schreckenberglebt: Die Liste der Bekenntnisse – Teil 5

Eigentlich sollte ich jetzt meinen Schreibtisch aufräumen. Er hat es bitter nötig. Aber hey – bloggen ist auch sinnvolle Arbeit. Irgendwie… 😀 Außerdem habe ich gelobt, die Liste der Bekenntnisse Tag für Tag abzuarbeiten, und ich wollte doch disziplinierter werden, also:

Day One: Ten things you want to say to ten different people right now.
Day Two: Nine things about yourself.
Day Three: Eight ways to win your heart.
Day Four: Seven things that cross your mind a lot.
Day Five: Six things you wish you’d never done.

Herrjeh, gestern war Pokerabend. Und ich habe verloren. Nicht schlimm, aber ich gewinne lieber. Da waren einige Dinge, die ich besser nicht getan hätte. 😀

Im Ernst – das ist wirklich schwer. Denn es ist so: Nicht nur die richtigen Entscheidungen in meinem Leben, sondern auch die falschen haben mich dorthin geführt, wo ich jetzt bin. Und ich mag mein Leben im Moment sehr. Klar, ich könnten mehr Geld sehr gut gebrauchen, aber mal ab davon ist fast alles wirklich sehr gut. Und da ich bisher, zumindest auf den Kausalketten die ich überschauen kann, keinen Tod oder schweres Leid über einen Mitmenschen gebracht habe, habe ich auch keinen Grund, eine Entscheidung um jemand anderes willen ungeschehen zu machen. Alles was mir einfällt ist, dass ich an einem bestimmten Nachmittag im März 2009 gerade rückwärts aus einer Parklücke hätte fahren sollen, und nicht schräg. Aber das betreffende Auto habe ich auch nicht mehr und das Geld für die Reparatur haben liebe Verwandte mir zinslos geliehen… das eignet sich irgendwie nicht als Beispiel für Bekenntnisse und große Entscheidungen.

Ich werde einen Ausweg wählen: Eine Leserin sprach heute auf meiner Facebook Seite über Schrödingers Katze. Das ist ein gutes Bild, und mir gefällt die damit verbundene Idee, dass jede mögliche Entscheidung (von zerfallenden Atomen gar nicht zu reden) ein neues Universum eröffnet. Ich habe… ähem… sogar schon einmal auszurechnen versucht, wie viele alternative Universen sich dabei jedes Jahr nur aufgrund menschlicher Entscheidungen ergeben würden (meine Rechnung war falsch, ich habe die Potenzen und den Zinseszinseffekt vergessen, aber das nur am Rande). Also werde ich sechs Entscheidungen benennen, die zum Zeitpunkt als ich sie getroffen habe falsch waren und von denen ich sehr gerne wüsste, was passiert wäre, wenn ich das Richtige getan hätte.

1.) Ich habe hier mal die Vorgeschichte meines Romans „Der Ruf“ erzählt… es gab diese Party und es gab dieses Mädchen, das mit mir tanzen wollte. Ich wüsste gerne, was passiert wäre, wenn wir getanzt hätten. Und/oder wenn ich den Mut gehabt hätte, zu meinen Gefühlen zu stehen.

2.) Ich wünschte, ich hätte die wertvollen Jahre meiner Adoleszens schriftstellerisch nicht mit einer grottenschlechten, verklemmten und faschistoiden Trilogie verschwendet, sondern was Anständiges geschrieben. Und NEIN, Ihr werdet diese Machwerke niemals lesen. Ich werde sie nichtmal abtippen (sie sind handschriftlich). Ich werde sie nur als Mahnung an mich selbst aufbewahren. 😉

3.) Ich habe mich sehr früh und aus einer falschen Überlegung heraus auf den Beruf des Journalisten festgelegt. Die falsche Überlegung war, dass ich dachte, wer gerne schreibt sollte Journalist werden. Wohlgemerkt: Ich war gerne Journalist und bin noch lieber PR-Berater. Aber es gab viele andere interessante Wege, über die ich nachgedacht habe, die ich dann aber leichtfertig nicht verfolgt habe. Ich würde gerne wissen, was passiert wäre, wenn ich bewusster an die Wahl meines ersten Berufes gegangen wäre. (Der Schriftsteller steht nicht zur Disposition, dass ich Schriftsteller bin und sein will wusste ich schon, bevor ich wusste, was ein Schriftsteller ist.)

