schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 6 – Die Sturmglocke Teil 1

Heute beginnt das erste Wochenende, seit Sarah und ich begonnen haben, unsere Geschichten für die Zeit der coronabedingten sozialen Isolation einzustellen. Ich hoffe, wir konnten Euch die erzwungene oder freiwillige Isolation etwas versüßen.

Sarah erzählt ihre Geschichte vom Piraten der in alle sieben Weltmeere pinkeln will in Fortsetzungen, und wendet sich damit vor allem an Kinder und vorlesende Eltern (obwohl auch für Erwachsene mit Humor wirklich, wirklich lesenswert ist). Ich erzähle täglich eine Kurzgeschichte für Leser*innen die der Kinderliteratur entwachsen sind. (Ich drücke mich immer bewusst um den Begriff „Erwachsene“, da ich meine erste Horrorkurzgeschichte mit 13 gelesen habe, und das Publikum unter 18 oder auch 16 nicht ausschließen will.)

Heute – bzw. dieses Wochenende – weiche ich von meiner Eine-Geschichte-Pro-Tag-Regel ab, da ich Euch von heute bis Sonntag eine etwas längere Geschichte erzählen möchte. Sie heißt „Die Sturmglocke“ und ist 2017 in der gleichnamigen Anthologie im Gardez!Verlag erschienen. Sie ist immer noch im Buchhandel erhältlich beziehungsweise bestellbar:

Fans klassischer Horrorliteratur werden schnell merken, in welche Tradition ich mich hier stelle, Fans MEINER Bücher werden feststellen, dass sich die Geschichte im selben Geschichtenuniversum bewegt wie meine Romane „Der wandernde Krieg – Sergej“ und „Der Ruf„. Zwei Figuren aus „Sergej“ sind sogar namentlich erwähnt. Fans von Limburg an der Lahn (gibt es die? 😀 ) werden einiges wiedererkennen. Oder auch nicht…

Kurz noch das Übliche:

Wieder stelle ich die Geschichte unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* ein. Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!

Viel Spaß!


Die Sturmglocke

von Michael Schreckenberg

Erstveröffentlichung in „Die Sturmglocke“, Gardez!Verlag 2017.

Ich schreibe diese Zeilen als Abschied und als Warnung. Wenn ich sie beendet habe, werde ich meine Reise antreten, eine letzte Expedition und niemand darf mir folgen oder mich auch nur zu suchen. Ich werde das Tor, durch das ich diese vertraute Welt verlasse, zu schließen versuchen, von der anderen Seite. Gott gebe, dass es mir gelingen möge. Alles hängt davon ab.

Ich schreibe auf Papier, damit Du, meine Verbündete, diese Seiten aufbewahren und verbergen kannst. Gewisse Kulte und Geheimgesellschaften durchforschen das Internet wie sie zu aller Zeit alle Archive und Bibliotheken durchforscht haben, nach geheimem Wissen und jenen, die es tragen. Wer glaubt, all dies seien Mythen, der ahnt nicht einmal, dass es das wahrhaft Böse wirklich gibt. Die Sünde im Sinne Arthur Machens, das infernalische Wunder. Es gibt die Kräfte, die Blumen singen und Steine Frucht treiben lassen. Es gibt die Dreiecke, deren Winkelsumme 181 Grad ist. Aber wem sage ich das? Niemand weiß es besser als Du.

Um alle die zu schützen, die in dieser Welt leben, arg- und ahnungslos gegen die Dinge, die direkt hinter ihrer Schwelle lauern, schreibe ich dies. Es gab eine Zeit, nicht lange her, da hoffte ich, ich würde meine Aufzeichnungen öffentlich machen. Ich würde der Welt die Wahrheit bringen, Ruhm ernten, ich würde meine Forschungen nicht mehr verstecken müssen und meinen Namen mit der Wahrheit verknüpfen, für immer.

