schreckenbergschreibt: Der Finder – eine feministische Kampfschrift?

Also – bevor mir die erste Feministin hier (mit Recht) verbal aufs Dach steigt: Die Idee ist nicht von mir. 😀 Mein neuester Amazon-Rezensent vermutet, die Tatsache, dass in meinem Endzeit-Roman Frauen unter anderem Jägerinnen und Späherinnen sind, sei einem „feministischen Zeitgeist“ geschuldet. Er selbst vermutet, in einer Situation wie der im Roman geschilderten würden die Frauen sich ganz schnell freiwillig auf traditionelle Rollen zurückziehen.

Hm. Ich glaube das nicht, und ich glaube es aus Überzeugung nicht, das hat nichts mit Zeitgeist zu tun. Im Gegenteil – gerade über diesen Punkt hatte ich einige sehr interessante Diskussionen mit einem guten Freund, der ebenfalls eine Endzeitgeschichte geschrieben hat. Obwohl die Geschichten sehr unterschiedlich sind und der Untergang der Zivilisation jeweils andere Ursachen hat, ist das Setting ähnlich: Eine nahezu menschenleere Welt (bei mir etwas menschenleerer als bei ihm), bei vielen unzerstört herumliegenden bzw. -stehenden Resten unserer technisierten Welt. Bei ihm ergeben sich sehr schnell wieder alte Rollenbilder, bei mir eher nicht. Ich möchte hier kurz unsere Argumente wiedergeben und es würde mich interessieren, was Ihr dazu denkt.

Kurz vorweg: Der Blick in die Geschichte ist hier nicht sehr hilfreich. Die Recherchen, die ich betrieben habe, sprechen davon, dass sehr frühe Wildbeutergesellschaften keine großen Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Hinsicht auf die Arbeitsteilung machten, während mit zunehmender Spezialisierung auch die Arbeitsteilung nach Geschlechtern (wie auch immer sie jeweils ausgesehen hat) Einzug hielt. Diese Beispiele früher menschlicher Gesellschaften lassen sich aber, wie ich finde, nur sehr schwer auf die Situation in Endzeitgeschichten anwenden. Frühzeitliche Menschen waren mit dem Wissen um alles, was sie fürs Leben brauchen aufgewachsen, während modern sozialisierte Zivilisationsmenschen bei Wegfall der Zivilisation vieles erst neu lernen müssen. Andererseits SIND sie eben modern sozialisiert, mit Erfahrungen und Vorstellungen, die sich höchstwahrscheinlich extrem von den Vorstellungen eines Frühmenschen unterscheiden (von den Erfahrungen sowieso).

Wir sind also hier vor allem auf unsere Phantasie angewiesen. Und die führt bei unterschiedlichen Leuten zu unterschiedlichen Ergebnissen. Folgende Argumente für eine Rückkehr zur traditionellen Arbeitsteilung sind mir begegnet:

1.) Körperliche Argumente 1: Männer seien, da sie von Natur aus stärker und ausdauernder sind als Frauen, für körperlich belastende Tätigkeiten besser geeignet als Frauen.

2.) Mentalitätsargumente: Die von Natur aus kriegerische(re)n Männer würden andere Männer als Bedrohung sehen, vor der sie die Frauen beschützen wollten / müssten. Frauen würden dies – als von Natur aus sanftmütiger und friedfertiger – akzeptieren.

3.) Einzigartigkeit von Frauen (körperlich 2): Frauen können Kinder austragen, Männer können das nicht. Da Kinder für kleine Gesellschaften, die fast nur aus Erwachsenen bestehen (aber weiterexistieren wollen) extrem wichtig und wertvoll sind, werden diese Gesellschaften alles dafür tun, die potentiellen Austrägerinnen von Kindern vor Unfällen und allen anderen Gefahren zu schützen, notfalls eben auf Kosten der Männer, die ersetzbarer sind.

