schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 5 – Die Schweine von Wiehl

Heute ist der fünfte Tag, an dem Sarah und ich Euch Lesestoff für die Quarantäne, beziehungsweise für die (noch) freiwillige (Deutschland) oder verordnete (Österreich) soziale Abschottung anbieten. Lasst Euch von uns Geschichten erzählen und bleibt bei uns am Feuer, lauft nicht draußen rum, wo man Viren einfangen und verbreiten kann.

Sarahs Geschichte ist ja eigentlich als Kindergeschichte gedacht, sie ist aber auch für die Großen äußerst vergnüglich. Meine Geschichten sind dagegen mehr so das Angebot für das erwachsenere Publikum, obwohl auch Jugendliche und lesegeübte ältere Kinder in der Regel damit zurecht kommen. HEUTE ALLERDINGS NICHT! Die heutige Geschichte ist – denke ich – recht witzig geschrieben und ziemlich ironisch, aber nichts für Kinder.

Ich habe sie 2016 für diese Anthologie geschrieben:

Das Buch ist immer noch erhältlich, zum Beispiel hier, und ich kann es Euch sehr ans Herz legen.

Kurz das Übliche:

Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!

Also – rückt etwas näher, an unserem virtuellen Feuer kann uns das Virus ja egal sein – und lasst Euch erzählen, was alles schief gehen kann, wenn etwas mal so RICHTIG schief geht:






Die Schweine von Wiehl

von Michael Schreckenberg

Erstveröffentlichung in „Tote und andere Entdeckungen“, JUHRVerlag 2016.

Das war dann wohl mal völlig schiefgelaufen. Wir standen im Kreis und starrten auf den Körper am Boden.

„Was jetzt?“, fragte Rallemann.

„Gute Frage“, murmelte ich.

„Gute Frage“, murmelte auch der Schlosser. Ich sah ihn erstaunt an. Das war das erste Mal seit Stunden, dass er überhaupt etwas sagte.

„Wir müssen ihn loswerden“, verkündete der Bullenkaiser nach einer Weile. Sie nannten ihn den Bullenkaiser, weil … ah, fuck, ich habe nicht die geringste Ahnung, wie er zu dem Namen gekommen ist. Aber wie der schon aussieht … Der sieht doch aus wie ein Bullenkaiser. Außerdem heißt er Gerfried Finsterloch. Gegen alles gibt es Gesetze, aber sowas? Der hatte bestimmt ’ne schwere Kindheit. Dann doch besser Bullenkaiser.

Als hätten wir uns abgesprochen, schauten alle zu Frank-Kevin. Der schaute verdattert zurück. „Was?“

„Naja“, sagte der Bullenkaiser freundlich. Freundlich war er sicher nicht drauf, aber freundlich ist die einzige Art, die Frank-Kevin versteht, von Anschreien vielleicht mal abgesehen. Und Anschreien war gerade keine Option. Frank-Kevin grinste zurück, unsicher.

„Also, was machen wir jetzt?“

„Ich dachte, du hast vielleicht eine Idee“, sagte der Bullenkaiser, immer noch freundlich.

Frank-Kevin schüttelte den Kopf. „Nee, echt nich‘. Wieso ich?“

„Weil du ihm eine verpasst hast, dass er jetzt hin is‘?“, sagte der Bullenkaiser. „Ich dachte, du hast vielleicht mal nachgedacht, bevor du das gemacht hast.“

Frank-Kevin bemerkte den Sarkasmus selbstverständlich nicht, er schien eher erleichtert, dass jemand es ihm erklärte. „Nee, echt nich‘.“

„Wieso hast du das eigentlich gemacht?“, platzte ich heraus.

„Ja, zum Teufel, wieso hast du das denn gemacht?“, echote Rallemann, zornig. Frank-Kevin schaute ihn verunsichert an. Normalerweise führt der Bullenkaiser hier das große Wort, soviel hatte ich verstanden, aber Rallemann ist Frank-Kevins großer Bruder. Wahrscheinlich war das überhaupt der Grund, warum er hier dabei war. Einen anderen konnte ich mir nicht vorstellen. Verdammte Landeier.

„Er hat mich halt genervt mit seinem Gequatsche“, sagte Frank-Kevin leise. Ich starrte ihn an. Am liebsten hätte ich ihm eine gescheuert.

