schreckenbergschreibt: DER FINDER

Wie angekündigt geht es weiter mit den Geschichten hinter den Geschichten. Heute mit dem Buch, das mein erster veröffentlichter Roman wurde. Es begann mit einer Schreibblockade und einem sehr schlechten Film.

Am Ende des Weges

Bevor ich die Novelle schrieb, aus der später der Roman „Der Finder“ wurde, litt ich an einer sehr langen Schreibblockade. Nachdem ich mich erfolglos (siehe gestern) an dem Vorläufer von „Der Ruf“ versucht hatte, schrieb ich noch einen ganz brauchbare Science-Fiction-Roman, der aber zu sehr Joe Haldemans „Der ewige Krieg“ ähnelt, um ihn zu veröffentlichen. Danach kamen noch ein paar fruchtlose Romananfänge und dann: Ende. Für fast zehn Jahre nur ein paar Kurzgeschichten und Songtexte. Es war ein Teufelskreis. Ich sah, wie meine großen Vorbilder in den Genres – Stephen King zum Beispiel – sich immer weiter entwickelten, wusste, dass ich nie ein Bradbury sein würde und entdeckte Genies wie Iain Banks. Dabei hatte ich die ständige Sorge, mangels Training immer schlechter zu werden. Und von dem Niveau eines Pubertierenden abzusteigen ist nichts, was ein junger Schriftsteller anstrebt.

Es waren meine Frau (damals meine Freundin) und mein bester Freund, die mich aus dieser Wüste holten und dabei halfen ihnen Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller eines wirklich miesen Films.

Mein Freund, nennen wir ihn Roy (keine Sorge – wir NENNEN ihn nur Roy), ist ein begnadeter Musiker, guter (aber leider unveröffentlichter) Autor und toller Zeichner. Verdammte Multitalente. 😀 An dem betreffenden Abend hatten wir uns verabredet, um gemeinsam einen Thriller im Kino zu sehen, mit diesem berühmtem Schauspieler den wir beide schon immer für talentfrei hielten. Aber die Geschichte klang in den Vorankündigungen gut. Vorher quatschten wir ein wenig, wie man das auf dem Weg zum Kino eben so macht. Ich erzählte, ich hätte eine gute Idee für einen Roman, schaffe es aber irgendwie nicht, sie umzusetzen. Er erzählte, er habe eine tolle Idee für einen Comic, da er aber nicht so gut zeichnen könne wie Hal Foster lasse er es bleiben. Ich war perplex. Nur weil er kein Genie war, wollte er es gleich ganz lassen? Wir erzählten uns die Geschichten. Ich fand seine gut. Er fand meine gut. Dann kam der Film.

Er war schlecht. Todlanweilig schleppte er dahin und ständig schaute dieses Schauspielerimitat dämlich aus der Wäsche. Meine Gedanken begannen, abzuschweifen, ich beschäftigte mich mit meiner Geschichtsidee – und der Tatsache, dass Roys Einstellung zu Hal Foster ziemlich genau meiner zu Iain Banks entsprach. Als wir das Kino verließen, war die Geschichte in meinem Kopf fertig.

Am nächsten Tag begann ich zu schreiben. Ich hatte mir gute Musik aufgelegt („Aural Sculpture“ von den Stranglers) und schrieb vier Stunden lang. Danach war ich so matschköpfig wie ich immer bin, wenn ich aus einer Geschichte komme. Und das war gleich die nächste Probe. Würde meine Freundin das ertragen? Dieses Zwischenwesen, dass zwar in dieser Welt nur sie liebt, aber geflutet ist mit Endorphinen, hervorgerufen durch eine imaginäre Frau namens Esther? Ich lebe nämlich nicht nur in meinen Geschichten, ich verliebe mich leider auch allzu oft in meine weiblichen Hauptfiguren. Nun – sie ertrug es. Sie fand es amüsant (heute findet sie es amüsant und etwas nervend, aber sie erträgt es immer noch 😉 ). Sie ermutigte mich, sie stärkte mir den Rücken, sie tat all das, was ein(e) Schriftsteller(in) sich von seinem/ihrem Partner(in) wünscht.

Als ich mit der Geschichte zur Hälfte durch war bekam ich die Gelegenheit, mich für eine Woche in ein Haus in Zeeland zurückzuziehen und den Rest zu schreiben. Ich schrieb ganze Tage im Rausch, nur unterbrochen von gelegentlicher Nahrungsaufnahme und Abstechern ans Meer, wenn die Geschichte sich sperrig zeigte.

Am Ende war die erste Version fertig, es war alles da, was heute da ist. Die explosive Liebe zwischen Daniel und Esther, die plötzlich leere Welt, das kleine Häuflein Überlebender und der Hof auf dem sie siedeln, Daniels Suche nach Dingen, Menschen und dem Grund von all dem, Lara, Alex, Carmen, Ben (der damals noch Bernd hieß), Thomas, die Heuler und die hoffentlich überraschende Auflösung. Die Geschichte war viel kürzer, als sie heute ist, und sie war pünktlich am Freitagmittag fertig.

Am Nachmittag kamen Roy und meine Freundin an – sie hatten Tintenfischtuben dabei und Roy zauberte einen Stoß beschriebener Blätter hervor. Es war der Beginn eines Romans – wenn er schon nicht zeichnen wollte, hatte er sich doch entschieden, seine Geschichte in Prosaform zu verarbeiten. Ich las Roys Text, meine Freundin las meinen Text und Roy briet die Tintenfische. Es wurde eines der besten Wochenenden meines Lebens.

