schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 18 – Weihnachtsbesuch

Eigentlich wollte ich heute ein wenig pfuschen, und Euch einen der (drei) Prologe eines noch nicht geschriebenen Romans als Kurzgeschichte vorsetzen. Ich habe dann aber davon abgesehen – der Prolog ist zu kurz und setzt zuviel Kenntnis des Vorgängerromans voraus. Stattdessen erzähle ich Euch heute eine Kurzgeschichte, die zwischen dem Vorgängerroman und dem noch nicht geschriebenen Roman angesiedelt ist. Bei dem Vorgänger handelt es sich um:

Der Wandernde Krieg – Sergej.

Der etwas sperrige Titel leitet sich davon ab, dass der Roman ursprünglich als erster Teil einer Geschichte angelegt war, die ich über zwei oder drei Bücher erzählen wollte. Das zweite Buch – besagter ungeschriebener Roman – sollte den Titel „Der wandernde Krieg – Erin“ tragen. Im Moment sieht es nicht so aus, als sollte es dieses zweite Buch in absehbarer Zeit geben. Trotz durchgängig guter Kritiken, obwohl er für einen der wichtigsten deutschen Phantastikpreise nominiert war und obwohl ich „Sergej“ selbst sehr mag, verkaufte er sich von all meinen Romanen mit Abstand am schlechtesten. Ihr könnt ihn heute gebraucht kaufen oder – neu oder als E-Book – beim Verlag.

Die Geschichten um den Wandernden Krieg sind und bleiben allerdings einer der Kernmythen meiner Geschichtenwelt. Einige der Geschichten, die ich hier schon geposted habe, stammen aus dem selben Geschichtenuniversum, etwa „Die Sturmglocke“ oder „Im Block“, auch der Roman „Der Ruf“ spielt in dieser Welt. In vielen weiteren Kurzgeschichten und in allen meinen Romanen finden sich zumindest Spuren dieses Universums.

Die Geschichte, die ich Euch heute erzählen möchte, war ursprünglich als Weihnachtsgeschichte geschrieben und beantwortet ein wenig die Frage, was Sergej (oder das, was aus ihm geworden ist), denn so getrieben hat, nachdem er in einer Sylvesternacht ein ganzes Dorf ausgelöscht hat und dann verschwunden ist. Wir sehen – er ist sich treu geblieben. Wenn Kinder von Sarahs Feuer mit herüber kommen wollen – bitte die jüngeren und die phantasiebegabten anderweitig beschäftigen!

Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)*.



Weihnachtsbesuch

von Michael Schreckenberg

Es lag kein Schnee.

Es lag kein Schnee, aber die Nacht war kalt und die Luft wie Glas. Hier, inmitten der Felder, vor den Hügeln und dem Wald, spannte sich der Himmel als schwarze Kuppel über die kleinere Schwärze am Boden und die Kuppel war alt, und die Sterne darin waren alt und alles darunter war neu und unerprobt. Auch das Haus inmitten der Schwärze.

Die Gestalt, die drei Tage lang reglos, in einer ruhigen Vogelhaltung, auf einem der Hügel inmitten des Waldes gekauert hatte, wandte zum ersten Mal den Blick von dem Haus ab, prüfte die Luft mit der Zunge und betrachtete eine Weile die Sterne. Ja, sie waren alt, und sie waren gleichgültig und er fühlte sich ihnen verbunden. Es war erst zwei Jahre her, zwei Jahre in diesem Winkel der Ewigkeit, in dem Zeit von einer so grotesken Bedeutung war. Zwei Jahre und ein Tag, das er sein ausgebranntes Haus als ein anderer betreten hatte, zwei Jahre, dass er es wieder verlassen hatte als der, der er immer gewesen war. Etwas später waren seine beiden Existenzen versöhnt worden, in einer Nacht wie dieser, kalt und sternenklar, voller Blut und Feuer. Er war gleichgültig gegen die Zerstörung gewesen, und er hatte sein Ziel erreicht, damals. Ein sehr großes Ziel.

Heute ging es um weniger. Wie stets seither. Er erhob sich, und schritt zügig den Hügel hinunter, auf das große Haus zu.

Eine halbe Stunde später schloss der Hausherr das Fenster seines Büros. Auch er hatte die Sterne betrachtet, aber er hatte ihr Alter und ihre erhabene Gleichgültigkeit nicht gespürt. Das Essen, der Wein, die Unterhaltung, das Kaminfeuer und die Vorfreude hatten ihn erhitzt. Es war an der Zeit, die Feier zu beginnen, alles war vorbereitet, alles war fertig. Nun mussten er nur noch die Kinder wecken. Er wandte sich vom Fenster ab, nahm das Buch und verließ das Büro.

Als er auf der Treppe war, hielt er einen Augenblick inne und lauschte. Unten war es erstaunlich still. Andererseits – nun kam der ernste, der besinnliche Teil des Abends. Später würde es wieder ausgelassen sein, aber alles zu seiner Zeit. Stille war in Ordnung. Stille war passend.

