schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 2 – Schneesturm

Wie gestern versprochen stellen Sarah und ich anlässlich der Pandemie jeden Tag ein Stück Geschichte für Euch zum Lesen und Vorlesen (Sarah postet eine Fortsetzungsgeschichte für Kinder) ein. Heute gebe ich Euch meine allererste veröffentlichte Kurzgeschichte aus dem Jahr 2011. Sie ist in dieser Anthologie erschienen:

Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!


Schneesturm

von Michael Schreckenberg

Erstveröffentlichung in „Mord im Dreieck“, JUHRVerlag und Gardez!Verlag, 2011.

Vorspiel – eine Hochzeit im Himmel

Weit, weit im Norden, in den Eismeeren nahe des Pols hatte sich die Braut auf den Weg gemacht, in den Süden, zu ihrer Vermählung. Viele Kilometer über der Nordsee wartete sie nun, kalt, kreisend, auf ihren Bräutigam. Und während sie wartete, erfreute sie den Norden des Kontinents mit bitterkalten, sonnigen Tagen. Hier und da fielen ein paar feine weiße Schneeflocken, nicht mehr, und in Skandinavien und Schottland würde man sich noch lange daran erinnern, mit welch strahlender kalter Schönheit in diesem Jahr der Herbst zu Ende ging und der Winter begann.

Er kam von Süden, einer von mehreren Brüdern, wild, stürmisch. Sie brachten Regen und Wind, doch keine Erfrischung, denn die Luft war lau. Ein ekelhaftes, nasses Ende des Herbstes für die Menschen im Westen und der Mitte Europas. Doch während seine Brüder nach Osten weiter zogen, erlag der Bräutigam, der größte und stärkste von allen, den Lockungen seiner Braut.

Als sie sich gefunden hatten, da begannen sie, gemeinsam zu tanzen. Und sie feierten Hochzeit, und die warme und feuchte Luft, die er mitgebracht hatte, stieg höher und höher, wurde kälter und kälter, und der Schnee, den sie gebar, wurde fort gesogen. Denn der große und gewaltige Sog, der sich mit dem Tanz gebildet hatte, zog ihn mit sich, und Wind und Schnee donnerten auf das Festland zu. An den Küsten Deutschlands und der Niederlande kannten die Menschen das Geräusch, das mit dem Wind kam, und viele der Alten gingen in dieser Nacht nicht ins Bett. Fern von den Küsten aber schliefen sie ruhig und ohne Angst, oder…

…in den ersten Dezembertagen traf ein Tiefdruckgebiet von Süden kommend auf ein polares Hochdruckgebiet über der Nordsee. Wo die Luftmassen aufeinandertrafen, entstand eine Front und davor Wind, der die feuchtwarme Luft nach oben trug. Dort kondensierte sie zu Schnee. Entlang der stationären Front schwoll der Wind auf Orkanstärke an und trug große Schneemassen auf das Festland zu.

Der größte Schneesturm, den Deutschland seit vielen Jahrzehnten gesehen hatte, traf Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – und besonders schlimm sollte es im Bergischen Land werden.

Vanessa

Zumindest regnete es nicht mehr! Vanessa Deutschmann feuerte den Rucksack in den Kofferraum ihres Skoda Fabia, stopfte ein wenig nach, damit er vor die beiden Koffer passte und schlug die Klappe zu. Bis zum Mittag war es klar gewesen, zum ersten Mal seit Tagen, jetzt fiel der Schnee in dicken Flocken. Fenja war aus der Haustür gekommen, ließ sich achtlos beschneien und beobachtete sie schweigend. Vanessa drehte sich zu ihr um. Ja, sie selbst konnte abhauen, das Ganze hinter sich lassen, zur Besinnung kommen. Fenja konnte das nicht einfach so. Vanessa spielte unbehaglich mit ihrem Autoschlüssel. Ihre Mitbewohnerin zeigte auf den Kofferraum.

„Wohin willst Du denn mit dem ganzen Zeug? Ich dachte, Du kommst nach Neujahr wieder.“

„Fenni…“

Fenja lächelte. Es war ein gequältes Lächeln, aber Vanessa verstand, dass es ihr galt. Eine Absolution.

„Mach Dir keinen Kopp“, sagte Fenja. „Ich verstehe Dich total. Ich würde auch abhauen, wenn ich an Deiner Stelle wäre, mit dem Auto schnell zu Hause bei einer Familie, mit der man reden kann.“

„Ich lass Dich echt nicht gerne alleine“, sagte Vanessa. „Die Wohnung ist jetzt so leer, und wenn ich auch noch weg bin…“

„Ach was.“ Fenja lachte, und es klang fast echt. „Alleine an Nikolaus sind drei Partys. Ich suche mir einfach einen netten Typen und schleife ihn mit nach Hause. Oder noch besser – ich ziehe bei ihm ein.“

Sie sahen sich an. Vanessa spürte schon wieder Tränen aufsteigen. Scheiße, sie hatte Kirsten gerade ein paar Monate gekannt. Fenja hatte seit zwei Jahren mit ihr in der WG gelebt. Aber sie konnte nichts dagegen machen. Fenja sah es und nahm sie in die Arme.

„Warum hat sie das getan?“, flüsterte Vanessa – zum vielleicht tausendsten Mal.

„Ich weiß es nicht, Süße“, sagte Fenja – zum vielleicht tausendsten Mal.

Vanessa löste sich. Fenni jetzt auch noch zu zwingen, sie zu trösten wäre der Gipfel des Egoismus. Sie wischte sich über die Augen und rang sich ebenfalls ein Lächeln ab.

„Mach das echt. Mach Dir eine schöne Zeit. Bleib nicht alleine.“

Fenja lachte wieder, herzlich und diesmal völlig ungekünstelt. „Ich komme auch gut alleine zu Recht, mach Dir keine Sorgen.Wir sehen uns bei Facebook. Gute Reise.“

Vanessa nickte. „Klar. Ich gehe gleich heute Abend rein.“

Fenja grinste. „Mach mal, kann sein, dass ich nicht da bin.“ Sie wurde ernst. „Und Du kommst doch wirklich wieder, oder?“

Vanessa nickte entschlossen. „Auf jeden Fall.“

Sie umarmten sich noch einmal, zum Abschied diesmal. „Und ich halte hier die Stellung“, sagte Fenja. „Fahr vorsichtig.“

Eine halbe Stunde später hatte Vanessa Münster längst verlassen und fuhr auf der A1 nach Süden. Es schneite immer noch, daher lief alles etwas langsamer als sonst, aber das störte sie gar nicht. Im Wagen war es warm, Calexico sang, und Schnee konnte sie sowieso nicht schrecken. Sie war im Bergischen Land aufgewachsen – Autofahrten bei Schnee gehörten zu ihren frühesten Kindheitserinnerungen. Sie hatte Zeit, zur Ruhe zu kommen. Endlich.

Was war das für ein Jahr gewesen. Heute vor einem Jahr hatte ihre Hauptsorge noch den Vornoten für das Abi gegolten und der Frage, was sie Lucas zu ihrem Jahrestag schenken sollte. Beziehungsweise zu Weihnachten – am zweiten Weihnachtstag des Vorjahres waren sie ein Paar geworden, endlich, nachdem sie lange daran gearbeitet hatte. Das waren ihre Sorgen gewesen. Nun, ein weiteres Jahr später, suchte sie nach einem möglichst wenig verletzenden Weg, mit Lucas Schluss zu machen. Kurz vor ihrem zweiten Jahrestag. Seit Wochen war das sein Hauptthema in allen Chats und Gesprächen – wie sehr er sich auf den Jahrestag freute und darauf, sie wiederzusehen. Verdammte Scheiße. Und dabei war die Tatsache, dass sie sich in Münster in einen anderen verliebt hatte, noch das kleinere Problem. Verdammt, verdammt.