Viele Jahre und zweieinhalb Romane später lernte ich einen Verleger kennen. Ich hatte natürlich schon des Öfteren versucht, meine Romane an den Mann zu bringen, aber der hier schien echt interessiert. Er ließ sich Exposees schicken und wählte – zu meiner Verwunderung – die Geschichte, die ich inzwischen nur noch als „Die Novelle“ bezeichnete. Ich fand, sie sei zu kurz.

„Die ist zu kurz“, sagte der Verleger, „Du solltest den Anfang ausbauen. Wie sie durch diese leere Welt ziehen, ihre Siedlung aufbauen, wie die leben – das interessiert die Leute. Bau das aus, dann haben wir einen guten Roman.“ Also nahm ich mir die Geschichte nochmal vor und baute den Anfang aus. Fertig.

Nein – nicht ganz, ein Detail fehlt noch. Der Name „Am Ende des Weges“ war nicht gut. Es gab ihn schon mehrmals, vor allem für Sachbücher über Leute, die im Sterben liegen. Also zerbrachen der Verleger und ich uns den Kopf über einen neuen Namen, kamen aber auf nichts brauchbares. Eines Abends erzählte ich am Tisch von diesem Problem. Meine jüngste Tochter, damals sieben Jahre alt, fragte:

„Was macht denn der Daniel in dem Buch?“

„Na ja,“ sagte ich, „er reitet eben durch die leeren Städte und sucht Sachen, die die anderen brauchen.“

Sie überlegte kurz und meinte dann: „Nenn‘ es doch >Der Sucher<.“

Der Rest ist Geschichte.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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64 Antworten zu schreckenbergschreibt: DER FINDER

  1. Sillysilentium schreibt:

    Okay… Bester, Bester, sage mir: WAS SIND TINTENFISCHTUBEN? Zahnpastatuben voll Tintenfisch? Tintenfische voll Zahnpasta? Ganz was anderes?

    • Mountfright schreibt:

      Der Körper eines Tintenfisches (Sepia) ohne Kopf und Inhalt. Schneidet man ihn klein, bekommt man die bekannten Tintenfischringe. Schneidet man ihn nicht klein, kann man ihn füllen, zum Beispiel mit Pinienkernen und Spinat, so wie… Roy… es gemacht hat. Und wenn man, wie Du, keine Tiere isst, kann man die Pinienkerne und den Spinat auch ohne Tintenfisch essen. 😉

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  3. Sunelly_Sims schreibt:

    Das tolle an Kindern ist, dass sie den Erwachsenen oft ungefragt die besten Ideen liefern – einfach so, ohne jegliche Anstrengung. Eine Frage – eine Antwort – peng! Ist doch ganz easy! .-)

    Gruß,
    Sunelly Sims

    • Mountfright schreibt:

      Ja, das stimmt. :Wenn ich daran denke, wie wir uns den Kopf zerbrochen haben… 😀

    • lucyrenard schreibt:

      Stimmt. Da Kinder es normalerweise nicht wissen, dass man schon seit Aristoteles eigentlich nichts Neues schreiben kann, weil es alles schon irgendwann mal geschrieben wurde, haben sie alle Freiheit der Welt für Kreativität 😉

      Herr Schreckenberg (wollen wir schön altmodisch sein), ich danke ihnen fürs angenehme Lesen! 🙂

      liebe Grüße,
      Ani

      • Mountfright schreibt:

        Gern geschehen. Und ich war sowieso immer schon mehr auf der Seite von Plato als auf der von Aristoteles. 😉

      • lucyrenard schreibt:

        Ja, Plato bringt ein bisschen Hoffnung. Aristoteles hat mir eines Tages das Herz gebrochen 🙂

      • Mountfright schreibt:

        Kant lesen hilft. Da merkt man dann, wie sehr Aristoteles sich überschätzt (unda alle Naturwissenschaftler bis heute nach ihm). 😉

      • lucyrenard schreibt:

        Mit Kant habe ich nur einmal begonnen, ich war 15 und naiv 🙂 Es wird mich immer bewundern, wie man jedes einzelnes Wort in einem Buch versteht, die Sätze aber nicht.

      • Mountfright schreibt:

        Ja, Kant ist das klassische Beispiel eines Menschen, der vor allem Denken kann, beim Schreiben aber große Probleme hat. Zumindest, wenn er verstanden werden will. Ich habe meinem Sohn mal, als er mir nicht gauben wollte, dass jemand auf Deutsch schreiben kann ohne dass man das versteht, drei Sätze Kant vorgelesen. 😀
        Das Schöne bei Kant ist – wenn man sich selbst gefoltert und durch die zentralen Gedanken der „Kritik der reinen Vernunft“ mal gefressen hat, ist man frei. Sofern man den Gedanken, dass man über die Wirklichkeit da draußen, nichts gesichertes wissen kann, erträgt. 😉

      • lucyrenard schreibt:

        Es war komischerweise gerade die „Kritik der reinen Vernunft“, die ich damals versucht habe. Aber ich muss zugeben, es alles klingt so begeisternd, dass ich schon mit dem Gedanken spiele, mir das Buch auszuleihen. Ich fürchte mich, wenn ich es zu frühzeitig kaufe, wird es im Schrank neben dem „Untergang des Abendlandes“ schön pompös verstauben 🙂

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