Ich bin, wie oben gesagt, anderer Meinung, von daher kann es sein, dass ich diese Argumente verkürzt wiedergegeben habe. Man möge mich korrigieren. Hier nun meine Argumente gegen eine Rückkehr zur traditionellen Arbeitsteilung:

1.) Jedes Talent wird gebraucht: Die Gruppen sind klein und in der neuen Situation gänzlich unerfahren. Wenn daher eine Gruppe eine begabte Schützin in ihren Reihen findet (wie Carmen im „Finder“) oder ein Mädchen, das sich nicht nur geschickt, schnell und leise bewegen, sondern auch gut schießen kann (wie Lara, die Späherin), dann wäre es simple Resourcenverschwendung, die an den Herd oder zum Putzen zu schicken. Andererseits spricht gar nichts dagegen, dass eine Frau wie Esther, die ausgebildete Krankenschwester ist, in die traditionelle Frauenrolle der Heilerin zurückkehrt.

2.) Diese Menschen sind modern sozialisiert. Und die Tatsache, dass sowohl Frauen als auch Männer das Recht haben, sich ihre Rolle in der Gesellschaft frei auszusuchen, ist Allgemeingut. Eine Endzeitgesellschaft würde dieses Recht vermutlich einschränken, aber nicht entlang von Geschlechtern, sondern entlang von Talenten.

3.) Was das Kriegsargument betrifft – es sind überall moderne Handfeuerwaffen verfügbar. Niemand muss mit schweren Schwertern, Lanzen oder Keulen hantieren. Auch hier sind Talente und Erfahrung wichtiger als Kraft. Im Nahkampf ist die durchschnittliche Frau dem durchschnittlichen Mann tatsächlich unterlegen, aber nur bei gleichem Ausbildungsstand. Ich weiß (aus Erfahrung), dass eine entsprechend ausgebildete Frau gegen einen nicht oder weniger ausgebildeten Mann auch im Nahkampf bestehen kann, mit Waffen (etwa einem Messer) sowieso, aber auch waffenlos.

4.) Männer sind Frauen – in der modernen Gesellschaft – auch nur theoretisch an Körperkraft und Ausdauer überlegen. Praktisch ist es eine Frage des Lebensstils vorher: Wer ein aktives Leben geführt und viel Sport getrieben hat, hat eine bessere körperliche Ausgangssituation als der Sofasportler mit Bildschirmarbeitsplatz. Mit der Zeit mag sich das einebnen, aber mein Roman behandelt nur das erste Jahr nach dem Verschwinden der Menschheit. Und da verliert ein stark übergewichtiger Computerexperte wie Ben zwar deutlich an Gewicht und gewinnt an Kraft und Beweglichkeit, erreicht aber nie die Leistung seiner Freundin Carmen, die schon „vorher“ aktiver gelebt hat.

5.) WENN eine so kleine Gesellschaft sich demokratische Regeln gibt, wie im Finder (in dem es ja auch Gegenbeispiele gibt), dann kann sie schlicht niemanden in irgendeine Aufgabe zwingen, die er oder sie nicht will. Und da die Menschen modern sozialisiert sind (siehe 2.) werden sie ihre Wünsche nicht an alten Rollenbildern orientieren.

Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings, aus meiner Sicht, das Argument, dass Frauen wegen ihrer Fähigkeit, Kinder auszutragen, für eine solche Gruppe besonders schützenswert sind. Das betrifft allerdings in erster Linie schwangere Frauen – weil kaum eine moderne Frau sich, wenn sie nicht schwanger ist, vor allem als „potentielle Kinderträgerin“ definieren lassen wird. Ganz davon abgesehen, dass gerade in der Finderwelt ja die Hoffnung auf eine Zukunft für die Menschheit an sich sehr schnell schmal wird. Ich spreche das nirgendwo aus, aber: Bevor die Heuler auftauchen, werden schnell einige Frauen schwanger. Danach kaum noch. Ich vermute (ich muss es wirklich vermuten, geplant habe ich es nicht), ersteres ist der Ausdruck der Hoffnung, den meine Figuren haben. Verhüten wäre ja noch gut möglich. Als die Hoffnung verschwindet kehren wohl einige Paare wieder zu den Verhütungsmitteln zurück…

Nun aber meine Frage: Was meint Ihr?

 

P.S.: Ach ja – und noch eine Bitte: Ob Ihr dem Rezensenten nun zustimmt oder nicht, bitte fangt keinen Krieg mit „hilfreich“ / „nicht hilfreich“ Bewertungen der Rezension an. Das fällt am Ende nur auf mich zurück (wie schon einmal geschehen). Danke. 😉

 

 

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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3 Antworten zu schreckenbergschreibt: Der Finder – eine feministische Kampfschrift?