Dabei hatte alles so gut ausgesehen. Das Abi hatte sie mit Bravour geschafft, besser, als sie selbst es sich zugetraut hatte. Mama und Papa hatten ihr dafür eine Reise nach Großbritannien geschenkt, mit Lucas und – man stelle sich das vor – so lange sie wollten! Fast zwei Monate waren sie unterwegs gewesen und es war traumhaft gewesen, traumhaft von vorne bis hinten, selbst der Streit in Inverness hatte das nicht trüben können, denn die Versöhnung vor der Kulisse des Loch Ness war um so schöner gewesen. Dann war sie nach Münster gekommen, ihre Traumstadt zum Studieren, und alles war so einfach gegangen. Gleich beim zweiten Versuch in einer WG unterzukommen hatte sie Kirsten und Fenja kennengelernt. Die Chemie hatte nicht nur gestimmt, es hatte regelrecht gefunkt. Besser ging es nicht.

Dann hatten die Probleme begonnen. Sie hatte sich in Sven verliebt. Er gehörte zu den älteren Studenten, die den Neuen beim Einstieg in den Fachbereich zur Seite standen. Sie hatte sehr schnell begriffen, dass er einen Narren an ihr gefressen hatte. Und bald hatte sie sich eingestehen müssen, dass das keine einseitige Sache war. Seine freundlichen und zurückhaltenden Avancen abzuweisen kostete sie inzwischen echte Überwindung. Aber sie wollte vorher reinen Tisch mit Lucas machen. Ganz blöde Situation.

Aber das war nichts gegen den Vormittag, als Fenja neben ihrem Bett gestanden und sie geweckt hatte. Es war ein Sonntag gewesen, Vanessa hatte am Abend zuvor gefeiert (und sich von Sven nach Hause bringen lassen und ihn wieder mit einem gehauchten Abschiedsküsschen nach Hause geschickt, verdammt) und so hatte es gedauert, bis sie erkannte, dass Fenjas Gesicht rotgeweint war. Und bis sie begriff, dass die beiden Frauen, die betont pietätvoll vor der Tür warteten, von der Polizei waren. Kirsten hatte sich umgebracht, sagten sie. Von der Autobahnbrücke gesprungen, sagten sie. Gottlob kein Auto getroffen, sagten sie. Sofort tot, sagten sie.

Kirsten. Tot. Selbstmord.

Die folgenden Tage und Wochen hatte sie wie in einem Nebel verbracht. Die verweinten Abende mit Fenja in der Küche, mit diesem schrecklichen, leeren Platz am Tisch. Den Stuhl zu zerschlagen hatte nicht geholfen. Ihr bitteres erstes, selbst gekauftes Trauerkleid. Die Beerdigung, bei der sie nur Nebenfiguren war, obwohl sie Kirsten doch so lieb gehabt hatte, egal, wie kurz sie sich kannten. Sie hatte sich entschlossen, nach Hause zu fahren um dem Nebel zu entfliehen. Nach Hause, nach Burscheid, zu Papa und Mama. Vor allem zu Papa. Er würde ihr helfen. Er hatte immer geholfen. Und alle hatten Verständnis gehabt, die Dozenten, die Vanessas Referate sofort bereitwillig ins neue Jahr verschoben, Sven, dem sie zwei Dates absagte und natürlich auch Fenja, die sie getröstet und ihr eine gute Fahrt gewünscht hatte.

Was für ein Jahr.

Loverman

Sie nannte ihn Sven. Wie alle. Doch in Wirklichkeit war er der Loverman.

Und ihre blöde Kuh von einer Mitbewohnerin war auch nicht von der Autobahnbrücke gesprungen. Nicht gesprungen. Oh nein. Aber das wusste sie nicht, das wusste niemand. Das wusste nur der Loverman.

Und nachdem er diese kleine Sache mit der lästigen Kirsten erledigt hatte, war es nun an der Zeit, sich ganz und gar seiner Liebe zu widmen. Vanessa. Die niedliche kleine Vanessa. So süß. So vielversprechend. So lieb. So rücksichtsvoll. Und so verlogen, das verfluchte Luder. Dabei hatte er diesmal gedacht, dass alles richtig sei. Endlich. Endlich die wahre Liebe. Endlich die richtige Frau. Endlich keine Enttäuschung. Hatte er gedacht. Und oh, wie sehr hatte sie enttäuscht. Wie sehr.

Er war an Enttäuschungen gewöhnt. Bisher hatte noch jede ihn enttäuscht, jede bis auf die allererste. Mareen. Mareen hatte ihn nicht enttäuscht. Na ja, doch ein ganz kleines bisschen. Aber dafür hatte sie nichts gekonnt. Sie war eben schwach gewesen. Er hatte gedacht, sie könnte länger die Luft anhalten. Dass das ganze Gestrampel und Gezappel ein Spiel gewesen sei. War es wohl nicht gewesen, das hatte er dann eingesehen, und es hatte ihm auch wirklich Leid getan. Es war eigentlich ein Unfall gewesen. In der Zeitung hatte es auch so gestanden. Es gab da zwar diesen Staatsanwalt, der anderer Meinung war und ein paar von den Polizisten wohl auch, aber letztlich hatte man sich auf einen Unfall geeinigt. Und das war es ja auch gewesen, nicht wahr? Wie hätte er das denn wissen sollen, damals. Gerade mal 16 war er gewesen, Mareen 14. Wie weiß ihre Haut gewesen war. Regelrecht geleuchtet hatte sie, in dieser Nacht am See. Als sie beieinander gelegen hatten. Wie lebendig er sich gefühlt hatte, wie lebendig sie sich angefühlt hatte. Was für eine Nacht. Und dann waren sie schwimmen gegangen, im See, und er hatte einen Spaß versucht. Und er hatte sich wieder so lebendig gefühlt, anders diesmal, und auch sie hatte sich lebendig angefühlt, anders. Zuerst. Dann nicht mehr. Es war nicht ihr Fehler, er war der erste, der bereit war, das zuzugeben. Ganz alleine sein Fehler. Ein wenig enttäuschend, dass sie so schnell ertrunken war, er hatte das ehrlich nicht gewollt, aber nicht ihre Schuld. Sein Fehler. Und er hatte Glück gehabt – niemand hatte von Mareen und ihm gewusst, der See lag versteckt, ein Geheimtipp für Liebende, und nach ihrer Nacht hatten die Sommerregen eingesetzt. Man hatte sie eine ganze Weile nicht gefunden und niemals hatte jemand ihn verdächtigt.

Sieben Jahre waren seither vergangen.

Und nur Enttäuschungen. Er war wirklich fair gewesen. Er hatte nicht viele ausgewählt, immer nur die besten. Und wie hatten sie ihn enttäuscht. Aber er hatte sie nicht davonkommen lassen. Denn er war der Loverman, und was für Batman das Batmobil war, das war für den Loverman der Lovervan. Am Ende lud er sie stets auf eine Fahrt im Lovervan ein, und dann fühlte er sich wieder lebendig, auf die eine UND die andere Art, und auch sie fühlten sich lebendig an. Eine Weile.

Danach schlummerte der Lovervan, manchmal sehr lange. Er spritzte ihn um, das war ein Ritual, und dann verbarg er ihn. Seit vier Jahren, seit er nach Münster gekommen war, lebte der Lovervan bei Venlo. Er hatte in einem Industriegebiet eine Garage gemietet, genauer gesagt einen Container. Der war garnicht mal teuer. Rot war der Lovervan gewesen, als er ihn gekauft hatte. Blau, als er ihn erstmals in den Container brachte. Dann war er grün gewesen, schwarz und nun war er weiß. Kirsten, die Oberschlaue und Neugierige, war keine Farbe wert gewesen. Sie hatte sich einfach ein wenig zu sehr für eine von den alten Geschichten interessiert. Es war ein blöder Zufall gewesen, dass sie die Mitbewohnerin der niedlichen Vanessa war und doppelt blöd, dass sie so schlau und so neugierig war. Blöd vor allem für sie. Und naiv war die dumme Kuh gewesen, herrjeh. Die hatte erst kapiert, was passierte, als sie schon halb über das Brückengeländer war. So schlau. Und so dumm.

