schreckenbergschreibt: Es gibt keine Protestwahl

Was für ein fürchterlicher Abend, politisch. Die Tatsache, dass ich in Nordrhein-Westfalen lebe und durch die Gnade der späten Wahl daher der Illusion frönen darf, dass meine Landsleute weniger widerlich abgestimmt hätten, ist da ein schwacher Trost. Und kaum verfestigt sich dieses Armutszeugnis unserer politischen Kultur in Form immer neuer Hochrechnungen ist es wieder da, dieses armselige Trost- oder Entschuldigungswort, je nachdem, wo man steht: Protestwahl.

Was soll das denn bitte sein, eine Protestwahl? Entweder ich nehme Wähler ernst oder nicht. Und wenn ich sie ernst nehme, und das will ich hier einmal tun, dann ist für mich klar, dass jeder AfD-Wähler bewusst möchte, dass die AfD in Regierungsverantwortung kommt und zum Beispiel folgende Ziele zur Realpolitik unseres Landes werde:

– Abschaffung des Rechtes in Deutschland Asyl zu beantragen. Wenn es also einem Flüchtling gelingt, Krieg, Terror, Verfolgung zu entkommen und nach Deutschland zu gelangen so soll dieser Mensch nicht das Recht haben, hier um Schutz nachzusuchen. In einem der verdammt nochmal reichsten Länder auf diesem Planeten, in dem es sich gerade auf Kosten des Restes der Welt sehr gut leben lässt. AfD Wähler sagen ganz bewusst: „Wir wollen diesen Reichtum nicht mit den Verfolgten und Ausgebeuteten teilen. Uns ist es lieber, dass sie irgendwo anders krepieren, als hier in Sicherheit zu leben.“

– Dazu gehört natürlich auch die immer wieder (inzwischen von fast allen Parteien gern geforderte) „Schließung der Balkanroute“. Welche die einzige Route ist, auf der Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten Europa (fast) auf dem Landweg erreichen können. AfD Wähler sind erklärtermaßen dafür, dass mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken.

– Die Familie aus Vater, Mutter, Kind soll Mittelpunkt der Familienpolitik werden. Gleichzeitig spricht sich die AfD gegen den „Eingriff“ von Jugendämtern, Krippen, Ganztagsschulen in das Erziehungsrecht der Eltern aus, redet von falsch verstandenem Feminismus und beklagt, dass „die Wirtschaft“ die „Frau als Arbeitskraft“ will. Die logische Folgerung aus dieser Forderung, der jeder AfD Wähler und auch jede AfD Wählerin bewusst zustimmt, ist ein patriarchalisches Familienbild, in der das männliche Familienoberhaupt über Frau und Kinder herrscht. Die Idee, dass zum Beispiel ein Kind von seiner Geburt an Rechte hat, die der Staat zur Not auch gegen die Eltern des Kindes durchsetzten muss, passt nicht dazu. Damit ist die AfD zum Beispiel eine gute Wahl für Leute, die ihre Kinder gerne prügeln und / oder mißbrauchen.

– Nach dem Wunsch der AfD gehört der Islam nicht zu Deutschland, die Partei bekennt sich paradoxerweise aber gleichzeitig zu Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit. Sie spricht sich dabei gegen Parallelgesellschaften und verfassungsfeindliche Praktiken des Islam aus. Das ist aber völlig selbstverständlich. Niemand darf hier Scharia-Recht durchsetzen, ebensowenig wie ich als Katholik die Scheidung und Abtreibung verbieten oder ein Atheist die Sonntagsmesse abschaffen dürfte. Unser Recht ist, Gott sei dank, areligiös. Die AfD möchte aber auch gegen eine islamische Glaubenspraxis vorgehen, die sich gegen „die christlich-jüdischen Grundlagen unserer Kultur“ richtet. Wie genau sich zum Beispiel ein islamischer Gottesdienst (= Glaubenspraxis) nach christlich-jüdischen Kultur richten soll ist mir schleierhaft – also will die AfD ihn wohl verbieten. Die AfD will unsere Gesellschaft spalten, und Moslems ihres Glaubens wegen ausgrenzen. AfD-Wählerinnen und -Wähler halten das für eine wünschenswerte Politik.

– Die AfD will die Klimaschutzpolitik beenden und behauptet immer noch, die menschengemachte globale Erwärmung sei nicht nachweisbar. AfD-Wähler möchten, dass diese Aluhutträgeransicht Grundlage der Umweltpolitik wird.

– Die AfD spricht sich für eine weitgehend ungeregelte Marktwirtschaft ohne staatliche Eingriffe aus. Erbschafts- und Gewerbesteuer will sie abschaffen. AfD-Wähler halten das für eine gute Idee und möchten, dass auf dieser Grundlage Wirtschaftspolitik gemacht, bzw. nicht gemacht wird.