„Das ist alles? Deshalb killst du einen?“

Frank-Kevin zuckte nur verlegen mit den Schultern und lächelte den Bullenkaiser schüchtern an. Der seufzte und schüttelte den Kopf. „Jetzt brauchen wir einen echt guten Plan“, sagte er schließlich.

Das wäre eigentlich mein Einsatz gewesen, denn der Mann mit dem Plan bin ich. Nur – mein Plan war ein ganz anderer gewesen. Nach meinem Plan war ich zu dem Zeitpunkt schon wieder auf dem halben Weg nach Köln, mit meinem Teil von der Beute. In meinem Plan lag niemand tot auf dem Boden rum. Das war alles nicht geplant gewesen. Ich hasse es, wenn etwas anders läuft als geplant.

Pläne sind mein Job. Das kann ich – besser als alle anderen. Wenn ich einen fertig habe, und das kann manchmal Monate dauern, dann verkaufe ich ihn an De Leeve Jung. So nennen wir Deutschen ihn. Seine Leute nennen ihn anders und seine Mutter nennt ihn ganz sicher nochmal anders, aber für uns ist er De Leeve Jung und das ist auch richtig so. De Leeve Jung ist korrekt, so lange du korrekt bist, höflich, respektvoll, nicht unverschämt. Ich halte mich daran und bin damit immer gut gefahren. Ich habe andere gesehen, die sich nicht dran gehalten haben. Selbst Schuld.

Bei dem Plan hier war es aber etwas anderes. Auftragsarbeit. Der Bullenkaiser hat mir eine Mail geschickt. Amateur vom Land eben. Aber die Sache klang interessant. Ich habe mich korrekt bei De Leeve Jung gemeldet, er hat gesagt, was er für sein Okay bekommt und es mir dann gegeben. Alles korrekt, wie es sich gehört unter kultivierten Städtern. Das Bauernpack dagegen …

Es ging schon damit los, dass der Bullenkaiser darauf bestand, sich mit mir in Wiehl zu treffen, anstatt sich selbst mal für einen halben Tag in die Zivilisation zu begeben. Bin ich also raus gefahren, zu den Oberbergischen Hillbillys, und habe mich erst mal völlig verfahren, weil mein Navi ein Problem mit Wiehl hatte. Was ich ihm im Nachhinein kaum übel nehmen kann. Wenn man nur tief genug in den Wald fährt, dann ist Wiehl scheinbar überall. Da ist ein Ortseingangsschild „Wiehl“ und fährt man den Hügel wieder runter, kommt man ans Ortsausgangsschild „Wiehl“. Das nächste Schild behauptet: „Wiehl, 8 Km“. Und wieder ein anderes verkündet, man sei nun in „Oberwiehl“. Wiehl ist überall … und nirgends, das Phantom unter den Städten. Schließlich fand ich aber doch so etwas wie eine Innenstadt, mit einem grün verpackten Kirchturm und einem Laden, der tatsächlich damit warb, Pasta und Steaks anzubieten. Ich hatte das in der Mail für einen Witz gehalten. Der Bullenkaiser wartete drinnen.

„Schmuck“, sagte er, „Kreditkarten, Bargeld, richtig viel. Der Typ ist Paranoiker, traut keiner Bank und nichts, nur seinen Sicherheitssystemen. Wenn du uns da rein bringst … Kannst du das?“

Ich nickte und versuchte dabei, nachdenklich auszusehen. In Wirklichkeit würde das ein Spaziergang sein. Paranoiker trauen niemandem – aber sie brauchen dennoch jemanden, der ihnen ihre Festung einrichtet. Normalerweise machen das Firmen für Sicherheitstechnik. Und deren Rechner zu hacken ist nie ein Problem. Und dann … Rechnungen, Aufträge, Kostenvoranschläge, Schriftwechsel, Pläne, meist auch Fotos. Sichten, auswerten, recherchieren, die Logistik einrechnen, Anmarsch, Abmarsch, Eigensicherung, fertig ist der Plan. Verkaufen, zurücklehnen. Leicht verdientes Geld.

