schreckenberglebt: Wir Versager

Ja, ein weiterer Blogbeitrag, angeregt von „Trump hat die Präsidentschaftswahl gewonnen“. Aber ich will mich gar nicht lange mit Amerika, bzw. den USA, beschäftigen, vor allem will ich nicht in dieses Horn von „die doofen Amis, wie konnten sie nur“ tuten. Populismus, Rechtspopulismus vor allem, ist kein amerikanisches Phänomen und kein neues. Und ebensowenig amerikanisch oder neu ist die Unterschätzung, die Fehleinschätzung, die Überheblichkeit, mit der wir, die wir doch auf der richtigen Seite stehen, auf alle, die den Populisten folgen (wie zögerlich auch immer) herabsehen. Wir sind doch klüger, sind gebildeter, weltoffener… und wollen das, was geschieht nicht wahrhaben.

„Den Mann gibt es gar nicht, er ist nur der Lärm, den er verursacht.“ Kurt Tucholsky über Adolf Hitler, 1931.

„Wir haben uns Herrn Hitler engagiert.“ Franz von Papen über Adolf Hitler, 1933.

Der Unterschied in den politischen Ansichten zwischen Tucholsky und Papen kann größer kaum sein. Dennoch – beide wollen sie das, was da droht bzw. womit sie es unmittelbar zu tun haben nicht wahrhaben.

Und heute? Der Rechtspopulismus ist Realität, ebenso wie sein wachsender Einfluss. Aber wenn ich mich unter meinen Freunden, die, wie ich, diese Entwicklung mit Sorge sehen – und seit gestern Nacht teilweise mit wirklicher Angst – umhöre, woran das liegt, dann höre ich ständig: „Weil Menschen halt so sind. Weil Menschen dumm sind.“ Und ich gebe zu, ich denke selbst allzuoft so. Und deshalb sind wir, die wir glauben, die Guten zu sein, gerade dabei zu versagen.

Wir versagen.

Weil wir uns nicht dafür interessieren, warum so viele Menschen Trump, Le Pen, FPÖ, AfD und wie sie alle heißen, nicht nur wählen, sondern auch unterstützen. Zu leicht geht uns von den Lippen, dass die alle dumm, dumpf, brutal, primitiv, emphatiefrei etc. sind. Die Hälfte der US-Amerikaner, die Hälfte der Österreicher, ein Viertel aller Sachsen – eben blöder als ich? Nicht auf meinem Niveau, einfach intelligenzbefreit? Ich wage, das zu bezweifeln.

Natürlich gibt es die Bösen. Und es sind viel mehr als wir glauben. Die, denen wirklich scheißegal ist, wieviele Menschen im Mittelmeer ertrinken und denen beim Anblick eines toten Flüchtlingskindes nur menschenverachtender Dreck einfällt. Die glauben, durch Geburtsland, Hautfarbe, sexueller Orientierung oder Geschlecht das Recht zu haben, andere zu entmenschlichen und zu entwürdigen. Oder die Dummen, die wirklich glauben, sexualisierte Gewalt gebe es erst seit Neujahr 2016, Klimawandel sei eine Erfindung irgendwelcher chemtrailssprühender Verschwörer und es ginge uns allen besser, wenn innerhalb der historisch zufälligen deutschen Grenzen nur Menschen leben würden, die rein deutscher Abstammung sind (also, genaugenommen, niemand). Die gilt es zu bekämpfen, kompromisslos, ohne jeden Versuch zu verstehen. Wer es für besser hält, Menschen ertrinken zu lassen oder sie zurück zu Krieg und Folter zu schicken, der tötet indirekt, um nur eine Ecke, und ist damit nicht besser als derjenige, der direkt tötet, indem er Leute anderer Hautfarbe tot schlägt oder sich in einer Menschenmenge in die Luft sprengt, damit Allah… irgendwas tut. Kein Kompromiss mit diesen Menschendarstellern, kein Verständnis, kein Gespräch. No pasaran!

Aber die paar wirklich Bösen und Dummen taugen nicht zur Massenbewegung. Dazu braucht es mehr. Das war übrigens in den 1930er Jahren in Deutschland nicht anders. Aber ein Populist versteht es eben, nicht nur die Bösen und Dummen um sich zu scharen, sondern auch die, die Angst haben, berechtigt oder nicht.

Ist die Angst vor der Islamisierung Deutschlands lächerlich? Sicher ist sie das. Aber eben weil sie das ist versucht niemand, diese Angst anzugehen, sie denen, die sie haben, zu nehmen. Stattdessen wird sie instrumentalisiert und diejenigen, die darunter leiden verlacht und verachtet. Nur die Populisten verachten nicht – oder nicht offen. Sie hören zu, sie versprechen Hilfe oder zumindest den Versuch zu helfen. Als jemand, der selbst viele lächerliche Ängste hat (nur keine politischen) weiß ich, wie toxisch Verachtung, wie tröstlich Zuwendung ist.

