Die Rückkehr, Teil 1

Hallo, da bin ich wieder. Meine lange Abwesenheit hat etwas mit Verpflichtungen, Familienurlaub,  vor allem aber mit massiven Computerproblemen zu  tun. Wie ich die  gelöst habe (vorerst und provisorisch), dazu ein andermal. Heute etwas ganz  anderes (das Monty Python Zitat spare ich mir diesmal) :

Vorgestern war ich mal wieder an meiner alten Schule. Das ist an sich nicht soooo ungewöhnlich. Anders als zu meiner Schulzeit wohne ich heute in der Stadt, in der ich aufs Gymnasium  gegangen bin, 10 Minuten von der Schule entfernt – wenn ich langsam gehe. Ich komme also oft da vorbei. Mein Abiturjahrgang trifft sich immer noch alle fünf Jahre, zwei dieser Treffen fanden in der Schule statt. Die  Sportvereine meiner Kinder weichen im Winter zum Training manchmal in die große neue Turnhalle dieser Schule aus. Einmal im Jahr bin ich dort, wenn Eltern und Ehemalige die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe berufsberaten, und stelle meinen Beruf vor, früher den des PR-Beraters, seit einiger Zeit den des  Schriftstellers. Ich habe viele Veränderungen dort mitbekommen, und es hat sich viel verändert, seit ich 1990 in der Aula, im Rahmen einer Feierstunde (Abibälle gab es damals noch nicht – wir haben unsere Abipartys selbst veranstaltet, und nicht in der Schule 😉 ) mein Abiturzeugnis bekommen habe. Was ich damit sagen will: Ein Besuch in meiner alten Schule hat für mich normalerweise einen hübschen nostalgischen Prickel, aber nicht dieses WOW-Gefühl,  das ich vielleicht hätte, wenn ich nach 23 Jahren zum ersten Mal wieder dorthin käme. Dennoch war vorgestern alles anders.

Den vorgestern fand dort eine feierliche Preisverleihung  statt – der Schreibwettbewerb für Schülerinnen und Schüler jährte sich zum 25. Mal  und die diesjährigen Siegerinnen und Sieger wurden in etwas größerem Rahmen geehrt. Ich war dort auf  Einladung einer Deutschlehrerin. Die Dame ist sehr engagiert und zieht zum 25. Jubiläum des Schreibwettbewerbes eine Lesereihe auf. Und da die Schule einige Schriftsteller hervorgebracht hat, neben mir zum Beispiel  auch Christian Linker, hatte  sie die Idee, eine Lesereihe mit aktuellen und ehemaligen Schülerinnen und Schülern zu machen. Als sie mich fragte, ob ich mitmachen wolle, war ich sofort dabei. Aus meiner Sicht kam ich am Montag also als ehemaliger Schüler an mein altes Gymnasium, hoffte, ein paar gute Texte aus Schülerfeder zu hören (Die Hoffnung trog nicht! Die waren gut, teils sehr gut.), mich mal wieder in den alten, mit so vielen Erinnerungen getränkten Räumen zu bewegen, vielleicht ein paar bekannte Gesichter zu sehen und die Veranstalterin kennen zu lernen, mit der ich schon so nett telefoniert hatte. Das war, wie gesagt, meine Sicht.

Die Sicht der anderen  war offenbar: Der erfolgreiche (Ja, hat ein Lehrer gesagt. Ich meinte dazu: „Kommt drauf an, mit wem man mich vergleicht.“ 😀 ) Schriftsteller kehrt anlässlich einer internen Preisverleihung zurück an seine alte Schule, wo er demnächst eine Lesung halten wird.

Das war komisch. Nicht, weil diese  Aufmerksamkeit nichts mit Ehrung zu tun hätte – aber ich bin der, der für die  Ehrung dankbar sein muss, oder? Schließlich haben die mich eingeladen, hätten sie ja nicht machen müssen. Und vor der Lesung im März, vor lauter Schülerinnen und Schülern (ein oft unverdorben anspruchsvolles Publikum) und wahrscheinlich einigen meiner ehemaligen Lehrer habe ich mehr Manschetten als vor so mancher anderen. Dabei  bin ich absolut nicht uneitel, und für Lob sehr empfänglich, egal, ob jemand meine Geschichten mag oder eine Lesung gut fand. Aber hier war ich offenbar etwas Besonderes, nur weil ich Schriftsteller bin. Und das irritiert mich  immer wieder.

3 Jahre als Schriftsteller

Genau genommen bin ich natürlich nicht seit drei Jahren Schriftsteller, sondern seit 29. Ich habe mit 13 meine erste ernstzunehmende Kurzgeschichte geschrieben und hatte seit etwa der selben Zeit den Traum (später die Ambition) bei einem Verlag zu veröffentlichen, ein großes Publikum zu finden, von meinen Geschichten zu leben. Der erste Teil dieses  Traumes  erfüllte sich erst 2010, mit der Veröffentlichung  des Finders, der zweite mit dessen plötzlichem großen Erfolg etwa ein Jahr später. Am dritten Teil arbeite ich noch. 😉 Vor aller Augen Schriftsteller bin ich also seit drei Jahren, ganz  genau seit drei Jahren und einem Monat.