Vanessa die Süße. Vanessa die Verlogene. Als er begriffen hatte, was für ein Drecksstück die miese kleine Schlampe wirklich war, war er nach Venlo gefahren. Letzte Woche war das gewesen. Und nun fuhr der Lovervan auf der A1, mal sechs, mal sieben, mal acht Autos hinter dem Miststück in seinem Skoda. Ruhig. Der Loverman hatte keine Eile.

Kalli

Während Vanessa Deutschmann trauernd und grübelnd nach Hause fuhr und Sven – aka Der Loverman – ihr mit einem Mord brütenden, kranken Gemüt folgte, war Kalli Strugatzki noch allerbester Dinge. Er dachte nicht an Liebe und er dachte nicht an Schmerz. Denn was die Liebe betraf war alles in bester Butter. Er war glücklich verheiratet mit seiner Steffi, sie hatten zwei prachtvolle Jungs, jeder eine Zierde seiner Mannschaft in der D- und der F-Jugend. Vor allem aber – und das war am wichtigsten – Schalke war der zweite Platz bis zur Winterpause nicht mehr zu nehmen. Gestern hatten sie die Münchner Bayern geschlagen, 3:0 zu Hause und Kalli war natürlich dabei gewesen, jawoll! Bayer Leverkusen war zwar acht Punkte in Front, aber was mit Vizekusen regelmäßig in der zweiten Saisonhälfte passierte, das wusste ja jeder. Diese Saison würde es endlich, endlich, endlich gelingen. Die Zukunft sah rosig aus.

Umso lieber hatte Kalli die Einladung von Ingo und seinen Jungs angenommen. Er war nach Wuppertal gekommen, um den WSV zu unterstützen, um der Alten Zeiten willen. Und jetzt stand er hier, im Stadion am Zoo, inmitten der Verbündeten aus der wilden Zeit, und Wuppertal tütete die Spackos von Preußen Münster ein. 4:0 schon zur Halbzeit. Der Schnee fiel inzwischen dicht und der Wind wurde kälter und kälter, aber das merkte Kalli kaum. Ihm war warm ums Herz.

Vanessa

Als es über sie kam, war Vanessa wenige hundert Meter von der Autobahnabfahrt Wuppertal-Barmen entfernt. Der Verkehrsfunk hatte vor Schnee, Eis und einem Monsterstau auf der A1 gewarnt, von Langerfeld bis nach Wermelskirchen. Es war jedes Jahr das selbe. Ein Paar Idioten aus dem Ruhrgebiet oder vom Rhein wussten nichts vom Winter und fuhren noch im Dezember mit Sommerreifen durch die Gegend. Dann setzte der Schnee ein und irgendwo, idealerweise in der Dauerbaustelle bei Remscheid, krachte es. Der Monsterstau war die unvermeidliche Folge. Vanessa hatte die Möglichkeit einkalkuliert, war im Kreuz Wuppertal-Nord auf die A46 gewechselt und folgte jetzt ihrer B-Route. Bei Haan würde sie die Autobahn verlassen und dann über Ohligs und Leichlingen nach Burscheid gelangen. Nichts leichter als das.

Mit einem Mal war der Himmel gelb. Die Schneeflocken fielen heftiger und Vanessa hatte noch Zeit, sich zu wundern. Gelber Himmel – war es dafür nicht etwas früh am Tag? Was als nächstes kam überstieg all ihre Erfahrung. Für einen Moment wähnte sie sich in einem Film, einem alten Western, denn dieses Geräusch… war das eine Dampflokomotive? Waren das hundert Dampflokomotiven? Und rasten sie direkt auf sie zu? Was zum…

Es wurde dunkel und Vanessa trat instinktiv auf die Bremse und riss die Hände vors Gesicht. Ihr Kleinhirn hatte das Kommando übernommen und erwartete, dass sie im nächsten Moment von etwas Gewaltigem getroffen wurde. Sie hatte Glück. Die Sturmfront rüttelte den kleinen Wagen kräftig durch, aber er fiel nicht um und schleuderte auch nur ein wenig. Nicht all Autofahrer kamen so glücklich davon. Eineinhalb Kilometer vor Vanessa stürzte ein Kleintransporter um, überall fuhren die Wagen ineinander. Der Verkehr gerann. Später würde es Bilder geben, in allen Nachrichtensendungen, von Helfern, wie sie sich zu den Menschen vorkämpften, die auf den Autobahnen gestrandet waren, sie mit Suppe, Tee und Decken versorgten, Verletzte bargen und Kinder trösteten. Und überall würde von einem Wunder die Rede sein. Dieser verheerende Schneesturm, wenn überhaupt, dann nur vergleichbar mit dem Winter 1978/79 oder den Blizzards in Nordamerika. Und bei all dem – nur ein einziges Todesopfer. Ein Wunder!

Noch aber war nicht die Zeit für Nachrichten und Bilanzen. Für Vanessa hatte der große Schneesturm gerade erst begonnen, und sie tat das einzig Richtige. Als die Front vorbei war hatte sie den ersten Schock verdaut. Der Wind heulte unirdisch laut, Schnee wirbelte so wild, als hätte jemand das Gebläse Gottes eingeschaltet und draußen war oben nicht von unten zu unterscheiden. Aber hier, im Auto, war es immer noch warm. Unten war der Boden, oben das Dach und vor ihr die Windschutzscheibe, wie es sich gehörte. Die Scheibenwischer taten ihren Dienst, weitgehend wirkungslos aber beruhigend. Wieder sang Calexico. Sie versprachen „Service und Repair“. Das mochte später nötig werden, jetzt galt es erstmal, von der Autobahn herunter zu kommen. Und die Barmer Abfahrt war nah. Sie trat versuchsweise aufs Gas, die Reifen drehten kurz durch, aber dann setzte der Fabia sich in Bewegung. Braves kleines Auto. Vanessa drehte die Musik etwas lauter, um das Gejaule des Windes so gut es ging zu übertönen. Im Schritttempo fuhr sie Slalom um stehen gebliebene Autos, tastete sich bei einer Sicht von zwei, vielleicht drei Metern vorwärts, versuchte, sich möglichst rechts zu halten, um die Ausfahrt nicht zu verpassen. Dann wurde die Sicht ein klein wenig besser, und sie erkannte erstaunt die blaue Bake mit den zwei weißen Streifen. Nur noch 200 Meter. Vor sich auf dem Standstreifen sah sie einen kleinen Konvoi aus mehreren Autos, der auf die Abbiegespur zuhielt, dem schloss sie sich an. Die lange Kurve auf der Abfahrt machte es noch einmal schwierig, ihr Wagen drohte auszubrechen, aber sie brachte ihn in die Spur zurück. Als Papa und Mama ihr im Sommer einen Zuschuss zu ihrem ersten Auto gegeben hatten, da nur unter der Bedingung, dass sie auch einen neuen Satz Winterreifen kaufte. Sie hatte das albern gefunden, ein Kumpel von Lucas hätte ihr Gebrauchte besorgen können, viel billiger. Damals, im Juni, hatte sie ihre Eltern spießig gefunden. Jetzt dankte sie ihnen im Stillen.

