schreckenbergschreibt: Blick in die Schublade Teil 5 – Der Prophet

Um das mal vorweg zu sagen: In den letzten vier Beiträgen habe ich ja immer von Arbeitstiteln gesprochen, einfach weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass außer den „Träumern“ keiner meiner Romane am Schluss des Verlagsprozesses noch den Titel hatte, unter dem ich ihn zum Teil jahrelang führte. „Der Finder“ hieß vorher „Am Ende des Weges“ und „Der wandernde Krieg – Sergej“ hieß „Terra Incognita“. Ich gehe also mal davon aus, dass auch die Manuskriptfragmente, die ich Euch in den vergangenen Tagen vorgestellt habe, unter Umständen anders heißen werden, wenn sie als Bücher erscheinen. Aber die Titel „Die Löwen„, „Der wandernde Krieg – Erin„, „Königskinder“ und „Der Sänger und der Puppenspieler“ gefallen mir recht gut, von mir aus kann es gerne dabei bleiben. Mit dem Propheten ist es anders – da weiß ich noch nicht einmal, ob der Titel letztlich wirklich zur Geschichte passen wird. Aber bisher heißt sie nunmal:

Der Prophet

Und nun noch eine:

***********  SPOILERWARNUNG **********

ACHTUNG – DER FOLGENDE TEXT ENTHÄLT SPOILER ZU MEINEM ROMAN  “DER FINDER”. ABER SOWAS VON! DIE MÜTTER UND VÄTER ALLER SPOILER. NICHT WEITERLESEN, WENN IHR DEN „FINDER“ NOCH NICHT KENNT!!!

***********  SPOILERWARNUNG ENDE **********

 

 

 

 

 

So, liebe Finderfans, ich denke, jetzt sind wir unter uns. 😉 Viele wünschen sich ja eine Fortsetzung dieses Romans, der a) bisher immer noch mein erfolgreichster und b) eine in sich abgeschlossene Geschichte ist. Ich habe mich, wie einige von Euch wissen, immer gegen eine Fortsetzung gewehrt und gesagt, dass ich schon eines Tages in die Finderwelt zurückkehren möchte – aber später, viele Jahre nach den Geschehnissen im Finder. Obwohl die individuellen Schicksale der (überlebenden) Hauptfiguren sicher weiterhin spannend sind, und auch mich sehr interessiert, was gerade aus Daniel, Esther, Lara und Alex wird, hielt (und halte) ich das als Geschichte für zu Ende erzählt. Mein Plan war, hin und wieder zu einem kurzen Besuch zu dieser Gruppe zurück zu kehren (wie zum Beispiel mit meiner letztjährigen Weihnachtskurzgeschichte) und sie ansonsten in Frieden zu lassen. Ich habe ihnen, weiß Gott, genug angetan.

Aber wie das manchmal so ist – da bin ich mir einer Sache völlig sicher, und dann plötzlich… ändert sich die Perspektive und alles sieht ganz anders aus. So ging es mir, als ich im Frühjahr ganz unvermutet eine Idee hatte, die mir einen neuen Blick auf die Finderwelt ermöglicht. Ich werde nicht sagen, welche Idee das war, es reicht, wenn ich hier über einen Roman spoilere, den ich schon geschrieben habe – Spoiler zu einem, von dem gerade mal fünf Kapitel und ein Prolog existieren wären etwas doof. 😉 Aber ich drei Dinge kann ich Euch versichern:

1.) Der Roman wird einigen der schärfsten Finderkritikern wahrscheinlich gefallen.

2.) Der Roman wird den meisten Finderfans voraussichtlich auch gefallen.

3.) Nichts, was im „Finder“ gesagt wird – insbesondere im Finale mit Thomas – verliert seine Bedeutung und alles, was am Ende des Finders gilt bleibt auch gültig. Aber wenn dieser Roman so gelingt, wie ich ihn mir vorstelle, vermittelt er eine zusätzliche Perspektive, die gegen Ende des Finders nur angedeutet ist.

