schreckenbergschreibt: Das Phantom

Ähm… wie soll ich es sagen… also…. es ist so… dass… örhg… öhm… also… ich finde meinen Sinnfragenkombinator nicht. Er ist nicht weg, er ist nur garantiert bei einer Auf- oder Umräumaktion an einen Platz gelangt, an dem ich ihn nicht vermute (wie mein Schlüssel, den ich mal im Kühlschrank fand oder der Ring in der Obstschale). Ich werde ihn also wiederfinden und dann alsbald die Sonntagsfrage nachholen. Bis dahin aber (oder, wenn ich ihn schnell finde, darumherum) habe ich drei andere Themen, die ich bearbeiten möchte, das erste gehe ich heute an. Es liegt mir sehr am Herzen und ich habe es hier und da in diesem Blog schon einmal angerissen, aber ihm nie einen eigenen Beitrag gewidmet. Es geht um:

Die Intention des Autors

Am vergangenen Montag – heute vor einer Woche – las ich an meiner alten Schule. Die sind dort darauf gekommen, dass ihr Institut mindestens zwei Schriftsteller und einen Drehbuchautor hervorgebracht hat und haben daraus eine kleine Veranstaltungsreihe geklöppelt – vier Lesungen, dreimal mit den Ex-Schülern und eine Lesung, in der Schülerinnen und Schüler ihre Werke vortragen. Ich war sehr froh darüber, dass die Veranstalterinnen auch mich gefragt haben. Hätte mir irgendwer vor 25 Jahren prophezeit, dass ich einmal in dem selben Atrium, in dem ich Hausaufgaben ausgetauscht, Liebeskummer verarbeitet, Oberstufenpartys gefeiert, auf meine Abiturnoten gewartet usw. usw. habe gegen Eintritt vor einem beachtlichen Publikum aus meinem eigenen Roman lesen würde… ein wahr gewordener Traum. Aber nicht nur der Traum war schön, auch die Realität. Ich habe aus dem Finder gelesen und ein ganz kurzes Stück aus dessen Fortsetzung, die gerade im Werden ist. Danach gab es eine laaange Fragerunde (was gut war, ich mag Fragerunden).

Die Moderatorin des Abends war eine Deutschlehrerin, und sie bewies Mut, denn sie forderte die anwesenden Schülerinnen und Schüler kurz vor Schluss auf, doch mal zu fragen, wie das denn nun sei, mit der Intention des Autors. Offenbar hatte es da, wie zu allen Zeiten unter Schülern und Lehrern, Divergenzen gegeben. Und nun hatte man ja einen von diesen Autoren da. Allein, die Jugendlichen trauten sich nicht. Was ich verstehen kann – wer weiß denn, wie der Typ da vorne antwortet. Dann aber kam die Frage doch, allerdings nicht von Schülerseite, sondern von einem Gast in meinem Alter. Mann, war ich dankbar.

Seit ich Lesungen mache, habe ich davon geträumt, dass mir jemand mal diese Frage stellt. An einer Schule. Vor Schülern und Lehrern. Nun war der Moment da. Gibt es sie, die berühmte Aussageabsicht, die Antwort auf die Frage „Was will der Autor uns damit sagen?“

Die Antwort, von der ich so lange schon wünschte sie mal geben zu können lautet: Jain.

Nein. Ich behaupte: Kein Autor, jedenfalls kein ernstzunehmender Autor fiktionaler Belletristik, baut eine Geschichte um eine Aussageabsicht auf. Das ist Humbug, nur leider ein Humbug, an den viele Lehrerinnen und Lehrer bis heute gnadenlos glauben. Sie glauben wirklich, Hemingway habe ZUERST die Absicht gehabt, über die Macht der Natur über den Menschen zu schreiben (beispielsweise) und sich dann eine passende Geschichte um einen alten Mann, einen Schwertfisch und Haie ausgedacht. Und ich bin davon überzeugt, wer so denkt kann Journalist sein, Publizist, Lehrer – aber niemals Schriftsteller. Die Absicht einer Autorin oder eines Autors ist IMMER* zuerst, eine Geschichte zu erzählen. Sagen wir es platt (und verkürzend) – zu unterhalten. Widerspricht das der Absicht, etwas über die großen Themen unserer Existenz zu sagen? Nein, tut es nicht, aber darauf komme ich im nächsten Abschnitt. Wer glaubt, man könne sein Publikum nur mit Plattheiten oder Fragen wie „Wird ihre Liebe halten?“ unterhalten, der unterschätzt das Publikum ganz gewaltig. Die großartigen Dramen eines Shakespeare, die Stoff für unendlich viele Hauptseminare an den Universitäten dieser Welt liefern, sind zu einem beachtlichen Teil Theaterstücke fürs Volk, auch wenn der König sie bezahlt hat. Und wer glaubt, dass „Macbeth“ zum Beispiel nur für Gebildete geschrieben sei, abgesehen vom Schenkelklopfer in der Porter-Scene, dem ist in seiner Arroganz kaum zu helfen. Doch, die Menschen haben das verstanden, da bin ich sicher, ebenso wie sie die aktuellen politischen Anspielungen verstanden haben werden. Das Publikum ist nicht doof und war es noch nie. Das ist nur leider in Zeiten von Scripted Reality und ähnlichem Mist in Vergessenheit geraten.