  1. Sarah Wassermair schreibt:

    Ich bleib bei meiner schon mehrmals zu dem Thema geäußerten Feststellung: In einem Szenario mit Monstern allerorten, marodierenden Söldnerheeren und dem einen oder anderen heimkehrenden Wildtier… da will ich verdammt noch einmal eine Waffe. Und ich will wissen, wie man damit umgeht. Und wer mir dann erklären versucht, dass ich das eh wegen meinem von Natur aus sanfterem Wesen nicht will… nun ja, zu dem bin ich dann einmal gleich besonders sanft.

    Und was dein konkretes Szenario angeht, da ist’s schon mal ein reines Rechenbeispiel.
    Wenn der Feind so enorm zahlenmäßig überlegen ist wie die Heuler und meine Gruppe ohnehin nur noch aus dreißig, vierzig Leuten besteht, dann werd ich einen gottverdammten Teufel tun, meine Kampfkraft mal eben zu halbieren. Den Blödsinn von ‚Frauen an den Herd‘ kann sich vielleicht eine Gesellschaft leisten, die entweder a) in sehr friedlichen Zeiten lebt oder b) groß genug ist, dass es rein rechnerisch Sinn macht, nur die ‚entbehrlicheren‘ Männchen in den Krieg zu schicken, während die Weibchen Soldaten-Nachwuchs produzieren. Aber bei einem Szenario, bei dem der Druck von außen so enorm ist, vor allem durch die Heuler? Da ist Langzeitüberleben und Generationsplanung ja sehr schön und gut, aber zuerst einmal müsst man halt durch den Winter kommen. Und da ist es nicht gerade hilfreich, wenn man Carmen mal eben in die Küche schickt.

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Oh, und was das ‚traditionelle Rollenbild‘ angeht und die Sanftmut, die uns in den Genen steckt – auch Humbug. Kämpfende Frauen werden vielleicht nicht so oft erwähnt, aber wenn man sich ein wenig umschaut, dann findet man in jeder einzelnen Generation kriegerische Frauen. In manchen Zeiten sind sie eher die Ausnahme – dann, wenn sie dafür aktiv gegen den Widerstand der Männer angehen mussten, damit man sie lernen lässt – und in anderen Gesellschaften völlig selbstverständlich, weil das da halt die Norm war. Viele von ihnen übersehen wir heute einfach deshalb, weil unsere Historiker darauf geprägt sind, sie zu übersehen: wonach man nicht sucht, das findet man auch nicht. Ich meine, wer weiß heute schon, dass im Mittelalter von jeder Edelfrau einer gewissen Schicht ganz natürlich erwartet wurde, sich mit den Grundzügen von Taktik und Belagerungstrategie auszukennen – weil sie nämlich dafür zuständig war, die Burg in Abwesenheit ihres Gatten zu verteidigen? Und während es so gut wie keine weiblichen Ritter gibt – weil das halt ein Männerverein war und das nur mit schwerster Verkleidung und viel Glück und Streit mit der katholischen Kirche gegangen wäre – so findest du die Piratinnen gleich scheffelweise. Jeanne de Clisson, Mary Bonney, Anne Read, Grace O’Malley, Ching Shih… um nur die wirklich berühmtesten zu nennen. Die Piraterie war ohnehin schon jenseits des Gesetzes, also waren die Widerstände gegen weibliche Kriegerinnen von der ‚traditionellen Gesellschaft‘ wurscht.

    Und von Kulturen, bei denen weibliche Kämpfer sowieso anerkannt waren – bestimmte keltische Stämme, beispielsweise, oder vermutlich auch die Maya* – fang ich jetzt gar nicht erst an.

    *weiß man auch erst neuerdings, seit zehn Abbildungen von Mayaköniginnen in vollem Kriegsgewand aufgetaucht sind. Bis dahin ist man davon ausgegangen, dass die Mayadamen alle Heimchen waren – und zwar nicht, weil es klare historische Belege dafür gab, sondern weil das einfach die Standardannahme der Historiker zu sein scheint, bis was anderes bewiesen wird.

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