Das alles setzt natürlich voraus, dass ich sprachlich, stilistisch und Atmosphärisch das Niveau des ersten Romans halte oder toppe. Ich tue mein Bestes. 😉

Genug der Kryptik – auf zur Leseprobe aus „Der Prophet“. Sie ist aus dem ersten Kapitel, wir begleiten meinen Protagonisten Jo zu einer Party. Im Prolog wollte Jo sich eigentlich recht theatralisch umbringen – er wollte sich von der Hohenzollernbrücke in Köln stürzen, die ja auch im Prolog zum „Finder“ eine gewisse Bedeutung hat. Dann ist allerdings jemand gekommen und hat ihn davon… hm… „überzeugt“, zumindest noch ein paar Wochen zu warten. Dieser Abend nun soll, so plant Jo es zumindest, sein letzter sein, bevor er dann am nächsten Tag beendet, was er auf der Brücke vor hatte. Die eine oder andere Figur könnte Euch bekannt vorkommen…

Ach ja – und das ist wieder rohester Rohtext.

Beginn Leseprobe:

1

Jo! Hey, wie cool, dass Du auch gekommen bist. Unser erster Promi. Ich habe Dein Buch gelesen, war echt stark.“ David, einer der Organisatoren der Revival-Party, lachte, offen, glücklich, drückte mir die Hand, schlug mir auf die Schulter, wie in so einer blöden Bierwerbung. Aber er meinte es ehrlich, er freute sich wirklich. Seine Freude war wie ein Tritt in den Bauch. ‚Ich habe Dein Buch gelesen.‘ Wie oft würde ich den Satz in dieser Nacht noch ertragen müssen?

Ich hätte es wissen müssen, ich hatte es gewusst, das war ja der Grund gewesen, aus dem ich niemals hatte herkommen wollen. Aber 14400 Euro können ein sehr, sehr starkes Argument sein. 14400 Euro, die Dir jemand, den Du 10 Jahre lang nicht gesehen hast, auf einer nächtlichen Brücke in die Hand drückt. 14400 Euro dafür, dass Du noch drei Wochen lebst und zu einer Party gehst. Nachdem Erkan in Richtung Köln verschwunden war, hatte ich mich in einem schwächlichen Anfall von Stolz noch einmal an das Brückengeländer gestellt, aber der Rhein sah plötzlich gar nicht mehr einladend aus, nur noch nass und dunkel. Und die Menschen um mich waren plötzlich kein bedrohlicher grauer Strom mehr, sondern Pärchen und Inlineskater, Radfahrer und Touristen, Nachtjogger und Wanderer auf dem Weg in die und von der Stadt. 14400 Euro waren endlich, das war mir klar – aber wenn ich annahm, dass die Zeit, die sie mir borgten ebenso endlich war, drei Wochen und eine Party, dann waren sie ein Reichtum der mir einen stilvollen und angenehmen Abschied kaufen konnte. Ich kehrte nicht zurück in meine Wohnung. Ich überquerte die Brücke und ließ mich in die Stadt fallen. Am nächsten Vormittag checkte ich im Hilton ein, direkt am Kreisverkehr beim Bahnhof. Ich zahlte 21 Nächte plus Frühstück im Voraus und hatte immer noch genug von Erkans Argumenten übrig, dass ich mich ernsthaft fragte, ob ich die bis zur Party würde auf den Kopf kloppen können. Es gelang mir nicht ganz, aber fast. Ich lebte drei Wochen lang, wie ich zuletzt vor sieben Jahren gelebt hatte, nur diesmal bewusst. Ich kaufte, was ich an Kleidung brauchte und sonst fast nichts, das ein Mahl, einen Tag oder einen One-Night-Stand überdauerte. Am Morgen des letzten Freitages, des Tages der Party, mietete ich mir ein Motorrad, das ich nicht bezahlen würde, weil ich nicht vorhatte, es jemals zurück zu bringen. Es war eine Harley Fat Boy, und in dem Moment als ich mich darauf setzte wusste ich, dass es das schönste und beste Fahrzeug war, das ich je besessen hatte, besser als der 911, besser als der Z3. Weil ich darauf ich selbst blieb. Ich kaufte dem Händler, der sie mir vermietete, ein Braincap ab und er erklärte mir pflichtschuldig, dass das nur ein Dekostück sei, kein regelgerechter Helm. Ihm war es egal, mir auch. Ich verbrachte den Tag mit meiner Harley auf den Pisten des Bergischen Landes, duschte am Abend ein letztes Mal im Hotel und donnerte dann im anthrazitfarbenen Einreiher mit farblich darauf abgestimmten Boots, Braincap und Motorrad nach Opladen. Ich wollte diese Nacht so gut nutzen, wie man eine letzte Nacht unter den Freunden und Feinden seiner Jugend nur nutzen kann. So weit der Plan.

