schreckenberglebt: Was sie uns fragen werden

Es wäre einfach, die Gelbwestenproteste in Frankreich (und die wachsende Sympathie dafür in Deutschland) einfach zu verdammen. Menschen die Straßenschlachten entfachen, weil der Sprit zu teuer ist? Wie dumm kann man sein? Nein, so einfach ist es nicht. Wir sprechen hier zum Teil von Menschen, die tatsächlich – auch aufgrund ihrer Armut, so widersprüchlich das sein mag – auf ihr altes Auto angewiesen sind. Und für die ein paar Cent pro Tankfüllung wirklich ein Problem sind. Einerseits.

Andererseits gibt es, da bin ich sicher, mittel- und langfristig nur zwei große Entwicklungen, die unsere Gesellschaften vor echte (!) Herausforderungen stellen werden. Und das sind nicht Islamisierung oder die Erosion der Volksparteien oder die Frage, ob die Bundesliga Montags spielt. Migration könnte eine Herausforderung werden, aber nur in Zusammenhang mit den beiden echten Herausforderungen: Klimakatastrophe und Automatisierung.

Ich wollte zu dem Thema einen längeren Beitrag schreiben, hier nur soviel:

Unsere Enkel und Urenkel werden uns die selbe Frage stellen, die die Generation unerer Eltern und Großeltern an die Menschen gerichtet hat, die 1933 erwachsen war:

„Wie konntet Ihr nur?“

Sie werden von uns wissen wollen, wie wir sehenden Auges in den Klimawandel rasen konnten, warum wir es gewagt haben, allen, die das Steuer herumreißen wollten in den Arm zu fallen, zu vertrösten, zu verzögern, zu verhindern (1). Und sie werden es voller Zorn, Hass, Verachtung fragen. Denn das ist, was sie für unsere Generation empfinden werden, wenn es um dieses Thema geht. Sie werden nicht differenzieren. Für sie werden wir eine Generation von Verbrechern sein.

Viele stellen sich bei der Formulierung „Unsere Enkel werden uns fragen“ gerne Kinder oder Jugendliche vor, die sie liebevoll-verständnislos ansehen. Niemand denkt an einen wütenden Mob, der alte Leute auf der Straße angeht. Aber wenn die Menschen nicht in den nächsten 30 bis 50 Jahren zu edleren Kreaturen mutieren als sie es heute sind (und warum sollten sie), ist das das realistischere Bild. Und nein, sie werden nicht differenzieren. Und nein, das Internet vergisst nicht. Und ja, sie werden mit großem Interesse recherchieren, wer damals was gesagt hat.

Wer heute bei Klimathemen eine „was geht mich das an, das ist noch weit in der Zukunft“-Haltung hat sollte sich vielleicht fragen, wie lustig es ist,  durch die Straßen gejagt zu werden, wenn man auf den Rollator angewiesen ist.

Oder wir könnten eben versuchen das Steuer doch noch herumzureißen. Und nicht gegen höhere Benzinpreise demonstrieren, so verständlich das aus heutiger Sicht sein mag, sondern für klimafreundliche Antriebe, einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr und ein bedingungsloses Grundeinkommen. Und wenn es nur ist, damit wir eine Antwort haben, die wir dem Mob entgegenschreien können, in der Hoffnung, dass er zuhört.

(1) Nein, nach der Automatisierung werden sie uns in diesem Sinne nicht fragen, nur die Weinerlichen werden das tun. Aber insgesamt werden sie Leute, die auf ihren Papa gehört haben und Chirurg geworden sind, ebenso belächeln wie wir es heute mit jungen Bergleuten tun.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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