schreckenberglebt: History will teach us nothing

Aber die Arbeitsplätze. Aber die ökonomische Vernunft. Aber die Versorgungssicherheit. Aber meine jahrelange Erfahrung.

Wertlos, Leute. Alles wertlos.

Wir leben in einer interessanten Zeit, historisch gesehen. Wer sich ein wenig mit Geschichte beschäftigt hat weiß, dass das nicht unbedingt erstrebenswert ist. Und ja, ich zitiere oben Sting damit, dass wir nichts aus der Geschichte lernen (können), aber ich werde unten sagen, wie ich das meine. Generell können wir eine Menge aus der Geschichte lernen. Zum Beispiel, dass es eher günstig ist, in uninteressanten Zeiten zu leben.

Tun wir aber nicht. Die überwiegende Mehrzahl aller seriösen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen, sagt uns, dass wir kurz davor stehen, durch unser Verhalten eine nicht wieder aufhaltbare Kettenreaktion zu triggern, die das Klima auf unserem Planeten nachhaltig verändern wird. Ich verlinke hier keine Studien oder entsprechenden Seiten, wer sich IMMER NOCH vormachen will, dass sei nicht so, soll gefälligst selber recherchieren oder hat sich endgültig aus dem vernünftigen Konsens verabschiedet. Um es ganz klar zu sagen: Ich diskutiere nicht mit Leuten, die ihre Argumentation aufbauen mit: „Die Wissenschaftslobby mag vielleicht sagen, dass 2+2 = 4 ist, ich fühle das aber anders, für mich ist es 7.“ Solche Diskussionen haben keinen Sinn, die Probleme, vor denen wir stehen erlauben einfach nicht, dass wir uns mit der gefühlten Wahrheit von jedem auseinandersetzen, der sie für wichtig hält. Aber zu dem Thema wollte ich später mal bloggen.

Wenn wir nicht sofort handeln wird diese Kettenreaktion also kommen. Und es ist wenig verwunderlich, dass die Generation, die davon am meisten betroffen ist, jetzt beginnt, dagegen aufzustehen. Ihr Vorbild (um von einer Anführerin zu sprechen ist es noch zu früh) dabei ist Greta Thunberg, eine junge Frau (nein, kein Kind!), die nicht einmal besonderes Charisma ausstrahlt, sondern vor allem ehrliche Entschlossenheit und Kompromisslosigkeit. Schon daraus sollte die ältere Generation – also zum Beispiel meine – lernen, was da auf sie zukommt. Eine Massenbewegung, die immer entschlossener und immer kompromissloser werden wird, so lange man nicht auf sie hört. Und das ist richtig so, den alle Kompromisse sind hier faul.

Ein Großteil von uns Älteren hat das noch nicht verstanden, und all die Politiker*innen von Elizabeth Warren über Paul Zimiak bis Christian Lindner, die sich gerade blamieren, sind nur die Spitze eines Eisberges. Ich muss nur in meine private Timeline in den sozialen Medien gehen und finde viele Menschen (meist – sorry – Männer) meiner und älterer Generationen, die vor allem die rethorisch gemeinte Frage stellen, ob denn Erfahrung gar nichts mehr zählt, wenn jetzt die Jugend aufbegehrt.

Nein, sie zählt nicht, die Erfahrung. Und das aus einem ganz einfachen Grund: Wir haben mit dem, was da kommt, keine Erfahrung.

Unser ganzes politisches System – und übrigens auch die meisten anderen politischen Systeme auf der Welt, totale Kleptokratien mal ausgenommen – beruhen auf dem Ausgleich von Interessen, dem Kompromiss. Das gilt natürlich in besonderem Maße für Demokratien, aber auch die primitivste Diktatur muss wenigstens darauf Bedacht sein, sagen wir, einen Interessenausgleich zwischen Palastwache und Panzertruppen herzustellen, sonst wird eine der Gruppen sauer und putscht. Alle derzeit lebenden Menschen haben gelernt, dass Politik die Verhandlung unterschiedlicher Interessen mit dem Ziel eines Kompromisses ist. Mit dem ist zwar nie jemand wirklich glücklich und immer spiegelt der Kompromiss die Machtverhältnisse wieder, aber im Kern ist es so. Und ganz besonders gilt dies für die politische Klasse.