4.) Ich hätte mir eine bestimmte Frage ein halbes Jahr früher stellen sollen. Das betrifft meine jetzige Beziehung, und ich werde hier nicht genauer werden. Ich habe mir die Frage vor etwa 20 Jahren gestellt, und ich hätte sie mir vor 20 Jahren und ein paar Monaten stellen sollen. Ich hätte uns eine schwierige Zeit erspart.

5.) Ich hatte Anfang der 2000er Jahre die Chance, zu einem anderen Arbeitgeber zu wechseln. Ich habe es nicht getan – beruflich war das ein schwerer Fehler. Wenige Jahre später musste erst ich die Agentur verlassen, in der ich damals geblieben bin, und einige Zeit darauf ist die ganze Agentur über den Jordan gegangen. Das ist das deutlichste Beispiel für meine Überlegung zu Beginn: Hätte ich damals die Agentur gewechselt, wäre ich wahrscheinlich immer noch fest angestellter PR-Berater und finanziell wäre ich vermutlich viel besser gestellt. ABER: Ich hätte meine beste Freundin und meinen Verleger mit großer Sicherheit nie kennengelernt. Das wüsste ich natürlich nicht, wenn ich diesen anderen Realitätspfad genommen hätte…

6.) Hups, da hätte ich doch fast Punkt 6 vergessen. 😀 Aber der ist einfach: Ich bin ein recht stolzer Mensch, und das ist, alles in allem, gar nicht so falsch. Aber hin und wieder hätte ich meinen Stolz schlucken sollen, besonders in zwei Fällen. Ich habe Menschen dadurch verloren, die mir wichtig waren. In einem Fall ist das – nach 24 Jahren – wohl nicht mehr rückgängig zu machen, wir haben uns aus den Augen verloren. Im anderen Fall sieht es gerade so aus, als käme es wieder hin. Dennoch – 13 verschenkte Jahre.

Eine Anmerkung: Manche von Euch wissen vielleicht, dass ich einer sehr guten Freundin einmal aus Versehen die Hand gebrochen habe (Trainingsunfall) und wundern sich, dass diese Episode hier nicht vorkommt. Aber sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus einem schlimmen Fehler Gutes erwachsen kann. Zum einen glaube ich, dass uns diese Episode enger zusammengebracht hat, aber darauf könnte ich verzichten, wenn ich ihr dadurch die Schmerzen ersparen würde. Zum anderen aber bin ich wenige Wochen darauf in einer sehr ähnlichen Situation gewesen und habe diesmal richtig gehandelt. Und da ging es nicht um eine Hand, sondern um die Halswirbelsäule meiner Trainingspartnerin. Diese alternative Realität möchte ich nicht kennen.

Day Six: Five people who mean a lot (in no order whatsoever)
Day Seven: Four turn offs.
Day Eight: Three turn ons.
Day Nine: Two smileys that describe your life right now.
Day Ten: One confession.

Die Freundin, die ich niemals kennengelernt hätte, wenn ich dieses Jobangebot damals angenommen hätte, ist Sarah. Was sie lieber nie getan hätte lest ihr hier.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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3 Antworten zu schreckenberglebt: Die Liste der Bekenntnisse – Teil 5

  1. Sarah Wassermair schreibt:

    „Das wüsste ich natürlich nicht, wenn ich diesen anderen Realitätspfad genommen hätte…“

    Du vielleicht nicht. Aber ICH würd es wahrscheinlich ahnen und jahre beim Therapeuten verbringen: „Herr Doktor, ich weiß auch nicht, aber irgendwas geht gar gräulich ab mir ab. Sowas seltsam Horrorautorförmiges. Nein, ich hab nichts geschlu… wie kommen sie drauf, sie Kurpfuscher? Und legen Sie jetzt bitte die Zwangsjacke weg?!“

    Und das wär irgendwie doof gewesen.

  2. Pingback: schreckenbergschreibt: Die Liste der Bekenntnisse – Teil 10 | schreckenbergschreibt

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