Ich hatte den verdammten Satz über das verdammte Buch schon dreimal gehört, als ich es endlich schaffte, mich von den Grüppchen vor der Tür des alten Bunkers zu lösen und in das Gebäude zu fliehen. Hier drin war es besser. Unten war das Buffet aufgebaut, bei dem ich mich nicht lange aufhielt, ich flüchtete die breite Treppe hinauf in den ersten Stock, von wo Musik zu hören war. Wir waren auf dem Gymnasium die „80er-Retro-Stufe“ gewesen, irgendwie hing uns dieses graue Jahrzehnt zwischen Punk und Wende an, in dem wir Kinder gewesen waren. In meiner Klasse hatte es einen Per-Anhalter-durch-die-Galaxis-Fanclub gegeben, unser Literaturkurs hatte den Pilotfilm von Miami-Vice als Theateradaption auf die Bühne gebracht, die von uns organisierte Oberstufenparty war selbstverständlich eine 80er-Party gewesen und unser Abi-Ball hatte unter dem Motto „Popper-Punker-Waver“ gestanden. So war es in jeder Hinsicht passend, dass mich The Bolshoi im ersten Stock begrüßte. „Happy Boy“. Ja, genau. Ich drängte mich auf die Tanzfläche, stellte mir vor, die drei Frauen und der hin und her wackelnde Eckensteher darauf wären eine Menschenmenge und versank für lange Zeit in der Musik.

Als Ofra Haza mich schließlich wieder vom Tanzboden vertrieb war ich angenehm aufgekratzt. Ich ließ mich an die Wand des Raumes treiben, jemand drückte mir einen Becher in die Hand.

Hallo Jo.“

Eine Frauenstimme. Ich drehte mich zu ihr und konnte gerade noch verhindern, dass die Adrenalinexplosion mir die Knie so weich machte, dass ich einknickte. Leuchtend rote Haare. Grüne Augen. Es war zu dunkel, um das zu sehen, aber ich wusste, dass sie grün waren. Ich hatte gedacht, ich wäre auf sie vorbereitet gewesen. Falsch gedacht. Immerhin konnte ich noch sprechen.

Hallo Esther.“

Sie hielt einen eigenen Becher in der Hand und nippte lächelnd daran, also musste sie mit dem anderen hier auf mich gewartet haben, bis ich fertig war. Gleich würde sie sagen, dass sie mein Buch gelesen hatte.

Früher konntest Du nie so lange tanzen,“ sagte sie statt dessen.

Früher hatte ich dann meist schnell was Besseres zu tun,“ parierte ich und sie lächelte wieder. Sie war lange genug das Bessere gewesen. Ich suchte verzweifelt nach brauchbaren Worten. Sie war einer der Gründe gewesen, mit denen ich mir Erkan und seine Argumente schön geredet hatte. Ich hatte in meinem kurzen Leben sehr, sehr viel kaputt gemacht und wenig davon konnte ich mit einem letzten Gespräch zu heilen hoffen. Esther war die erste Zerstörung gewesen, und ich hatte gedacht, dass ich wenigstens diese eine Sache gut machen konnte. Nun wirkte sie allerdings nicht besonders zerstört. Warum auch, es war 10 Jahre her, mehr sogar. Aber wenn sie mir einen einen Plastikbecher voll – was war das? – Cider (Cider, mein Gott, das wusste die noch?) geben und mich danach gnadenlos lieb anlächeln konnte, warum schämte ich mich dann immer noch so, als sei es gestern gewesen?