Nichts davon. Ich werde meine Aufzeichnungen versiegeln. Ich verstecke sie dort, wo nur Du sie finden kannst, meine Vertraute. Tu damit, was Du für sinnvoll hältst.

Ich habe mein Zeitgefühl verloren, aber wenn ich auf den Kalender sehe, dann wird mir klar, dass es kein Jahr her ist, dass all dies begann. Wenige werden sich daran erinnern – an jenen unschuldigen Post bei Facebook und an seine Folgen. Dieser eine Eintrag, der dazu führte, dass ich nach Limburg kam und die Glocke zum ersten Mal mit eigenen Augen sah. Die Sturmglocke, dieses Unding, dem immer noch erlaubt ist, im Turm des Doms zu hängen und zu läuten, weil niemand weiß, was dieses Läuten ist – oder was es sein kann. Welchen Sturm es über die Welt bringen kann. Auch darum schreibe ich dies: Dass Du, meine Vertraute die richtigen Fäden ziehst. Dass dies niemals geschieht.

Es ist also nicht ganz ein Jahr vergangen, seit ein Angestellter, der mit den Liegenschaften des Bistums Limburg betraut ist, ein Bild auf seiner Facebookseite einstellte, und in die Runde seiner Freunde fragte, ob jemand wisse, was es wohl mit jenen seltsamen Vertiefungen auf sich habe – oder jemanden kenne, der entsprechende Kenntnisse hat. Ich werde hier keine Namen nennen, mit zwei Ausnahmen. Schon wenige Stunden später waren das Bild, die Frage und sämtliche Spuren derselben im Internet verschwunden, während der arme und gänzlich unschuldige Mann sich im strengen Verhör befand. Er glaubte, dass die Frau, die ihm gegenüber saß, eine Beamtin des Bundeskriminalamts sei. In Wirklichkeit gehört sie einer Behörde an, die dem BKA nur angegliedert ist und von der, außerhalb eines engen Zirkels Eingeweihter, nie jemand gehört hat. Diese Behörde gründeten einst die Ritter des Deutschen Ordens, die Brandenburger übernahmen sie von ihnen, ebenso die Habsburger, als die Deutschritter nach Wien kamen. Sie existierte durch das Königreich Preußen und die Weimarer Republik. Wenige wissen was geschah, als die Nazis versuchten, sie gleichzuschalten. Aber die Folgen jenes Fehlers erschreckten selbst diese Entmenschten so sehr, dass sie es nie wieder antasteten. Im Kalten Krieg blieb die Behörde eine Einheit mit Niederlassungen in Wiesbaden, Wien und Dresden, und sie existiert bis heute. Und, das will ich hinzufügen, es ist ein Segen, dass es sie gibt. Ein Segen – und mein Untergang.

Das Bild, das jener Angestellte der Bistumsverwaltung veröffentlichte, zeigte eine sehr starke Vergrößerung eines bestimmten Bereiches auf der Außenseite der Sturmglocke. Der Mann hatte die Glocke zuvor von Vogelkot reinigen lassen und die gereinigten Bereiche danach – sei es aus Neugier oder, wie er im Verhör unbeirrbar behauptete, Pflichtbewusstsein – sehr genau inspiziert. Dabei waren ihm ein kleines Feld aufgefallen, das flache, rundliche Vertiefungen aufwies, wie Tupfen an der Haube der Glocke. Die Glocke gilt allgemein als völlig frei von Verzierungen und Inschriften, und so dachte der Bistumsangestellte zunächst an Schäden aus dem Reinigungsverfahren. Dafür waren die Tupfen aber wiederum zu regelmäßig angeordnet. Und als seine eigenen Recherchen ihn immer nur in Sackgassen führten, wandte er sich blauäugig an die Schwarmintelligenz des sozialen Netzwerkes.