Die Lage besserte sich ein wenig, fand Vanessa. Der Himmel war nicht mehr nachtschwarz, sondern nur noch tiefdunkel, gelblichgrau. Der Wind nahm zwar immer noch an Stärke zu, aber das bedeutet auch, dass er die Schneeflocken noch schneller verwehte – die Sicht wurde ein klein wenig besser. Sie fuhr die Carnaper Straße hinab, langsam und vorsichtig, denn der Schnee lag hier bereits dick. Ihr Konvoi hatte sich schon an den ersten beiden Kreuzungen nach der Autobahn aufgelöst, aber zwei Wagen waren noch vor Vanessa. Der erste, ein großer Geländewagen, spurte eine Bahn, auf der sie halbwegs sicher folgen konnte.

Während sie gemächlich in die Stadt hinab rutschte, an den Stadtwerken vorbei und der Wupper zu, kam ihr der Gedanke, dass sie keine Ahnung hatte, was sie nun tun sollte. Daran, den Weg fort zu setzen, egal ob über Land oder die Autobahn, war nicht zu denken. So gut kannte sie ihr Bergisches Land – es war gerade dabei, sich in eine Inselwelt innerhalb eines Schneemeeres zu verwandeln. Die Fähren zwischen den Inseln würden bald wieder fahren, die Winterdienste waren tüchtig – aber erst bald. Vorerst war sie auf einer der größeren Inseln gestrandet. Was wusste sie über Barmen? Beschämend wenig. Ihre Eltern waren begeisterte Anhänger des Wuppertaler Dunkel und ein Familienausflug ins Barmer Brauhaus stand mindestens einmal im Halbjahr an, seit sie acht oder neun Jahre alt gewesen war. Als Kind hatte sie das noch toll gefunden, die Atmosphäre in dem alten Schwimmbad, das lebendige Modell der Schwebebahn und natürlich die Pommes, die viel besser waren als irgendwo sonst. Aber spätestens seit sie 14 gewesen war, hatte sie Barmen langweilig gefunden. Die Pommes waren immer noch gut und hier hatte sie ihr erstes offizielles Bier trinken dürfen, aber – Wuppertal? Barmen? Sie war in Leverkusen zur Schule gegangen und hatte sich als halbe Kölnerin gefühlt. Wer wollte denn nach Wuppertal? Nun wünschte sie sich, sie hätte sich ein wenig besser mit der Geographie Barmens befasst. Hinter ihr waren Hügel, vor ihr waren Hügel und dazwischen das Tal und die Wupper. Und in der Nähe der Wupper das Rathaus und das Brauhaus. Ein ziemlich dürftiges Wissen, in Vanessas Situation.

Ihr Instinkt, der natürliche Instinkt des Tieres, das eine vertraute Höhle sucht, leitete sie auf bekannte Pfade. Sie folgte der Carnaper Straße und dem Steinweg bis ganz hinunter ins Tal, dann bog sie links ab. Vanessa dachte nicht an das Brauhaus oder an die Fußgängerzone, sie erinnerte sich an die Parkplätze am Wupperufer, die ihr plötzlich sehr verlockend erschienen. Anhalten. Sicher stehen. Einen neuen Plan entwerfen. Sie nahm den ersten am St. Etienne-Ufer, direkt über der Wupper. Eine Parklücke zu finden war nicht schwer, hier standen nur zwei Autos. Auch die Barmer kannten ihren Winter. Sie hatten sich aus der Innenstadt verzogen als Wind und Schnee stärker geworden waren, lange, bevor der eigentliche Sturm gekommen war. Nun waren die Straßen leer, als seien alle Menschen mit einem Mal verschwunden. Vanessa schaltete den Wagen ab und ließ sich in den Sitz zurück fallen. Was nun?

Loverman

Es gab keine Naturgewalt, die den Loverman aufhalten konnte! Nun gut – als die Walze anrollte, verwandelte sich der Loverman kurzzeitig wieder in Sven, einen verängstigten 23jährigen Studenten, der mit Blizzards genauso wenig Erfahrung hatte wie jeder andere, den er kannte. Der Sturm verdunkelte die Welt, reduzierte den Lovervan wieder auf einen alten Ford Transit und schüttelte ihn heftig durch. Das Equipment im Laderaum klirrte und krachte, Sven stieß sich den Ellenbogen schmerzhaft an der Fahrertür, aber schlimmer wurde es nicht.

Der Loverman wurde wieder ruhig. Er war ein Jäger. Ein Liebender. Er fürchtete sich nicht vor Naturgewalten, er war eine Naturgewalt. Er erinnerte sich an die Erste nach Mareen. Die erste Fahrt im Lovervan. Das war auch im Winter gewesen. Sophie hatte sie geheißen. Sophie. Süßes kleines Miststück. Sie hatten nie miteinander gesprochen. Der Loverman war noch nicht stark gewesen damals. Er hatte seine ganze Kraft noch nicht gekannt. Er ahnte davon, seit der Nacht am See, aber er war noch unsicher gewesen. Sophie. Er hatte sie aus der Ferne geliebt. Seit dem Sommer. Der kurze Rock. Und das Top. Als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Er war danach oft in ihrer Nähe gewesen. Und sie hatte ihm Zeichen gegeben, das verruchte Stück. Ein Blick im Biergarten. Eine Bewegung hinter ihrem Fenster. Ein aufreizender Hüftschwung im Supermarkt. Sie hatte ihn eingeladen.

Aber hatte sie sich im geschenkt? Hatte sie sich ihm gegeben, ganz und gar? Nein. Statt dessen hatte sie mit ihrem so genannten Freund herumgehurt. Mehr als einmal, er hatte sie beobachtet. Sie hatte sich ihm versprochen, aber hatte sie das Versprechen eingelöst? Nein. Also hatte er es eingelöst, nach Monaten der Geduld. An einem Winterabend hatte er sie nach ihrer Arbeit abgepasst. Sie hatte die Ahnungslose gespielt, die Ängstliche. Verruchtes Stück. Er hatte sie in den Lovervan gezogen und er hatte ihr gezeigt, was Liebe ist. Und Kraft.

Seither hatte er den Lovervan ebenso stetig verbessert wie seine Technik. Er wurde immer besser. Und die köstlichen Schäferstündchen im Lovervan wurden immer länger. Und nun würde er wieder im Winter lieben, zum ersten Mal seit damals. Oh, es würde traumhaft werden. Er war ein Genießer.

Im dichten Schneegestöber hatte er Vanessas Fabia lange aus den Augen verloren, aber der Loverman war ein Jäger. Und er folgte seinem Instinkt, der ihm sagte, dass sie die Autobahn verlassen hatte. Sicher, sie war ja ein kluges Mädchen. Wie hieß die Ausfahrt hier? Wuppertal-Barmen. Na, wie auch immer. Ebenso langsam wie Vanessa einige Zeit vor ihm fuhr er zur Abfahrt, anderen Fahrzeugen ausweichend, in der Spur, die Vanessas kleiner Konvoi ausgefahren hatte. Vorsichtig folgte er der langen Kurve und kam an die Ampel am Ende der Ausfahrt. Die Ampel zeigte Rot. Sonst war nichts zu sehen, kein Mensch, kein Auto, die Gebäude ringsum verwischte Spuren im wirbelnden Schnee. Der Loverman fuhr seine Antennen aus. Spürte die Atmosphäre. Und sein Jagdinstinkt deutete in eine Richtung. Ja. Er spürte sie. Er spürte sie fast so, als hielte er sie schon im Arm. Oh Vanessa. Ihr stand Unvergessliches bevor.

Von seinem untrüglichen Jagdinstinkt geleitet setzte der Loverman den Blinker nach rechts und bog von der Carnaper Straße ab in Richtung Klinikum.