Esther…“

Aber Ofra Haza hatte unterdessen aufgehört zu weinen und in diesem Moment legten die Sisters of Mercy richtig los. Wer mixte denn hier die Musik? „HEY NOW, HEY NOW NOW…“ Ich verstand mein eigenes Wort nicht mehr. Esther sah, dass ich etwas gesagt hatte.

Was?!“ brüllte sie.

Es tut mir leid!“ brüllte ich zurück.

Was??!“

Sie hatte mich wieder nicht verstanden, oder? Was mir leid tat war ja wohl klar. Ich deutete auf die Decke des Raumes und brüllte wieder:

Nach oben?“

Sie verstand und nickte. Oben, im zweiten Stock, das hatte David erzählt, war eine improvisierte Chill-out Zone.

Sing this corrosion to me!“ rief Andrew Eldritch mir nach. Noch nicht, jetzt noch nicht.

Sie ging vor mir her auf der Treppe nach oben und ich kam nicht umhin, ihre Figur zu bewundern. Das Mädchen, das meine erste Freundin gewesen und dessen erster Freund ich gewesen war, hatte sich mit den eckigen Bewegungen großer, dünner Jugendlicher bewegt, nicht unelegant, aber teenagerhaft unfertig. An der Frau, der ich nun folgte, war nichts Unfertiges. Ich konnte den Gedanken nicht verhindern, der mich fragte, was gewesen wäre, wäre ich damals weniger selbstsüchtig und überheblich, weniger Arschloch gewesen. Wären wir noch zusammen? Hätte sie mir vielleicht den Halt gegeben, den ich im richtigen Moment gebraucht hatte? Müßige Fragen, erst recht jetzt. Wir erreichten den zweiten Stock, betraten einen der drei Räume hier, über dessen Tür ein handgemaltes Schild eine „Lounge“ versprach und schlossen die Tür hinter uns. Sofort wurde die laute Musik, die aus dem unteren Stockwerk hinauf schallte, zu einem gedämpften Hintergrundwummern, die Wände des alten Bunkers waren dick. Hier hatten sie Sofas und Sessel aufgestellt, verschiedenste Stile, alle recht verschlissen und sehr gemütlich. Sanfte Elektromusik von der angenehmen Sorte füllte den Raum, das Licht war gedämpft, abgesehen von einem Tisch unter dem Fenster, auf dem eine verirrte Schreibtischlampe brannte. Darum hatte sich eine kleine Gruppe gesammelt und schaute einem Mann zu, der am Tisch saß, schnell auf Bierdeckel zeichnete und die dann an die Umstehenden verteilte. Ich erkannte das Gesicht, der hatte früher manchmal ganz gute Karikaturen für die Schülerzeitung gemalt und so ein wenig Prominenz in der Stufe gewonnen. An den Namen konnte ich mich aber ums Verrecken nicht erinnern. Esther zog mich auf eins der Sofas und setzte sich in unverfänglich vertraute Distanz zu mir.

Okay, was wolltest Du sagen, unten?“

Ich sah auf meine Hände und wieder hoch zu ihr. Wie anfangen, nach all der Zeit? Ich versuchte den selben Text wie im Tanzraum, an den hatte ich mich zumindest gewöhnt.

Es tut mir leid, Esther.“

Sie schaute mich verdattert an, und ihre Verwirrung war echt.

Was tut Dir leid?“

Ich stotterte herum, auf der verzweifelten Suche nach Worten. Eine Dekade voller Selbstvorwürfe, wann immer ich an meine erste große Liebe dachte – und dann das. „Wegen uns“, brachte ich schließlich hervor. Sie brauchte noch einen Moment, dann verstand sie. Ihr Blick wurde warm und umfasste mich. Im nächsten Moment umarmte sie mich wirklich und hauchte mir einen Kuss auf die Stirn. Dann rückte sie wieder ab und schaute mich voll Mitleid an.

