schreckenbergschaut: FNHF Teil 4 – All the Boys love Mandy Lane

All the Boys love Mandy Lane
USA 2006
Drehbuch: Jacob Forman
Regie: Jonathan Levine

(Ich habe diesen Film anlässlich des 21. Fantasy Filmfestes im Jahr 2007 schon an verschiedenen anderen Stellen besprochen, wer mich also länger kennt sollte sich nicht wundern – viel Neues kommt jetzt nicht. 😉 )

Letzte Woche habe ich „The Changeling“ von 1980 vorgestellt, den Abgesang auf den klassischen Geisterfilm – oder zumindest ein bemerkenswertes Pausenzeichen, bevor das Subgenre dann mit „The Sixth Sense“ zu neuen Ehren kam.

„All the Boys love Mandy Lane“ ist ebenfalls ein Abgesang, und zwar der auf DAS Horrorgenre der 1980er Jahre, das gerade aufkam, als „The Changeling“ eine Ära beendete. Denn ebenfalls 1980 kam „Freitag der 13.“, zwei Jahre vorher war „Halloween“ auf der Leinwand erschienen und 1984 folgte dann (für mich) schon der Höhepunkt – „A Nightmare on Elmstreet“. Vorher gab es einige, nachher viele weitere, aber die Großen Drei sind damit genannt, und ich rede natürlich vom Subgenre der Teenieslasherfilme.

Filme dieser Art erlauben an sich wenig Überraschendes und das Subgenre war folgerichtig schnell totgeritten. „Scream“ sorgte 1996 für eine kurzzeitige Wiederbelebung, aber die endete auch sehr schnell in peinlichen Kopien und immer neuen Aufgüssen der Klischees.

Slasher – egal wer geslasht wird, Teenies oder andere – haben es bei mir immer schwer. Abgesehen von „A Nightmare on Elm Street“, der eine interessante übernatürliche Idee (das Monster aus den Träumern) mit einführt, kann ich diesem ganzen Subgenre relativ wenig abgewinnen. Ich finde Blutorgien um ihrer selbst willen langweilig, weil die Geschichte meist sehr, sehr dünn ist und nur als Vehikel dient, noch mehr Blut auf noch grausamere Weise zu vergießen. Man bedenke nur diese unglaublich öden Filme der Marke „Saw“ und „Hostel“. Die meisten Leute, die ich kenne und die „Saw“ zum Beispiel mochten, waren Leute, die das Horrorgenre nicht kannten und sich anlässlich des neuesten Hypes jetzt endlich auch mal einen Horrorfilm ansehen wollten. Die waren schwer geschockt und ob der „Tiefgründigkeit“ beeindruckt. Ich hingegen fand den Film nur doof und unlogisch. Und selbst ein im Kern simpel gestrickter Teenislasher kann viel, viel tiefgründiger sein – wie zum Beispiel „All the Boys love Mandy Lane“.

Inhalt:

Also, nochmal – dieser Film ist ein Teenieslasher-, Teeniehorror-, Teeniesplatterfilm, wie auch immer man das nennen mag. Er bewegt sich in einem klassischen Rahmen, der wenig Überraschungen zulässt. Stecken wir diesen Rahmen kurz ab:

– Wir wissen, was mit dieser begrenzten Zahl von Teenagern auf begrenztem Raum passieren wird.

– Das Ganze funktioniert immer nach dem Zehn-Kleine-Negerlein-Prinzip. Die Frage „wen erwischt es wohl als nächstes“ interessiert nur absolute Anfänger, alle anderen wissen – es erwischt sowieso alle oder fast alle. Die Reihenfolge ist mäßig spannend und wer am Ende übrig bleiben wird (falls jemand übrig bleibt) ist meist früh klar.

– Die Filme wimmeln nur so von Klischees.

– Das Ende ist meist kaum überraschend (siehe oben) und die Frage „wer ist der Täter“ ist auch uninteressant. Denn je überraschender die Antwort, desto hirnrissiger und weiter hergeholt das Motiv – sonst kommt man ja zu früh drauf. Die frühen Teenieslasher sind diesem Problem meist ausgewichen, indem sie den Täter zu einem echten (menschlichen oder übernatürlichen) Monster machten und ihn mit entsprechenden Monstermotiven ausstatteten. Deshalb sind diese Filme (zumindest die ursprünglichen, nicht die Sequels) auch soviel besser als spätere Versuche a la „I know what You did last Summer.“

Nun also die Handlung:

Sechs Teenager fahren gemeinsam auf eine Farm, um dort zu feiern. Nacheinander werden sie umgebracht.

Urteil

Es wäre also unfair, von diesem Film hier ein Beispiel für sprühende Originalität und überraschende Handlungsfäden zu erwarten. Er ist, was er ist.