Kalli

Was für eine verschissene Drecksstadt das doch war! Kalli stapfte durch den Schnee und fluchte. Laut. War je eh keiner da, der ihn hören konnte. Kein Mensch weit und breit, er war offenbar der einzige, der in dieser mistigen Stadt noch unterwegs war. Und nicht, dass er besonders freiwillig unterwegs gewesen wäre. Der Wind blies ihm den Schnee ins Gesicht und unter die Klamotten, feucht, kalt, und er hatte noch einen verdammt langen Trampel vor sich. Gott, wie er Wuppertal hasste.

Es hatte mit dem Spielabbruch angefangen. Beim Stand von 6:1 in der 72. Minute, das musste man sich mal vorstellen. Wegen dem bisschen Schnee. Typisch Unterklassenfussball, blöde Weicheier. Ingo hatte besorgt ausgesehen und Kalli angeboten, ihn mit nach Hause zu nehmen. Aber soweit kam das noch. War es nicht Ingo selbst gewesen, der ihm empfohlen hatte, den Wagen in Barmen abzustellen und bequem mit der Schwebebahn zum Spiel zu kommen? Na also. Er würde sich also wieder in die blöde Schwebebahn setzen, zurück zu seinem Auto fahren und dann nach Hause, nach Gelsenkirchen, wo es ein richtiges Stadion gab, in dem auch bei schlechtem Wetter gespielt wurde und wo Steffi mit Kaffee und Kuchen warten würde. Und sein Kleinster, Marcel, würde von seinen Heldentaten beim Adventsturnier der F-Jugend berichten. Was sollte er auch nur eine Minute zu lange in Wuppertal?

So weit der Plan. Dann allerdings war die verdammte Schwebebahn, dieser Ersatzverkehr für Städte, die zu doof für eine Straßenbahn waren, nur bis zum Hauptbahnhof gefahren. In Elberfeld, einem der vielen Käffer, aus dem dieses Oberkaff hier zusammengesetzt war. Wegen eines Schneesturms in Orkanstärke, wie der fliegende Busfahrer gesagt hatte. Orkan! Schneesturm! Wo waren wir denn hier, im verfickten Kanada?

Nun ja – der Orkan war wirklich gekommen. Er hatte Kalli fast umgerissen, im ersten Moment hatte er sich an einem Laternenmast festhalten müssen. Dann war er noch wütender geworden. Reichte es denn nicht, dass er den ganzen Weg vom dämlichen Elberfeld ins beschissene Barmen laufen musste, dass sie ihm die Siegesfreude gestohlen hatten, um ihn dann in Schnee und Kälte auszusetzen? Mussten sie ihn denn, verdammt nochmal, auch noch in den Dreck werfen? Er dachte an Marcel, den Kleinen. Was war denn jetzt mit dem Adventsturnier? Hatten sie es in die Halle verlegt? Und wenn nicht? Stürmte es zu Hause auch so? So ein Wind schmiss die kleinen Stöpsel doch um. Er zückte sein Handy und wählte erst die Festnetznummer zu Hause, dann Steffis Mobilnummer. Niemand ging ran. Nicht ganz logisch gab Kalli auch dafür dem Wetter im Allgemeinen und Wuppertal im Besonderen die Schuld. Kalli war sehr wütend.

Es hatte eine Zeit gegeben, bevor er Steffi gekannt hatte, lange bevor er Leiter der Sanitärabteilung im Baumarkt geworden war und sehr lange vor Kevin und Marcel, da hatte man Kalli unter Eingeweihten den „Gentleman“ genannt. Nicht, weil er besonders höflich gewesen wäre. Es war eher eine Anspielung auf das Gerücht, er habe eine Zeit in England verbracht und sei Mitglied der „Red Army“ gewesen, der berüchtigten Footballfirm von Manchester United. Das stimmte nicht so ganz. Genaugenommen hatte er nur mal eine Ferienfreizeit in England verbracht, und in Manchester war er nie gewesen. Aber er tat nicht viel dafür, diesen Irrtum aufzuklären. Im Gegenteil. Zu jener Zeit kam es nicht selten vor, dass gestandene Hooligans gegnerischer Teams lieber die Flucht ergriffen, als dem Gentleman entgegen zu treten. Er hatte für Blau und Weiß gekämpft, und er war eine Macht gewesen.

Und der Mann, der jetzt fluchend am Wupperufer entlang in Richtung Barmen stapfte, den Kragen hoch schlug und dem Wind trotzte, ähnelte sehr dem Gentleman aus der wilden alten Zeit.

Vanessa

Die Kellnerin war ein freundliches Mädchen in Vanessas Alter, und als sie ihr die dampfende Tasse mit schwarzem Tee und einen Teller mit einem Stück Apfelstrudel brachte, erschien sie Vanessa geradezu engelhaft. Sie lächelte die Kellnerin so erlöst an, dass diese fast verlegen wurde.

„Scheiß Wetter, oder?“

„Gar kein Ausdruck“, sagte Vanessa, schnupperte am Tee, lächelte noch glücklicher und versuchte ein Stück vom Strudel. Ach, war der lecker. Gut.

Die Kellnerin nickte ihr noch einmal zu und ging in Richtung Tresen, um sich mit der Frau dahinter zu unterhalten. Viel Arbeit hatten sie nicht. Vanessa wunderte sich, dass außer ihr überhaupt noch Gäste im Kaffee waren. Auf einer der Bank hinten an der Wand saß ein Pärchen. Die beiden mochten 16 sein, vielleicht jünger, und sie waren völlig ineinander versunken. Der einzige andere Gast war ein schmaler Mann um die 30, der aus dem Fenster schaute und den Schnee zu beobachten schien. Ein einziges Mal hatte er sich zu Vanessa umgedreht. Auf seiner Stirn trug er eine große Narbe, und die schwarzen Augen darunter blickten so stechend und durchdringend, dass Vanessa erschrak. Doch nur für einen Moment. Dann lächelte der Mann und wandte sich wieder ab. Es gehörte zu Vanessas Gewohnheiten, dass sie sich die Zeit damit vertrieb, wildfremde Menschen zu beobachten und zu fiktiven Geschichten zu verknüpfen. Doch hier wollte ihr das nicht gelingen. Die Kellnerin, das Pärchen, der Mann mit der Narbe und sie selbst – der Sturm hatte sie alle aus ihren persönlichen Geschichten gerissen und hier zusammengeweht. Bald würden sie wieder unterschiedliche Wege gehen.

Was ihre eigene Geschichte betraf, so war sie bisher nur frustrierend gewesen. Auf dem Parkplatz an der Wupper hatte sie versucht, ihre Eltern zu erreichen, erst zu Hause, dann auf den Handys, aber weder Mama noch Papa waren ran gegangen. Dann hatte sie das Auto verlassen, aus dem unbestimmten Drang heraus, irgend etwas zu tun, nicht einfach im Wagen sitzen zu bleiben, der mehr und mehr auskühlte. Sie sehnte sich plötzlich danach, Menschen zu sehen, sich zu vergewissern, dass sie nicht alleine war in dieser Welt aus Sturm und Schnee.

Als sie aus dem Auto stieg, griff der Wind sofort wütend an. Sie hatte damit gerechnet, aber nicht so. Sie schwankte und hielt sich am Wagen fest. Eine weitere Böe warf sie gegen das Auto neben ihrem Fabia, so heftig, dass der Aufprall den Schnee von den Rücklichtern und dem Nummernschild schüttelte. GE – KS. Aus Gelsenkirchen. Der würde auch Schwierigkeiten haben, nach Hause zu kommen. Vanessa fasste sich, zog die Kapuze hoch und wickelte sich den Schal um Mund und Nase. Das war besser. Sie erkannte nun das Geräusch, mit dem die gemeinsten Windstöße kamen und pendelte sie aus. So überquerte sie schwankend die große Hauptstraße, und hielt sich immer grob in Richtung Johannes-Rau-Platz, in Richtung der einzigen Gegend, die sie hier kannte.