Hast Du das etwa die ganze Zeit mit Dir rumgeschleppt?“

Na ja…“ ich versuchte mit einer Geste zu zeigen, was ich nicht sagen konnte. „Du warst so traurig damals.“

Esther lächelte und schüttelte den Kopf. „Ich war nicht traurig, mein Herz war gebrochen und ich war völlig zerstört. Susie hat einen Racheplan nach dem anderen geschmiedet und sie mir alle vorgetragen, ich hatte ja keine Ahnung, auf wie viele Arten man jemanden fertig machen kann, wenn man ein paar Gedanken daran verschwendet. Aber ich war viel zu gedemütigt um irgendetwas zu tun, außer sehr viel Vanilletee zu trinken und zu heulen.“ Sie lachte. „Aber das ist mehr als zehn Jahre her, Jo. Mein Herz ist geheilt, ich habe daraus gelernt, ich habe sogar am Ende einiges an Selbstbewusstsein daraus gezogen, wie ich mich aus dem Tief befreit habe. Und wir hatten vorher immerhin zwei wirklich schöne Jahre. Mit die schönsten meines Lebens. Wir sind quitt, würde ich sagen.“

Du bist mir gar nicht böse?“

Sie schüttelte wieder den Kopf. „Nein. War ich schon damals nicht mehr. Ich wollte Dir das schon auf dem Abiball sagen, aber Du bist ja dauernd vor mir weggerannt, Du dämliches Gemüse.“

Jetzt musste ich auch lachen. Ich hatte mir oft ausgemalt, ob und wie sie mir verzeihen würde, in meiner Vorstellung hatte das meist mit einer tränenreichen Szene zu tun. Nun war der wichtigste Teil des Abends so leicht für mich vorüber gegangen, wie ich es nie geahnt hatte. An meinen Plänen für den nächsten Tag änderte das nichts, aber ich konnte mich endlich entspannen. Wir saßen eine Weile in vertrautem Schweigen nebeneinander, alte Freunde eben, die sich einmal sehr, sehr nahe gestanden hatten. Dann stand Esther auf und nickte zu dem kleinen Getränkebuffet an der gegenüberliegenden Wand. „Ich hole mir mal was zu trinken. Willst Du auch was?“

Ich schüttelte den Kopf, immer noch angenehm eingelullt von der Entspannung nach dem nicht stattgefundenen Sturm.

Okay.“ Sie schaute kurz unschlüssig. „Wenn ich wiederkomme, musst Du mir unbedingt von dem Buch erzählen, das Du geschrieben hast, ja? Alle sprechen davon, nur an mir ist es wohl völlig vorbeigegangen.“

Wie schön,“ murmelte ich unhörbar, nickte aber. Sie ging zum Buffet, auf halbem Weg kam sie an dem Tisch mit dem Zeichner vorbei. Aus dem Grüppchen das darum stand löste sich eine Frau und griff sie lachend am Arm. Manuela, erinnerte ich mich, sie war auch in dem Per-Anhalter-durch-die-Galaxis-Fanclub gewesen.

He, Du hast Esther noch nicht gemalt. Mal mal Esther!“

Der Zeichner schaute auf, sah Esther, stutzte und schaute noch einmal. Dann begann er zu zeichnen, langsamer und unsicherer als zuvor. Für mich war das ein willkommenes Zeichen. Sie würde eine Weile beschäftigt sein, und wir würden später noch Zeit haben zu reden. Vielleicht würde sie dann das Buch vergessen haben. Ich verließ den Raum und stieß fast mit David zusammen, der gerade hereinkommen wollte. Ich hielt ihn auf. Wenn die erste Pflichtveranstaltung des Abends schon so gut gelaufen war, wollte ich die zweite gleich hinter mich bringen.