– Die AfD will die sozialen Sicherungssysteme zugunsten der „Familie als Keimzelle gesellschaftlicher Solidarität“ umbauen. Zum Familienbild siehe oben und unten. Sie will das Arbeitslosengeld I privatisieren, oder anders: Jeder muss selbst uns ohne staatliche Hilfe für sich sorgen, wenn er arbeitslos wird. Wer AfD wählt möchte, dass dies in unserem Land umgesetzt wird.

– Nochmal Familienpolitik: Die AfD wendet sich gegen Alleinerziehende und will das Schuldprinzip im Scheidungsrecht wieder einführen. Abtreibung soll erschwert werden. Wiederum: Nicht nur AfD-Wähler, auch AfD-Wählerinnen halten das für erstrebenswert.

– Die AfD tritt für das Recht der Bürger ein, Waffen legal zu erwerben und zu besitzen. Waffen. Ohne irgendeine Einschränkung. Wie sehr das zur allgemeinen Sicherheit beiträgt kann man in den USA besichtigen. Dies ist die Gesellschaft, in der AfD-Wähler gerne leben möchten.

– Die AfD ist gegen„Gender Mainstreaming“, „Diversity“und „Anti Diskriminierung“. Gegen-Anti ist gleichbedeutend mit „für“. Wer AfD wählt ist bewusst für die Diskriminierung von Frauen und / oder sexuellen Minderheiten.

– Die AfD ist für eine Minimierung von Kultursubventionen. In einem engen Kulturmarkt wie dem deutschprachigen bedeutet dies weitgehend das Ende freien Kulturschaffens wirtschaftlich unabhängiger Künstlerinnen und Künstler. AfD-Wähler finden das richtig.

– „Das Minarett lehnt die AfD als islamisches Herrschaftssymbol ebenso ab wie den Muezzinruf, nach dem es außer dem islamischen Allah keinen Gott gibt.“ Wer AfD wählt weiß nicht, dass der „islamische Allah“ der selbe Gott ist wie der christlich-jüdische und ist mit dem ersten Gebot Mose („Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“) nicht vertraut. Wer religiös dermaßen ungebildet ist, sollte zum Thema christlich-jüdische Kultur besser den Mund halten. Ich äußere mich ja auch nicht zum Hinduismus, Shintoismus oder zu anderen Religionen, von denen ich keine Ahnung habe.

– Die AfD fordert ein Ende der „Politischen Korrektheit“. Egal wie man „Politische Korrektheit“ versteht: beenden lässt sich sie aber nur durch einen aktiven Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit. AfD-Wähler wünschen diese Beschränkung.

Ich könnte noch eine Weile so weiter machen… Meine einzige Quelle ist der Entwurf des Parteiprogramms, veröffentlicht vom Rechenzentrum Corrective. Entwurf bedeutet selbstverständlich, dass sich da noch etwas ändern kann, aber normalerweise betrifft das bei Parteiprogrammen eher Formulierungen als Grundströmungen.

Ich gehe davon aus, dass AfD Wählerinnen und -Wähler keine Protestwähler sind. Ich nehme sie ernst. Ich gehe davon aus, dass sie ganz bewusst wollen, dass die AfD regiert und ihr Programm umsetzt. Und ich beurteile sie entsprechend. Dafür reicht eigentlich schon der allererste Punkt allein: Kaltherzig, egoistisch, gewissenlos.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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3 Antworten zu schreckenbergschreibt: Es gibt keine Protestwahl

  1. inter123netzzo schreibt:

    Auch Hitler wurde unter anderen von Protestwählern an die Macht gebracht. Ob Protzestwähler oder nicht, – Idioten bleiben Idioten
    Ps Danke für die übersichtliche Darstellung der Gedankenwelt dieser Menschen

  2. Muriel schreibt:

    Leute ernst zu nehmen, ist erfahrungsgemäß ein Fehler, und auch davon abgesehen ist diese Deutung sicherlich nicht ganz akkurat.
    Die Stoßrichtung kann ich natürlich trotzdem nicht beanstanden.

  3. Nonnen schreibt:

    Man mag zur AFD stehen wie man will, aber es ist die einzige Partei, welche ausdrücklich darauf hinweist, dass ein wenig ungesund für Frauen, Mütter und Kinder Gender Mainstreaming schon zu sein scheint. Zum Beispiel das Negieren bedeutsamer und dem Mann überlegener weiblicher Eigenschaften mit der Folge, dass häufig der Body nur noch wichtig wird. Vergessen der für Sprach- und
    Kognitiventwicklung wichtigen frühkindlichen Mutterbindung infolge des frühen flüssigkeitsgekoppelten Hörens des Foeten im Mutterleib (Muttersprache nicht Vatersprache!). Probleme durch Cortisolausschüttung (gefährliches Stresshormon) und Schlafmangel mit entsprechendem Wachstumshormonmangel von Krippenkindern mit Hippocampusminderung (Lernmaschine des Gehirns).
    Erschreckende Zunahme von Depressionen auch bei Kindern und Jugendlichen.
    [siehe „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ in: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 6. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978-3-9814303-9-4 und „Es trifft Frauen und Kinder zuerst – Wie der Genderismus krank machen kann“, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2015: ISBN 978- 3-945818-01-5]

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