Er betrat die Bibliothek, und da saß ein Mann, den er nicht kannte. Der Mann saß wie selbstverständlich in seinem besten Lesesessel, hielt eines seiner besten Kristallgläser, auf dem Rauchtisch neben ihm stand – geöffnet – eine Flasche seines besten Single Malt. Der Mann nippte an seinem Glas und sah in den Kamin. Der Hausherr stand da, in seiner Festrobe, nebenan erwartete man, dass er die Feier eröffnete, und da saß ein Fremder in seiner Bibliothek und störte sich nicht an ihm. Dem Hausherren fiel nichts Passendes ein. Um seine Chance auf einen wirkungsvollen Auftritt nicht gänzlich zu verderben, ließ der das Buch, das er in der Hand hielt, schwer auf einen der Lesetische fallen. Der Fremde tat ihm den Gefallen, aufzublicken.

„Das,“ sagte er, „sollten sie nicht tun.“

Der Hausherr blickte ihn verständnislos an.

„Das Buch,“ der Fremde deutete darauf. „sie sollten vorsichtiger damit sein. An Ihrer Stelle hätte ich mehr Respekt davor.“

„Sie… kennen das Buch?“

„Sicher.“

Der Hausherr war bestürzt. Ein Eingeweihter. Warum kannte er diesen Mann nicht?

„Ich habe größten Respekt vor dem Buch,“ beeilte er sich zu sagen.

„Ja? Ich selbst nicht. Aber wenn ich Sie wäre, hätte ich ihn. Wollen Sie sich nicht setzen?“

Es war diese doppelte Unverschämtheit, die den Hausherrn aus seiner Überrumpelung weckte. Er rief laut und mehrmals. Nach Dienern. Nach Gästen. Niemand kam. Die Stille nach seinen Rufen war groß. Jedes Knacken eines Scheites im Kamin war ein Schuss.

„Es wird niemand kommen“, sagte der Fremde. „Wollen Sie sich jetzt nicht setzen?“

Der Hausherr fiel schwer in einen der Sessel.

„Wo… sind sie denn alle?“

„Nebenan. Sie können Sie nicht hören. Aber wenn Sie weiter so herumbrüllen, wecken Sie noch die Kinder. Wollen Sie das?“

„Es ist noch zu früh.“

Der Fremde grinste böse. „Ja, das denke ich mir.“

Eine Frage flog dem Hausherrn zu, so sinnvoll und passend, dass er hoffte, sie können ihm ein Anker sein.

„Wer sind Sie?“

Der Fremde dachte eine Weile nach, wie einer, der ein sehr interessantes Rätsel zu lösen hat.

„Sie dürfen mich Sergej nennen,“ sagte er schließlich.

„Sergej…“

„Einfach Sergej.“

Eine weitere Ankerfrage kam. Der Hausherr gewann langsam die Hoffnung, das Chaos, das gerade in sein ritualisiertes Dasein gekommen war, bändigen zu können.

„Und was wollen Sie… Sergej?“

„Das Siegel. Geben Sie es mir bitte.“

Hitze explodierte im Bauch des Hausherrn, seine Kopfhaut kribbelte. Seine Hand glitt kurz auf die Hosentasche unter seiner Robe.

„Was für ein Siegel?“

„Oh, bitte.“ Der Fremde seufzte. „Lassen Sie das doch. Geben Sie es mir.“

„Nein.“

Der Fremde legte den Kopf ein wenig schief und sah ihn an. Er lächelte sehr freundlich und nickte.

„Doch.“

Der Hausherr missverstand das Lächeln. Und war der Fremde nicht auch ein Eingeweihter, einer, der das Buch gelesen hatte?

„Bitte“, sagte er. „Lassen Sie uns doch unsere kleine Feier. Wir holen nur die Kinder hinunter, dann feiern wir… vielleicht möchten Sie ja mit uns feiern.“ Er rang sich ebenfalls ein Lächeln ab. „Es ist doch Weihnachten.“

„Weihnachten, ja…“ Der Fremde sah einen Moment lang durch ihn hindurch, wanderte in Erinnerungen – aber nur sehr kurz. Er lächelte nicht mehr.

„Das Siegel. Jetzt.“

Der Blick des Hausherrn wanderte zu der kleinen Truhe auf einem der Rauchtische, in dem die Pistole lag. Sehr, sehr weit weg. Der Fremde bemerkte den Blick.

„Nein, das wird nicht funktionieren. Das Siegel.“

„Was, wenn ich es Ihnen nicht gebe.“

„Dann werde ich Sie sehr, sehr qualvoll umbringen. Also bitte.“

Der Hausherr hatte mit so einer Antwort gerechnet. Doch wie sollte das möglich sein? Er stand auf und straffte sich.