Und deshalb bin ich ein wenig in Rage geraten, bei meiner Antwort auf die Frage, und habe lautstark gegen Deutschlehrer gewettert, die glaube, es gäbe DIE Intention des Autors, und wer die richtig benennt bekommt eine gute Note und wer sie falsche benennt eine schlechte. Für den kleinen Ausbruch gab es sogar Applaus. Von der Seite, auf der die Schülerinnen und Schüler saßen.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit, und das habe ich selbstverständlich auch gesagt.

Ja. Selbstverständlich haben Autorinnen und Autoren etwas zu sagen, und wir WOLLEN auch etwas sagen. Nicht nur die „Gesellschaftskritischen“, sondern alle, vermute ich, auch und gerade wir, die wir phantastische- und Kriminalliteratur schreiben. Aber ich wehre mich gegen den Begriff „Intention“. Das ist mir zu voluntaristisch, ich spreche lieber von „Themen“. Eine unvollständige Auswahl von Themen, die mir wichtig sind und die in meinen Romanen auftauchen: die Existenz von Gut und Bösen und die Frage, ob sie relativ sind, die Frage nach der Realität der Realität, die Verführbarkeit von Menschen… das sind nur drei von vielen. Aber selbst wenn ein oder mehrere Themen in einem meiner Bücher zentral sind, beginne ich nie ein Buch aus der ABSICHT heraus, etwas dazu zu sagen. Die Frage sollte meiner Meinung nach daher nicht lauten „Was ist die Aussageabsicht des Autors?“ sondern „Welche Themen behandelt der Autor in seinem Werk und wie äußert er sich dazu?“ Gute Lehrerinnen und Lehrer gehen die blöde Sache mit der Intention so an und ich hatte das Glück, in der wichtigsten Zeit (7. – 10. Klasse) nacheinander eine Lehrerin und eine Lehrer in Deutsch zu haben, die mit diesem Ansatz arbeiteten. Die Lehrerin saß vergangene Woche sogar im Publikum und wir haben nachher noch ein wenig geplaudert. 🙂 Diese beiden haben uns nicht in ein langweiliges Rätselspiel mit Namen „Was will der Autor uns…“ geschickt. Bei Ihnen mussten wir eine Intention (nennen mussten sie es ja so) herausarbeiten und an Textstellen belegen. WAS diese Intention war, war ihnen mehr oder weniger egal – so lange wir es am Text schlüssig nachweisen konnten, war es in Ordnung. Was ihre eigene Meinung zu der Frage war erfuhren wir selten – darauf kam es ihnen nicht an. Wir waren dadurch gezwungen uns mit den Werken auseinander zu setzen, und nicht mit den Vorstellungen unserer Lehrer davon. Und das ist viel spannender.

Des Klügste, was je ein Lehrer zu mir über „Die Intention des Autors“ gesagt hat, kam von besagtem Deutschlehrer, der uns in der 9. und 10. Klasse unterrichtete. Ich fragte ihn später, als er nicht mehr mein Deutsch-, sondern mein Philosophielehrer war, noch einmal zu dem Thema und ob er wirklich glaube, dass all diese Autoren wirklich die Intention gehabt hätten, dies und jenes zu sagen. Seine Antwort werde ich nicht vergessen:

„Michael – wer sagt Ihnen denn, dass der Autor seine Absicht kennen muss?“

Amen!

 

P.S.: Eine wichtige Warnung an alle Schülerinnen und Schüler, die dies lesen: Nichts von dem, was ich hier sage, rettet Euch, wenn Ihr unter einem Lehrer / einer Lehrerin leidet, der/die an die EINE Intention glaubt. Ein Verweis auf diesen Blog wird Euch nicht helfen. Also schreibt, was man von Euch verlangt, Pädagogen dieser Art sind ja meist leicht zu durchschauen, und die gute Note ist Euch sicher. Verwechselt das nur nicht mit der Wirklichkeit. 😉

 

 

 

 

*Na ja, vielleicht nicht immer. Es gibt Autorinnen und Autoren, die machen es andersherum. Und deren Geschichten lesen sich dann auch entsprechend. Zum Beispiel… nee, lassen wir das. 😀

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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