Und – in diesem Rahmen – ist der Film wirklich gut. Was immer man richtig machen kann, machen Forman und Levine richtig. Die Personen – Killer eingeschlossen – sind zwar Klischees, aber als Charaktere so nachvollziehbar wie überhaupt nur eben möglich, in diesem per Definition sehr oberflächlichen Genre. Der Autor hat das geschafft, was in „Scream“ vergeblich versucht wurde: Aus vergangenen Erfahrungen zu lernen. Was dort zu aufgesetzt und daher zu offensichtlich war, ist hier eingewebt und wird benutzt – vor allem, um Klischees direkt aufzugreifen und zumindest zu brechen, wenn nicht gar zu zerstören. Der Film greift auf die eine oder andere Art viele Erfahrungen auf, von „Scream“ bis „American Pie“, von „Blair Witch Project“ bis zu „Elephant“. Drehbuchautor und Regisseur haben offenbar genau hingeschaut und gelernt. Sie nehmen zum Beispiel eine zentrale Idee aus „Scream“ auf – nur um zu zeigen, wie man das besser machen kann. Auch die übliche Bildsprache der Teenisslasher, diese abgedroschenen, schön und langweilig gefilmten Kleinstadtszenarien, wird völlig über Bord geworfen. Die Bilder sind groß und grob, stilisiert und erinnern eher an eine Mischung aus guten Werbespots und der Blair-Witch-Ästhetik. Und auch wenn die Figuren – trotz aller Bemühungen um etwas Tiefgang – doch im Klischee stecken bleiben, so scheint Forman sich dieser Tatsache bewusst gewesen zu sein. So bewusst, dass er eine Killerfigur schaffte, der man am Ende sogar Beifall klatscht – ein wenig widerwillig vielleicht, aber mit Respekt. Diese Figur verkörpert das älteste und dunkelste aller Horrorklischees, und dass diese Klischeefigur die anderen, kleineren Klischeefiguren umbringt (direkt oder indirekt) ist nur stimmig und richtig. Dieser Film lässt Archetypen aufeinander los – und nur die ursprünglichsten dürfen überleben, im Guten wie im Bösen.

Unbedingt erwähnenswert ist auch der Soundtrack, eine der besten Zusammenstellungen, die ich je in einem Horrorfilm gehört habe. Da hat jemand nachgedacht und zur Geschichte passende Musik gesucht und ganz offensichtlich nicht nur darauf geschaut, was das Zielpublikum gerade gerne hört. Und ich persönlich habe durch den Soundtrack eine Band entdeckt, die mir seither viel Freude macht und die ich in „Die Träumer“ auch zitiere – „The Bedroom Walls“.

Für jemanden, der dieser Art von Film noch nie etwas abgewinnen konnte, wird auch „Mandy Lane“ nicht funktionieren. Aber für alle anderen: Dieser Film könnte für den Teeniehorror das sein, was „Unforgiven“ für den Western war: Ein grosser, letzter Moment (zumindest vorerst). Selbstverständlich ist der Western an sich unendlich vielschichtiger und reicher als der Teeniehorror und also ist auch „Unforgiven“… aber das war klar, oder? Ein sehr schöner Freitagsnachmittagshorrorfilm (für Leute ab 18) ist „All the Boys love Mandy Lane“ aber allemal.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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4 Antworten zu schreckenbergschaut: FNHF Teil 4 – All the Boys love Mandy Lane

  1. Bernd Wachsmann schreibt:

    Der hat „Neger(lein)“ gesagt 😉

    Ich fand Mandy Lane lahm und enttäuschend. Kurz, aber Castle fängt gleich an 😉

    • Mountfright schreibt:

      Ist immer die Frage, mit welcher Erwartung man an einen Film herangeht. Ich bin – siehe oben – kein großer Fan von Schlitzerfilmen, damals auf dem Filmfest habe ich mir die Karte, glaube ich, nur gekauft, um keine lange Leerzeit zwischen zwei anderen Filme zu haben. Und nachdem es bei dem Festival 2007 schon zwei Filme geschafft hatten, meine Erwartungen herb zu enttäuschen, hat Mandy Lane sie dann doch übertroffen. 😉

  2. marcusjohanus schreibt:

    Ich weiß nicht so genau, was ich von Slasherfilmen halte. Irgendwie bin ich ja Genrefan (also prinzipiell ein Fan von Genres) und das Teenie-Slasher-Genre ist für mich ein so eingeengtes Muster, dass es eigentlich immer nahe dran an der (unfreiwilligen) Parodie ist. Trotzdem (oder deswegen?) gucke ich hier und da diese Filme ganz gerne, wenn sie nicht nur auf den Ekelfaktor bauen. Scream fand ich deswegen gar nicht so schlecht. Und als Kind der 1980er ist Nightmare on Elmstreet natürlich Pflichtprogramm gewesen.

    Dein Artikel hat in mir auf jeden Fall Lust geweckt, mir mal wieder ein paar der alten Filme anzusehen und All the Boys love Mandy Lane klingt eigentlich interessant. Werde ich bei Gelegenheit bestimmt mal ein Auge drauf werfen.

    • Mountfright schreibt:

      Ja, der erste Nightmare ragt wirklich aus dem Subgenre heraus. Das kommt aber, denke ich, eben daher, dass Freddy ein übernatürliches Monster ist, das man mit einer tieferen Hintergrundgeschichte ausrüsten kann als Jason, Michael und wie sie alle heißen. Und durch die Traumwelten ist Nightmare natürlich auch optisch viel weniger langweilig als die anderen. Dafür wurde er allerdings dann auch durch 1000.000 Sequels dermaßen ausgelutscht, dass es am Ende schon jenseits von Parodie war, dass tat nur noch weh.

      Was die unfreiwilligen Parodien angeht hast Du m.E. ebenfalls recht – ich denke nur an „I know what you did last summer.“ Mann, war der schlecht. Ich benutze ihn immer als Argument für den Österreichischen Teeniemordfilm „In drei Tagen bist Du tot“. Kennt den wer? Gerade deutsche Horrorfreunde hacken auf dem gerne rum – aber verglichen mit den letzten amerikanischen Produktionen ist der fast originell. Wobei… davon gibt es dann auch ein Sequel, dass seine eigene Parodie ist.

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