Vanessa ging zwischen einem Blumenladen und einem Musikaliengeschäft hindurch, eine zugige, schmale Straße entlang und kam in die Fußgängerzone. Rechts neben ihr war ein Schuhgeschäft, links eine Buchhandlung. Vanessa zögerte kurz und wandte sich dann nach links. Das war nicht die klügste Wahl, denn jetzt schlug der Sturm ihr direkt ins Gesicht, stürzte sich auf das bisschen Haut zwischen Kapuze und Schal und stach und brannte mit sadistischer Lust. Dennoch wandte sich Vanessa nicht ab. In diese Richtung lagen Rathaus und Brauhaus, am Ende der Straße war ein Saturn. Manchmal war sie mit ihren Eltern vor dem Brauhaus dort gewesen, und die Besuche hatten sich immer gelohnt. Außerdem, so erinnerte sie sich, war auf dem Johannes-Rau-Platz vor dem Rathaus im Dezember immer Weihnachtsmarkt. Jetzt ein Glühwein, und die Welt würde freundlicher aussehen.

Natürlich hatte sie sich verrechnet. Die Buden das Weihnachtsmarktes standen zwar dort, aber sie waren dunkel und verrammelt, schon schneebedeckt und mit wachsenden Schneewehen an den windzugewandten Seiten. Kein vernünftiger Mensch würde bei dem Wetter in so einem kleinen Verschlag ausharren.

Aber da war das Cafe. Und dort brannte Licht, und dort waren Menschen. Vanessa ging hinein, kurz stach die Wärme in ihr durchgefrorenes Gesicht, dann wurde es wohlig und behaglich. Sie zog Jacke und Schal aus, setzte sich an eines der Tischchen und rieb sich die Hände. Ja, das war gut. Besser als das Auto, viel besser als draußen.

Sie hatte den Strudel halb aufgegessen und schon zweimal am Tee genippt, als das Handy losging. Es war Papas Klingelton – „Peggy Sue“ von Buddy Holly, seit einigen Monaten sein Lieblingslied. Vanessa schrie fast, so erleichtert war sie.

„Papa?!“

„Zaubermaus, Du hast angerufen? Tut mir leid, ich konnte eben nicht ans Handy. Ich bin in Köln, total eingeschneit, hier geht gar nichts mehr. Werde wohl die Nacht über hier bleiben müssen.“

„Ja, Papa, ich bin auch eingeschneit.“ Oh, wie beruhigend es war, wie himmlisch, seine Stimme zu hören. Jetzt würde alles gut werden. Sie plapperte los wie ein kleines Mädchen.

„Ich war auf der Autobahn, ich wollte nach Hause und dann kam dieser Schneesturm und jetzt sitze ich hier fest und ich habe keine Ahnung, wie ich nach Hause kommen soll, und ich habe Mama nicht erreicht und Dich auch nicht und…“

„Ja, Mama ist bei Beckers“, sagte ihr Vater und Vanessa hörte, dass er nachdachte. „Wo bist Du denn? Bist Du denn nicht mehr in Münster?“

„Nein, ich wollte nach Hause. Wegen… wegen Kirsten und allem… ich dachte… ich wollte eben nach Hause.“

„Ja, kann ich verstehen.“ Er lachte. „Hast Dir ja einen tollen Tag dafür ausgesucht. Wo bist Du denn jetzt.“

„In Barmen.“

„In Ba.. was machst Du denn da?“

„War ein Umweg, Stau auf der A1. Und als der Sturm kam wollte ich von der Autobahn.“

„Ja, das war richtig.“

„Was soll ich denn jetzt machen?“

Eine lange Pause, Andreas Deutschmann machte nachdenkliche Geräusche. Vanessa kannte das. Sie wartete.

„Barmen, sagst Du?“, fragte er schließlich. „Wo in Barmen?“

„In dem Cafe da am Rathausplatz.“

„Ah, okay. Hör zu Kleines, das ist kein Problem. Ganz bei Dir in der Nähe ist ein Hotel. Hotel König, kennst Du das?“

„Nee, woher denn?“

„Ist auch egal. Du kannst es gar nicht verfehlen. Du gehst von der Fußgängerzone zurück zur Höhne, der Hauptstraße, weißt Du? Das Hotel ist ganz nah bei dem kleinen Parkplatz, wo wir manchmal stehen, wenn wir zum Brauhaus gehen. Kennst Du den?“

Vanessa ging ein Licht auf. Deshalb war ihr der Parkplatz so bekannt vorgekommen.

„Klar. Da stehe ich jetzt auch.“

„Ah, gut. Neben dem Parkplatz führt eine Straße über die Wupper, Rollingsirgendwas. Und auf der anderen Seite dieser Straße, am Gemarker Ufer, parallel zur Höhne, kommt ganz bald das Hotel. Kannst Du echt nicht verfehlen. Rote Markise.“

Vanessa grinste. Warme Erleichterung durchflutete sie. „Rot-Weiß, jetzt wohl eher.“

Ihr Vater lachte. „Vermutlich. Was machst Du in dem Cafe?“

„Tee trinken, Apfelstrudel essen.“

„Kluges Kind. Iss in Ruhe zu Ende und dann geh in das Hotel. Ich rufe da an, reserviere Dir ein Zimmer und kläre das mit der Bezahlung. Ist alles geregelt, wenn Du da ankommst.“

„Danke Papa.“

„Dafür nicht. Tschüss Zaubermaus.“

Vanessa schickte einen Kuss durchs Telefon und beendete die Verbindung. Sie war gerettet.

Loverman

Hätte Sven ein Ziel gehabt, so hätte er sich inzwischen heillos verfahren. Er war am Klinikum vorbeigefahren, bis die Straße in einer Sackgasse endete, hatte gewendet, war abgebogen, hin und her gefahren, unter der Autobahn hindurch und wieder zurück, hatte eine Bahnstrecke gefunden und war ihr gefolgt, bis auch diese Straße in einer Sackgasse endete. Wieder zurück und hin und her, über Straßen, die immer tiefer im Schnee versanken. Der Transit schleuderte hin und wieder bedenklich, auch die Reifen drehten manchmal durch, aber Sven bekam ihn immer wieder frei. Manchmal ließ der Schneefall etwas nach, dann war die Sicht besser, manchmal flaute der Wind etwas ab, das brachte Erholung von dem enervierenden Geheule, aber eine wirkliche Besserung gab es nicht. Aber Sven merkte wenig von seiner sinnlosen Irrfahrt durch das Barmer Hinterland. Denn er war der Loverman.

Und der Loverman folgte seinem sicheren Jagdinstinkt. Er führte ihn auf seltsame Wege und er fragte sich des Öfteren, was Vanessa wohl mit dieser kruden Fahrt beabsichtigt hatte. Aber war es nicht immer so? Waren sie nicht geheimnisvoll? So süß. So fremdartig. So verdorben. Er würde noch früh genug erfahren, warum sie ihn so seltsame Pfade geführt hatte. Er würde sie fragen. Und sie würde antworten. Natürlich würde sie sich zuerst weigern. Sie würde leugnen, sich zieren, kokettes kleines Ding. Aber letztlich würde sie antworten. Das taten sie doch immer.

Lächelnd erinnerte er sich an Dunja. Da war der Lovervan grün gewesen, grün wie der Frühling und ja, im Frühling hatte er sie geliebt. Nach Sophie und vor Dunja hatte es eine Anke gegeben. Bei Anke war er schon mutiger gewesen, er hatte sie zweimal angesprochen. Und natürlich war sie ihm ebenso verfallen wie Sophie, hatte ihm ebensoviel versprochen – und ihn ebenso enttäuscht. Mit Dunja hatte er ein paarmal in der Mensa gesessen, natürlich nicht alleine, dafür war er zu scheu, immer noch. Aber sie gehörten zum selben Kreis, ebenso Kirsten, deshalb war die plötzlich so lästig und neugierig gewesen, als die Sache mit ihm und Vanessa vielversprechender wurde. Viel-Verprechende, oh ja. Und dann hatte er das mit diesem Lucas in Leverkusen erfahren. Und wohin wollte sie nun, na? Versprochen, gebrochen. Was für eine Enttäuschung.