Weiß der Himmel, was mich beim nächsten Satz ritt. Misstrauen? Kann sein. Wer weiß, ob das Volk des Waldes weiß, wie man in der Zivilisation Geschäfte macht. Bei so was vereinbare ich immer eine Pauschale plus Anteil, und ich war ziemlich sicher, dass die mich bei dem Anteil übers Ohr hauen würden. Und der Name des Typen, in dessen Festung der Bullenkaiser einbrechen wollte, war mir ein Begriff – wie jedem. Der mochte mehr haben als Schmuck und Bargeld. Ich hatte keine Lust, einen Picasso oder so was an der Wand zu lassen, während die Regio-Ganoven goldene Ringe einsammelten. Die mochten vielleicht nichts mit Kunst anfangen können. De Leeve Jung schon. Er würde mir einen sauunfairen Preis machen. Aber so läuft das eben, immerhin hat er die Verbindungen so etwas zu Geld zu machen, ich nicht. Er ist korrekt. Besser ein paar sauunfaire Tausender als nichts.

„Ich komme mit“, sagte ich also.

„Hä?“, machte der Bullenkaiser.

„Ich komme mit. Ich mache euch den Plan, aber ich komme auch mit.“

„Wir sind genug Leute“, entgegnete seine Hoheit. „Rallemann, der Schlosser und ich. Vielleicht noch Frank-Kevin, aber …“

„Ich diskutiere gerade nicht“, erklärte ich dem Begriffsstutzigen. „Ich komme mit.“

„Okay“, meinte der Bullenkaiser gedehnt, „aber dafür ziehen wir ein Drittel von deiner Pauschale …“

„Nein. Ich komme mit. Einfach so.“

Der Bullenkaiser kniff die Augen zusammen. „Versuch nicht, mich zu verarschen, Jüngelchen. Du glaubst vielleicht, dass du eine große Nummer bist, aber ich bin nicht irgendein blödes Landei. Ich kenne Leute. Ich habe Verbindungen bis nach Wuppertal.“

Ich musste mich echt anstrengen, um einfach nur ruhig zu antworten: „Ändert nichts. Ich komme mit.“

Und dabei blieb es. Ich machte meinen Plan – es war selbstverständlich ein Spaziergang – und bot ihn, der guten Sitten halber, trotz allem zuerst Dem Leeven Jung an. Der ließ sich alles erklären, schüttelte dann, wie erwartet, gönnerhaft den Kopf und sagte: „Nee, kannst du alleine machen, wenn du willst. Wenn du was Schönes findest, dann zeig mir das mal.“ Schlag auf die Schulter, Espresso zum Dessert und ich konnte mein Abenteuer im Oberbergischen beginnen.

Und hier standen wir um einen toten Körper herum, und ich hatte ebenso wenig Ahnung wie die Landbevölkerung, wie es nun weiter gehen sollte. Und ich hasse es, wenn ich nicht weiß, wie es weiter geht.

Der Job selber war so glatt gelaufen. Einen Picasso hatte ich nicht gefunden, aber zwei schöne kleine Plastiken von diesem Engländer – eine davon würde völlig reichen, um meinen Tribut in Köln zu entrichten. Dazu mein Anteil an Schmuck und Barem … Ich war echt fröhlich drauf gewesen, hatte erst dem Schlosser und dann Frank-Kevin die Plastiken erklärt und sie nebenbei auf etwa ein Zehntel ihres Wertes taxiert … Und dann BÄM!, Frank-Kevin baut Scheiße und ich stecke bis zum Hals darin. Ich hasse, hasse, hasse so was.

„Vergraben im Wald …“, begann der Bullenkaiser und redete sofort selbst dagegen. „Nee, nach dem ersten Unwetter …“

„Versenken wir ihn doch einfach in der Talsperre oben“, schlug Rallemann vor. Der Bullenkaiser schüttelte den Kopf.

„Das geht nicht so leicht wie im Fernsehen“, verkündete er wichtig. „Die kommen irgendwann wieder hoch. Und wenn nicht, dann findet irgendwann irgendein blöder Taucher was und wir sind dran. Mord verjährt nicht.“

„Das war kein Mord“, plärrte Frank-Kevin. „Das war Notwehr.“

„Bitte was?“, fragte ich.

„Halt bloß die Fresse“, knurrte Rallemann ihn an.

Frank-Kevin murmelte vor sich hin, dann hellte sich sein Mausgesicht auf: „Lösen wir ihn doch in Salzsäure auf!“

„Du hast Salzsäure?“, fragte der Bullenkaiser spöttisch. Frank-Kevin schüttelte den Kopf. „Nee. Aber vielleicht im Baumarkt?“

Ich konnte nur fassungslos starren. Ans Planen war gar nicht zu denken. Der Bullenkaiser schaltete tatsächlich schneller.

