schreckenbergschreibt: Towelday 2013 – Wer sind Ihre Vorbilder?

Heute ist Towelday, und ja – auch ich trage heute ein Handtuch mit mir rum. In diesem Jahr ist es grün. Und ich tue das nicht, weil ich befürchte, mir könnte eines Tages der gefräßige Plapperkäfer von Traal begegnen, ich tue es selbstverständlich, um meine Verehrung für Douglas Adams auszudrücken und meine Dankbarkeit für dieses großartige Universum, das er erschaffen hat. Dabei bin ich gar nicht mal ein uneingeschränkter Douglas Adams-Fan. Ich halte die ersten beiden Anhalter-Romane für wegweisende, mutige, hochintelligente und darüber hinaus wahnsinnig witzige Science Fiction, und ich mag auch die Dirk Gently-Geschichten. Die drei letzten Sequels der Anhalter-Reihe finde ich dagegen zunehmend überflüssig. Einer der Gründe für meine große Scheu davor, eine Fortsetzung des „Finders“ zu schreiben ist, dass ich bei Douglas Adams gesehen habe was passiert, wenn man eine zu Ende erzählte Geschichte nochmal aufkocht, und nochmal, und nochmal*. Und da ich kein Douglas Adams bin, fürchte ich, es würde bei mir keine vier oder fünf Bücher dauern, bis es unangenehm wird.

Was aber bleibt, so sehr, dass ich mich gerne zum Affen mache, indem ich ein Handtuch offen sichtbar mit mir herumschleppe, ist die Verehrung für einen Meister meiner Kunst.

Verehrung ist allerdings so eine Sache. Immer wieder werde ich nach meinen Einflüssen gefragt, nach Schriftstellern, die ich gerne lese, nach solchen, die mich geprägt haben. Und ich gebe gerne und offen Auskunft darüber, eigentlich. Denn inzwischen habe ich gemerkt, was für ein zweischneidiges Schwert das ist, insbesondere in der Rezeption von „Sergej„. Das Buch schickt sich an, mein zweit erfolgreichstes zu werden, auch wenn es an den „Finder“ noch nicht herankommt. Mal abwarten, der startete ja auch erst im zweiten Jahr so richtig durch. Aber beim „Finder“ war die Kritik durchaus gespalten – die Mehrheit der Rezensentinnen und Rezensenten mochte das Buch, mochte es sogar sehr, es gibt eine durchaus beachtliche Gemeinde von Finderfans**. Aber die Minderheit, der das Buch nicht gefiel, die die Entscheidung meiner Protagonisten, sich technisch quasi ins Mittelalter zurückfallen zu lassen nicht nachvollziehen konnte oder unlogisch fand, denen die Auflösung zu phantastisch war, ist hörbar und nicht klein. Und abgesehen von den üblichen Nörglern, denen nie etwas gefällt, sind da auch viele Kritiker mit ernstzunehmenden Argumenten drunter. Sergejfans gibt es (noch?) nicht so viele, allerdings gab es auch kaum negative Kritik. Fast alle Kritikerinnen und Kritiker, von Amazon-Rezensenten, über Blogger bis hin zur Phantastik-Couch lobten das Buch, die größte Auszeichnung war bisher, dass „Sergej“ es auf die Shortlist des Seraphen geschafft hat. Und immer wieder fiel ein Name: Stephen King.

Nein, niemand hat gesagt, ich schriebe wie Stephen King. Das wäre mir auch ziemlich peinlich gewesen, denn ich war schon in den 1980er Jahren, als Jugendlicher ein großer Verehrer dieses begnadeten Autors, als es noch einen gewissen Mut erforderte, sich dazu zu bekennen – obwohl er damals schon einen Bestseller nach dem anderen raushaute. Die Kritiker rümpften dann gerne die Nase und brachten den blöden Vergleich von den Fliegen und dem Mist. Nun, ich bin keine Fliege und Stephen Kings Werke sind alles, nur kein Mist.

Und niemand hat behauptet, ich hätte bei Stephen King abgeschrieben. Das wäre auch eine Frechheit gewesen – ich kenne die Mehrzahl aller King-Geschichten, Sergej ist nicht dabei, nichtmal im Ansatz. Das ist MEINE Idee. 😉

Ich WEISS, dass ich nicht so gut bin wie Stephen King, aber das macht mir wenig Sorgen. Ich bin auch nicht so gut wie andere Autoren, die ich verehre, als da zum Beispiel sind: Ernest Hemingway, Ray Bradbury, Frank Kafka, Paul Auster, Philip K. Dick, Iain Banks, Arthur Machen, Clive Barker oder Neil Gaiman.