Aber Dunja… auch an sie hatte er Fragen gehabt. Viele Fragen. Und wie sie geleugnet hatte, wie feurig und zornig, wie vital, immer noch, auch nach einigen Stunden wilder Liebesspiele im Lovervan. So ausdauernd waren die anderen beiden nicht gewesen. Er hatte gefragt. Sie hatte geleugnet. Bis die Zange kam. Und der Tauchsieder. Letztlich antworteten sie alle. Auch Vanessa würde antworten.

Der Loverman erwachte aus seinen seligen Erinnerungen und merkte erstaunt, dass sein Jagdinstinkt ihn zurück auf eine große, breite Straße geführt hatte. Es dauerte eine Weile, bis er ein Straßenschild fand, das nicht zugeschneit war. Friedrich-Engels-Allee. Aha. Links von ihm der Fluss und das verlassene Gerüst der Schwebebahn. Rechts ein großes Gebäude, das – durch den Schnee auf seine ursprünglichen Formen reduziert – befremdlich nach dem Bauklötzchenspiel eines Riesenkindes aussah. Großes rechteckiges Klötzchen, ein Halbrundes darauf und zwei davor, obendrauf ein Dreieck, fertig. Der Lovervan fuhr langsam vorbei und der Loverman lächelte. Sie war nun nah, das fühlte er.

Er folgte der Straße, über eine große Kreuzung und unter der Schwebebahn hindurch weiter an einem Parkplatz vorbei und …

… da war sie. Nicht sie selbst, aber ihr Auto. Und war das Geschick nicht wieder auf seiner Seite? Wäre es nicht Winter gewesen, die Bäume hätten den Parkplatz vor seinem Blick abgeschirmt. Wäre es nicht so kalt gewesen, es hätten sicher mehr Autos dort gestanden. Und hätte es nicht so geschneit, er wäre viel schneller gefahren und ihm wäre vielleicht gar nicht aufgefallen, dass eines der Autos weniger eingeschneit war als die anderen beiden auf dem Parkplatz. Man konnte sogar noch erkennen, was es für ein Auto war. Ein Skoda Fabia. Hellgrün.

Der Loverman lächelte, legte den Rückwärtsgang ein – denn das Schicksal meinte es gut mit ihm und niemand war auf dieser großen, breiten Straße außer ihm – fuhr einige Meter zurück, bog in den Parkplatz ein und parkte den Lovervan, nur einen Wagen von Vanessas Skoda entfernt. Jemand hatte die Rücklichter und das Nummernschild des anderen Autos freigewischt und der Wind hatte sie frei gehalten. Ein Gelsenkirchener Wagen. Nun, wen interessierte das?

Der Loverman ging zu dem kleinen, grünen Auto und vergewisserte sich, dass es wirklich Vanessas war. Ja, unverkennbar. Er war ja schon mit ihr darin gefahren. Hatte ihn ganz schön heiß gemacht, das kleine Luder. Er nickte zufrieden, ging zurück zum Lovervan, öffnete die hintere Tür und überprüfte den Laderaum. Alles in bester Ordnung, das Bett, die Schließen, die Fesseln, das Spielzeug, der Generator. Diesmal hatte er rosa Bettwäsche aufgezogen, er wollte, dass es romantisch war. Das passte zu Vanessa.

Alles passte so gut ineinander, alles lief so glatt und problemlos, dass es ihm Schauer der Wonne durch den Körper jagte, trotz all der Kälte, trotz des Windes und des Schnees. Er wusste nicht, wo sie jetzt war, aber sie würde kommen, wenn er rief.

Komm raus, komm raus, wo immer Du bist!

Der Loverman holte sein Handy aus der Tasche – prepaid, man war ja trotz allem vorsichtig – und wählte die Nummer.

Vanessa

Vanessa war schon dabei, sich ein heißes Bad einzulassen, als sie es merkte. Das Handy war weg. Verdammt!

Sie suchte das ganze Hotelzimmer ab, aber das war pro forma. Sie wusste sofort, wo sie es verloren hatte. Es musste ihr aus der Jackentasche gefallen sein, als sie den Rucksack aus dem Auto geholt hatte. Sie hatte es sogar gehört – aber sie hatte gedacht, es wäre einer ihrer Stiefel gewesen, die sie am Rucksack befestigt hatte und die dauernd gegen den Rand des Kofferraums schlugen, während sie das schwere Ding auflud. Verdammtes Pech. Dabei war alles andere so gut gelaufen.

Sie hatte aufgegessen, der netten Kellnerin ein exorbitantes Trinkgeld gegeben und war zurück zu dem Parkplatz gegangen. Genau genommen hatte sie sich gegen den wieder erstarkten Wind zu ihrem Wagen zurück gekämpft, aber ihr war es wie ein Spaziergang erschienen. Alles war gut. Die Deutschmann-Family hielt zusammen, wie immer, und wieder war ein Problem gelöst. Sie hatte den Rucksack aus dem Fabia geholt (und dabei das Handy verloren, verdammt!), die Koffer brauchte sie nicht. Dann war sie, Papas Beschreibung folgend, zum Gemarker Ufer gegangen und ja, da war das Hotel. Eine nette Rezeptionistin, die ein wenig wie eine ältere Version der netten Kellnerin aussah, hatte sie in Empfang genommen („Hallo Frau Deutschmann, Ihr Vater hat schon angerufen, schön, dass sie es geschafft haben, bei dem Wetter.“) und dann war sie in dieses hübsche kleine Zimmer gekommen, mit Bad und allem, und das war ein echtes Fest nach all der Kälte und der Nässe und dem Sturm und der Angst. Sie hatte sofort das Wasser in der Badewanne aufgedreht und wollte eben Papa Bescheid geben und sich nochmal bedanken und… tja. Da war kein Handy.

Vanessa erwog kurz, es im Wagen zu lassen und einfach über das Zimmertelefon anzurufen. Aber dann erinnerte sie sich, dass sie Fenja versprochen hatte, bei Facebook reinzuschauen und sie pflegte, ihre Versprechen zu halten. Außerdem wollte sie auch nochmal ihre Mails checken. Insgeheim hoffte sie auf eine Nachricht von Sven. Also seufzte sie einmal tief, drehte das Wasser wieder ab, zog die Schuhe wieder an und die Jacke und den Schal und verließ das Zimmer. Die Rezeptionistin schaute erstaunt, als Vanessa wieder an ihr vorbei kam.

„Sie wollen da echt nochmal raus?“

Vanessa zuckte mit den Schultern. „Handy vergessen.“

Die Rezeptionistin schaute schaudernd zur Tür. „Ich würde da nicht rausgehen.“

Vanessa lachte. „Ich bin ja gleich wieder zurück.“

Loverman

Der Loverman drückte auf die Ruftaste seines Handys, das Gerät wählte, das Rufzeichen ertönte und dann…

…schalte aus dem Kofferraum des Fabia, gedämpft aber unüberhörbar, „Loverman“ von Nick Cave in der Version von Metallica. Er wusste, dass das sein Klingelton auf Vanessas Handy war. Er hatte ihr einmal gesagt, das sei sein Lieblingslied. Er hatte die feine Ironie darin zu schätzen gewusst. Das Lied klang und klang, und zuerst begriff er nicht richtig. Wie konnte das Handy denn im Auto sein? Wie sollte er sie denn rufen, wie sollte er sie denn in den Lovervan bekommen und Hochzeit mit ihr halten, wenn das Handy im Auto war?

