schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 15 – Der Schwarze

Kommt näher, liebe Freundinnen und Freunde, hört meine Geschichte. Vor zwei Wochen haben Sarah und ich damit begonnen, Euch jeden Tag eine zu erzählen, um Euch die Zeit der (damals) selbstgewählten, beziehungsweise (nun) verordneten Isolation zu vertreiben. Und um dieses kleine Jubiläum zu feiern, bekommt Ihr heute die allererste Kurzgeschichte, die ich je geschrieben habe…

… oder besser: Eine Form davon. Ursprünglich war „Der Schwarze“ ein ganz kurzes Geschichtchen, anderthalb getippte (Schreibmaschine! Wir reden von 1984) Seiten. Im Laufe der vielen Jahre danach bin ich immer wieder zu ihr zurück gekehrt, habe sie auch irgendwann abgeschrieben und im Computer gespeichert, umgeschrieben, verändert… aber eigentlich bin ich immer sehr nah an der alten Kürzestgeschichte geblieben. Bis 2015.

Ich hatte schon einige Kurzgeschichten veröffentlicht, unter anderem meine erste Limburg-Geschichte, die ich Euch gestern kredenzt habe. Ein Jahr später kamen meine Verleger, Daniel Juhr und Michael Itschert, wieder auf mich zu, weil eine zweite Westerwald-Anthologie geplant war. Wieder baten sie mich um eine Limburg-Geschichte. Irgendwie ist dieses Limburgding später eskaliert, ich vermute, mit zwei Kurzgeschichten, einer Novelle (der „Sturmglocke“ die ich Euch letztes Wochenende gegeben habe) und einem Roman („Nomaden“) bin ich wahrscheinlich der Autor, der mit dem wenigsten Bezug zur Stadt (ich war ein paarmal zur Recherche dort, aber das ist auch alles) am meisten über Limburg geschrieben hat. 😀

Damals war es aber, wie gesagt, erst die zweite Limburg-Geschichte – und ich hatte plötzlich das Gefühl, dass es an der Zeit war den „Schwarzen“ endlich, nach mehr als 30 Jahren, unter die Menschen zu lassen. Für die Limburg Anthologie habe ich die ursprüngliche Geschichte stark ausgeweitet, meinem Protagonisten und seinem Opfer eine Hintergrundgeschichte gegeben und das ganze ein wenig an die Geschichte von Eukalyptusbonbon angebunden – aber der Kern ist geblieben, und einige Absätze sind tatsächlich unverändert so, wie in der allerersten Version:

Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!






Der Schwarze

von Michael Schreckenberg



Erstveröffentlichung in „Mordsbrocken“, von Michael Itschert und Daniel Juhr (Hrsg.) mit Hermann Josef Roth, Gardez!Verlag und JUHRVerlag 2015.


,,Geh weg!“ bittet der Mann in dem kleinen Raum.

Der Schwarze lacht.

,,Geh weg! Lass mich in Ruhe!“ Der Mann ist erschöpft.

,,Du weißt, dass ich nicht weg kann“, sagt der Schwarze.

Natürlich weiß der Mann das. ,,Geh weg!“ heult er.

,,Ich verstehe Dich nicht“, sagt der Schwarze. ,,Bin ich denn nicht Dein Freund? Habe ich nicht geholfen? Habe ich nicht immer getan, was Du wolltest?“

Der Mann schüttelt wild den Kopf. Schweiß fliegt, und Tränen.

Der Schwarze scheint nachzudenken. Der Mann weiß, dass das nur eine Imitation ist. Hohn. ,,Wer weiß. Wer weiß,“ meint der Schwarze schließlich, „ohne mich wärst Du doch bestimmt im Gefängnis. Ich bin Dein Freund.“

Der Mann rafft sich zu einer Antwort auf: ,,Warum hast Du es mich dann nicht selbst tun lassen? Warum nicht? Ich wäre lieber im Gefängnis als hier mit Dir. Lieber im Gefängnis.“

,,Das habe ich Dir doch schon so oft erklärt“, sagt der Schwarze mit etwas, das liebenswürdiger Geduld ähnlich sein soll. ,,Ich bin Dein Freund. Dein engster, Dein nächster, Dein bester Freund. Du hast einen Wunsch? Du traust Dich nicht? Dein Freund spürt, was Du fühlst und er hilft Dir.“

Der Mann schluchzt und schließt die Augen. Der Schwarze ist weg.