All diese Autoren (und noch einige mehr, auch Musiker) haben mich sehr beeinflusst. Ich wünschte, ich hätte die sprachliche Disziplin eines Hemingway, die atmosphärische Dichte eines Bradbury, die Bildgewalt eines Kafka, die erzählerische Kraft eines Paul Auster, die Ideen eines Dick oder Banks oder Barker… ich könnte lange so weiter machen. Ich wünschte, ich hätte das Können eines Stephen King. Ich habe das alles nicht und es ist nicht schlimm. Ich denke, ich bin ein recht guter Autor und ich habe ja noch Zeit, besser zu werden. Wenn’s zum Genie nicht reicht – kein Problem.

Ein Problem hingegen ist, dass viele Nicht-Schriftsteller – insbesondere solche die journalistisch tätig sind – nicht verstehen wollen oder können, was „Einfluss“ bedeutet. Um mal bei Stephen King zu bleiben: Finden sich Stilmittel die er verwendet auch bei mir? Mit Sicherheit! Man nehme nur, die Einschübe in „Sergej“, in denen ich auf die Entwicklung in Langenrath blicke. Ja, stimmt, hat was von „Needful Things“. Habe ich mir Needful Things hier zum Vorbild genommen? Nein, ich bin auf die Idee im Gespräch mit meinem Lektor gekommen, von Stephen King war keine Rede. Kann es sein, dass Stephen King und ich unabhängig voneinander zur selben Lösung für ein ähnliches Problem gekommen sind? Durchaus – wir sind beide Schriftsteller, und ich bin ja nicht so kingaffin, weil ich seine Art zu schreiben so befremdlich finden würde, eine gewisse Geistesverwandtschaft ist vermutlich vorhanden. Kann es sein, dass ich auf diese Art der Problemlösung gekommen bin, weil ich das unterbewusst als gute Lösung eines Plotproblems gespeichert hatte? Kann sein, kann auch nicht sein, ich weiß es wirklich nicht.

Kreativität ist originell. Das macht sie aus, und alle, die immer wieder tröten, alles sei schon mal geschrieben worden und alles baue aufeinander auf und es gebe überhaupt keine originellen Ideen (jedenfalls nicht bei Künstlern), haben davon keine Ahnung. Wer behauptet, jede Liebesgeschichte sei ja irgendwie Romeo und Julia, hat vermutlich weder Romeo und Julia gelesen noch irgendeine andere Liebesgeschichte. Wer nicht versteht, dass zwei Kriminalgeschichten auf völlig unterschiedlichen und absolut originellen Ideen beruhen können, obwohl beide derselben dramatischen Struktur folgen, in beiden ein Polizist ermittelt und es jeweils um einen Mord im, sagen wir, Drogenmilieu geht, der hat schlicht keine Ahnung, wovon er spricht. Und wer glaubt, ich schreibe Stephen King nach (in mancher Frage schimmert das so unschuldig durch, als sei es ganz selbstverständlich. dass man so etwas tue), nur weil er mich ganz offenbar beeinflusst hat, der soll sich bitte weiter zu Dingen äußern, von denen er etwas versteht, nicht davon, wie Kreative ihre Werke schaffen.

Einfluss ist etwas ganz anderes. Einfluss bedeutet, dass jemand mein Lehrer sein kann, ohne, dass er mich je gesehen hätte. Dass ich von seinem Können, dem, was er mir beibringen kann, einfach nur, indem er mich in seine Geschichten mitnimmt, lerne. Und das Gelernte dann anwende – als ein Werkzeug in meinen völlig eigenen, originellen Geschichten. Aus denen, wenn ich viel Glück habe, irgendein anderer talentierter Mensch wieder etwas mitnimmt für seine ganz eigenen Geschichten, die mit meinen gar nichts zu tun haben. Ist das nicht wunderschön?

Happy Towelday!

 

 

 

*Was die Finderfortsetzung angeht – ich schreibe nun wirklich daran, und es ist kein Aufguss, aber dazu ein andermal. Und bis ich auf die entsprechende Idee gekommen bin, brauchte es dann eben auch mehr als zwei Jahre. 😉

**Und ich bin mal gespannt, was die von der Fortsetzung halten werden… Ich kann es echt nicht voraussagen.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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