schreckenberglebt: Der böse, böse Trump

Vorweg und um nicht missverstanden zu werden: Ich finde Donald Trumps Politik im ganzen schrecklich und wenn ich darüber entscheiden dürfte, ob er Präsident der USA ist, wäre er es nicht.

Und, um das auch ganz klar zu machen: Kinder von ihren Eltern zu trennen und dann einzusperren ist grausam und nicht zu rechtfertigen.

ABER: Kinder von ihren Eltern zu trennen und einzusperren ist immer noch humaner als Kinder zu ertränken. Punkt.

Alle Europäerinnen und Europäer, die angesichts der Bild- und Tondokumente aus Trumps Kinderlagern Krokodilstränen vergießen und dann bei der nächsten Wahl hingehen und IRGENDEINE Partei wählen, die die derzeitige Flüchtlingspolitik der EU mitträgt, sind verdammte Heuchler. Trump hat keinen riesigen Wassergraben zwischen sich und Mexico, in dem er Menschen ersaufen lässt. Trump hat auch keine Diktatoren in Mexico, die er bezahlt, damit sie Flüchtlinge von ihm fern halten. Er möchte eine Mauer bauen die nie kommen wird und er lässt die Menschen widerlich behandeln, wenn sie die USA erreicht haben. Wir hingegen (nein, nicht die Malteser, nicht die Italiener, WIR, denn wir wollen doch ein geeintes Europa, oder?) lassen die Menschen im Mittelmeer ertrinken und hindern inzwischen sogar Rettungsschiffe am Aus- und Einlaufen. Trump ist immer noch ein Widerling, aber er ist, verglichen mit allen Europäischen Politikerinnen und Politikern, von rechts außen bis tief in die linke Mitte hinein, der humanere Widerling. Um es ganz klar zu sagen: Wer derzeit AfD, CDU, CSU, FDP wählt soll bitte, bitte den Mund über Trumpwähler halten.

Und – und damit fasse ich dann auch an die eigene Nase – wer links von den genannten wählt ist nicht viel besser. Denn wirklich konstruktive Vorschläge von Links, wie man im Europäischen Rahmen damit umgeht, dass sehr, sehr viele Menschen* zu uns kommen wollen, gibt es nicht. Die Lösung, alle unkontrolliert und relativ ungesteuert herein zu lassen, dann in irgendeiner Gemeinde abzuladen und zu sagen: „Liebe Frau Bürgermeisterin, hier sind 5000 Flüchtlinge für sie um die sie nicht gebeten haben, auf die sie nicht eingerichtet sind und von denen sie nichts wissen, viel Spaß damit.“ ist offenkundig keine. Es führt kein Weg darum herum, diese Menschen zunächst einmal nicht als Brüder und Schwestern, sondern als Verwaltungsproblem zu sehen. Das ist nicht inhuman, es gibt eine kalte Form der Humanität, ich komme gleich darauf zurück. Aber wir Linken wollen ja nicht kalt sein, oder? Also sind wir gegen die Abschottung aber auch gegen Pragmatismus. Das führt zwar zum selben Ergebnis (ertrunkene Menschen), aber wir können uns dabei immerhin einem AfD- oder CSU-Wähler moralisch überlegen fühlen. Rettet nicht einen Flüchtling, aber eventuell unseren Nachtschlaf.

Um diese Menschen zu retten, um möglichst viele zu retten, müssen wir kalt werden, pragmatisch, emotionslos – und wir müssen human bleiben. Humanität und Nächstenliebe als Verwaltungsvorgabe betrachten, die unbedingt umzusetzen ist. Wir müssen preußisch sein. Ich glaube, eine Folge einer solchen Haltung wären Flüchtlingslager. Oder, falls das Wort „Lager“ für Gefühlswallung sorgt: Unterbringungseinrichtungen. Groß, sehr groß. Mit so viel Platz, dass sehr viele Menschen sich darin nicht sehr beengt fühlen. Sicher müssen diese Einrichtungen sein, vor allem für die, die darin wohnen. Hygienisch. Es sollte Schulen und Kindergärten geben. Geschäfte (oder etwas ähnliches, Geld werden die Wenigsten haben), Kinos, Bibliotheken, Gotteshäuser, Krankenhäuser. Und natürlich Verwaltungsgebäude, in denen die Menschen registriert werden und befragt, ob sie in ein Asyl- oder in ein Einwanderungsverfahren möchten. Und, so ungern das manche liebe Menschen hören werden: Es muss eine Polizei geben, die nach europäischen Gesetzen vorgeht, wenn irgendwer irgedendwen vergewaltigen will oder wenn manche Menschen in den Lagern – sorry, Einrichtungen – ihre Konflikte von zu Hause dort fortführen wollen. Und ja, die Einrichtungen sollten geschlossen sein. Sie sind der Wohnort von Menschen, deren Status unklar ist, sie sollten es sein, bis ihr Status klar ist. Das ist nicht schön, aber es ist realistisch und sicher besser, als in einem Kriegsgebiet zu wohnen oder in einem wilden Camp irgendwo in Nordafrika. Und, das als letzte Überlegung, dass UNHCR kann vermutlich solche Einrichtungen am besten führen. Wir Europäer sollten sie finanzieren, als europäische Einrichtungen betrachten, die Regeln machen und ggf. das Personal stellen.

Und dann, wenn wir diese Einrichtungen haben, INNERHALB unserer Außengrenzen, dann sollten wir die Menschen, die wollen, herein lassen. Keine Sorge – das werden immer noch viel, viel weniger sein, als derzeit überall auf der Welt in Flüchtlingslagern in weit ärmeren Ländern leben, zum Teil seit Jahrzehnten. Aber es werden natürlich sehr viel mehr sein, als es derzeit zu uns schaffen. Und viele werden sehr lange dort bleiben, das ist auch klar. Aber vielleicht nehmen unsere Politikerinnen und Politiker das Wort von der „Bekämpfung der Ursachen“ dann mal ernst.

Und wenn dann keine Kinder mehr im Mittelmeer ertrinken, sondern gemeinsam mit ihren Eltern in der Sicherheit einer geregelten Unterbringungseinrichtung leben, lernen, spielen, warten, DANN können wir uns moralisch besser fühlen als der Irre in Amerika und seine Wählerschaft.

 

* Nein, der „Flüchtlingsstrom“ ist nicht kleiner geworden. Die Zahl derer die es lebend nach Europa schaffen ist stark zurück gegangen. Das ist ein wichtiger Unterschied und keiner, auf den wir stolz sein können.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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