schreckenbergschaut: Fantasy Filmfest 2016 – 4 Bergfest Teil 2

Vergangenen Sonntag war, wie gesagt, mein Bergfest und persönlicher 3-Filme-Tag beim Fantasy Filmfest in Köln. Gestern habe ich an dieser Stelle das Kurzfilmprogramm „Get Shorty“ besprochen, heute also zu den beiden Langfilmen von vorgestern Abend. Und zunächst wie immer eine:

+++ SPOILERWARNUNG +++ SPOILERWARNUNG +++ SPOILERWARNUNG +++

 

 

 

 

Zuerst kam:

Under the Shadow (Iran 2016)
Drehbuch / Regie: Babak Anvari

Als iranischer, in Jordanien gedrehter Film hat „Under the Shdow“ zunächst selbstverständlich den Bonus, dass er mich nicht nur in einen phantastischen Weltentwurf (denn den hat jede phantastische Geschichte als Grundlage, eben auch ein Horrorfilm wie dieser) sondern auch in eine andere Kultur UND, in diesem Falle, auch in eine andere Zeit mitnimmt, die Zeit des Iran-Irak-Krieges in den 1980ern. Diese Kombination aus einer fremden Gesellschaft und nostalgisch Vertrautem schafft für mich, der ich in den 70ern geboren und in den 80ern aufgewachsen bin, eine Atmosphäre die an sich schon hochspannend ist und mich daher von der ersten Minute an für den Film gewinnt. Zum Inhalt:

Schon in den ersten Minuten des Films sehen wir, wie der Lebenstraum von Shideh (Narges Rashidi) zerstört wird: Die junge Mutter hat einst Medizin studiert und würde ihre Studien gerne wieder aufnehmen, um Ärztin zu werden. Doch während der Revolutionszeit, als der Schah gestürzt wurde und das Islamige Regime an die Macht kam, hat sie sich in einer radikal linken Gruppe engagiert – ein unauslöschbarer Makel in den Augen der Machthaber. Ein Staatsbeamter erklärt ihr streng, dass sie alle Hoffnungen, je wieder studieren zu können, begraben muss. Was es außerdem bedeutet, als Frau unter patriarchalischen Herrschaft zu leben, zeigt und Babak Anvri meisterhaft mit einer einzigen Geste: Als sie auf eine Straßensperre der Revolutionswächter zufährt, streicht sich die ohnehin schon aufgelöste Shideh hastig einige Haarstränen unter den Hidjab. Dies und ihre offensichtliche Nervosität während der folgenden Kontrolle sagen alles und setzen den Rahmen für alles was kommt. Ich – ein Europäer, der niemals im Iran war – bekomme so, ohne lange Erklärungen, eine präzise Einführung in die Welt der Geschichte.

Was sich dann entfaltet ist eine eher konventionelle Spuk- und Besessenheitsgeschichte vor dem Hintergrund der ständigen realen Bedrohung irakischer Bombenangriffe. Shidehs Tochter Dorsa (Avin Manshadi) hat irgendwie das Interesse eines Djinn geweckt, was, wie Genrekenner wissen, immer eine unangenehme Sache ist. Die zunächst rationale Shideh sieht sich zunehmend gezwungen, an die übernatürliche Präsenz in ihrer Wohnung zu glauben, kann zuletzt gar nicht mehr (ebensowenig wie der Zuschauer) sicher sein, ob Dorsa noch Dorsa ist oder die besessene Hülle des Dämons oder gar ein Trugbild.

Babak Anvari macht sehr viel richtig, vom permanenten Motiv des Windes bis hin zur klaustrophobischen Atmosphäre, die sich paradoxerweise steigert, je mehr Menschen das Mietshaus verlassen, weil sie an die Front versetzt werden (Shidehs Mann), sterben (ein alter Nachbar) oder aufs Land fliehen (wie alle anderen Hausbewohner). Dass der Film mich dennoch nicht ganz überzeugt hat liegt eben an der sehr konventionellen Geschichte. Wobei ich zwei Einschränkungen machen muss:

1.) Filmsprache ist Farsi, das ich weder spreche noch verstehe, ich war auf den Untertitel angewiesen, daher ist mir wahrscheinlich einiges entgangen.

