schreckenbergliest: Iain M. Banks ist gestorben

Eigentlich wollte ich dieser Tage darüber bloggen, wie wichtig es für einen Schriftsteller meiner Ansicht nach ist, klassische Literatur zu kennen, aus dem eigenen Genre aber auch darüber hinaus. Später. Leider gibt es etwas Wichtigeres zu besprechen:

Am 9. Juni dieses Jahres ist Iain M. Banks gestorben, einer meiner Lieblingsschriftsteller.

Vielleicht ist das ein Zeichen, dass ich alt werde: Die Meister meiner Kunst, die ich nicht nur als Ikonen sondern als lebende und schaffende Künstler und Vorbilder erlebt habe, beginnen zu gehen. Der erste Nachruf in diesem Blog galt, vor ziemlich genau einem Jahr, Ray Bradbury. Nun also Iain Banks. Alas. Ich habe Iain Banks – oder eher sein Werk, den Menschen habe ich leider nie kennengelernt – ich habe also Iain Banks so kennengelernt, wie man einen Autor kennenlernen sollte und es heute leider immer seltener kann: Ahnungslos, interessiert und voll Neugier.

Es muss Anfang der 1990er gewesen sein, mit der Möglichkeit der Internetrecherche für Normalmenschen wie mich noch in weiter Ferne. Ich war Student der Geschichte, Politikwissenschaften und Philosophie und fuhr als solcher jeden Tag mit dem Zug von Leichlingen nach Wuppertal und zurück. Die Zeit am Wuppertaler Bahnhof pflegte ich mir entweder lesend zu vertreiben, oder indem ich im dortigen Bahnhofsbuchhandel nach neuem Lesestoff stöberte – meistens in den großen Drehständern mit Phantastischer Literatur. Dort fiel mir das Buch eines mir unbekannten Autors in die Hand – Iain Banks. Und ich muss ehrlich zugeben: Was mich an dem Buch zuallererst packte, war die Umschlagillustration, die ein wenig im Stile meines Lieblingsmalers gehalten war. Well done, Heyne. 😉 Das Buch hieß „Die Brücke„, und es entzieht sich jeder Beschreibung ebenso wie jeder gängigen Genreeinordnung. Es gehört jenem fast vergessenen Genre an, das die Phantastik zusammenfasst ohne irgendeiner Konvention zu folgen: „Weird Fiction“. Allerdings war „Weird Fiction“ für mich bisher meist ein Etikett für die großen Phantasten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gewesen. Hier aber schrieb jemand in moderner Sprache über zeitgenössische Themen. Und obwohl ich nur die Übersetzung des Buches las war mir sofort klar, dass ich es hier mit jemandem zu tun hatte, der zum Weinen gut mit Sprache umgehen konnte. Ich war, schon nach wenigen Seiten, ein Verehrer von Iain Banks.

Neben seiner „Weird Fiction“ hat Iain Banks auch einige Krimis, Sozialdramen und einen sehr absonderlichen Coming-of-Age-Roman geschrieben, alle sehr gut, alles lesenswert. Den nachhaltigsten und prägendsten Einfluss aber hat er, da bin ich sicher, auf die Science Fiction gehabt. Die meisten seiner Science-Fiction-Geschichten spielen im Universum der „Kultur“. Die Kultur ist eine Gesellschaft aus Humanoiden und intelligenten Maschinen, uns technisch unglaublich weit voraus. Nach einem gewonnenen Krieg gegen eine ähnlich fortgeschrittene, fundamentalistisch religiöse Gesellschaft, die in der Kultur und vor allem in ihren Maschinen eine grausige Blasphemie sieht (eine Episode aus diesem Krieg findet sich im Roman „Consider Phlebas„) ist die Kultur mehr oder weniger unangefochtene Vormacht im ihr bekannten Universum. Sie selbst sieht sich aber nicht als Vormacht, sie ist zu moralisch fortgeschritten, zu friedfertig, zu freundlich und zu anarchistisch um mit dem Begriff „Macht“ viel anfangen zu können. Und außerdem ist sie fürchterlich von ihrer eigenen moralischen Überlegenheit eingenommen. Klingt irgendwie vertraut? Tja… Wie brüchig, doppelbödig und auf naive Weise heuchlerisch und verlogen das ist zeigt sich in fast allen Kultur-Geschichten (wobei, das ist das besonders Schöne, Iain M. Banks wirklich tiefe Sympathie für die Kultur zu haben schien). In keiner aber so meisterhaft und vielschichtig wie in „Use of Weapons„, einem der besten Romane, die ich je gelesen habe. Ich werde das Buch hier beizeiten mal empfehlen, hier nur noch soviel: Es ist nicht nur eine großartige, immer aktuelle, herzerreißende, überaus spannende und überraschende Geschichte, sie ist auch noch rein vom Aufbau her meisterhaft erzählt. Ein wahrlich großes Buch.

Bei uns ist Iain Banks übrigens vor allem für „Die Wespenfabrik“ bekannt, den ich oben als absonderlichen Coming-Of-Age-Roman bezeichnet habe. Ja, pfft, die Wespenfabrik… Wir Deutschen glauben ja traditionell gerne, ein Buch ist nur dann bedeutungsvoll, wenn es vor Bedeutung und Metaphern nur so trieft. Ist hier der Fall. Das ist kein schlechtes Buch, ich glaube, Iain Banks war gar nicht in der Lage, schlechte Bücher zu schreiben, da sind ganz faszinierende Ideen drin (die alptraumhafte „Wespenfabrik“ als Orakel zuvorderst), aber ich finde, letztlich etwas zu viel von allem, vor allem zu viel Bedeutung. Ich kann aus dem Stand mindestens sieben Werke von Banks aufzählen, die mir besser gefallen, und nicht nur Science-Fiction. Aber das ist, wie immer, Geschmacksache.

Über den Menschen Iain Banks kann ich fast nichts sagen. Das wenige was ich weiß spricht von einem Menschen, der zu großen Gefühlen und Gesten ebenso fähig war wie zu Bescheidenheit und Freundlichkeit. Und er mochte die selbe Art Whisky wie ich. Iain Banks war ein streitbarer Atheist und glaubte als solcher wohl nicht an eine Weiterxistenz nach dem Tod. Wir Gläubigen haben da einen Vorteil: Wenn diejenigen, die nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, recht haben, werden wir nichts davon merken. Wenn wir aber recht haben, können wir ein Grinsen aufsetzen, falls wir uns wiedersehen. Wer aber immer recht behält: Ich prophezeie Iain Banks die Unsterblichkeit des Autors. Seine Geschichten sind gut und wichtig und gehören in eine Reihe mit den Großen der Phantastischen Literatur. Aufgrund seines herausragenden Schaffens wird er weiterleben, wie Edgar Allan Poe oder Mary Shelley, wie H.G. Wells, wie Ray Bradbury.

Ich bin tief traurig, dass wir diesen großen Schriftsteller verloren haben. Danke, Iain Banks.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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