schreckenberglebt: Greta Thunberg emittiert

Die deutschen Medien haben ein neues Hobby, eines, das sie von den Schwurblern übernommen haben: Sie versuchen, möglichst genau jede Emission, die von Greta Thunberg ausgeht, zu berechnen und sie ihr dann empört vorzuhalten. Sinn und Hintergrund dieser Empörung erschließen sich mir nicht ganz, aber das ist durchaus natürlich. Empörung ist hierzulande ein beliebter Volkssport, und ich habe es eh nicht so mit den Lieblingssportarten meines Volkes. Ich sehe ja auch lieber American Football als Fußball. Hat eigentlich schon jemand bei den Berechnungen berücksichtig, dass sie atmet – also CO2 ausstößt? Und – Gott bewahre – aufgrund ihres Stoffwechsels hin und wieder wahrscheinlich auch Flatulenzen hat? METHAN, Leute! Teufelszeug! Warum betreibt das feine Fräulein keine Phososynthese, hm?

Das Blöde bei all dem ist nur: Selbst wenn Greta Thunberg den Atlantik auf einem dieselbetriebenen Seelenverkäufer überqueren würde, der seit 1952 nicht mehr gewartet wurde, dabei alle zehn Minuten links einen Eimer Schweröl und rechts eine Wanne Dünnsäure über die Reeling kippen und jeden Tag einen Delphin verspeisen würde, den sie per Sprengstoff gefangen hat, um dann, in den USA angekommen, das dreckigste Kohlekraftwert der Welt einzuweihen – all das würde nichts daran ändern, dass das, was sie sagt, wahr ist. Eine überwältigende Mehrheit der mit der Materie befassten Wissenschaftler (je nach Quelle* irgendwas zwischen 97,x und 99,x Prozent) sagt, dass wir Menschen kurz davor sind, das Klima auf diesem Planeten irreversibel und zu unseren Ungunsten zu verändern. Und Greta Thunberg (gemeinsam mit vielen anderen) weist nur darauf hin, dass wir – besonders aber die Generationen und Gruppen an den Schalthebeln der Macht – dringend handeln müssen, wenn wir das noch verhindern wollen. Ganz einfach.

Und das ist es, worum es bei dem ganzen Gretabashing in Wirklichkeit geht: Dass wir uns der Grundlage unserer eigenen Zivilisation, wenn nicht gar unserer Lebensgrundlage selbst berauben, wenn wir nicht radikal etwas ändern, ist eine naturwissenschaftliche Tatsache. Und mit der Physik kann man nicht diskutieren. Und ja, das bedeutet, dass wir sehr viel ändern, auf sehr viel verzichten, sehr viel Selbstverständliches aufgeben müssen*. Das ist unpopulär. Und wenn die Tatsache, dass 2+2=4 ist in ihrer Konsequenz bedeutet, dass ich von meinem gewohnten und bequemen Leben Abschied nehmen muss, dann gefällt mir diese Rechnung nicht. Aber sie ist numal wie sie ist, also kann ich nichts dagegen tun. Mir bleiben dann, wenn ich unbedingt will, dass alles so bleibt, nur zwei Möglichkeiten:

Entweder, ich zweifle die Mathematik selbst an, und erkläre, dass alle, die an sie glauben manipuliert sind. Das tun die Verschwörungstheoretiker.

Oder ich versuche, mich an der Person abzuarbeiten, die das Ergebnis der Rechnung laut verkündet. Das ändert nichts am Ergebnis, führt aber zu einer sinnlosen Scheindiskussion, bei der ich mich irgendwie besser fühle, weil ich mich ja nicht mehr mit den Konsequenzen aus 2+2=4 auseinander setzen muss. Das tun die Leute, die sich gerne an Greta Thunberg abarbeiten.

Egal was Greta Thunberg sagt oder nichts sagt, tut oder nicht tut, emittiert oder nicht emittiert, und egal wer ihr zuhört oder sich weigert, das zu tun: Die Physik lässt nicht mit sich verhandeln. Die Veränderungen werden kommen, so oder so. Es ist nur die Frage, wieviel davon wir noch bestimmen können.

