Die Sonntagsfrage: Ist Liebe lahmarschig?

Ich erflehe Eure Verzeihung!* Letzten Sonntag versprach ich Euch, dass aus der Sonntagsfrage eine Montags- oder höchstens Dienstagsfrage wird – und dann hatte ich die ganze Woche keine Zeit dafür. Und das hatte nichts mit Karneval zu tun. Hätte ich keine Kinder, ich befände mich jetzt in Zeeland oder einer anderen karnevalsfreien Zone und würde die Ruhe genießen. Ich kann nicht so gut mit massenhafter Ausgelassenheit auf Termin. Aber das nur am Rande. 😀

Aber ich hatte letzte Woche immerhin schon den Sinnfragenkombinator befragt und die Frage fotografiert, also greife ich jetzt einfach darauf zurück. Bitteschön:

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Ist Liebe lahmarschig?

Ähm… puh. Das ist das allererste Mal, dass die Teile der Frage nicht so recht zusammenpassen. Liebe ist ein Gefühl, da bewegen sich also Nervenimpulse mit Lichtgeschwindigkeit und die Hormonausschüttung geht auch recht fix. Lahmarschig ist da nun garnichts.

Versuchen wir es trotzdem – und definieren wir zunächst einmal, was Liebe ist. Na? Genau, das ist erstes Halbjahr Philosophieunterricht. Oder wie mein Lehrer damals im Gymnasium über die Themenwahl seiner Schüler (uns eingeschlossen) sagte: „Alle wollen immer Liebe machen, höhöhöhöhöhöhö…“

Da er aber, abgesehen von seiner Tendenz über die eigenen, eher mittelmäßigen Witze lange und laut zu lachen, ein ganz erstklassiger Lehrer war, lernten wir in den folgenden Wochen anhand dieses Beispiels die wichtige philosophische Techniken der Begriffsklärung und Definition. In anderen Philosophiekursen diskutierten Schüler und Lehrer was für sie denn jeweils Liebe bedeutet, bei uns wurde nicht diskutiert, bei uns wurde definiert. Das war sehr wohltuend. 🙂 Und natürlich kamen wir am Ende zu einer Begriffsdefinition die da lautet:

„Liebe ist begehrendes Verlangen nach Erhaltung.“

Super, oder? Meine ich ehrlich. Etwas trocken vielleicht… aber treffend. Leider ist diese Definition so gut, dass sie uns hier nicht weiter hilft. Denn begehrendes Verlangen ist ein Gefühl. Nervenimpulse. Lichtgeschwindigkeit. Hormone. Siehe oben. Lahmarschig definiere ich jetzt mal als „langsam“, wenn ich den Beiklang von „vertrottelt“ und „antriebslos“ da mit rein nehme, kommen wir gar nicht weiter. Liebe kann lahmarschig machen, ganz klar (besonders aus der Außensicht). Aber sein?

Wer mir jetzt übrigens damit kommt, dass „es ist was es ist“ – der soll sich da hinten zu den Typen setzen, die mir immer erzählen wollen, dass „man nur mit dem Herzen gut sieht“ und BITTE DIE KLAPPE HALTEN. Ehrlich. Beim ersten und zweiten Mal sind diese ausgelutschten Zitate zum Thema Liebe noch wirklich gut und bedenkenswert, beim dritten bis zehnten Mal auch noch, aber ich bin bald 43 Jahre alt. Ich habe das in meinem Leben so oft hören und lesen müssen, dass ich Gewaltphantasien bekomme, wenn mir jemand das SCHON WIEDER erzählt. Ich werde auch nicht sagen, wer das wann wo geschrieben hat. Ich weiß es. Aber beide Autoren und ihre Werke sind zu schade, um auf jeder dritten doofen Herzchenpostkarte zu stehen.

Wo war ich? Ach ja. Ist Liebe lahmarschig? Was sagt denn der Duden? Aha – der drückt sich und gibt nur grammatische Anwendungsbeispiele. Feigling.

Also verlasse ich mal die sichere, logische Welt der Philosphie und begebe mich auf das rutschige Gelände der Empirik. Ich habe ja schon des öfteren geliebt und liebe noch. Erfahre ich also Liebe als lahmarschig?

