Die 10 beliebtesten Blogbeiträge – Platz 9: Kill Your Darlings!

Weiter geht es mit den Top 10 der beliebtesten Beiträge. Heute eine ewiggültige Schreiberweisheit, mit der ich mich am 5. März 2012 befasst habe:

Kill Your Darlings!

Gestern machte ich bei Facebook darauf aufmerksam, dass man auf meiner Homepage eine unveröffentlichte Szene aus dem Finder lesen kann (vier Links in einem Satz, macht mal nach! 😀 ).

Heute schrieb meine Facebook… wie nennt man das jetzt, nachdem es nicht mehr „Fans“ sind… also meine Facebookfollowerin Katja M. schrieb:

„Hab mir gerade die gestrichene Szene durchgelesen. Glaub mir, sie hätte – entschuldige bitte den Ausdruck – das Ende versaut.“

Und womit schrieb sie das? MIT RECHT! Denn die Szene ist nicht ohne Grund aus dem Roman geflogen, obwohl es mich viel Zeit gekostet hat , sie zu schreiben (Die ganzen Schauplätze! Und ihre Lage zueinander!) und auch eine Menge Emotionen (Die ganzen Toten!). Sie ist eine sehr alte Szene und stammt noch aus der Zeit, als der Schluss etwas anders war, als er heute ist (keine Sorge, ich werde nicht spoilern 😉 ). Dann schrieb ich den Schluss so, wie Ihr ihn kennt, düsterer und, wie ich finde, besser zum Grundton des Buches passend. Und die Szene musste raus. Normalerweise braucht jede Geschichte nur EIN Ende, der Finder hat schon anderthalb, zweieinhalb wären eindeutig zuviel (einer der Gründe, warum mir der dritte Herr-der-Ringe-Film nicht so gut gefällt wie die anderen ist, dass VIER Enden deutlich zuviel sind).

Aber ich habe es ungern getan. Nicht, weil mir das Blut und die Schlacht so gut gefallen hätten, sondern weil ich finde, dass es eine der wenigen starken Szenen einer meiner heimlichen Lieblingsfiguren ist – Merve. Außerdem wäre es schön gewesen, Euch wenigstens einmal eine kämpfende Esther präsentieren zu können. Und Gelegenheiten, Alex als verliebten Trottel zu präsentieren habe ich generell ungern ausgelassen (ist das aufgefallen? :-D).

Allein – sie musste raus. Eine der bekanntesten und wichtigsten Drehbuchweisheiten ist: Kill your Darlings! Dein bester Dialog, Deine cleverste Szene, Deine Lieblingsfigur – wenn sie die Geschichte aufhalten, wenn sie nicht zur Dramaturgie passen, wenn sie den Zuschauer verwirren: RAUS! Egal, wie gut sie sind. Und die Regel gilt natürlich auch für Prosaautoren, denn es regiert die Geschichte und nur die Geschichte. Punkt! Und soooo gut oder clever war die Szene nun auch wieder nicht. Der Schluss ist deutlich besser, so wie er jetzt ist.

Im Falle dieser Szene aus dem „Finder“ habe ich es gottlob selbst gemerkt, aber es ist natürlich doppelt hart, wenn andere es mir sagen müssen. Ich habe meine kleine Auswahl an Mitlesern und Kritikern, die ihr stets in den Danksagungen meiner Romane findet. Eine davon, Sarah, hat zum Beispiel großes Vergnügen daran, meine romantischen Szenen auseinanderzunehmen (über meine üble Angewohnheit, mich in meine weiblichen Hauptfiguren zu verlieben schreibe ich ein andermal). Und ich muss ihr oft Recht geben, wenn auch zähneknirschend. Ein anderes Beispiel ist mein noch nicht veröffentlichter Horrorroman „Terra Incognita“. Da habe ich auf mehrfachen Rat einen ganzen Handlungsstrang umgeschrieben (zufällig auch eine Liebesgeschichte), weil er einem anderen Handlungsstrang (der wichtiger war) auf’s Haar glich. Sowas merke ich manchmal nicht, wenn ich „in der Geschichte“ bin (noch so ein Thema für ein anderes Mal 😀 ).

Wozu erzähle ich das? Nun, viele Leser scheinen uns Autoren für eine Art inspirierte Menschen zu halten, die, von der Muse geküsst, das Werk im Rausche niederschreiben und es dann dem dankbaren Verlag übergeben. Und in meinen besten Momenten ist das auch fast so. Dann schreiben ich, beseelt und im Flow und bin danach selbst begeistert davon, wie die Geschichte gesprochen hat. Meist aber arbeite ich, begebe mich in die Geschichte, schreibe und pane und schreibr und recherchiere und schreibe und… Und dann, wenn alles fertig ist, lese ich. Und denke oft genug: „Ach Du Schande, was hast Du denn DA gemacht?“ Oder ich bekomme eben eine Mail von einer guten Freundin, die mit „Uhm…“ beginnt. Und dann beginnt der zweite Teil der Arbeit, der harte , in dem man abschlagen, umschreiben und streichen muss, bis die Geschichte sich so präsentiert, dass man sie Euch, den geschätzten Lesern, ohne schlechtes Gewissen präsentieren kann. Ich tue mein Bestes. Aber manchmal tut es mir leid um die, die auf der Strecke bleiben…

…und die ich Euch dann, irgendwann, vielleicht doch als geschnittene Szene auf meiner Homepage anbiete. 😉

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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