schreckenbergschaut: FNHF Teil 3 – The Changeling

The Changeling

(Kanada 1980)

Drehbuch: Russel Hunter, Diana Maddox, William Grey

Regie: Peter Medak

Hat jemand den deutschen Horrorfilm „Gonger“ gesehen? Irgendwann werde ich den hier auch besprechen, denn soooo schlecht ist er gar nicht. Hier geht es mir aber um ein beliebtes Horrorfilmklischee, das in Gonger auch nicht fehlen darf: Der die Treppe herabhüpfende Gummiball, der nicht da runter hüpfen sollte, weil er einem Kind gehört, das tot ist, typischerweise tot und stinksauer. Aber denkt mal nach – wo tauchte diese Idee zuerst auf? Ich kann es nicht beschwören, aber ich bin ziemlich sicher, dass es dieser Film hier war: The Changeling, oder – um ein einziges Mal den ungeheuer kreativen deutschen Titel zu erwähnen: DAS GRAUEN. Muaahahahahahahaha, das Grauhauhauhauen…

The Changeling erschien 1980, und er ist ein vorläufiger Abgesang auf ein Genre, das zu der Zeit schon fast totgeritten war – der klassische Geisterfilm, in dem in einem möglichst viktorianischen Haus eine unruhige Seele ihre Genugtuung sucht. Solche letzten Filme gehören oft zu den besten ihres Genres, und auch The Changeling ist ein guter, exemplarischer Geisterfilm, stilbildend nicht nur in Bezug auf hüpfende Bälle. Im selben Jahr erschien „Freitag der 13.“ und für lange, lange Zeit nahm das Horrorgenre nun einen anderen Weg. Erst 19 Jahre später, 1999, erschien wieder ein Horrorfilm auf der Leinwand, der fast ganz ohne blutige Effekte auskam und den Horror vor allem aus der Tatsache zieht, dass Tote gefälligst tot zu sein haben – ich spreche natürlich von „The Sixth Sense“. Bis dahin nahm der Geisterfilm sich einen Urlaub, den er vor allem in Japan verbrachte – mit großartigen Konsequenzen, wie wir wissen. Und damit hat „The Changeling“ womöglich gar nicht wenig zu tun, aber dazu später. Zunächst mal zum

Inhalt:

Der Komponist John Russel (George C. Scott) verliert bei einem Autounfall Frau und Tochter. Nach einer längeren Zeit der Depression und Trauer vermitteln ihm wohlmeinende Freunde eine Professorenstelle im US-Bundestaat Washington. Russel hat einen guten Start dort, die Studenten strömen in seine Vorlesung um den berühmten Komponisten zu sehen und die charmante Claire Norman (Trish van Devere) von der örtlichen Historischen Gesellschaft vermietet ihm ein ebenso verlassenes wie riesengroßes und wunderschönes Haus, in dem es – surprise, surprise – spukt, dass es eine Art hat. Es spukt – wie in dem vergangene Woche besprochenen „The Haunting“ – wieder angenehm wenig effekthascherisch, und beginnt – wie in „The Haunting“ – mit lautem Dröhnen. Ein Klavier spielt selbständig, Russel hat eine ziemlich üble Erscheinung in einer Badewanne und besagter Ball hüpft die Treppe hinunter. Perfiderweise ist es der Ball von Kathy, Russels Tochter, was den armen Kerl verständlicherweise arg beutelt. Der Film ist eine Tour durch die verschiedensten Ideen, mit Geistern in Kontakt zu treten, Träume, Seancen, Tonbandaufnahmen… später machte man aus jeder dieser Methoden gerne mal einen eigenen Film, hier tauchen sie gemeinsam auf. Wie gesagt – der Film hat etwas von einem Abgesang, dazu gehört vielleicht auch eine Zusammenfassung. Selbstverständlich entdeckt Russel einen verborgenen Raum im Haus, selbstverständlich ist in der Vergangenheit etwas Schreckliches geschehen und selbstverständlich versucht er, die Wahrheit ans Licht zu bringen und dem Geist Frieden zu bringen. Ob und wie ihm das gelingt, werde ich selbstverständlich nicht verraten. 😀

 Urteil:

The Changeling fällt aus der Zeit. Am Anfang erzählt er seine Geschichte langsam und gemächlich, mit wenigen Schnitten, langen Kamerafahrten und großen Bildern, eher wie ein Film aus den 50er und 60er Jahren Jahren als wie einer aus den 80ern. Immerhin war ein Jahr zuvor „Alien“ in den Kinos erschienen und hatte ein Vorbild für atmosphärischen und klaustrophobischen Tempohorror gegeben. Ich fürchte, wenn ich meinen Kindern eines Tages diesen Film zeige, werden sie den Mangel an Tempo schwer ertragen, so sehr geht das gegen unsere heutigen Sehgewohnheiten. Ich hoffe, sie halten durch. Denn der Schluss des Films ist beeindruckend und wirklich schwer grausig (wiederum – ohne Splattereffekte) und überspringt mühelos 19 Jahre, um sich irgendwo zwischen „The Sixth Sense“, „The Others“ und „Ringu“ einzuordnen.

Ob man dem Film den gemächlichen Beginn als Schwäche anrechnen sollte, weiß ich nicht. Für mich ist es keine. Zwei deutliche Schwächen aber hat er:

Zum einen sind viele Schauspieler zu alt. Vielleicht hat das etwas mit dem Zielpublikum zu tun, aber es fällt auf, wie viele weißhaarige Männer (und eine Frau) hier Kinder unter 10 Jahren haben. Wäre das nur bei Professor Russel der Fall… gut, vielleicht hat er sich in eine junge Bewunderin verliebt, das würde mich nicht stören. Aber es ist eine auffallende Häufung alter Eltern.

Zum anderen gibt es hier eine logische Lücke, die mir in vielen Horrorfilmen aufstößt. Wenn mir wirklich klar ist, dass ich mein Haus mit einem Geist teile, einem mies gelaunten Geist der kein Problem damit hat, mich potentiell in den Herzinfarkt zu treiben – dann fliehe ich. So tödlich neugierig, dass er/sie dann anfängt, den Geist auch noch zu verfolgen, ist doch wohl kaum jemand. 😀

Ansonsten ist der Film spannend, gruselig, stimmig und gut gemacht. Er ist aber, wenn man es genau betrachtet, für einen westlichen Geisterfilm trotz allem sehr ungewöhnlich. Und es ist vielleicht kein Zufall, dass zentrale Ideen aus diesem Film – der Geist im Wasser, der Brunnen unter dem Haus etc. – in bekannten japanischen Filmen wieder auftauchen. Denn im Gegensatz zu unseren üblichen Geisterbildern in Filmen geht es hier nicht um Gerechtigkeit oder um eine anständige Beerdigung oder so etwas. Gerechtigkeit kann diesem Geist nicht widerfahren – er ist viel zu alt, derjenige, der an ihm schuldig wurde, ist tot. Trotzdem will er Vergeltung, weil dies sein ganzes Sein ist, und die Vergeltung bekommt er – aber wenn man es genau bedenkt trifft sie einen Unschuldigen. Mehr kann ich, ohne zu spoilern, leider nicht sagen. Diese Vorstellung eines Geistes, der weniger eine Person als eine Emotion konserviert, ist aber den japanischen Geistervorstellungen sehr ähnlich. Ein Film also, der in seinem Genre gleichzeitig einen Blick zurück und einen nach vorne bietet.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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Eine Antwort zu schreckenbergschaut: FNHF Teil 3 – The Changeling

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