Weißt Du, wo Erkan ist?“

Erkan?“ Er schaute kurz irritiert, dann hellte sich sein Blick auf. „Ach ja. Der sitzt, glaube ich, drüben vor dem Pentagon. Mit… äh…“, er kratzte sich mit zusammengekniffenen Augen am Kinn. „Mit Thomas, wenn mich nicht alles täuscht.“

Ich verließ den Bunker und lief quer über die verkehrsberuhigte Straße. Inzwischen war es dunkel geworden, die Nacht war schön sommerlich lau. Vor der Eckkneipe gegenüber der Tankstelle standen Tische, an einem davon saß Erkan. Er spielte Schach mit einem Mann, der ein wenig aussah wie eine jüngere Version von Nick Cave. „Thomas“ hatte David ihn genannt. Ich erinnerte mich nur sehr vage an ihn. Das Schachspiel bestand aus roten und weißen Figuren, und die beiden begannen gerade ein neues Spiel. Erkan machte den ersten Zug mit einem der weißen Bauern. Ich trat unschlüssig und möglichst leise hinzu. Das war wohl nicht der richtige Moment für eine Aussprache. Thomas griff nach seinen Figuren, dann bemerkte er mich, blickte auf und für einen Moment war ich erschüttert von der Wut in seinem Blick. Aber das war nur der Bruchteil einer Sekunde, ich wusste kaum, ob ich es wirklich gesehen hatte. Thomas grinste.

Hallo Jo.“ Er zwinkerte. „Ich habe Dein Buch gelesen.“

Ich zuckte zusammen und auch Erkan sah auf. Er schenkte mir ein freundliches Lächeln und deutete auf den freien Stuhl am Tisch. „Willst Du Dich zu uns setzen?“

Ich will nicht stören.“

Ach was“, sagte Thomas, „Du störst doch nicht.“ Er klopfte auf den Stuhl. „Setz Dich, alter Freund.“

Ich nahm den Stuhl, rückte ihn ein Stück von Thomas ab und setzte mich hin. Die beiden schauten jetzt zum Bunker hinüber, beide sahen nachdenklich aus. Ohne auf das Brett zu schauen zog Thomas einen seiner Bauern. Ich blickte ebenfalls zum Bunker und fragte mich, was es da zu sehen gäbe.

Jemand kam aus der Tür, der Zeichner. Er lehnte sich an die Wand des Bunkers, ein Auto fuhr vorbei. Dann nahm er eine Zigarette aus der Brusttasche und begann zu rauchen. Im nächsten Moment kam Esther aus der Tür und sprach ihn an. Sie redeten kurz, er zappelte herum, verlor dabei seine Zigarette, sie sah ihn an, er sah sie an, sie lachten. Ich konnte nicht hören, was sie sagten, aber es reichte, die beiden zu sehen um zu wissen, dass ich vermutlich für den Rest des Abends nicht an der Spitze von Esthers Prioritätenliste stehen würde. Ich spürte einen kleinen Stich und wunderte mich, warum. Thomas lachte leise und etwas bitter.

Niedlich, die beiden.“

Erkan warf ihm einen scharfen Blick zu, sagte aber nichts sondern machte einen weiteren Zug. Ich fühlte mich fürchterlich fehl am Platze. Aber als Erkan mich ansah, war die Schärfe aus seinem Blick verschwunden. Er wirkte traurig.

Tut es weh?“

Normalerweise hätte ich jetzt den Verständnislosen gespielt, aber nach der Nummer auf der Brücke war ich gewillt, ihn als Gedankenleser zu akzeptieren. Oder zumindest als sehr begabten Empathen.

Kaum“, sagte ich wahrheitsgemäß.

Ende der Leseprobe.

Das war’s mit den Blicken in meine Schublade. Ich hoffe, es hat Euch ein wenig gefallen – und ich hoffe natürlich auch, Ihr seid gespannt. 🙂

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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2 Antworten zu schreckenbergschreibt: Blick in die Schublade Teil 5 – Der Prophet

  1. Das klingt spannend… nach Parallelhandlung und vielleicht noch etwas anderem… ich freue mich jetzt schon!

  2. Pingback: schreckenbergschreibt: NOMADEN | schreckenbergschreibt

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