„Sie werden nicht…“

Der Fremde sah ihn an. Er hatte schwarze Augen. So schwarz. Doch tief, tief in der Schwärze war etwas Rotes, und dahinter…

„Das Siegel!“

Der Hausherr spürte Speichel auf seiner Unterlippe. Und auf seinem Kinn. Der Speichel tropfte herunter. Der Hausherr griff in die Hosentasche und gab dem Fremden das Siegel. Der nahm es, steckte es achtlos in seine Brusttasche und betrachtete ihn wieder. Der Hausherr musste an einen Forscher denken, der eine neue, interessante Insektenart beobachtet.

„Und jetzt, war das freiwillig, oder nicht?“

„Bitte… meine Feier…“

„Sie haben das Siegel doch gar nicht mehr.“ Der Fremde hielt plötzlich etwas in der Hand, das wie eine sehr kleine Sense aussah.

„Nein, nein, nein, nein…“

Es ging schnell und tat nicht weh.

Der Mann, der sich Sergej nannte, blickte sich ein letztes in dem Raum um – die vielen Bücher, die schweren Möbel, das warme, dunkle Holz an den Wänden, der Kamin, der genau die richtige Größe hatte, das Feuer, das genau die richtige Wärme spendete, die goldene Flüssigkeit in seinem Glas. Er zog das Siegel aus der Tasche. Ein kleiner Elfenbeinzylinder, auf dessen Boden eine ungelenke Schnitzarbeit in erhabener Prägung die Gestalt eines sitzenden, fetten Menschen mit dem Kopf eines Tintenfisches darstellte. Er betrachtete die Schnitzerei kurz, schüttelte leicht den Kopf, zerdrückte den massiven Elfenbeinstempel fast lässig und zerrieb ihn zu Staub. Den Staub nahm er in den Mund, bewegte ihn dort ein wenig und achtete sorgfältig darauf, nichts zu verschlucken. Dann spie er ins Feuer, das kurz und heftig aufloderte. Er nahm einen Schluck Whisky, spie noch einmal aus, dann noch einmal. Den letzten, großen Schluck trank er. Sergej nahm das Buch, warf es ebenfalls ins Feuer, und verließ den Raum.

Das Esszimmer war hell erleuchtet, hier war schon alles für die große Feier vorbereitet gewesen. Der gewaltige Tannenbaum in einer Ecke des Raumes wirkte in der grellen Beleuchtung nur grotesk. Darunter lag ein Stapel Geschenke, der geholfen hatte, die den Widerstand der Kinder gegen das Nickerchen vor der Bescherung mit Vorfreude zu brechen. Das Mittel in ihrem Kakao hatte dann das Übrige getan. Um die vier Altäre, auf denen die Kinder hatten geopfert werden sollen, lagen zwanzig Leichen. Sie hatten in dieser Nacht etwas beschwören wollen. Sergej betrachtete die verrenkten Körper, die verzerrten Gesichter und die lächerlichen Roben mit ihren Phantasierunen und nachgemachten Stickereien… es war ihm trotz allem ein wenig zu schnell gegangen. Er hatte zügig arbeiten müssen und leise. Er lauschte… tatsächlich, da stöhnte noch jemand. Sehr schwach. Sergej ging zu dem Mann hinüber, ließ ein paar Körnchen des Siegelstaubs, die noch an seinen Händen klebten, auf dessen Kopf fallen und flüsterte die Worte. Die Augen des Mannes brannten aus, und das Stöhnen erlosch. Immerhin – das Siegel war echt gewesen. Was für Narren.

Sergej stieg die Treppe hinauf, ging den Gang entlang und betrat das Kinderzimmer. Dort schliefen sie noch alle, in den neuen, weißen Nachthemdchen. Den Opferhemden. Sergej vergewisserte sich, dass das Mittel noch wirkte und sie noch eine Weile schlafen würden. Es war Zeit. Er verließ das Zimmer und ging hinunter. Im unteren Flur und in der Halle lagen weitere Leichen, Festgäste, Diener und Leibwächter. Sergej zog einem der Leibwächter das Handy aus der Tasche und wählte den Notruf. Er griff seinen Mantel, den er auf das Treppengeländer gehängt hatte, zog ihn über, nahm einen der am Boden liegenden Köpfe und verließ das Haus. Den Kopf spießte er auf das Tor zur Einfahrt. Er hasste solche Theatralik, aber er hoffte auf Bilder und auf Reaktionen. Das erleichterte zuweilen die Suche.

Als Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste die lange Auffahrt zum Haus entlangfuhren, saß Sergej wieder auf seinem Hügel, wie ein großer Vogel. Er schenkte dem Trubel da unten kaum Beachtung, es würde noch eine Weile dauern, bevor sie mit der Suche beginnen würden. Er hielt ein Bild in der Hand, das eine Frau mit kurzen blonden Haaren zeigte. Es begann zu schneien. Und er dachte an Weihnachten.

ENDE










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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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