Eine verdammt kurze Zeit, wenn man bedenkt, was in der Zeit alles passiert ist und was ich alles dazugelernt habe. Denn das ist es vor allem: ein Erfahrungsprozess, der immer weiter andauert. Ich habe von Beginn an die Veröffentlichung meines ersten Romans nicht als Ziel meines Weges, sondern als einen Beginn begriffen. Ich habe lediglich eine Schwelle überschritten, mehr nicht.

Natürlich hat sich  mein Leben seither verändert, aber nicht so, wie mancher, der von diesem Beruf träumt, sich das vorstellen mag. Bin ich reich geworden? Nein, bisher nicht, und so geht es der überwiegenden Mehrheit meiner Kolleginnen und Kollegen.

Habe ich Ruhm erworben? Hm. Ich habe einige Fans gewonnen, bzw. meine Geschichten haben Fans, und das ist eine der schönsten Erfahrungen aus diesen drei Jahren, aber Ruhm? Stellt Euch mal auf den Marktplatz Eurer Stadt, reckt das signierte Exemplar eines meiner Bücher in die Luft, das Ihr selbstverständlich besitzt, und ruft laut: „Hier, in meiner Hand, halte ich ein signiertes Buch von Michael Schreckenberg!!!“ Wahrscheinlich  werdet Ihr nicht allzuviel Interesse ernten, irgendwer wird vermutlich  sogar rufen: „Von dem Stauforscher?“ 😀

Bewege ich mich denn wenigstens in „Künstlerkreisen“? Eindeutig ja – mein bester Freund ist ein begnadeter und in seiner Szene sehr bekannter Musiker, meine beste Freundin eine junge Drehbuchautorin, die gerade ihren ersten großen Erfolg feiert, zu meinem weiteren Freundes- und/oder Bekanntenkreis zählen viele  Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Glauserpreisträger und Spiegelbestsellerlistenerklimmerinnen darunter, dazu Musiker, Journalisten, Dichterinnen… Nur: Das ergibt sich eben so. Zahnärzte lernen andere Zahnärzte kennen, weil sie sich auf Zahnarztveranstaltungen herumtreiben,  Landschaftsgärtner, Fleischer und Künstler dito. Das hat nichts mit elitären Zirkeln zu tun – Kollegen teilen gemeinsame Interessen, da ergibt sich das Kennenlernen lockerer und zwangloser, weil man sofort viele gemeinsame Themen hat. Und  was meine oben genannten Besten angeht: Ihn habe ich über den Kampfsport kennengelernt, der musikalische Erfolg kam später (und leben kann er davon noch genauso wenig wie ich allein von meinen Texten), als ich sie kennenlernte war sie eine schriftstellerisch sehr begabte Schülerin, noch weit davon entfernt, einmal ein aufgehender Stern am Drehbuchhimmel zu sein. Aber wir schreiben eben alle gerne Geschichten. Gleich und Gleich gesellt sich gern. Von Veränderung ist da wenig.

Was hat sich also wirklich verändert? Das erste und wichtigste: Meine Geschichten haben Leserinnen und Leser. Und den meisten scheint das Zeug, das ich schreibe, wirklich zu gefallen. Dass es nun viele Menschen gibt, die meine Welten betreten und meine Figuren kennengelernt haben ist eine gewaltige Freude, für die ich sehr dankbar bin. Dann habe ich gelernt, dass ich nicht nur ganz brauchbar vorlesen kann, sondern dass mir das auch wahnsinnig viel Spaß macht, nicht nur vor meinen Liebsten (was ich vorher wusste) sondern auch auf der Bühne, vor völlig Fremden. Ich LIEBE Lesungen.

Auf der anderen Seite: Das Schreiben wird weder leichter noch selbstverständlicher. Es wird auch nicht schwerer. Da ändert sich gar nichts, bei mir jedenfalls. Ebenso geht es mit den Selbstzweifeln. Ein paar verschwinden, aber es kommen Neue, und die meisten bleiben. Es ist verstörend zu sehen, dass künstlerische Arbeit einerseits mystifiziert und überhöht wird, andererseits aber sehr viele Menschen ohne jedes Unrechtsbewusstsein glauben, sich kostenlos daran bedienen zu können, die im Leben keinen Ladendiebstahl begehen würden. Ebenso irritierend ist die  Schere, die zwischen dem verbreiteten Klischee des (stets reichen und gefeierten) Schriftstellers und der meist ganz normalen, teils ernüchternden, manchmal traurigen Lebensrealität der allermeisten Kolleginnen und Kollegen klafft. Das habe ich vorher alles irgendwie geahnt – aber es zu wissen und selbst zu erfahren ist schon etwas anderes.

Ja, ich lebe meinen Traum, und ich bin glücklich darüber. Aber wie jeder wahr gewordene Traum ist er in der Realität sehr viel einfacher, nüchterner, schlicht: alltäglicher als zu der Zeit, als er noch ein Traum war. Dafür ist er Realität – das ist unbezahlbar. 🙂 Ich habe Talente, die nicht jeder hat und setze sie in Produkte um, die nicht jeder schaffen kann. Aber das trifft auf die oben genannten Zahnärzte, Landschaftsgärtner und Fleischer ebenso zu.

Und zum Schluss, um Missverständnisse zu vermeiden: Ich liebe meinen Beruf und ich freue mich, wenn ich seinetwegen Anerkennung erfahre. Irritierend ist es trotzdem. Aber das soll niemanden abhalten. Irritiert mich ruhig. 😉

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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