„Erstmal müssen wir hier weg. Packt die Kohle ein, und den Schmuck …“

„Und …“, begann ich.

„… und die beiden Dinger von unserem Freund hier, aus der Stadt, und dann nichts wie raus.“

Sie hielten sich an meinen Abmarschplan, so gut das mit dem Körper im Schlepp möglich war, und hinterließen kaum Spuren. Als wenn das jetzt noch wichtig gewesen wäre. Der Körper landete im Kofferraum, die Klappe schlug zu und ich stand einfach da und starrte auf das Heck des Kombi. So schnell gingen Pläne über den Bach. Sie wären glatt ohne mich losgefahren, ich schaffte es gerade noch, mich in den Wagen zu schwingen und neben Rallemann auf den Rücksitz zu drängen.

„Bieg mal da rechts ab“, kommandierte der Bullenkaiser im Kreisverkehr, und der Schlosser fuhr wortlos in Richtung Wiehl-Zentrum. Entschuldigung – „Zentrum“.

„Halt mal da“, befahl Majestät als nächstes. Der Schlosser lenkte den Wagen an die Tankstelle und hielt. Der Bullenkaiser stieg aus, ging in den Verkaufsraum und kam mit einem Frikadellenbrötchen zurück, das bei jeder Bewegung größere Mengen Krautsalat verlor.

„Wenn ich esse, kann ich besser denken“, erklärte er. Ich sah ihm beim Essen zu und merkte, dass ich keinen Hunger hatte. Durst auch nicht. Die anderen schwiegen aus Ehrfurcht, also konnte Ehrwürden in Ruhe denken, während wir an der Tanke warteten.

„Ich hab’s“, verkündete er schließlich. „Wir suchen uns eine passende Baustelle und legen ihn ins Fundament. Da findet ihn nie einer. Fahr los!“

Der Schlosser tat, wie ihm geheißen. Ich wollte protestieren, wollte brüllen, dass das ein Scheißplan war, aber was hätte ich dann sagen sollen? Dass ich auch keine Ahnung hatte, wie es weiter gehen sollte? Dass ich zum ersten Mal seit Jahren keinen Plan hatte, gar keinen? Ich hielt lieber meinen Mund.

Wir fuhren mit der Abenddämmerung wieder aus der Stadt hinaus, vorbei an dem Pasta-und-Steak-Restaurant, und ich wandte mich noch einmal zu dem verpackten Kirchturm um, wie wehmütig. An dem Kirchturm hatten sie ein riesiges Plakat befestigt:

„Ich bin Dir näher als Du glaubst – Gott.“

Bei meinem ersten Besuch hatte ich das noch lustig gefunden. Gott als Stalker. Jetzt fand ich das eher gruselig.

Der Bullenkaiser dirigierte den Schlosser durch zwei weitere Kreisverkehre, da rief Frank-Kevin mit einem Mal: „Fahr da hoch! Fahr da hoch!“ Er wies nach links. Der Schlosser hatte sich daran gewöhnt, Anweisungen zu befolgen, bog in die Einfahrt eines Hotels mit dem seltsamen Namen „Waldhotel Tropfsteinhöhle“ ab und folgte dem Weg, der ihn zu mehreren terrassenförmig übereinander angeordneten Parkplätzen führte. Auf dem zweiten fand er eine freie Bucht. Während ich noch darüber nachdachte, ob „Tropfsteinhöhle“ ein guter Name für ein Hotel sei, fragte der Bullenkaiser:

„Was soll das?“

„Die Höhle!“, rief Frank-Kevin mit leuchtenden Augen. „Wir legen ihn in die Höhle, dann tropft das Wasser auf ihn und er sieht aus wie ein Stalka… Stakla… wie ein Tropfstein.“

„Kann ihn bitte jemand totschlagen?“, fragte ich. „Nur aus Gerechtigkeitsgründen?“

„Die Höhle hat schon zu“, sagte Rallemann.