*Wie schon bei früheren Posts gesagt: Nein, ich verlinke die Beweise nicht. Ich bin müde. Sucht sie Euch selbst. Schaut von mir aus in Rezos Liste, aber nein, ich werde Euch die Recherche nicht abnehmen. Lernt anständig zu recherchieren (falls ihr es noch nicht könnt) und dann recherchiert. Es ist lehrreich.

**Natürlich liegen in diesen Veränderungen, wie in allen Veränderungen, auch viele Chancen. Idealerweise leben wir am Ende in einer gerechteren***, lebenswerteren, schöneren Welt. Aber das sehen wir dann. Erstmal sollten wir schauen, dass wir uns die wenigen Gestaltungsmöglichkeiten erhalten, die wir noch haben.

*** „Gerechter“ bedeutet natürlich noch immer, dass wir West- und Nordeuropäer unseren Lebensstandard wahrscheinlich senken müssten. Aber wäre das wirklich so schlimm?

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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3 Antworten zu schreckenberglebt: Greta Thunberg emittiert

  1. Bernd schreibt:

    Was ist denn mit den Physikern, Nobelpreisträgern, Klimaforschern, Feldforschern etc. die nicht die Meinung vom IPCC teilen?
    Sind das keine Wissenschaftler? Alle gekauft? Verschwörungstheoretiker?

    Abgesehen davon sind die 97-99% ja sehr kreativ entstanden und selbst darin sind Forscher, die in der öffentlichen Wahrnehmung als Klimaleugner gelten würden. Gerade ja auch ehemalige IPPC-Mitarbeiter haben sich ja abgewendet wegen der Art und Weise wie mit Daten und Kritikern umgegangen wird. Und gerade Feldforscher sehen ja die realen Ergebnisse vor Ort.

    Nein, ich verlinke die Beweise nicht. Ich bin müde. Such Sie Dir selbst. 😉

    Ich verstehe Dein Denk-Schemata, es ist in sich zwar geschlossen aber daher kongruent.
    Von Deiner Prämisse aus kann man auf die Erklärung kommen, warum die Medien Greta jetzt „dissen“. Wobei das nicht erklärt, warum sie vorher sooooooooooooooooooooo gehyped wurde von den selben Medien, wenn denen ja alle das Ergebnis von 2+2 nicht gefallen hat.

    Warum sich die Medien meiner Meinung nach an Greta abarbeiten:
    Weil immer mal wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Hast Du wirklich geglaubt, die Hysterie wäre jetzt auf Jahre Thema?
    Die Medien machen es doch oft, erst zu hypen und dann noch mal Quote mit dem Nachtreten zu machen. Ich denke teilweise, weil man vorher schon nur der Quote wegen gute Miene zum bösen Spiel gemacht hat.
    Man denke nur an Martin Schulz. Vom Noob zum Gottkaiser zum Voll-Depp in Rekordzeit.
    Nicht schön, aber es ist so.

    Nach Gretel kam die Rackete und mal schauen, was danach kommt.
    In 10 Jahren reden wir dann über die drohende Kälteperiode (wobei es dafür immerhin reale Hinweise gibt).
    Alles schon mal dagewesen, alles nichts neues.

    • Mountfright schreibt:

      Ach Bernd… 😀 Ich könnte jetzt ernsthaft antworten, aber das wäre etwas persönlich und unfair. Ich komme lieber auf Dein Angebot zurück – wir sprechen uns in 10 Jahren wieder.

  2. Mountfright schreibt:

    Kurz für alle, weil das mit den Nobelpreisträgern so beeindruckend klingt: Bernd bezieht sich, wie unter Leugnern des anthropogenen Klimawandels üblich, auf den Heidelberger Appell von 1992 (!). Hier zwei Quellen dazu, und wer möchte ist herzlich eingeladen, tiefer zu graben.

    https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9280400.html

    https://de.wikipedia.org/wiki/Warnung_der_Wissenschaftler_an_die_Menschheit

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