Ich bekam die Glocke zwei Tage später zu Gesicht. Es war nicht das erste Mal, dass die anonyme Behörde sich an mich wandte. Ich hatte Inschriften von einem Artefakt aus Tibet gedeutet, das die Behörde im Hamburger Hafen beschlagnahmt hatten – zusammen mit den 32 Tonnen billigen chinesischen Spielzeugs, unter denen es verborgen war. Und als ein Tourist mit Fotos von Basreliefs, die er an einer namenlosen Ruine in der australischen Wüste gesehen hatte, am Frankfurter Flughafen landete, da warteten die Agenten schon in Zolluniformen auf ihn und nahmen ihm Kamera, Computer, Handy und alle Speichermedien ab.

Ich hatte, als die Behörde zum ersten Mal an mich wandte, schon einen gewissen Ruf in der wissenschaftlichen Welt. Er macht es mir unmöglich, an irgendeiner Universität, die auf ihren guten Ruf bedacht ist, zu lehren. Aber ich bin ein gesuchter Ratgeber, Gutachter und Recherchepartner – einer von denen, deren Name nie genannt wird, deren Schriften nicht zitierbar sind und die ihr Honorar von anonymen Stiftungen für „Beratertätigkeiten“ und „nützliche Dienste“ erhalten. Ich bin das schmutzige kleine Geheimnis hinter so mancher Karriere und großen Entdeckung.

Ich bin bei Adoptiveltern aufgewachsen. Über meine leiblichen Eltern ist nichts bekannt, als dass jemand mich im Alter von wenigen Tagen vor dem Eingang eines Krankenhauses aussetzte. Das Ehepaar, das mich adoptiert hatte, war gut zu mir, finanziell fehlte es an nichts und die Atmosphäre im Haus war stets … freundlich. Freundlich aber auch distanziert. Meine Adoptiveltern verheimlichten niemals vor mir, dass ich nicht ihr leibliches Kind war. Sie waren gut zu mir, ohne mich zu lieben. Ich war ihr Projekt, dass sie, nachdem sie festgestellt hatten, dass sie gemeinsam keine leiblichen Kinder haben konnten, geplant hatten und nun durchzogen. Dass ich dankbar für all das zu sein hatte, was sie mir gaben, stand völlig außer Frage, und mit Dankbarkeit konnte ich sie am meisten erfreuen. So wurde es mir zur zweiten Natur, mich dankbar zu zeigen, für all die Chancen und Privilegien, die sie mir boten. Die Karriere eines Geisteswissenschaftlers erschien ihnen, Pädagoge und Psychologin, erstrebenswert, also strebte ich sie an.

Zu Beginn meiner wissenschaftlichen Laufbahn hatte ich noch sehr seriös und eifrig an der Universität Zürich Theologie und Philosophie studiert. Um meinen Doktor zu machen ging ich nach Köln. Die Natur meiner bisherigen Forschung legte nahe, in Völkerkunde zu promovieren, so dass Professor Nickenich mein Doktorvater wurde. In seinen Kolloquien lernte ich eine andere Doktorandin kennen, eine Amerikanerin. Sie bat mich eines Tages um ein Gespräch unter vier Augen, sie wollte meinen Rat zu einigen Fragen der Symboliken alter, fast vergessener Völker. Was sie mich fragte und die Zusammenhänge, die sie gefunden hatte, veränderten meine Sicht auf die Welt – und mein Leben, unwiderruflich. Bald änderte ich die Richtung meiner Forschung. Professor Nickenich konnte mich nicht länger begleiten, verwies mich aber an einen seiner Kollegen, den einzigen vielleicht, der mich aufnehmen würde. Dieser lehrte – und lehrt bis heute – an der Miskatonic Universität von Arkham, auf dem Lehrstuhl, den einst Freeborn und Lapham besetzten. Dort, in der berüchtigten Bibliothek dieser ebenso berühmten wie gefürchteten Universität, las ich im rätselhaften Buch von Eibon, blätterte voller Entsetzen im legendären Necronomicon des wahnsinnigen Arabers Abdul Alhazred und vertiefte mich in das verstörende Wege und Tore aus der Feder des Darius von Delft, der angeblich niemals starb.

