anführer, ein Mann namens Linus, „gar nicht. Was…“

Einer der vielen Menschen auf dem Platz war auf uns aufmerksam geworden. Ein Mann um die 30, offensichtlich Tourist, rotes T-Shirt und Blue Jeans. Bis eben hatte er mit dem Handy Fotos gemacht. Jetzt ging er mit schnellen Schritten auf uns zu. Ich wandte kurz meine Blick ab. Er war einer von den besonders widerlichen, aber das würde gleich vergehen und dann würde Karla selbst erleben, wie die Menschen hier wirklich waren.

„Wo hat er die her?“ Er richtete die Frage direkt an mich.

„Was?“ Ich war verdattert. Er zog etwas aus der Tasche, einen kurzen, metallischen Stab mit einem roten Knopf auf der Oberseite. Als er den Knopf drückte, brach Chaos aus.

Unbeschreiblicher Lärm, Sirenenheulen, aber nicht von den Dächern, da waren keine Sirenen, sondern aus jedem Handy, jeder Laterne, jedem Gebäude. Wir standen starr, während der Mann seinen Stab hob, dessen roter Knopf nun leuchtend blinkte. Und dann bewegten sie sich. Alle Menschen auf dem Domplatz rannten auf uns zu. Ich weiß nicht, wo all die Klingen plötzlich her kamen. Trugen sie diese Messer immer bei sich? Wieso hatte ich noch nie eins gesehen und was…

Mein Denken endete. Sie umringten Karla und zerrissen sie buchstäblich, ich sah nicht viel, ich hörte nur ihre Schreie. Zwei ihrer Leibwächter erging es nicht anders, einer schaffte es noch, seine Waffe zu ziehen, aber er kam nie dazu sie abzufeuern. Stattdessen fing er auf so entsetzliche Weise an zu heulen, dass ich fast froh war, als er verstummte. Den dritten Mann und die Leibwächterin schleiften sie fort, nachdem sie sie bewusstlos geschlagen hatten.

Es war in Sekunden vorbei. Ich stand auf dem Domplatz, umringt von einer Menschenmenge. Dort, wo Karla und die beiden Leibwächter eben noch gestanden hatten, waren nichts als blutige Haufen. Mir wurde schlecht und ich wartete auf mein Ende. Was hielt sie auf?

Eine Hand legte sich auf meine Schulter. Es war der Mann, der den Alarm gegeben hatte, der Tourist. Ich zuckte zusammen. Er lachte freundlich.

„Nicht erschrecken. Wo hat er sie her?“

Ich konnte ihn nur anstarren. Sein Blick veränderte sich, wurde besorgt.

„Ist alles in Ordnung mit ihm? Wo ist er her gekommen? Wo ist das Tor?“

Eine alte Frau mit Rollator antwortete ihm. Sie war ganz offenbar keine Touristin, sondern Limburgerin.

„Hier ist kein Tor“, sagte sie. Und dann zu mir: „Wo ist er her gekommen? Woher hat er seine Beute?“

Ich schaute zum Dom hinüber. Sie folgte meinem Blick – und begriff.

„Er hat die Glocke gefunden? Das verlorene Tor? Burebots verlorenes Tor?“ Sie flüsterte jetzt und sah mich voller Ehrfurcht an. Einige der Touristen tauschten irritierte Blicke, aber alle, die wussten was es mit der Geschichte vom verlorenen Tor auf sich hatte, sahen mich an wie einen Wundertäter. Und der war ich ja auch. Endlich war ich am Ziel meiner Träume.

Ich sah eine Lücke in dem Ring aus Menschen, die mich angafften, und begann zu rennen. Bevor sie sich fassen konnten, war ich fast an der kleinen Pforte. Als sie zu rennen begannen, schloss ich die Tür von innen ab und rannte die Treppe hinauf. Während ich rannte, begriff ich, begriff ich alles. Die Tore. Der Reichtum ohne Ausbeutung ihrer eigenen Welt. Es war so einfach. Sie beuteten einfach die anderen Welten aus, in die sie gelangten. Darius hatte Recht – Cadh war die Hölle. Aber nicht in Cadh selbst, sondern überall wohin es kam. Irgendjemand, vielleicht jemand wie ich, hatte die Glocke vor acht Jahrhunderten hinüber gebracht. Was immer Theoderich von Wied gewusst hatte, was immer er getan hatte – er hatte sie verborgen und verhindert, dass Cadh auch in unsere Welt kam. Weil niemand das Tor öffnen konnte. Denn die Sturmglocke, die Glocke, die nun in unserer Welt war, sie musste zuerst geöffnet werden. Von hier aus konnte man nur hindurch, wenn sie offen war. Und jetzt WAR sie offen, denn ich hatte sie offen stehen lassen. Was, wenn jemand hier die Klangfolge kannte?

Irgendjemand, vielleicht jemand wie ich… was war ich? Niemand hier fand mich fremdartig – in Karla und den anderen hatten sie sofort die Fremden erkannt, während Karla das Besondere in den Bewohnern Cadhs nicht gesehen hatte. Was war das Besondere? Die Spuren ihrer Götter? Und wer waren meine Eltern gewesen? Müßig.

Ich war im Glockenstuhl. Unten brachen sie durch die kleine Pforte. Die Tonfolge begann, wehte durch den Raum zwischen den Welten und schloss die Pforte hinter mir.

Ich kam zurück, wenige Sekunden nachdem wir den Glockenstuhl verlassen hatten. Der Geruch von Karlas Parfüm hing noch in der Luft. Ich ging nach unten zu den wartenden Agenten der Behörde. Sie hatten über die Kameras beobachtet, wie Karla, ihre Begleiter und ich gemeinsam verschwunden waren. Dass ich nun alleine zurück kam und ihnen von Karla ausrichtete, dass sie noch etwas warten möchten, erschien glaubwürdig. Zurück im Glockenstuhl setzte ich mich an meinen Schreibtisch und begann, diese Zeilen zu Papier zu bringen.

Es ist morgen, ich bin fertig, mehr gibt es nicht zu sagen. Ich werde diese Notizen hier im Glockenstuhl verstecken, Du wirst sie finden, meine Vertraute, meine Verbündete. Zerstöre die Glocke. Ich werde hinüber gehen und das Tor von der anderen Seite verschließen, und ich hoffe und bete, dass es mir gelingt. Zu welchem Gott bete ich? Ich bleibe treu, ich gehöre zu Euch, was immer ich auch bin. Zerstöre die Glocke. Es ist der einzige Weg, wirklich sicher zu sein. Sie wird sich wehren, aber Du hast schon Schlimmeres gesehen als das. Zerstöre sie. Du kannst niemandem trauen. Es gibt die Kulte, es gibt die, die anderen Herren dienen, und wir können nicht wissen, wie groß ihre Macht ist. Ob ihr Arm nicht schon bis in die Behörde reicht. Ich werde das Tor schließen, ich werde meinen Computer und mein Handy vernichten, und dann werde ich die letzte Erinnerung an die grauenvollen Klänge vernichten – mich selbst.

Zerstöre die Glocke.

Ich gehe nach Hause.

ENDE

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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3 Antworten zu schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 8 – Die Sturmglocke Teil 3

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