Die Dunkelheit hinter den Augenlidern bringt nicht die ersehnte Ruhe. Sie bringt Bilder. DIE Bilder. Limburg…

Martin hatte sich oft gefragt, auf wievielen Totenscheinen die falsche Todesursache stand. Mord. Suizid. Unfall. Falsch, alles falsch. Flohmarkt sollte da stehen. Mittelaltermarkt. Oder, die schlimmste Ausgeburt der Hölle, der fucking Kunsthandwerkermarkt. Auf Flohmärkten fand man ja manchmal wirklich etwas Ungewöhnliches oder Nützliches. Die Erstausgabe, die dieser Trottel ihm für zehn Euro überlassen hatte und über die der Antiquar fast einen Orgasmus bekommen hätte. 450 bar auf die Hand, und wahrscheinlich hätte Martin da mit etwas Ahnung noch mehr raushandeln können. Und Mittelaltermärkte hatten wenigstens Flair. Wenn man Met aus einem Horn trank und dabei zwei Typen zuschauten, die sie mich eisernen Knüppeln die Rüstungen verbeulten, war es fast erträglich, dass Johanna aufgedreht herumwuselte und blödsinnigen Tinnef für völlig überteuerte Preise kaufte. Nur weil der nachgemachte Modeschmuck nicht „nachgemachter Modeschmuck“ hieß, sondern „Geschmeide“. Kunsthandwerkermärkte aber…

Später hatten sie sehr darauf abgehoben, dass er einiges eingeworfen hatte, vorher. Die ganze Geschichte mit dem Schwarzen käme davon, hatten sie gesagt. Was wussten die schon? Und wie bitte sollte man einen Kunsthandwerkermarkt ohne Drogen ertragen?

Johanna war auch nicht nüchtern gewesen, die war naturstoned sobald sie Getöpfertes und Geschöpftes und Geschmiedetes und gottverdammt Gefilztes sah. Alles war mundgeblasen und handgeklöppelt und wäre Martin nicht schon Atheist gewesen, er hätte über die Kunsthandwerkermärkte seinen Glauben verloren. Es konnte keinen Gott geben, der sowas zuließ. Und einmal im Jahr kam das Grauen nach Hause. Kunsthandwerkermarkt in Limburg.

Vielleicht, so hatte er gedacht, ist das auch nur ein schlechter Trip, vielleicht liegt es an mir. Oder an diesen grünen Dinger, die er dem Typen mit dem Affen auf dem T-Shirt im Bahnhofparkhaus abgekauft hatte. „Eukalyptusbonbons,“ hatte der Typ gesagt. „Versuch mal, versuch mal.“ Die Dinger hatten wirklich wie Hustenbonbons geschmeckt, aber die Wirkung war ein klein wenig anders. Aber lag es daran? Oder an Martin selbst? Der ganze Neumarkt voller Menschen und alle waren so entsetzlich gut drauf. Alle hatten Spaß, so schien es, schauten hier, betatschten da, kauften dort. „Ah!“ „Oh!“ „Schau mal!“ Nur ihn kotzte das alles so an. Und vielleicht auch den Vater, der sein Kind anbrüllte weil es unbedingt eine potthässliche, handgeschnitzte (natürlich!) Ente haben wollte und keine Ruhe gab. Martin hätte ihn küssen mögen.

Und Johanna mittendrin. Vor lauter Begeisterung mutierte sie zur Touristin. Lief die Stadt hinauf und hinab, all die engen und vor allem anstrengend steilen Gassen, kaufte Postkarten am Dom, erzählte die ganzen abgestandenen Bischofswitze nochmal, fand das Fachwerk und die Natursteinmauern plötzlich so interessant, wunderte sich über die Zahl der Eiskaffees und dass sie alle original italienisch waren, schleifte ihn in eins, genoss wortreich den Wind.

Wir wohnen hier, dachte Martin verzweifelt. Direkt drüben bei der Feuerwehr. Die Innenstadt ist steil und verstopft wie immer, alles voller Touris, das Fachwerk und die Natursteine sind nur bei Sonne schön, vom Pflaster ganz zu schweigen, denk an deinen Bänderriss. Der Wind ist auch nicht windiger als irgendwo anders wo viel Wind weht und über die Gelatoinflation beschwerst du dich doch sonst mehr als jeder andere. Was macht dieses Zeug mit dir? Wieviel nutzloses Zeug wirst Du heute wieder nach Hause schleppen? Gefilzte Handytaschen in die kein Handy passt? Geschmiedete Nägel die zu lang und breit für irgendeinen praktischen Nutzen sind? Mundgeblasene Christbaumkugeln, die schon beim Auspacken vor Heiligabend zu Staub zerfallen?