Die Schlüsse, die ich aus dem zog was ich las, die Verknüpfungen, die ich herstellte, waren äußerst radikal. Sowohl mein Doktorvater als auch wohlmeinende Kollegen rieten mir, mich zu mäßigen, warnten mich, dass ich meine wissenschaftliche Karriere endgültig aufs Spiel setze. Ich hörte nicht auf die Warnungen. Ich war überzeugt davon, einer großen, tiefen und alle Kulturen durchdringenden Wahrheit auf der Spur zu sein. Wenn ich Beweise brächte, so dachte ich, würde niemand dieser Wahrheit ausweichen können und mein Name wäre für immer mit ihrer Entdeckung verbunden. Ich würde Newton und Einstein, Platon und Kant gleichzeitig sein. Und ich hatte Erfolg, so dachte ich. Ich bestätigte einige meiner Vermutungen auf Studienreisen, die mich auf eigene Kosten tief hinein in die sibirische Tundra, in die Antarktis und zuletzt die Sahara führten. Doch was ich dort fand, war von derartig schrecklicher Fremdheit und Abseitigkeit, dass mich der Versuch meine Wahrheit zu verkünden augenblicklich vernichtete. Das Entsetzen bei denen, die mir glaubten war zu groß, der Unglaube bei der Mehrheit so gewaltig, die Folgen einer Veröffentlichung so unabsehbar, dass ich zum Paria in der gesamten wissenschaftlichen Welt gemacht wurde. Die Miskatonic Universität schenkte mir gleichsam meine Promotion – als Gegenleistung dafür, dass ich versprach, die USA sofort zu verlassen und die Universität nie wieder zu betreten.

Ich war als Forscher nicht gänzlich tot. Mit einigen mutigen Wissenschaftlern, Abenteurern und Künstlern konnte ich mich noch austauschen. Ich sah einer ungewissen Zukunft entgegen, als eine Freundin, die in einem verschwiegene Büro im Vatikan arbeitet, mich anrief. Ihr Name war Karla. Die Behörde hatte sich bei ihr gemeldet und um Expertise zu einigen beunruhigenden Funden bei archäologischen Ausgrabungen in einem Tal der Alpen gebeten. Sie erkannte die Verbindung zu dem, was ich in Sibirien gesehen hatte, brachte mich mit der Behörde in Kontakt, wechselte bald selbst von Rom nach Wiesbaden und wurde meine Ansprechpartnerin, die einzige Person innerhalb der Behörde, die ich je kennen lernte. Der Rest ist Geschichte – meine Geschichte, die mich am Ende hierher führte, in den Glockenstuhl des Nordturmes, zu diesem Ding, das vorgibt, eine schlichte Glocke zu sein.

Als ich nach Limburg kam, hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich dort finden würde. Wenn Karla mich rief, dann meist in abgelegene Gegenden, Bergtäler, Inseln, Wälder, Wüsten. Ich hatte auch schon in Städten gearbeitet, dort aber fast immer an Sekundärquellen. Die Bilder und Berichte, die die Behörde mir geschickt hatte sahen einigermaßen interessant und beunruhigend aus, das Video von der Vernehmung des Bistumsangestellten wiederum war geradezu grotesk belanglos. Ich erwartete nicht viel, als ich die steilen Gassen der mittelalterlichen Innenstadt zum Dom hinaufstieg.

Die Behörde hatte dafür gesorgt, dass ich den Glockenstuhl im Nordturm ganz für mich hatte. Die Sturmglocke läutet sowieso nur in der Karwoche, ihre Nachbarin, die Uhrglocke zu Taufen. So ließ es sich diskret einrichten, dass ich mich mit der Sturmglocke beschäftigte ohne dass jemand außerhalb eines kleinen Kreises Eingeweihter davon Notiz nahm. Ich baute meinen Arbeitsplatz und die nötigen Gerätschaften direkt im Glockenstuhl auf und machte mich an die Arbeit.