„Ihn auch? Bitte?“

Niemand achtete auf mich. Der Bullenkaiser starrte stattdessen sinnierend am Hotel vorbei in den Wald. „Das könnte funktionieren …“

„Bitte“, sagte ich, „hat hier niemand eine Ahnung, wie langsam Tropfsteine wachsen? Das kann …“

„Die Wildschweine. Oben im Wildpark. Wir verfüttern ihn an die Wildscheine.“

„Nicht dein Ernst!“, rief ich.

„Tolle Idee“, fand Rallemann.

Die folgenden Stunden waren übel. Denn die Brains von Oberberg waren sich einig, dass man den armen Wildschweinen wohl keinen kompletten Körper anbieten kann. Also fuhren wir in die Werkstatt des Schlossers, und dann sägten und hackten sie, was das Zeug hielt. Ich bin echt nicht zimperlich, aber darauf hatte ich wirklich keine Lust. Ich hätte ihnen sagen können, dass De Leeve Jung die Idee auch schon mal hatte. Und wenn man so was vorhat, dann braucht man jemanden, der das recherchiert. Der einen Plan macht. Auch für so was. Wenn es effizient gehen soll, dann brauchst du etwa 15 Schweine. Und du musst den Körper vorher rasieren und die Zähne rausbrechen, weil Haare und Zähne unverdaulich sind. War Dem Leeven Jung dann doch zu aufwändig, der hat dann eine andere Lösung gefunden. Eine Aufwandsentschädigung für mich gab’s trotzdem. Statt aber die Idioten zu beraten oder ihnen zur Hand zu gehen habe ich überlegt, wie ich aus der Nummer rauskommen kann.

Weg konnte ich vorerst aber auch nicht, also bin ich mitgekommen, als sie die Teile verpackt und spät in der Nacht wieder im Wagen verstaut haben. Bin mit zurück gefahren zum Hotel. Sie haben die Teile auf dem Parkplatz in einen Bollerwagen geladen. Natürlich kam niemand aus dem Tropfsteinhotel, während wir daran vorbei zogen, das Glück ist mit den Dummen. Wir nahmen den Abzweig des Waldweges hoch zum Wildpfad, die alten Buchen reckten sich hoch in einen sternklaren Himmel und zum ersten Mal erkannte ich, wie verdammt schön es hier war. Wirklich, wirklich schön. Rallemann und der Schlosser mussten derweil Frank-Kevin davon abhalten, die Körperteile einfach über den Zaun ins Wildschweingehege zu werfen.

Wir folgten der Umzäunung des Geheges aus dem Wald heraus. Auf der anderen Seite des Zauns hatten die Schweine kräftig gewühlt, die Erde sah aus, als hätte hier eine Traktorparty stattgefunden. Der Bullenkaiser deutete auf einen Verschlag aus großen Holzbohlen am Waldrand innerhalb des Geheges.

„Da.“

„Wieso?“, wollte Rallemann wissen.

„Weil sie gewohnt sind, dass es da Futter gibt, Mann.“

Rallemann strahlte vor Bewunderung. „Du bist echt ein Fuchs, Bullenkaiser.“

Sie steigen über den Zaun. Sie legen die Teile in die Erde um den Verschlag. Bewegung im Wald. Die Schweine kommen. Rallemann, Frank-Kevin, der Schlosser und der Bullenkaiser machen sich aus dem Staub. Ich bleibe zurück.

Ich mache mir keine weiteren Gedanken um sie. De Leeve Jung kennt ihre Namen. Sie werden ihn kennenlernen. Und es wird ihnen nicht gefallen. Mal sehen, was Verbindungen nach Wuppertal dann nutzen.

Die Schweine sind da – fünf Stück. Das wird kaum reichen. Ich war ein ziemlich großer Mann. Wenn der Bullenkaiser und seine Crew wirklich Glück haben, dann findet die Polizei sie noch, bevor Dem Leeven Jung klar wird, wer ihm da seinen Fachmann für Pläne gekillt hat.

Fachmann für Pläne … Ja, das war ich wohl. Und jetzt? Müsste ich nicht in irgendein helles Licht gehen? Oder müsste sich nicht ein Höllenschlund vor mir auftun? Nichts davon. Gar nichts. Die Schweine fressen von meinem Körper, ich stehe daneben und habe nicht den geringsten Plan, was ich tun soll.

Ich hasse es, wenn ich nicht weiß, wie es weiter geht.

ENDE







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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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3 Antworten zu schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 5 – Die Schweine von Wiehl

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