schreckenberglebt: Türchen Nr. 17 – Alter Weißer Mann

Wenn Ihr in meinem Alter seid, und am Ende gar von weißer Hautfarbe und männlich, seid ihr bestimmt schon einmal über den Kampfbegriff „alter weißer Mann“ gestolpert. Den benutzen vor allem Menschen, die jung, nicht von weißer Hautfarbe, weiblich oder eine Kombination davon sind. Beim ersten Zusammentreffen mit diesem Kampfbegriff zuckt man als (alter) weißer Mann unwillkürlich zusammen. Was soll das? Wieso greifen ausgerechnet die Menschen, die sich gegen Rassismus und Sexismus einsetzen, mich rassistisch und sexistisch an? Ich bin doch ihr Verbündeter, ich kämpfe doch auch gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie etc., wo ich kann!

Man(n) hat dann die Wahl: Entweder man kann sich mit der Frage, was und wer eigentlich mit diesem Kampfbegriff gemeint ist, auseinander setzen, oder man kann schmollen und jammern und sich in die Opferrolle begeben. Was – für Angehörige der mächtigsten Menschenkaste überhaupt – eine ziemlich lächerliche Attitüde ist. Aber viele wählen sie. Auch und gerade herausgehoben mächtige Vertreter dieser ohnehin schon mächtigen Kaste.

Da sowohl mein politisch stark engagiertes Kind als auch meine beste Freundin diesen Begriff hin und wieder im Mund führen, bin ich einfach mal davon ausgegangen, dass sie ihn eben nicht rassitisch und sexistisch meinen und habe nachgefragt. Ja, das geht und ist nicht schwer.

Es mag Ausnahmen geben (weil es eben immer und in jeder Gruppe auch dumme Menschen gibt) aber in der Regel meint „Alter Weißer Mann“, als Kampfbegriff gebraucht, nicht die Menge aller Männer über einem Geburtsdatum XY mit heller Hautfarbe. Genauswenig, wie, sagen wir „Ar****och“ alle Menschen meint, die ein solches haben oder „Wi***er“ jeden Menschen beleidigen soll, der Selbstbefriedigung betreibt. Wer also ist gemeint, wenn zum Beispiel eine junge Frau wütend über „alte weiße Männer“ schimpft?

Ich habe oben gesagt, dass „alte* weiße Männer“ die mächtigste Kaste auf diesem Planeten bilden. Wer das bezweifelt, der schaue sich bitte mal an, wer im Norden dieses Planeten (also der Region, die dem Rest der Welt – noch – politisch und wirtschaflich ihren Willen aufzwingt) die politischen und wirtschaftlichen Machtmittel (inkl. Kapital) in der Hand hat, die entsprechenden Ressourcen und Netzwerke zur Verfügung hat, die formellen wie informellen Agenden bestimmt. Das sind, in der ganz überwiegenden Mehrheit, alte, weiße Männer.

Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass alle alten, weißen Männer mächtig sind. Aber sie sind und waren privilegiert. Gegenüber dem Rest der Welt sowieso – wer, sagen wir, 1965 als dunkelhäutiges Mädchen in Tansania geboren wurde hatte niemals die selben Chancen, Ressourcen und Sicherheiten wie ein in Deutschland geborener, weißer Junge. Aber auch innerhalb unserer nördlichen Gesellschaften gilt das. Egal ob in Wirtschaft, Politik, Sport, Kunst oder sonst einem mit Macht und Einfluss verbundenen gesellschaftlichen Bereich sind weiße Männer in der Mehrheit. Und das liegt selbstverständlich AUSSCHLIESSLICH an gesellschaftlichen Regeln und Strukturen, nicht an irgendwelchen herbeiphantasierten biologischen oder psychologischen Faktoren.

Wir alten weißen Männer (jetzt im ganz neutralen Sinne) sollten uns eingestehen, dass es so ist. Dass wir in einer Gesellschaft leben, die uns ungerechtfertigterweise seit unserer Geburt privilegiert. Wir hatten immer einen unfairen Vorteil dem Rest der Welt – nah oder fern – gegenüber. Dabei ist es nicht relevant, wie sehr wir diesen Vorteil individuell nutzen konnten. Auch wenn der 1965 geborene Junge im Leben nichts auf die Kette bekommen hat, hatte er immer noch einen riesigen Startvorsprung. Wenn er diesen Vorsprung eingebüßt hat, dann lag das nicht an mangelnden Privilegien.

Verzicht macht immer Angst, und Verzicht auf Privilegien die Sicherheit geben erst recht. Aber wir müssen uns von unseren Privilegien verabschieden, wenn wir eine faire, gleichberechtigte Gesellschaft wollen.

Natürlich gibt es Menschen, die diese Privilegien nicht abgeben wollen oder schlicht leugnen, dass es sie gibt. Die – und nur die – sind, so habe ich es verstanden, gemeint, wenn „Alter Weißer Mann“ zum Kampfbegriff wird.

*Definieren wir „alt“ hier einfach mal mit „geboren 1971 oder früher“, dann schließt es mich ein. 😉

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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