In den Tagen zuvor, und selbst noch während meiner Reise nach Limburg und den ersten Gesprächen mit Karla, war ich skeptisch gewesen. Die Sturmglocke, so hatte schon die erste, oberflächliche Recherche ergeben, war etwa 800 Jahre alt und eben frei von Inschriften und Zier. Das war ein wenig ungewöhnlich, aber auch wieder nicht außergewöhnlich genug, als dass es unter anderen Umständen mein Interesse geweckt hätte. Wären die Tupfen, die auf den Bildern zu sehen waren, schon immer dort gewesen, so dachte ich, hätten sie in all der Zeit jemand auffallen müssen. Für mich sah das alles eher nach einer peinlichen Schadenersatzgeschichte für das Reinigungsunternehmen aus – und nach zunehmender Paranoia in der Behörde.

Ich begann also, die Außenhaut der Glocke zu untersuchen – und fand nichts. Weder auf den ersten Augenschein noch mit der Lupe. Ich betrachtete die Bilder genau, suchte die entsprechende Stelle an der Haube der Glocke. Ich fand die Marken, gewisse Unreinheiten und Kratzer, setzte sie in Relation, sah genau auf den Ort, wo das Tupfenfeld hätte sein müssen und sah nichts als die glatte Außenhaut der Glocke.

Mehr in Gedanken als wirklich mit Absicht legte ich meine Finger auf die Stelle – da spürten meine Fingerspitzen, was meine Augen nicht hatten sehen können: Kleine, flache Vertiefungen, kaum spürbar, wenn man sie nicht suchte. Ich nahm meine Hand von der Glocke und schaute wieder genau hin. Doch auch nun, da ich wusste, dass es etwas zu sehen gab, sah ich die Tupfen nicht, die meine Finger doch so eindeutig erspürt hatten.

Ich betrachtete das Foto noch einmal genau. Es war an einem düsteren Tag entstanden, der Himmel offenbar stark bewölkt und der Nachmittag viel weiter fortgeschritten als an dem heiteren Sommertag, an dem ich die Glocke untersuchte. Ich versuchte nachzuvollziehen wo der Fotograf gestanden und wie er die Kamera gehalten hatte. Doch egal, ob ich Fotos mit meinem Handy machte oder die Oberfläche mit einer Handlampe beleuchtete – die Vertiefungen wollten sich nicht zeigen. Das war interessant. Die Skepsis, mit der ich meine Arbeit begonnen hatte, begann zu weichen. So etwas hatte ich schon zuvor erlebt. Ich erinnerte mich an eine Mauer, die ich in der Sahara gesehen hatte. Eine Mauer, die in einem unmöglichen Winkel zu dem Gebäude stand, das ich unter dem Sand vermutete, und deren schiere Existenz Blasphemie war. Eine Mauer, die eine Form hatte, die sie nicht hätte haben dürfen, die aus Stein gewachsen zu sein schien. Sie war weit älter als die widerlich knotigen Schriftzeichen, die ich auf ihrer scheinbar ganz glatten Oberfläche entdeckte. Auch diese Obszönitäten hatte ich zunächst ertasten müssen, bevor ich sie gesehen hatte. Seinerzeit hatte mir der Zufall geholfen… Ich kramte in den Dateien auf meinem Laptop nach den Bildern und Notizen, die ich damals angefertigt hatte, fand sie und berechnete Winkel, mit einer Form der Mathematik, die Euklid und Diophantos entsetzt hätten. Ich selbst hatte die Anleitung dazu in den Archiven der Miskatonic Universität gefunden und wagte nie, mir Gedanken darüber zu machen, welche Ergebnisse ich bekäme, wenn ich mehr als einzelne, isolierte Gleichungen damit lösen würde. Hier aber half sie mir. Ich wartete, bis der Abend kam, und mit ihm die Düsternis. Dann fand ich den Punkt im Raum, an dem ich stehen musste, hob meine Lampe auf die richtige Weise und richtete den Lichtstrahl auf die Außenhaut der Glocke. Und dort sah ich zum ersten Mal die Tupfen, die zutiefst böse Notenschrift einer anderen Welt.