Leider funktioniert der Klimawandel nicht so. Man kann mit Physik und Chemie nicht verhandeln. Das ist es, was völlig neu ist. Klar – es gibt immer wieder Punkte, in der Geschiche an denen alte Erfahrungen nutzlos und schädlich waren. Den ersten Weltkrieg haben alle Parteien mit großangelegten Offensiven begonnen. Aber sowas wie jetzt, wo Erfahrung plötzlich global nutzlos ist? Mir fallen da die Pestepedimien ein, mit der Pest konnte man auch nicht diskutieren. Aber auch die war stets mehr oder weniger lokal. Vielleicht haben wir so etwas seit dem Ende der letzten Eiszeit nicht mehr erlebt, und die daraus resultierenden Flutgeschichten gehören zu den schrecklichen kollektiven Mythen aller Kulturen.

Es gibt keinen Interessenausgleich zwischen „ökonomischer Vernunft“ und „ökologischer Vernunft“. Es gibt keinen vernünftigen Kompromiss, zwischen den Nutzern und Erzeugern fossiler Energien und der kommenden Generation. Wenn wir – in der kurzen Zeit die noch bleibt – die kommende Kettenreaktion aufhalten wollen müssen wir genau das tun, was die von uns verlangen, die noch zu jung sind, um wirklich selbst entscheidend politisch einzugreifen. (Sie sind übrigens nur noch ein paar Jahre zu jung dafür, und ein paar Jahre später werden sie den Großteil der Macht haben, und dann gnade uns Älteren Gott, wenn wir versagt haben).

Wir müssen uns von all dem verabschieden, was wir zu wissen glauben. Dass Wachstum gut ist. Dass wir unseren Wohlstand halten können. Dass unser politisch-ökonomisches System Sicherheit, Freiheit und Wohlstand garantiert (das tut es sowieso nur für eine Minderheit der Menschen, der wir hier im Nordwesten zufällig angehören). Dass alles so weiter gehen kann. Dass kleinteilige Einheiten wie Nationen in der Lage sind, sich globalen Problemen zu stellen. Und auch: Dass es darum geht „den Planeten“ oder „die Insekten“ oder sonstwas zu retten. Der Planet ist vier Milliarden Jahre alt, und wir haben nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass es ihm nicht egal ist, ob und was da auf ihm herumkreucht. Er hat eine Menge Massenaussterben kommen und gehen sehen, dass der Dinosaurier oder das, das wir aktuell veranstalten, waren/ sind da eher mittelmäßig. Die Insekten werden uns auch überleben. Sie dominieren besagten Planeten seit Jahrmillionen und werden das auch weiter tun, egal, ob wir die Arten die mit uns ins Symbiose leben, ausrotten oder nicht. Was wir retten können, wenn wir schnell handeln, ist uns selbst und wahrscheinlich unsere Zivilisation, wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Wer heute mit einem/einer Jugendlichen, der/die sich zum Beispiel an den Fridays for Future beteiligt, über Politik diskutiert und seine Gegenargumentation mit „meiner Erfahrung nach“ beginnt, der diskutiert auf dem Niveau von: „Wir haben Jahrzehntelang gut mit 2+2 = 7 gelebt.“ Es geht nicht mehr.

Da ich mit Sting begonnen habe, möchte ich mit Bob Dylan enden:

Come mothers and fathers
Throughout the land
And don’t criticize
What you can’t understand
Your sons and your daughters
Are beyond your command
Your old road is
Rapidly agin‘.
Please get out of the new one
If you can’t lend your hand
For the times they are a-changin‘


Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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