2.) Ich kenne, wie gesagt, den Iran überhaupt nicht. Ich bin sicher, dass dieser Film sehr viele Allegorien auf die dortige Gesellschaft der 80er Jahre – oder gar bis heute? – die ich nicht verstehen und daher nicht würdigen kann (etwa die Enge im Mikrokosmos der Hausgemeinschaft?).

Ich bin daher mit Kritik hier sehr vorsichtig – für einen Europäer ein netter, durchaus sehenswerter Film, mehr nicht. Aber, wie gesagt, für Leute die mehr wissen als ich mag er mehr sein.

 

Danach erlebten Sarah und ich eine ganz eigene Form von Grusel, denn im Jamesons Distillery Pub war Karaoke Night. Das Jamesons ist und bleibt mein Lieblingspub in Köln, aber… das war hart. Und nein, wir haben nicht… zuhören reichte. 😀

Zurück im Kino sahen wir dann zu später Stunde:

To steal from a Thief (Spanien 2016)
Drehbuch: Jorge Guerricaechevarria
Regie: Daniel Calparsoro

Tja… das ist eben ein Heist-Film. Die Gangster stürmen eine Bank, nehmen Geiseln, stehlen Geld, Wertsachen aus den Schließfächern, die Festplatte mit den brisanten Aufzeichnungen eines Politikers und fliehen gemäß ihres brillanten Plans.

Oder eben nicht. Das charmante an dieser Geschichte ist, dass hier genau GARNICHTS nach Plan läuft. Alles, was die Diebe sich vorgenommen haben geht schief, Plan B und C gehen auch den Bach runter, und am Ende löscht der Idiot in der Truppe auch noch aus Versehen besagte brisante Daten, mit denen sie sich in lezter Not den Weg freipressen wollen. Und wenn man mal davon absieht, dass es vielleicht eine Maßnahme wäre, einen Plan, der darauf beruht, dass man durch die Kanalisation flieht, um eine Woche zu verschieben wenn es seit Tagen in Strömen gießt, dann können die armen Kerle nichtmal was dafür. So weit, so gelungen.

Das Problem ist, dass mir die meisten Figuren den ganzen Film über herzlich egal sind. Das Drehbuch nimmt sich nicht die Zeit, sie mir nahe zu bringen, daher verstehe ich ihre Motive nicht, ihre Ziele sind rein oberflächlich – mit der Beute fliehen (Gangster), die Diebe fassen (Polizisten), die Präsidentin aus der Schusslinie halten (Politiker). Das reicht nicht, um mich den Figuren nahe zu bringen, ihr Schicksal ist mir ziemlich egal. Immerhin werden mir drei der Gangster in der zweiten Hälfte des Films noch sympathisch genug gemacht, dass ich ihnen die Flucht mit der Beute gönne, und einer der Polizisten tut etwas sehr Ehrenhaftes… aber warum er das tut verstehe ich auch nicht, weil ich eben genau nichts über ihn und seinen Charakter weiß.

Kann das daran liegen, dass ich wieder auf Untertitel angewiesen war, weil ich kein Spanisch spreche? Mag sein. Dennoch… ich hatte ja den direkten Vergleich, was Bilder und fehlende Worte angeht – Shideh aus „Under the Shadow“ war mir nah, mit ihr fürchtete und litt ich, Farsi hin oder her. Also fehlte bei „To steal from a Thief“ wohl doch etwas mehr als nur Sprachkenntnisse meinerseits.

Kein schlechter Film, wirklich. Aber auch kein richtig guter.

Heute Abend dann: Don’t grow up. Das Programmheft verspricht viel. Wie üblich. Außerdem spoilert es mich ein wenig. Das ist nicht nett. 😀 Wir werden sehen…

Advertisements

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
Dieser Beitrag wurde unter schreckenberglebt, schreckenbergschaut abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s