Ich überspringe die Beschreibung meiner Theorien und Irrtümer, meiner vergeblichen Forschungen, die mich Wochen und Monate beschäftigten und zunehmend verzweifeln ließen. Ich hatte solche Tupfen gesehen, in der Antarktis und Sibirien. Wilmarth hat ausgiebig von ihnen berichtet. Es gibt Versuche, sie zu übersetzen, an diese wollte ich anknüpfen, aber das war ebenso vergeblich wie alle anderen Ansätze. Karla begann, häufiger nachzufragen. Trotz aller Diskretion gab es erste Gerüchte über meine Tätigkeit im Nordturm des Doms. Und obwohl das Osterfest noch einige Monate in der Zukunft lag, wollte die Behörde nicht riskieren, diesen Gerüchten ein Ziel zu geben und das Geläut der Sturmglocke in der Karwoche ausfallen zu lassen.

Vielleicht war es eine dieser Bemerkungen, die mich schließlich auf die richtige Spur brachte. Was, wenn die Tupfen in dieser Anordnung gar keine Sprache symbolisierten, sondern Musik? Wenn ich sie, statt als Hieroglyphen oder Buchstaben, als Noten verstand?

Ich merkte schnell, dass dieser Ansatz mehr Erfolg versprach als jeder andere. Schon bald glaubte ich, eine gewisse Logik in der Anordnung der verschiedenen Töne zu verstehen, auch wenn diese Logik keiner glich, die in unserer Philosophie bekannt ist.

Was mir schließlich nur noch fehlte, war der Grundton – und das richtige Instrument. Denn ich kannte keines, das die Töne, oder vielleicht eher Geräusche, hervorzubringen im Stande war, welche die von mir entdeckte Notenschrift andeuteten. Doch die Behörde hat Zugriff auf viele Experten. Als ich an Karla mit dem Problem des Instruments herantrat, fand sie mir schnell jemanden, der aufgrund meiner Angaben ein Computerprogramm schrieb, mit dem ich die entsprechenden Geräusche auf meinem Laptop erzeugen konnte. Was das Programm hervorbrachte, war eine seltsame Form von Knacken und Scheppern, in dem auch immer wieder Töne zu erahnen waren, wie sie eine Glocke hervorbringen kann, die jedoch in keinerlei erkennbarem Zusammenhang standen.

Am Schluss war es ganz einfach. So erschreckend einfach, dass ich die Lösung meines Problems leicht hätte übersehen können. Ich hatte so lange in verbotenen Schriften und geheimen Archiven geforscht, dass mir die einfachste und offensichtlichste Idee erst kam, als ich ob der Vergeblichkeit all meiner Versuche aufgeben wollte. Ohne jede Hoffnung gab ich den Schlagton der Glocke, g1, als Bezugston ein. Und zu meiner eigenen größten Überraschung wurde aus dem zusammenhanglosen Getöse eine klare Folge aus acht Glockentönen. Sie schienen aufs erste Hören immer noch zusammenhanglos und chaotisch, und bei mindestens dreien hätte ich nicht gewusst, wie ich sie hätte notieren sollen. Aber je länger ich dieser Folge lauschte, desto besser glaubte ich sie zu verstehen, bis sie mir schließlich harmonisch erschien, auf eine Weise, die ein tieferes Verständnis in mir berührte. Ein Begreifen, das weit jenseits jedes Wissens und jeder Gewohnheit lag.

Ich veränderte die Lautstärke meiner Boombox nie, dennoch schienen die Töne lauter zu werden, durchdringender, füllten erst mich und dann den Raum, hoben mich auf und trugen mich. Ich weiß nicht, wie lange ich lauschte, schwebte in diesem fremdartigen Klang, bis ich, ganz widerwillig noch, eine letzte Sequenz ausklingen ließ und die Wiedergabe stoppte, bevor die Tonfolge von neuem begann.

