schreckenberglebt: Mein innerer Rassist

Ich habe in dieser Woche mehrmals überlegt, über Blacklivesmatter zu bloggen um es dann wieder zu lassen. Ein weißer Mann um die 50 sollte bei dem Thema im Moment mehr zuhören, als reden, glaube ich. Dann ist mir allerdings doch ein Thema eingefallen, zu dem ich etwas zu sagen habe – weil es dabei um meine Generation und unsere Erfahrung geht. Ich schicke mal voraus, dass alles, was ich hier sage, natürlich völlig subjektiv ist und auf mich zutrifft – keine Ahnung, inwiefern Du Dich angesprochen fühlst, liebe(r) Leser*in. Aber da ich keine besonders außergewöhnlichen demographischen Daten habe, bin ich vermutlich auch nicht völlig alleine damit.

Ich lese in vielen Beiträgen in sozialen Medien wohlmeinender weißer Menschen, dass Hautfarbe für sie keine Rolle spiele. Dass alle Menschen für sie gleich seien. Dass sie nicht nach Hautfarbe urteilen. Die deutsche Entsprechung zum englischen „I am colourblind“. Das liest sich schön, aber ist es als Ideal wirklich erstrebenswert? Und vor allem – ist es nicht eine gefährliche Selbsttäuschung? In meinem Fall ist das so, und ich sage das als jemand, der früher selbst solche Behauptungen aufgestellt hat. Zwei Gründe:

1.) Die Hautfarbe eines Menschen nicht zu sehen, sie zu negieren, bedeutet auch, all seine oder ihre Erfahrungen, die auf dieser Hautfarbe beruhen, zu negieren. „Farbenblindheit“ dieser Art ist, jedenfalls hier in Mitteleuropa, eine sehr weiße Einstellung, denn nur Weiße können sie sich leisten. Für uns spielt unsere Hautfarbe in aller Regel tatsächlich im täglichen Leben keine Rolle. Wir können uns problemlos einreden, sie sei unwichtig. Aber jemand, der bei jeder Wohnungsbesichtigung und bei jedem Einstellungsgespräch (um mal zwei eher harmlose Beispiele zu wählen) damit rechnen muss, dass die simple Farbe der eigenen Haut eine Hürde darstellt, über die man rüber muss, kann sich diese Einstellung nicht leisten. Menschen mit nichtweißer Hautfarbe müssen diese ihre Farbe ständig in ihre alltäglichen, selbstverständlichen Kalkulationen einrechnen. Ein „ich sehe Deine Hautfarbe gar nicht“, so lieb es gemeint sein mag, muss da wie Hohn klingen. Oder zumindest wie Ignoranz. Also ja, lasst uns Hautfarben sehen, ebenso wie alle anderen körperlichen Merkmale eines Menschen, die wir als Teil seiner individuellen Persönlichkeit und seiner individuellen Erfahrungswelt begreifen.

2.) Jetzt zu der Selbsttäuschung – reden wir mal über mich. 😀 Ich bin Anfang der 1970er Jahre in einer Westdeutschen Kleinstadt geboren worden. Die Eltern meines Vaters waren katholisch geprägte Kleinbürger, die Eltern meiner Mutter areligiös-protestantische Arbeiter, was in der Aufstiegsgesellschaft der Nachkriegszeit bedeutete: Meine Eltern gehörten zur stabilen Mittelschicht. Meine Eltern haben als junge Menschen mehrere Jahre in Spanien gelebt, was sie für ihre Generation vergleichsweise offen und weltläufig machte, nicht zuletzt durch die Erfahrung mit einem klerikalfaschistischen Regime.

In meiner Grundschulklasse war zu Beginn ein einziges Kind mit Migrationshintergrund, ein Junge mit türkischen Eltern. Er sprach fließend und akzentfrei Deutsch und war vergleichsweise hellhäutig und hellhaarig. Er gehörte zu meinem erweiterten Freundeskreis*. Ich war nie bei ihm zu Hause. In der vierten Klasse kamen noch ein Junge dazu, dessen Eltern Spätaussiedler waren (also der deutschen Minderheit in Polen angehörten) und zwei türkische junge Frauen (15 und 17, glaube ich), die kein Wort Deutsch sprachen, und mittels Unterricht mit uns zehn- bis elfjährigen Kindern integriert werden sollten (wobei es das Wort in dem Zusammenhang damals noch gar nicht gab). Ihr könnt Euch vorstellen, was für ein toller Erfolg das war. Ab 1981 ging ich auf ein katholisches Gymnasium. Die Exoten dort waren die Protestant*innen, denen man ihr Exotentum aber nicht ansah, weswegen es auch keine Rolle spielte. Wir waren, pubertär-rebellisch, sowieso alle mehr oder weniger antiklerikal eingestellt, zumindest in meinem Kreis. Es gab einige Jugendliche mit außereuropäischem Migrationshintergrund in meiner Schule und in meiner Stufe. Da es aber an unserer Schule keine Muslime gab, waren das vor allem Menschen mit einem asiatischen Migrationshintergrund, koreanisch, indisch, indonesisch. Ein Mädchen, dessen Eltern Koreaner waren, war die erste Freundin meines damals besten Freundes, sie gehörte also zu meinem engeren Kreis. Ich habe nie mit ihr über Rassismus gesprochen. Wir mochten sie alle, wir waren alle nett zu ihr, sie war nett zu uns, also konnte Rassismus ja wohl kein Thema in ihrem Leben sein, oder? Das war damals selbstverständlich für uns. Andere Dinge, die selbstverständlich oder „normal“ waren, unhinterfragt:

– Homophobie

– Transphobie

– die „Tatsache“ dass der biologische Unterschied zwischen Männern und Frauen auch in unterschiedlicher Behandlung resultieren muss

– unzählige Alltagssexismen, inklusive sexistischer Sprache

– Geschlechterdualismus

– Sexualitätsdualismus („normal“ und homosexuell)

– Monogamie

– Erziehung mit „ein bisschen“ Gewalt („eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet“)

– die Idee, dass die „Dritte Welt“ sich mit Hilfe der ersten Welt entwickeln sollte

– völlige Blindheit gegenüber der Tatsache, dass wir die „Dritte Welt“ ausbeuten, und unser Lebensstil nur mit Hilfe dieser Ausbeutung möglich ist

– die im Begriff „Umweltschutz“ geronnene Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass wir ein bestimmtes Ökosystem zum Überleben brauchen – was dem Planeten völlig egal ist

– dass es den Kindern besser gehen wird als den Eltern

– Christentum (und natürlich war Jesus weiß und mehr oder weniger blond)

und eben:

– weiße Hautfarbe

(Die Liste ist mit Sicherheit nicht vollständig!)

Die ersten Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund und die ersten Afrikaner sind mir bei der Mitarbeit in einer Schul-AG begegnet, in der wir uns für Flüchtlinge (damals: „Asylanten“) einsetzen. Alltäglich wurden diese Begegnungen erst ein paar Jahre später, im Studium. Zum einen, da Universitäten eben einen größeren Bevölkerungsquerschnitt abbilden als Kleinstädte und katholische Gymnasien, zum anderen, weil die Ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten meiner Uni wohl mit einigen afrikanischen Hochschulen zusammenarbeiteten. Ich war zwar Geisteswissenschaftler, aber dunkelhäutige Menschen jeden Tag zu treffen, auf dem Weg zur Uni, in der Mensa etc., wurde alltäglicher.

Was bedeutet das? Es bedeutet: Bis zu meinem 20. Lebensjahr hatte ich kaum dunkelhäutige Menschen gesehen, bis ich 17 war nie mit einem gesprochen. Ohne, dass ich je zum Rassisten erzogen worden wäre, im Gegenteil, hat sich mir eingeprägt: Der normale Mensch sieht aus wie ein(e) weiße(r) Europäer*in. Diese (Nicht)Erfahrung hat sich tief in mein Unbewusstes gegraben. Sie prägte und prägt, wie ich Menschen, die nicht mehr oder weniger so aussehen wie ich, zuerst wahrnehme: Anders. Fremdartig. Es ist ein Reflex, ich weiß nicht, ob ich ihn je los werden kann. Aber ich kann mir bewusst machen, dass er da ist. Und dass er falsch ist.

Ich werde nächstes Jahr 50 Jahre alt, und keine der oben aufgezählten „Selbstverständlichkeiten“ halte ich noch für „selbstverständlich“ oder „normal“. Manche sind schlicht falsch und menschenverachtend, andere Ausdruck eines bestimmten politischen Klimas, wieder andere soziale Normen, die sich aus bestimmten historischen Gründen gebildet haben, und die ich nur deshalb nicht hinterfragt habe, weil niemand das zu tun schien. Bei manchen war es ganz einfach, einen weiteren Blick zu bekommen, bei anderen nicht. Und gerade die völlig alberne Katagorisierung von Menschen nach Hautfarben los zu werden, ist ungeheuer schwer.

Also um es ganz klar zu sagen: Zu behaupten, ich sähe die Hautfarbe eines Menschen nicht, ich wäre „colourblind“ wäre eine selbstgerechte Lüge. Ich habe, aufgrund meine Prägung, einen inneren Rassisten, mit dem ich mich permanent auseinandersetzen, den ich permanent auf seinen Platz zurück treten muss. Nur so kann ich vielleicht irgendwann dass sein, was ich sein möchte: Ganz und gar kein Rassist,

Und ich glaube, damit bin ich nicht alleine.












* Das bedeutet bei mir, er war guter Freund eines meiner ganz wenigen engen Freunde. Ich bin und war sozial nie besonders fähig.

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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