Sein.

Plan.

War.

Gescheitert?

Er beendete die Verbindung und wählte erneut.

Und im Kofferraum begann James Hatfield erneut zu singen: „There’s a devil waiting outside your door…“

Das konnte nicht sein. Das war nicht möglich! All seine Vorbereitung. All seine Lust. All seine Erwartung, während er in diesem elenden Wetter durch die Straßen dieser elenden Stadt gefahren war. Das durfte nicht…

NEIN!

Weiße Wut überfiel den Loverman, er begann zu zittern, und dann, mit einem Schrei, suchte seine Zerstörungswut sich das erstbeste Ziel, und ohne es wirklich zu wissen zertrat er das Rücklicht des Gelsenkirchener Wagens.

Kalli

Kalli traute seinen Augen nicht. Im ersten Moment dachte er schlicht, der lange Marsch durch den Schnee, der Wind und die klamme Kälte überall hätten ihn verrückt gemacht. Er hatte Hallus. Eben noch hatte er sich mit einem Gedanken beschäftigt, der ihm gerade erst gekommen war, kurz vor dem Ziel: Dass es nämlich gar nichts brachte, wenn er bei seinem Auto ankam. In diesem Unwetter würde er nie und nimmer nach Hause durchkommen.

Und dann sah er sein Auto, und den Ford Transit daneben, und den langhaarigen Spacken, der auf dem Parkplatz herumstand – und dann zappelte der Spacken plötzlich, als hätte ihn einer unter Strom gesetzt und…

…begann sein Auto kaputt zu treten.

Erst das eine Rücklicht. Dann das andere.

Als Kalli völlig begriff, dass das absolut keine Halluzination war, dass das gerade wirklich passierte, da spürte er keine Kälte mehr und keine Müdigkeit von dem Marsch. Der Gentleman schnaubte noch einmal. Dann begann er zu rennen.

Loverman

Die letzten Worte, die der Loverman sprach, waren unartikuliert. Wirres Gebrabbel, während er in rasendem Zorn auf das fremde Auto eintrat.

Die letzten Worte, die er hörte allerdings waren laut und deutlich und irgendwie sogar dem Anlass angemessen:

„EY, DU SACK!“

Der Loverman fuhr herum. Und Sven begriff zwei Dinge: Ein Mann rannte auf ihn zu, ein schwerer, bulliger Mann der aussah, als wollte er jemanden umbringen. Und der Jemand war Sven.

Er hob die Hände, dann war der Mann heran, brüllend, und er prallte mit seinem ganzen Gewicht ungebremst gegen ihn. Sven flog wirklich einige Zentimeter, seine Füße suchten Halt auf dem Boden – und da war kein Halt. Der Boden glitt unter ihm fort und mit neuem Schwung ging Sven abwärts. Und dann war da die Ladekante des Lovervans.

Kalli

Etwas verdutzt schaute Kalli auf den Typen, der vor ihm am Boden lag. Adrenalin pumpte durch seinen Körper, Adrenalin, das sich darauf gefreut hatte, diesen Spacken nach allen Regeln der Kunst zu verdreschen. Und dann hob der Spacken einfach ab, von dem ersten kleinen Schubser, knallte mit einem wirklich ungesunden, trockenen Knacken gegen die Ladekante von dem blöden Ford…

…und blieb liegen.

Kalli wartete einen Moment, bebend, hoffend, dass der Typ wieder aufstehen würde, damit er ihm die verdiente Abreibung verpassen konnte.

Aber der Typ stand nicht auf. Und die Art, wie sein Kopf da lag… Und diese komische Beule in seinem Nacken…

Ein alter Hooliganinstinkt erwachte, und er flüsterte Kalli zu: „Wenn einer so lange liegen bleibt – dann sollte man besser abhauen.“

Kalli erkannte die Weisheit in diesen Worten und rannte, rannte die Straße entlang, bis er bei einer Shell-Tankstelle und einem McFit ankam. Das kannte er von zu Hause. Hier fühlte er sich besser. Er holte sein Handy raus, wählte eine Nummer und wartete, bis am anderen Ende jemand ranging.

„Ey, Ingo“, sagte er. „Um nochma auf Dein Angebot von vorhin zurück zu kommen…“

Derweil fiel der Schnee auf Sven und die Autos und die Spuren des kurzen Kampfes und die überfrorene Pfütze, die Svens verzweifelt suchende Füße frei gekratzt hatten.

Vanessa

Vanessa kam nur wenig später auf den Parkplatz, gerade als Kalli die beruhigende Nachricht bekam, dass Ingo ihn selbstverständlich abholen würde, gar kein Akt, Ingos Sofa war Kallis Sofa, waren sie nicht wie Brüder?

Sie brauchte einen Moment, um die Szenerie zu verstehen. Da war ihr Auto, klar, mit dem Handy darin. Daneben das Auto von vorhin. Irgendwas war komisch damit, aber das war egal, denn da war ein weiteres Auto, ein Transporter, und davor lag…

Und Vanessa schrie.

Danach

Allgemein hieß es, das Unwetter, der größte Schneesturm im Bergischen Land seit Menschengedenken, habe kein Todesopfer gefordert. Ein Wunder. Strommasten waren zusammengebrochen und ganze Wälder dem Erdboden gleich gemacht, Züge entgleist, Autos umgestürzt, Wanderer verschollen – und alle, alle kamen sie wieder nach Hause. Es gab Erfrierungen, Knochenbrüche, Lungenentzündungen… aber alle wurden gerettet.

Mit einer Ausnahme, wie die Wuppertaler Lokalblätter vermerkten. Ein Student aus Münster war in Barmen auf einer Eisplatte ausgeglitten, gegen seinen Wagen geprallt und hatte sich dabei das Genick gebrochen. Armer Pechvogel.

Dann sickerte langsame durch, was die Polizei in dem Ford Transit fand. Und bald darauf war klar, wer sich da in Barmen durch Tollpatschigkeit selbst umgebracht hatten. In Münster und Duisburg wurden Sonderkommissionen aufgelöst, aufatmend. Endlich. Ein Schrecken weniger. Manchmal war es eben der Zufall, der die Menschen vor den Monstern beschützte.

Vanessa kehrte im Januar nach Münster zurück. Sie wusste nicht, dass sie das Tal noch lange nicht durchschritten hatte. Aber in dem schrecklichen Jahr, das ihr bevorstand, fand sie oft einen bitteren Trost – nichts, selbst das Allerschlimmste nicht, nichts war so gräßlich wie das Schicksal, vor dem sie eine kleine, gefrorene Pfütze bewahrt hatte. Ein Zufall. Sie lernte, dem Zufall zu vertrauen.

Kalli blieb zwei Nächte bei Ingo, dann fuhr er nach Hause zurück. Ingo war echt ein feiner Kerl, lieh ihm sogar trockene Klamotten. Und wie sehr Steffi und die Jungs sich freuten, als der Papa endlich wieder zu Hause war. Und natürlich hatten sie das Turnier in die Halle verlegt. Und natürlich Hatte Marcels Truppe gewonnen. Das Leben war schön.

Kalli las nicht viel Zeitung und wenn, dann den Sportteil. Er sah auch nicht gerne Nachrichten und für Regionales aus Wuppertal interessierte er sich sowieso nicht. So verblasste die Erinnerung an den Idioten in Barmen und die Beule in seinem Nacken langsam. Und da niemals irgendwer Kalli danach fragte, war ihm irgendwann klar, dass er sich geirrt haben musste. Er hatte den Spacken ausgeknockt, dann war der irgendwann wieder aufgewacht und nach Hause gegangen. Hoffentlich mit einer tüchtigen Lungenentzündung.

Rücklichter eintreten. Sowas machte man einfach nicht.





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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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Eine Antwort zu schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 2 – Schneesturm

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