schreckenbergliest: Volker Streiter – Fressen ihn die Raben

Und ich beginne mit diesem Krimi:

Wieso lese ausgerechnet ich einen Alpenkrimi? Ich bin ein Wassermensch, ich will nicht irgendwo meinen Urlaub verbringen, wo es sehr große Steine gibt, ich will ans MEER. Das gemeinsame diktatorische Regime von meiner Mutter und mir hat dazu geführt, dass mein Vater und meine Schwester niemals in den Bergen Urlaub machen durften, sondern immer mit uns an den nächstbesten Ozean mussten. Einmal Bayerischer Wald war das Äußerste. Und ich wohne zwar an der Grenze einer Gegend, die sich „Bergisches Land“ nennt, aber das hat mit echten Bergen nun wirklich nichts zu tun. Wie komme ich also dazu? Nun – wie bereits hier beschrieben, habe ich Volker Streiter im Rahmen der CRIMINALE 2012 kennengelernt, wir haben Bücher getauscht, und wenn mir ein sympathischer Kollege schon sein Werk gibt, dann sollte ich es auch lesen. Getan! Und das kam dabei heraus:

Inhalt

Die Kölner Kriminalpolizistin Elke Hundgeburth zieht sich aus Liebesfrust für eine Woche in die Alpen bei Berchtesgaden zurück, um beim Wandern in der und dem Blick auf die Natur den Kopf frei zu bekommen. Was sie nicht weiß, wir aber schon – kurz vor ihrer Ankunft ist hier ein Mord geschehen. Und während sich in Berchtesgaden selbst ein Sprengstoffanschlag auf einen Reisebus voller Nazis ereignet, der die Mordexperten der dortigen Polizei auf Trab hält, taucht das Opfer des ersten Mordes hoch in den Bergen wieder auf. Stück für Stück. „Feld-Wald-und-Wiesen-Ermittlerin“ Elke (ihre Worte) folgt mit einer Mischung aus Neugier und professionellem Interesse den Spuren und steckt bald mitten in dem Fall – obwohl sie doch eigentlich nur Urlaub machen wollte.

Urteil

Mir hat „Fressen ihn die Raben“ gut gefallen, und zwar gleich aus mehreren Gründen. Zum einen merke ich (oder glaube zu merken), dass der Autor Ahnung von dem hat, was er da schreibt. Sowohl seine Schilderung der Polizeiarbeit als auch die Schilderung der Bergwelt nebst Wanderertypen erscheint mir glaubhaft. „Erscheint mir“, da ich es eben nicht weiß – ich bin weder Bergwanderer noch Polizist, ich kann das nicht wirklich beurteilen. Aber ich fühle mich hier die ganze Zeit gut aufgehoben, ich vertraue Volker Streiter (was in diesem Falle nichts mit unserer persönlichen Bekanntschaft zu tun hat, sondern ausschließlich mit seiner Geschichte 😀 ).

Dann gefällt mir der Stil. Dies ist ein altmodisch erzählter, ruhiger Krimi. Vergleichbar mit den klassischen Ermittlergeschichten streut der Autor Hinweise, falsche und richtige Fährten, ich kann Elke bei ihren Ermittlungen folgen, meine eigenen Schlüsse ziehen, richtig oder falsch liegen. Dies eingebettet in eine sehr ausführliche (aber nicht ermüdende) Schilderung von Bergwelt, Routen, Schauplätzen und Sinneseindrücken, bis hin zu Gerüchen. Ich könnte mir vorstellen, dass das dem einen oder anderen zuviel ist. Wer schnelle Schnitte und eine grauenvolle Pointe mit ungeahnten menschlichen Abgründen sucht, der wird hier nicht bedient. Auch wer Psychothriller liebt oder Geschichten an der Grenze zum Übernatürlichen (wie ich sie schreibe) sucht ist hier falsch. Diese Geschichte ist durch und durch realistisch, von den Naturschilderung über die eingestreute Liebesgeschichte (Elke und ihr Lover werden ihre Probleme nicht binnen weniger Tage auf wundersame Weise los – wie im echten Leben eben) bis hin zur letztlichen Auflösung der Kriminalfälle. All das erscheint im Nachhinein wenig ausgedacht und sehr nah an der Wirklichkeit – und ist eben deshalb doch überraschend.

Wenn man sich nicht daran stört, dass Volker Streiter seine Dramturgie sehr langsam aufbaut, dann gibt es an dieser Dramaturgie wenig zu kritisieren. Der persönliche Stil des Autors und seine Sprache gefallen mir sehr gut. Zwei Kritikpunkte habe ich allerdings auch: Zum einen wechselt Volker Streiter hin und wieder in einer Szene die Perspektive, mal sehe ich durch Elkes Augen, dann durch die ihres Gesprächspartners, dann bin ich plötzlich wieder beim allwissenden Erzähler. Das ist an sich nicht verboten, mich persönlich irritiert es aber. Und in einem Punkt ihrer Ermittlung, der das Motiv für den Mord betrifft, hat Elke einen Informationsvorsprung, den ich bis zum Schluss nicht aufholen kann. Allerdings habe ich auch einige Informationen, die sie nicht hat, ich fühle mich also nicht um meine eigene Chance zu ermitteln betrogen.

Ich bin ein Fan von Phantastischer Literatur und ich liebe das Meer. Bergfans und Freunde bodenständiger, realitätsnaher Geschichten von „Fressen ihn die Raben“ zu überzeugen dürfte Volker Streiter nicht schwer fallen. Jemanden wie mich aber für diese Geschichte zu gewinnen – dazu gehört schon etwas. 🙂

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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2 Antworten zu schreckenbergliest: Volker Streiter – Fressen ihn die Raben

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