Ich saß wie benommen. Die Töne klangen in mir nach, doch wie ich auch versuchte, sie zu fassen, nachzusummen oder sie mir auch nur vorzustellen, scheiterte ich. Der Klang war da, in mir, in meiner Erinnerung, doch ungreifbar, wie ein Echo an dessen Ursprung ich weder verstand noch kannte.

Nur langsam begriff ich, dass mein Auftrag damit beendet war. Ich hatte die Tupfen entschlüsselt, ich konnte, wenn auch nur grob, ableiten, welcher Systematik diese Notenschrift folgte. Ich konnte andere Zeichen vorhersagen, wenn ich auch nicht die geringste Idee hatte, wie die dazugehörigen Töne klingen würden. Zwar war ich gierig, mehr zu erfahren, den Ursprung der Schrift und ihrer Erfinder zu ergründen und herauszufinden, wie und warum sie auf der Glocke angebracht worden waren, aber all das würde ich auf eigene Faust tun müssen. Meine Zusammenarbeit mit der Behörde in diesem Fall würde morgen beendet sein. Karla würde mich wie immer in bar bezahlen, mit einer Summe, die mich für längere Zeit von allen Geldsorgen befreien würde – aber das würde das Ende sein.

Tief in Gedanken stieg ich vom Turm herab. Ich spürte Wehmut, wie selten am Ende eines Auftrags und unbändige Neugier. So vieles an dieser Glocke war geheimnisvoll – wer hatte sie gegossen? Und wann? Ihre Entstehung schätzten Experten auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts, aber Genaues wusste niemand. Warum trug sie keinerlei offensichtliche Inschrift oder andere Zier? Und dann natürlich: Wer hatte diese geheimnisvollen, fast unsichtbaren Tupfen aufgebracht, wie und warum? Alle Verbindungen, die ich von dieser Notenschrift zu anderen Zeichensystemen ableiten konnte, deuteten auf viel ältere Quellen, so viel älter, dass sie sich nicht nur der Geschichtswissenschaft und Archäologie entzogen, sondern jeder Forschung die hoffen durfte, außerhalb eines Kreises skurriler Außenseiter ernst genommen zu werden. Wer hatte dieses Wissen vor 800 Jahren besessen?

In derlei Grübeleien vertieft überquerte ich den Domplatz, auf dem Weg zu meinem Auto, das ich direkt davor, auf dem Parkplatz an der Domstraße abgestellt hatte. Ich wohnte in einem Hotel etwas außerhalb, in Hadamar. Meine Vermutung ging dahin, dass Karla mich dort einquartiert hatte, damit ich nicht mit unnötig vielen Menschen in Limburg ins Gespräch kam, so wenig Aufsehen erregte wie irgend möglich. Aber ehrlich gesagt machte ich mir darüber nicht allzu viele Gedanken. Das Hotel übertraf meine Ansprüche, das Frühstück und der Service waren hervorragend und meine Überwachung durch Agenten der Behörde unauffällig und unaufdringlich. Mehr durfte ich nicht erwarten, also war ich zufrieden.

Ich hatte schon den Weg zu den langen Treppen erreicht, als mir klar wurde, dass ich am Parkplatz vorbei gegangen war. Oder daran vorbei gegangen wäre – denn da war kein Parkplatz. Dort, wo ich am Morgen wie jeden Tag in den vergangenen Monaten mein Auto geparkt hatte, befand sich eine mannshohe Hecke. Und dahinter, wie ich feststellte, als ich erstaunt darum herum ging, ein kleiner Park, der zum Ausruhen und zur Kontemplation einlud – sicher sehr passend, an diesem Ort, aber eben nichts, was hier hätte sein dürfen.

FORTSETZUNG FOLGT














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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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