Ist die Angst vor dem gesellschaftlichen und sozialen Abstieg lächerlich? Nein, ist sie nicht. Nur ist es irgendwie aus der Mode gekommen, das offen anzusprechen und unser wirtschaftliches System in Frage zu stellen. Aber wenn die konstruktiven Kräfte ein Thema nicht mehr angehen möchten, dann überlassen sie es den Destruktiven – den Populisten.

Wir haben versagt, wir haben dauernd versagt. Als, nach dem Ende des Kalten Krieges, plötzlich der Individualismus zur beherrschenden Ideologie wurden, dieses verfluchte „wenn jeder an sich denkt ist an alle gedacht“, dieser egoistische Hedonismus, der alles Soziale belächelt und für Werte wie Solidarität, Loyalität, Mitleid und Nächstenliebe nur Zynismus übrig hat, wo waren wir da? Wer von uns angeblich Klugen, Gebildeten, Besserdenkenden hat darauf hingewiesen, dass das menschlich widerlich ist und bei sozialen Netzen und Gemeinwesen, die Hundertausende bis Zigmillionen umfassen, in einer zunehmend globalisierten Menschengemeinschaft, nur zu Katastrophen führen kann?

Wir haben versagt und mitgemacht wenn es darum ging, das, was wir haben, klein zu reden und für clevere intellektuelle Spielchen zur Disposition zu stellen. Der Schutz der Menschenwürde? Wurde vor wenigen Wochen noch in einem (in jeder Hinsicht sauschlechten!) Fernsehspiel unter großem Tamtam als austauschbares „Prinzip“ diskreditiert. Kann man ja mal machen. Ach ja? Was ist denn die fucking Alternative zum bedingungslosen Schutz der Menschenwürde? Aber für Bedingungen und Alternativlosigkeiten sind wir ja viel zu schlau.

Wir haben zugesehen, wie die Bildung, die nicht direkt ökonomisch nutzbar ist, herabgewürdigt wurde. Das Ergebnis ist, dass eine Pubertistin, die sich beschwert, dass sie in der Schule Gedichte analysieren und keine Steuerformulare ausfüllen muss landauf landab gehyped wird. Und dass meine Kinder im Geschichtsunterricht im Gymnasium (!) weder lernen, was zum 30jährigen Krieg führte, noch wo die ganzen Nazis herkamen, die 1933 offenbar vom Himmel fielen. Fragt sich: Was ist wichtiger? Kreativ denken zu können und historische Vorzeichen wiederzuerkennen? Oder Steuererklärung und Vektorrechnung?

Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Freiheit der Wohung, Krankenversicherung für alle, sauberes Wasser, bezahlbare Lebensmittel, Grundversorgung, FRIEDEN, verdammt. Kein großer Krieg alle paar Jahrzehnte, der Millionen Leben kostet. All das ist uns selbstverständlich geworden, wir sind so träge, so satt, so undankbar, so wenig bereit, für das zu kämpfen was wir haben. Wir nölen nur rum. Alles ist uns nicht genug, wenn es nicht perfekt ist, dann können wir es ja auch theoretisch gleich abschaffen.

Und so schauen wir eben zu und kommentiere geistreich, aber tun nichts dafür, das, was unsere Werte sind, zu schützen, zu verteidigen, zu erhalten, auszubauen.

Natürlich versagen auch bei uns die Medien und die politische Klasse (denen bzw. der wir Klugen ja auch oft genug angehören). Die Medien müssen sich vorwerfen zu lassen, jede Angst zu schüren, aufzubauschen, breit zu walzen, sei es die vor der Vogelgrippe, der Islamisierung, vor der Flüchtlingswelle oder vor Horrorclowns. Denn wenn nicht jede Woche eine neue, brandgefährliche Sau durchs Dorf getrieben wird, dann läuft man ja Gefahr, vom Infotainment wieder zur Information herabzusinken. Recherche und Gegenrecherche betreiben und am Ende womöglich sagen zu müssen: „Sorry, ist garnicht so schlimm, nix Nachricht.“ Und dann? Keine Panik in den Nachrichten, keine Doppelseite zur nahen Apokalypse in der Zeitung, kein Sonderthema bei „Hart aber Fair“. Um Gotteswillen. Bevor des so weit kommt streuen wir doch lieber sinnlos Panik.