Mal so mal so. Liebe – also nicht Lust sondern Liebe gemäß der oben genannten Definition  – kann sich blitzartig einstellen. Bei mir jedenfalls. Nicht unbedingt auf den ersten Blick (geht angeblich auch, ist mir aber noch nicht passiert), aber schon sehr schnell und plötzlich. Wobei – Liebe auf den ersten Blick kenne ich auch, aber nicht zu einer Frau, sondern zu meinen Kindern. Ich weiß aber nicht, ob das zählt, ich hatte ja einige Zeit, mich auf deren Ankunft auch emotional einzustellen. Aber wie gesagt – kann bei mir auch in Hinsicht auf potentielle Partnerinnen schnell gehen.

Und kann eeeeeeeewig dauern. Ich kenne den Klassiker, dass ich mich nach langer Zeit in eine Freundin verliebe. Ich kenne aber auch eine ganz besondere Variante, dass ich nämlich ewig brauche um überhaupt zu kapieren, dass ich verliebt bin bzw. jemanden liebe. Etwas dämlich… 😀

Hinzu kommt die rein freundschaftliche Liebe, die tiefe Zuneigung zu sehr engen Freunden, die auch der Definition oben entspricht, die aber natürlich Jahre braucht um zu entstehen. Ich kenne meine drei besten Freunde jetzt 32, 21 und 20 Jahre, meine beste Freundin, wenn ich richtig rechne, 12 Jahre. Das ist gewiss ein langsames Gefühl.

Ist Liebe also lahmarschig? Kommt drauf an… 😉

Die verwendete Literatur:

Frey, Pia: “Sinnfragen Kombinator“, Frankfurt 2013

Wermke, Dr. Matthias u.A. (Herausgeber): “Duden – Die deutsche Rechtschreibung”, Mannheim, Wien, Zürich (25) 2009

 

 

*Das ist selbstverständlich ein literarisches Zitat. Ach wisst Ihr was – ich mache ein Gewinnspiel daraus. 😀 Wer meine Blogbeiträge so fleißig liest, dass er/sie sogar die Fußnoten mitnimmt verdient meine Dankbarkeit. Außerdem schulde ich Euch was, siehe oben. Also: Der oder die Erste, die oder der mir hier in einem Kommentar zum Blogbeitrag sagt, aus der deutschen Übersetzung welches Romans dieses Zitat ist, gewinnt ein signiertes Exemplar eines meiner Romane – Finder, Träumer oder Sergej. Die Wahl überlasse ich dem/der Gewinner(in).

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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8 Antworten zu Die Sonntagsfrage: Ist Liebe lahmarschig?

  1. rocknroulette schreibt:

    ich finde, dass die teile der frage eigentlich ziemlich gut zusammenpassen, vielleicht und besser als manch andere sonntagsfrage 😉 hollywood sagt: liebe ist das größte. ich wage das anzuzweifeln.

  2. Mountfright schreibt:

    Na gut, hast Recht: Wenn man unbedingt will, kann man das auch verständlich ausdrücken. 😉

  3. hansvonwirth schreibt:

    Das Zitat ist aus Stephen Kings der Dunkle Turm Saga. Leider kann ich nicht genau sagen welcher Band genau, da ich es als einen Roman sehe.
    Lange Tage und angenehme Nächte

  4. hansvonwirth schreibt:

    Zur Sicherheit nachgesehen, müsste Band 3 „Tot“ sein

  5. Mountfright schreibt:

    And the Book goes to…. Hans von Wirth! 🙂 Herzlichen Glückwunsch. Der Ausdruck kommt in mehreren Büchern der Dark-Tower-Reihe vor, das alleine hätte mir also schon gereicht. Gut… dann bräuchte ich also noch Deine Adresse (Mailadresse im Impressum oder PN bei Facebook), und ich müsste wissen, welches Buch Du haben möchtest.

    An die Leute, die bei Facebook kommentiert haben: Tut mir leid, aber die Regel war: „Der oder die Erste, die oder der mir hier in einem Kommentar zum Blogbeitrag sagt…“. Bei FB darf ich gar keine Gewinnspiele veranstalten, glaube ich.

  6. Pingback: Die Sonntagsfrage: Ist Sex hässlich? | schreckenbergschreibt

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