Das alles sagte er natürlich nicht laut. Johanna konnte so unglaublich herablassend sein, und er litt an einem High Sensitive Brain. Das hatte er per Selbstdiagnose im Internet herausgefunden. Er war sehr sensibel und verletzlich. Besser, ihr keinen Anlass zu geben.

Er hatte es ertragen. Er hatte es alles ertragen, den Kunsthandwerkerkrempel, die Wir-Covern-Ganz-Woodstock-Band, die Puppenspieler und die Jongleure und ihre enervierend gute Laune. Bis die Vorhaltungen kamen. Da waren sie schon auf dem Weg nach Hause.

„Warum machst du nichts aus Deinem Leben, Martin?“

„Wieso hängst du nur rum, Martin?“

„Schau mich an, Martin. In der Schule hatte ich es so schwer, und jetzt?“

„Martin, Martin, Martin, Martin,“ ein einziges Yattern und Keifen, kaum, dass sie den Neumarkt verlassen hatten (mit zwei neuen, gefilzten Taschen voller handgemachtem…. Wasauchimmer) und den halben Weg nach Hause.

Was war dann geschehen?

Er sah sich wieder an der Schiede stehen, der großen Ausfallstraße. Immer, immer sah er die Szene wie durch einen Filter, einen optischen und akustischen, alles war so fern und dumpf. Langsam auch, Zeitlupenwelt. Machte dass das Eukalyptusbonbon? Oder war es, weil der Schwarze…

Der Lastwagen in der Ferne.

Der dicke Kerl, in den Martin hineingetaumelt war, kraftlos von Sonne und Filz und Martin, Martin, Martin…

„Passt doch auf, ihr Brutparasiten!“

Geiles Schimpfwort, hatte er gedacht, wo hat der das denn her?

„Blablabla, Martin… Blablabla, Martin… Blablabla, Martin…“ Johanna kannte keine Gnade.

Der Lastwagen war grün, näher jetzt.

Wieder an der Schiede. Die Abendsonne schickte einen ersten goldenen Herbstton, fern noch.

Der Lastwagen war laut.

Johanna neben ihm. In diesem Moment hatte er sich vorgestellt, wie es wohl wäre, jetzt die Hände auf ihre Schultern zu legen und – sanft, ganz sanft zuzustoßen. Wenn mit ihr all sein Ärger, der Frust, die Demütigungen auf die Straße fallen würden.

Und gerade bevor der Gedanke wieder in Martins Gedankenbrei versank, stand plötzlich der Schwarze hinter ihr, nickte ihm zu, legte die Hände auf ihre Schultern und stieß zu.

Der Lastwagen war da.

Später hatte er versucht, alles zu erklären. Dass der Schwarze es gewesen war, nicht er. Hatte versucht, es den Polizisten zu erklären. Den Ärzten. Dem Richter. Hatte auf den Schwarzen gezeigt, wie er da, offen und für jeden sichtbar, an der Wand lehnte. Er hatte ihn angeklagt, hatte geschrien und gebettelt. Niemand hatte ihm geglaubt. Sie hatten ihn hierher gebracht…

Der Mann öffnet die Augen wieder. Da ist der Schwarze. Der Mann starrt ihn an.

,,Du bist immer noch da.“

,,Ja.“

,,Geh weg!“

Der Schwarze lacht.

Der Mann springt auf. ,,Geh weg, weg! Weg! Weg!“ Er geht auf den Schwarzen los.

Der Schwarze lacht ihn aus.

Der Mann springt ihn an und schlägt auf ihn ein. ,,Geh weg! Geh weg! Geh endlich, endlich weg! Geh….“

Seine Stimme überschlägt sich, rasend schlägt er auf den Schwarzen ein, trommelt mit beiden Fäusten, tritt ihn, schlägt zu und schreit und schreit und schreit, und der Schwarze lacht, lacht, lacht, und das Lachen wird lauter und lauter und gellt in den Ohren des Mannes, lauter und lauter, das Lachen übertönt alles, wischt alles aus und leerte die Welt.

In der Forensischen Psychiatrie der Psychiatrischen Klinik Hadamar geht ein Pfleger an dem kleinen Raum vorbei, hört das Geschrei und wirft einen kurzen Blick hinein. Er überlegt einen Moment , den Mann ruhig zu stellen entscheidet dann aber, dass es besser ist, wenn er sich austobt. In dem Raum kann er sich nicht verletzen. Der Pfleger lächelt leise. Er wird Julia davon erzählen. Sie hört die Geschichten immer so gerne, die er aus der Psychiatrie mitbringt. Was sie wohl sagen wird, wenn er ihr von dem Mann erzählt? Dem Mann, der brüllend an der Wand steht und auf seinen Schatten einschlägt.

ENDE








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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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