Und unsere Politiker? Zitat von Tagesschau.de, heute, 14.02 Uhr:

Aus Sicht von Bundesinnenminister Thomas de Maizière könnte Trumps Sieg sich für Volksparteien in Deutschland sogar zum Vorteil entwickeln. Er rechne nicht mit einer Zunahme rechtspopulistischer Tendenzen oder dass etwas Parteien wie die AfD mit Wahlerfolgen rechnen könnten. Vielleicht, so zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den CDU-Politiker, würde bei den Menschen nun die Einsicht greifen, „dass die Lösung von Problemen etwas Besseres ist als das lautstarke Beschreiben von Problemen“.“

Ja… das könnte man als elaborierte Form von „Mimimimimi“ abtun, wenn es nicht so entlarvend wäre. Zuallererst geht es mal darum, wie die eigene Partei aus irgendeiner Entwicklung Honig saugen kann. Dann wird der Rechtspopulismus unterschätzt. Und zuletzt zeigt der Innenminister dass er „die Menschen“ entweder für völlig verblödet hält, oder selbst weltfremd ist, oder beides. Denn darin, Probleme nur zu beschreiben ohne sie zu lösen sind nicht nur Rechtspopulisten groß, sondern ebenso die Volks- und anderen Parteien. Sofern die Weltfremde. Und zu glauben, dass „die Menschen“, wenn sie denn zu der oben genannten Erkenntnis gekommen sind, nicht merken, dass die gesamte politische Klasse so tickt, das wiederum spricht dafür, dass der Innenminister eigentlich das gesamte Wahlvolk für blöd hält.

Wobei… in einer Hinsicht hat er Recht. Die politische Klasse scheint in vieler Hinsicht gar nicht mehr bereit, Probleme zu beschreiben, lautstark oder anders. Beispiel gefällig?

Ich sagte oben, dass wir Krankenversicherung – also Zugang zu Medizin und ärztlicher Behandlung – für alle haben. Das ist richtig, und das ist ein hohes und wichtiges Gut, das viel zu selbstverständlich erscheint. Aber ebenso wahr ist: Wir haben in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin. Privatpatienten werden bevorzugt und besser behandelt als Kassenpatienten. Das ist ebenso offensichtlich wie der Unterschied zwischen Tag und Nacht.

Nun gibt es drei Arten von Reaktionen aus der Politik:

  1. Leugnen des Problems: „Es gibt keine Zwei-Klassen-Medizin!“
  1. So tun, als wäre das Problem quasi unlösbar: „Wir versuchen, die Zwei-Klassen-Medizin zu überwinden.“ Besonders prickelnd, da alle Parteien, die das sagen, selbst in den letzten 20 Jahren schon an der Regierung waren, also die Gelegenheit gehabt hätten. Aber da ist dann von komplexen Problemen und mächtigen Lobbygruppen die Rede… oder anders: „Tut uns leid, aber wir sind zwar gewählt um zu regieren, aber wir können es nicht.“ Da fragt dann der Wähler nicht ganz zu unrecht: „Wozu brauchen wir Euch dann?“
  1. Das Problem ist sofort lösbar: „Wir schaffen die Zwei-Klassen-Medizin ab!“ Das sagen die Populisten. Und es ist natürlich nicht so einfach. Aber der scheinbare Wille, ein Problem anzugehen und zu lösen mag auf den einen oder anderen frustrierten Wähler verlockend wirken.

Will sagen: Von „etablierten“ Politikern, gerade von Volksparteien, darf ich verlangen, dass sie Lösungen für Probleme entwickeln und durchsetzen. Dass sie eine Idee (um nicht zu sagen „Vision“) davon haben, wie die Gesellschaft aussehen soll, und wie sie sie dahin führen wollen, auch wenn das mal Wählerstimmen und Freunde in den Lobbys kostet. Denn wenn die Demokraten und Verfassungstreuen das nicht tun – die Populisten tun es.

Und wir Nichtpolitiker? Wir sollten nach Visionen verlangen. Wir sollten selbst welche entwickeln. Sagen, wie wir dieses Land, diesen Kontinent entwickeln, und unsere Freiheitlichen und demokratischen Werte schützen wollen. Mitmachen. Auch außerhalb der Parteien, wenn sie uns kraftlos erscheinen. Die Straße und das Internet nicht den Populisten überlassen. WÄHLEN GEHEN, zu jeder Wahl, und dabei nicht dauernd vom „kleinsten Übel“ jammern. Und uns eben nicht träge zurücklehnen und allenfalls jeden bashen, dessen Wertvostellungen nicht exakt unsere eigenen sind.

Wir sollten aufhören zu versagen.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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